1 Thess 2,1-12
Übersetzung
1 Thess 2,1-12:1 Denn ihr wisst selbst, liebe Brüder, um unseren Eingang bei euch, dass er nicht vergeblich war, 2 sondern dass wir, obwohl wir zuvor - wie ihr wisst - in Philippi gelitten hatten und misshandelt worden waren, in unserm Gott den Mut fanden, euch das Evangelium (des) Gottes zu sagen, unter großem Kampf. 3 Denn unsere Ermahnung kam/kommt nicht aus Irrtum, Unlauterkeit oder Arglist, 4 sondern so, wie wir von (dem) Gott als würdig erachtet worden sind, mit dem Evangelium betraut zu werden, so reden wir: nicht um Menschen zu gefallen, sondern Gott, der unsere Herzen prüft. 5 Denn weder traten wir damals mit Schmeichelrede auf, wie ihr wisst, noch mit dem Hintergedanken der Habgier - Gott ist Zeuge! -, 6 noch um Ruhm bei den Menschen zu suchen, weder bei euch noch bei anderen, 7 obwohl wir in der Lage gewesen wären, mit Nachdruck als Apostel Christi aufzutreten. Vielmehr sind wir unter euch gütig gewesen: Wie eine Stillende ihre Kinder versorgt, 8 so sind wir in liebevoller Zuneigung für euch entschlossen, euch nicht allein das Evangelium (des) Gottes, sondern auch das eigene Leben (wörtl.: Plural!) mitzuteilen, denn wir haben euch lieb gewonnen. 9 Ihr erinnert euch doch, Brüder, an unsere Mühe und Anstrengung: Tag und Nacht arbeiteten wir, um niemandem von euch zur Last zu fallen, und predigten unter euch das Evangelium (des) Gottes. 10 Ihr und (der) Gott seid Zeugen, wie heilig und gerecht und untadelig wir euch, den Glaubenden, gegenüber waren. 11 Denn ihr wisst, dass wir einen jeden von euch wie ein Vater seine Kinder 12 ermahnt und ermutigt und beschworen haben, euer Leben würdig des Gottes zu führen, der euch zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit berufen hat.
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Beobachtungen: Der ganze Abschnitt 1 Thess 2,1-12 hat den Charakter einer Verteidigung gegenüber Angriffen, die implizit mitschwingen, jedoch nicht explizit genannt werden. Wie auch in 1,5 werden die Thessalonicher als "Zeugen“ herangezogen. Der "Eingang“ bei den Thessalonichern war nicht vergeblich, wie schon der Hinweis auf die Bekehrung von den Götzen hin zum lebendigen Gott in 1,9 zeigte, auf die der vorbildliche Lebenswandel der Thessalonicher folgte. Der Begriff "Eingang“ zeigt, dass Paulus und seine Begleiter von außen nach Thessalonich kamen und somit zunächst dort fremd waren. Der "Eingang“ kann sich sowohl auf das Stadtterritorium als auch auf die Häuser beziehen, in denen sich die Missionare aufhielten und predigten.
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Weiterführende Literatur: Ein Überblick über die verschiedenen in der älteren und neueren Diskussion genannten Positionen zur Gattung des Textes findet sich in J. A. D. Weima 1997, 73-80, der im Folgenden die herkömmliche These, dass es sich bei 2,1-12 um eine Apologie des Paulus handele, verteidigt. Den apologetischen Charakter betont auch Z. A. Crook 1997, 153-163, der den Text unter dem Gesichtspunkt von "Ehre“ und "Schande“ interpretiert. Paulus verteidige seine Ehre gegenüber Vorwürfen, die in der Gemeinde angesichts der Bedrohung aufgekommen seien. Ehre, die nicht verteidigt wird, sei verloren.
W. Stegemann 2000, 399-416 dagegen meint, dass es sich bei 1 Thess 2,1-12 nicht um eine aktuelle oder rhetorische Apologie handele, sondern dass der Abschnitt durch die besondere Erfahrung der Gemeinde in Thessalonich veranlasst sei, die als erste heidenchristliche Gemeinschaft Verfolgung zu erdulden hatte. Die Tatsache, dass Paulus wie die Thessalonicher Christen von den Heiden verfolgt worden war, ist Ausgangspunkt dafür, dass K. P. Donfried 1989, 243-260 annimmt, dass es sich bei dem Ersten Thessalonicherbrief um einen Trostbrief handele, der zwar Ermahnung beinhalte, diese jedoch nicht im Vordergrund stehe. J. Chapa 1994, 150-160 geht ausführlich und mit zahlreichen Literaturhinweisen und Quellenangaben der Frage nach, welche Charakteristika für den antiken Trostbrief typisch sind und ob sie sich auch im Ersten Thessalonicherbrief finden. Er kommt zu dem Ergebnis, dass es zwar Ähnlichkeiten gebe, aufgrund der teils gravierenden Unterschiede der Erste Thessalonicherbrief jedoch nicht als Trostbrief bezeichnet werden könne. Beispielsweise fehle am Anfang des Briefes ein Hinweis auf ein trauriges Ereignis. Angemessener sei es, von einem tröstenden Brief zu sprechen. Auch J. Schoon-Janßen 1991, 39-65 betont den stärkenden Charakter: 1 Thess 2,1-12 zeige Paulus nicht als jemanden, der sich gegen Vorwürfe verteidigt, sondern als einen Christen, der sich der sowieso schon intakten Gemeinde als ein Mut machendes Vorbild in einer Zeit von Bedrückungen und Bedrängnissen anbietet. Ähnlich O. Merk 2000, 89-113 in seiner knappen versweisen Auslegung des Textes.
R. Hoppe 2002, 325-341 geht auf die Frage nach dem historischen Hintergrund und der Form des Textes unter Berücksichtigung der Frage ein, inwiefern 1 Thess 2,1-12 und 2,13-16 aufeinander bezogen sind. R. Hoppe sieht beide Texte als Sinneinheit, auch wenn Paulus in 2,13 neu einsetze. Es seien zwei Auslegungsrichtungen gegeben (s. o.), die beide ihre je eigene Plausibilität für sich beanspruchen könnten: Der denunzierte Paulus, der sich gegen Anwürfe Dritter durch den Aufweis seines Verhaltens zur Wehr setzt, und der in seinem Selbstverständnis von Gott legitimierte Verkünder, der sich in grundsätzlicher Übereinstimmung mit der Gemeinde befindet und diese in ihrer bedrängten Situation bestärken will. Diese beiden Auslegungsrichtungen seien jedoch weiterzuführen: Paulus sehe sich als prophetischer Träger der Evangeliums in alttestamentlich-prophetischer Tradition. Auch D. W. Palmer 1981, 23-31 geht über die Annahme von Selbstverteidigung oder Bestärkung der Gemeinde als Absicht des Paulus hinaus. So basiere die Selbstverteidigung weitgehend auf der für Kyniker üblichen Rhetorik, die Paulus jedoch nicht lückenlos übernehme. Nicht Selbstverteidigung sei die eigentliche Absicht des Paulus, sondern die Selbstverteidigung diene wie auch die Danksagungen, das Rühmen, der Ermahnung. A. J. Malherbe 1983, 238-256 vertritt die Meinung, dass der ganze Erste Thessalonicherbrief eine paränetische Funktion habe. Dabei geht er detailliert auf die hellenistisch-römische Tradition ein.
K. P. Donfried 2000, 31-60 gibt zunächst einen Überblick über die wichtigsten Varianten der These, dass es sich bei 1 Thess 2,1-12 um eine Apologie handele. Dann untersucht er den Text im Hinblick auf die antike Rhetorik und kommt zu dem Schluss, dass es sich nicht um eine Apologie, sondern um eine "narratio“ handele. Diese habe das Ziel, die Freundschaft zu betonen, das Evangelium des Paulus von der Irrlehre der Heiden zu unterscheiden und Paulus als Vorbild hinzustellen. Weiterführend äußert sich R. Hoppe 2000, 61-68 zu diesem Aufsatz.
Zur Diskussion um die Frage nach der Form von 1 Thess 2,1-12 siehe auch die weiterführende Literatur zu V. 11/12.
Das Verhältnis von Paulus zu dem "Eingang“ professioneller Redner in den antiken Städten thematisiert B. W. Winter 1994, 28-38. Paulus sei zwar rhetorisch ausgebildet gewesen, habe jedoch den ruhmvollen "Eingang“ in den Städten und das stark ausgeprägte Schüler-Lehrer-Verhältnis abgelehnt.
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Beobachtungen: Nun folgt die Voraussetzung dafür, dass der "Eingang“ bei den Thessalonichern nicht vergeblich war: Obwohl Paulus, Silvanus und Timotheus in Philippi, wo sie vorher gepredigt hatten, gelitten hatten und misshandelt worden waren, fanden sie erneut den Mut zur Predigt des Evangeliums. Diese geschah unter Kampf, wobei die Formulierung zweierlei Kämpfe beinhaltet, und zwar die äußeren und die inneren. Die äußeren waren ein Resultat des Verhaltens der feindlichen Andersgläubigen, die christliche Mission ablehnten; die inneren resultierten aus der Furcht, wie in Philippi von den Gegnern misshandelt zu werden.
Die Formulierung "Evangelium Gottes“ zeigt, dass Paulus und seine Begleiter Wert darauf legten, dass das Evangelium von Gott stammt (vgl. V. 4; genitivus subiecivus). Der Genitiv kann allerdings auch so gedeutet werden, dass Gott der Inhalt des Evangeliums ist (genitivus obiectivus).
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Weiterführende Literatur: H. von Lips 2001, 117-128 befasst sich mit den "Leiden des Apostels“ als spezifisch paulinisches Thema. Zwar kenne das ganze NT das Leiden in der Nachfolge Jesu, doch betreffe dies nicht nur die Apostel, sondern die Jünger bzw. die Gemeinde insgesamt. Demgegenüber rede Paulus ausdrücklich von den Leiden, die ihm, dem Apostel widerfahren. Welches Verständnis seiner Leiden Paulus hat, wie er sie deutet, sei in der Forschung jedoch strittig. H. von Lips vertritt in seinem Aufsatz, in dem sich zahlreiche Literaturhinweise finden, die Ansicht, dass die Leiden des Paulus untrennbar im Zusammenhang mit seinem Auftrag als Apostel und dem daraus resultierenden Einsatz mit seiner ganzen Existenz stünden. Ebensowenig könnten die Leiden des Apostels gegenüber den Leiden der Gemeinde isoliert werden; vielmehr seien die Leiden das gemeinsame Zeichen der Zugehörigkeit zum gekreuzigten Christus und seien Ausdruck der eschatologischen Situation des Anbruchs des neuen Lebens unter den Bedingungen der irdischen Welt. Einen knappen Überblick über das Verhältnis zwischen dem apostolischen Dienst und dem Leiden gibt M. V. Abraham 1983, 62-63.
Vom traditionsgeschichtlichen Blickwinkel aus gesehen befasst sich T. Holtz 1983, 57-59 mit 1 Thess 2,1-7, der die Sprache des Paulus im Bereich der Popularphilosophie und ihrer Rhetorik ansiedelt: Die freimütige Offenheit der Rede sei ein Signum der Wahrheit der Botschaft, deren Gegenbild die Schmeichelrede und der Betrug seien.
Mit dem "Evangelium Gottes“ befasst sich T. Söding 1997, 40-41. Die Verkündigung Gottes gehe der Verkündigung Jesu Christi nicht nur zeitlich voraus, sondern bilde deren bleibenden Bezugsrahmen. Gott sei Ursprung und Subjekt des Heilsgeschehens.
Knapp zum Bezug zwischen dem sportlichen Wettkampf und dem Kampf für die Verkündigung des Evangeliums äußert sich P. Iovino 1985, 26-27.
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Beobachtungen: Bei der Predigt der Missionare handelte es sich um eine Paraklese, wobei der Begriff die Ermahnung oder den Trost meinen kann. Die Forderung der Abkehr von den Götzen ist sicherlich als Ermahnung zu bezeichnen, mit der Sündenvergebung und der Hoffnung auf die Wiederkunft Jesu Christi und die Auferstehung der Toten ist aber auch der Trost verbunden. Die Verse 3 und 4 legen dar, wie die Ermahnung beschaffen war, indem zunächst gesagt wird, wie sie nicht beschaffen war: Sie kam nicht aus Irrtum, Unlauterkeit oder Arglist und geschah nicht, um den Menschen zu gefallen. Dies ist wohl als Abgrenzung gegenüber heidnischen Rednern zu verstehen. Die Missionare haben das Ziel, Gott zu gefallen, denn er ist ihr Auftraggeber, der sie mit dem Evangelium betraut hat. Dieses Betrautwerden betrachten Paulus, Silvanus und Timotheus als Würde, die nicht jedem Menschen zukommt. Wie die drei mit dem Evangelium betraut wurden, wird nicht gesagt. Dass Silvanus und Timotheus wie Paulus eine Vision oder Audition Jesu Christi gehabt haben, davon ist in der Bibel nirgendwo die Rede. Auch stellt sich die Frage, warum gerade Paulus, Silvanus und Timotheus mit dem Evangelium betraut wurden.
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Weiterführende Literatur: Ein leicht verständlicher Überblick über das Wirken von Philosophen, Rhetoren, Epigrammatikern, Goeten (Magiern) und Scharlatanen im antiken Thessalonich findet sich bei C. vom Brocke 2001, 143-151. Eine gute Einführung im Hinblick auf die Arbeitsweise der antik-griechischen professionellen Redner, der Sophisten, gibt B. W. Winter 1994, 28-38, der der Frage nachgeht, inwiefern auch Paulus zu den Sophisten gehörte. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Paulus wohl eine rhetorische Ausbildung genossen habe, denn seine Briefe entsprechen dem antiken rhetorischen Standard und werden als gewichtig und stark beurteilt. Von den Sophisten unterschieden sei jedoch der mündliche Auftritt des Paulus, der als eher schwach beurteilt wird. Paulus wolle nicht sein eigenes Können als Rhetor unter Beweis stellen, sondern lenke die Aufmerksamkeit auf das Evangelium Gottes.
Zum Wesen der antiken Philosophen siehe R. F. Collins 1984, 185-187.
Einen Überblick über die Diskussion, ob sich Paulus gegen wandernde heidnische Philosophen wandte oder ob er in prophetischer Tradition stand und falsche Propheten oder sonstige religiöse Verführer im Blick hatte, gibt W. Horbury 1982, 492-508, der auch auf Meinungen frühchristlicher Autoren eingeht. Zur juristischen Bedeutung der Prüfung zur Zeit des Paulus siehe R. F. Collins 1984, 187-189. Der Einstellung in ein politisches Amt sei eine Prüfung vorausgegangen. Im Folgenden geht er auf die Ähnlichkeit der paulinischen Spache mit der prophetischen, wie sie sich in Jer 11,20; 12,3 (vgl. Ps 16,3) findet, ein und fragt, inwieweit das Selbstverständnis des "Gottesknechtes“ in Deutero-Jesaja Ausgangspunkt für das Selbstbild des Paulus gewesen sein könnte.
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Beobachtungen: Die Verse 5-8 knüpfen an das Wesen der Ermahnung bzw. des Trostes an, nun kommt aber das konkrete Wirken in Thessalonich in den Blick. Erneut erfolgt zunächst eine Abgrenzung, wobei der Begriff "Schmeichelrede“ wiederum deutlich macht, wem die drei Missionare gefallen wollen: Gott, nicht den Menschen. Die Erwähnung der Habgier lässt annehmen, dass auf heidnische Redner angespielt wird, die für ihre den Menschen gefallenden Reden Geld nahmen. Die Ablehnung von Habgier scheint Paulus, Silvanus und Timotheus besonders wichtig zu sein, denn sie werfen sogleich ein, dass Gott Zeuge ist. Wer Reden so hält, dass sie Menschen gefallen, erntet Ruhm. Gerade der Ruhm - sei es bei den Thessalonichern, sei es bei anderen Menschen - ist aber gerade nicht das erklärte Ziel der drei Missionare.
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Weiterführende Literatur:
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Beobachtungen: Die Formulierung "Apostel Christi“ kann nur allgemein als "Gesandte Christi“ gedeutet werden, denn von Silvanus und Timotheus heißt es nirgendwo in der Bibel, dass sie eine Vision oder Audition Jesu Christi hatten. Apostel im engeren Sinne sind sie im Gegensatz zu Paulus nicht.
Sie steht in engem Bezug zum Ruhm: Paulus, Silvanus und Timotheus hätten sich damit brüsten können, Apostel Christi zu sein, doch sind sie "gütig“ gewesen. Das Adjektiv êpios ("gütig/freundlich“) ist zwar eine Variante zur von Nestle-Aland gebotenen Textfassung, die das Adjektiv nêpios? ("unwissend/kindisch“; Subst.: "Kind“) bietet, doch passt vom inhaltlichen Gesichtspunkt an dieser Stelle die Bedeutung "gütig/freundlich“ besser als "unwissend/kindisch“. Die Güte steht also im Gegensatz zum Imponiergehabe.
Mit der Güte wird die Stillende in Verbindung gebracht. Offen bleibt, ob es sich um die Mutter oder um die Amme handelt, denn dies scheint keine Rolle zu spielen. Vielmehr kommt es auf die liebevolle Zuneigung an, die das Stillen ausmacht.
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Weiterführende Literatur: Zum Apostelbegriff siehe R. F. Collins 1984, 182-183, der darauf hinweist, dass es sich in 1 Thess 2,7 um den ältesten Beleg des Wortes "Apostel“ in der erhaltenen christlichen Literatur handele. Der Begriff bezeichne hier Missionare, die von Jesus Christus entsandt worden sind und habe noch nicht die exklusive Bedeutung späterer Briefe, in denen nur Paulus als "Apostel“ erscheine. Ähnlich H. Köster 1980, 287-292, der meint, dass sich der Erste Thessalonicherbrief gegen alle Versuche, den besonderen Charakter der Existenzerfahrung des Paulus herauszustellen, sträube.
Zur textkritischen Frage, ob angesichts des inhaltlichen Zusammenhangs mit der Mehrzahl der Ausleger? êpios? ("gütig/freundlich“) oder angesichts des Textzeugen-Befundes nêpios ("unwissend/kindisch“; Subst.: "Kind“) zu lesen sei, siehe J. A. D. Weima 2000, 547-564, der sich - gut gegliedert - kritisch mit den Hauptargumenten für nêpios und der Sekundärliteratur auseinandersetzt. J. A. D. Weima plädiert für die Übersetzung "Kinder“ und geht von der Vorstellung der Unschuld aus. Ähnlich T. B. Sailors 2000, 81-98; S. Cotrozzi 1999, 155-160 und S. Fowl 1990, 469-473 mit weiteren Literaturhinweisen. Zu einem anderen Ergebnis kommt J. Delobel 1995, 126-133
H.-W. Kuhn 1992 geht auf Parallelen zwischen Passagen aus dem Ersten Thessalonicherbrief und Qumranschriften ein. Zu 1 Thess 2,7-8.11 wird 1 QH VII 6-25 (und 1 QH IX 35-36) herangezogen. Während man bei dem Qumrantext am ehesten an eine Pflegemutter als "Amme“ zu denken habe, verstehe man bei Paulus am besten das entsprechende Wort allgemeiner als "Säugende“. Der "Lehrer“ sage an dieser Stelle von sich, was in IX 35-36 von Gott ausgesagt wird. Während Paulus sein bescheidenes apostolisches Auftreten gegenüber den Thessalonichern als "sanftes Versorgen der Kinder“ verstehe, bringe der "Lehrer“ das Bild in Verbindung mit seiner Erhöhung durch Gott.
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Beobachtungen: Paulus, Silvanus und Timotheus fügen nun die Parallele an: Sich selbst setzen sie mit der Stillenden, die Thessalonicher mit ihren Kindern gleich. Die drei Missionare belassen es nicht bei der Mitteilung des Evangeliums, sondern teilen auch das eigene Leben mit. Doch was ist mit dem "eigenen Leben“ gemeint? Das ewige Leben kommt nicht in Frage, denn dieses wird durch die frohe Botschaft und deren gläubige Annahme vermittelt. Somit bleibt als Möglichkeit die Lebensart der Missionare. Das Evangelium wird also nicht nur durch Worte vermittelt, sondern mit dem ganzen Leben jedes einzelnen Missionars, das auch die Handlungen und Gefühle umfasst. Die Mitteilung des eigenen Lebens erfolgt nicht bei allen Menschen, sondern nur deswegen, weil Paulus, Silvanus und Timotheus die Adressaten des Briefes lieb gewonnen haben.
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Weiterführende Literatur: Auf das Verhältnis des Apostels Paulus zu dem von ihm gepredigten Wort geht in einer knappen Übersicht M. V. Abraham 1983, 62-63 ein.
Zur Mitteilung des eigenen Lebens der Missionare siehe J. Gillman 1990, 62-70. Der Apostel sei die sichtbare Inkarnation der göttlichen Heilsbotschaft. Das Leben und der Charakter des Apostels seien in den Augen der Thessalonicher der Maßstab für die Glaubwürdigkeit der Botschaft.
N. Baumert 1987, 552-563 geht davon aus, dass das Verb omeiresthai nicht "liebevolle Gesinnung gegen jmdn. hegen“ oder "Sehnsucht haben nach jmdm.“ bedeute, sondern "ferngehalten werden“. Tatsächlich bilde meiresthai dessen Grundwort, doch nicht in der häufigeren Bedeutung "als Anteil empfangen“, sondern im Sinn von "teilen / pass.: getrennt werden“. In Verbindung mit der Annahme, dass nêpios ("Kind“) zu lesen sei, schlägt er folgende Übersetzung vor: "Aber wir sind bei euch kindlich (kindgemäß, kinderlieb) geworden, wie wenn eine stillende Mutter ihre eigenen (leiblichen) Kinder wärmt (herzt, labt?). So sind wir, während wir von euch ferngehalten werden, entschlossen, euch nicht nur das Evangelium Gottes, sondern auch unser eigenes Leben mitzuteilen, weil ihr uns Lieblinge geworden seid.“
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Beobachtungen: In den Versen 9-12 wird nun das vorbildliche Verhalten der Missionare in Thessalonich in Erinnerung gerufen. Demnach haben Paulus, Silvanus und Timotheus Tag und Nacht gearbeitet, um niemandem zur Last zu fallen. Sie waren also keine Berufsprediger; die Verkündigung lief neben der eigentlichen beruflichen Tätigkeit. V. 9 schließt Geldsendungen aus anderen Gemeinden nicht aus. So ist aus Phil 4,15-16 bekannt, dass die Philipper Paulus "etwas“ - wohl Geld - für seinen Bedarf sandten.
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Weiterführende Literatur: M. D. Goulder 1992, 87-106 behandelt verschiedene Aspekte des Fehlverhaltens von thessalonicher Gemeindegliedern angesichts der in naher Zukunft erwarteten Parusie Christi, darunter auf S. 88-90 das Aufgeben der eigenen Arbeit, dem Paulus mit der Betonung der eigenen Arbeitsanstrengungen habe entgegenwirken wollen. R. F. Hock 1980 geht auf Paulus’ Tätigkeit als Zeltmacher und auf deren Verbindung mit der missionarischen Tätigkeit ein. Auf S. 29-31 widmet er sich der Unterkunft, die anfangs vermutlich meist in Herbergen, vielleicht aber auch in Gymnasien, Tempeln und Synagogen erfolgt sei. Für längere Aufenthalte habe sich Paulus eine Gastgeberfamilie gesucht. Anders als andere, ärmere Handwerker habe Paulus nicht in Räumen, die mit Geschäften verbunden waren, oder gar auf der Straße nächtigen müssen. Aufgrund seines Gewerbes sei Paulus seinen Gastgeberfamilien nicht zur Last gefallen und habe sich das Notwendigste kaufen können. Auf S. 31-42 geht R. F. Hock auf die Arbeitszeit des Paulus und seine Verkündigungstätigkeit in der Werkstatt (vgl. dazu ausführlich R. F. Hock 1979, 438-450 mit weiteren Literaturhinweisen) ein, deren Existenz in der Bibel nicht belegt ist, aber von R. F. Hock erschlossen wird. Die Formulierung "Tag und Nacht“ − im Altgriechischen steht genau genommen "Nacht und Tag“, was aber wohl gleichbedeutend ist − sei nicht als Arbeit rund um die Uhr zu interpretieren, sondern als Arbeit, die am Tag, aber auch in der Nacht stattfinden konnte. Speziell die Frage, ob Paulus tatsächlich der sozialen Oberschicht angehörte, behandelt R. F. Hock 1978, 555-564, der dieser These zustimmt. Die negative Bewertung seiner handwerklichen Tätigkeit als Anstrengung zeige, dass sie für ihn einen Ansehensverlust bedeutet hat. Auch benutze Paulus in seiner Sprache oberschichtspezifische Begriffe. N. O. Míguez 1989, 65-89 thematisiert die Frage, welcher Schichtzugehörigkeit die Mehrheit der Thessalonicher Christen angehört hat. Er geht auch auf R. F. Hock ein und kommt - u. a. mittels einer Auslegung von 2,9 auf S. 76-80 - zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der armen Unterschicht angehört habe und Handwerker gewesen sei. Die Teilhabe am Leben der Handwerker sei ein wesentlicher Aspekt paulinischer Theologie, denn Paulus verstehe die Teilhabe am Leben der Armen als Kern des Evangeliums.
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Beobachtungen: Erneut werden Zeugen herangezogen; diesmal sind es sowohl die Thessalonicher als auch Gott. Das eigene Verhalten wird als heilig, gerecht und untadelig beschrieben. Es war damit so, wie es gläubigen Christen, den "Heiligen“, geziemt. Die hinzugefügte Bezeichnung der Adressaten als "Glaubende“ macht deutlich, dass es den Absendern nicht allein um ihr eigenes untadeliges Verhalten geht, sondern in erster Linie um das zwischenmenschliche Verhalten unter Christen. Dieses war sowohl von Seiten der thessalonicher Gemeindeglieder als auch von Seiten der Missionare untadelig.
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Weiterführende Literatur: Zur Bedeutung der Adjektive "heilig“, "gerecht“ und "untadelig“ siehe R. F. Collins 1984, 193-195.
Zur Bezeichnung "Gläubige“ siehe R. F. Collins 1984, 212.216-217.
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Beobachtungen: Das Bild des Umgangs des Vaters mit seinen Kindern ist ein Pendant zum Bild der ihre Kinder versorgenden Stillenden. Zu dem Umgang des Vaters gehört das Ermahnen ebenso wie das Ermutigen und auch das Beschwören. Das Verb "beschwören“ unterstreicht die Dringlichkeit des christlichen Verhaltens. Die Dringlichkeit beruht darauf, dass Gott die Thessalonicher zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit berufen hat. Diesem Ruf Gottes sollen, ja müssen die Glaubenden folgen, indem sie ihr Leben würdig führen. Was genau mit dem "Reich“ und der "Herrlichkeit“ Gottes gemeint ist, wird nicht weiter ausgeführt, doch dürfte der Blick auf die Wiederkunft Christi und das Ende der Tage gerichtet sein.
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Weiterführende Literatur: R. F. Collins 1984, 195-196 geht der Frage nach, was die Metaphern, die den Missionar als "Mutter“ und "Vater“ darstellen, bedeuten. Das Mutterbild betone Zuneigung und Liebe, das Vaterbild den Aspekt der Abhängigkeit im Hinblick auf Glauben und Lehre. Im Vorderen Orient sei die Weitergabe weisheitlicher Lehren an die Kinder dem Vater zugekommen. Zur durch diese beiden Pole geprägten Beziehung siehe auch D. Marguerat 2000, 373-389, der meint, dass Paulus mit der Erinnerung an die Vergangenheit bezwecken wolle, dass die Widerstandskraft der durch Gottes Gnade gesegneten Gemeinde gegen Angriffe von Gegnern gestärkt wird. J. Schoon-Janßen 1991, 39-65 macht deutlich, dass man Paulus’ Beziehung zu den Thessalonichern als die von Eltern zu Kindern sehen müsse. Ein Lehrer-Schüler-Verhältnis sei dagegen nicht wahrscheinlich. Zwar sei dabei eine gewisse Überlegenheit auf Seiten des Apostels gegeben, jedoch vor allem eine herzliche gegenseitige Verbundenheit, die die unter Freunden sogar noch übertreffe. Motive des antiken Freundschaftsbriefes seien für den Ersten Thessalonicherbrief prägend. Zur Form antiker Briefe und der Einordnung des Ersten Thessalonicherbriefes als Freundschaftsbrief siehe auch J. Schoon-Janßen 2000, 179-193. T. Holtz 2000, 69-80 geht auf diesen Artikel ein. Er hält einerseits die Einschätzung, dass es sich um eine Art Freundschaftsbrief handele, für richtig, kann jedoch der These, dass es sich bei 2,1-12 nicht um eine Apologie handele (s. o.), nicht folgen. Auch J. A. D. Weima 2000, 114-131 sieht die Ablehnung der These, dass es sich um eine Apologie handele, kritisch. J. S. Vos 2000, 81-88 wiederum antwortet auf den Aufsatz von T. Holtz: Paulus erwidere nicht auf tatsächliche, gegenwärtig gemachte Vorwürfe, sondern auf eine potenzielle Infragestellung des göttlichen Charakters des Evangeliums.
G. Haufe, 1985, 467-472 beschäftigt sich mit der traditionsgeschichtlichen Fragestellung, warum die für die Jesustradition zentrale Rede vom "Reich Gottes“ in den echten Paulusbriefen nur ganze sieben Mal begegnet. Ergebnis. Das Basileia-Thema habe seinen Sitz im Leben in der Taufparaklese und Missionspredigt. Wenn Paulus nicht öfter auf dieses Thema zurückgreift, so sei dies nicht mit theologischen Vorbehalten seinerseits zu begründen, sondern damit, dass die Lebensprobleme seiner Gemeinden nicht einfach von Missionspredigt und Taufparaklese her zu lösen sind, sondern neue theologische Antworten nötig machen. Auch K. P. Donfried 1987, 181-183 vertritt in seiner traditionsgeschichtlichen Untersuchung zu den paulinischen "Reich Gottes“-Texten die Ansicht, dass 1 Thess 2,11-12 im Zusammenhang der Taufe zu sehen sei.
J. O. Holloway III 1992, 29-36 untersucht den metaphorischen Gebrauch (u. a.) des Verbs peripateô ("wandeln“) in 1 Thess 2,1-12. Der "würdige Lebenswandel“ sei der rhetorische Höhepunkt des Abschnittes und bereite die Ausführungen in 4,1-5,24 über den Lebenswandel vor, besonders die Ermahnungen 4,1-12.
Buchtipp: Grenzen des Wachstums - Das 30-Jahre-Update: Signal zum Kurswechsel
Die Menschheit kann mehrere Entwicklungswege wählen. Die Autoren setzen das systemische Denken in Zukunftsszenarien um. Wir verlangen seit den späten 70er-Jahren der Erde so viel ab, dass ihre Tragfähigkeit überschritten ist. In den Szenarien des 30-Jahre-Updates mit aktuellen Daten wird deutlich, dass wir den großen Kurswechsel dringend brauchen - eine Wende zur Nachhaltigkeit mit drastischen materiellen und strukturellen Veränderungen.
[ Hier geht es zur Übersicht der Zeitschriftenabkürzungen ]
Abraham, M. V.; Diakonia in the Early Letters of Paul, Indian Journal of Theology 32 (1983), 61-67
Baumert, Norbert; Omeiromenoi in Thess 2,8, Bib. 68 (1987), 552-563
Chapa, Juan; Is First Thessalonians a Letter of Consolation?, NTS 40 (1994), 150-160
Collins, Raymond F.; Paul as Seen through his Own Eyes. A Reflection on the First Letter to the Thessalonians, in: R. F. Collins [ed.], Studies on the First Letter to the Thessalonians (BETL 66), Leuven 1984, 175-208 ( = LS 8/4 [1980/81], 348-381)
Collins, Raymond F.; The Faith of the Thessalonians, in: R. F. Collins [ed.], Studies on the First Letter to the Thessalonians (BETL 66), Leuven 1984, 209-229 (= LS 7 [1979], 249-269)
Cotrozzi, Stefano; 1 Thes 2:7 − A Review, FN 23-24 (1999), 155-160
Crook, Zeba Antonin; Paul’s Riposte and Praise of the Thessalonians, BTB 27/4 (1997), 153- 163
Delobel, J.; One Letter Too Many in Paul’s First Letter? A Study of (n)êpioi in 1 Thess 2:7, LS 20/2-3 (1995), 126-133
Donfried, Karl Paul; The Kingdom of God in Paul, in: W. L. Willis [ed.], The Kingdom of God in 20th-Century Interpretation , Peabody, Massachusetts 1987, 175-190
Fowl, Stephen; A Metaphor in Distress. A Reading of nêpioi in 1 Thessalonians 2.7, NTS 36/3 (1990), 469-473
Gillman, Johan, Paul’s eisodos: The Proclaimed and the Proclaimer (1 Thess 2,8), in: R. F. Collins [ed.], The Thessalonian Correspondence (BETL 87), Leuven 1990, 62-70
Goulder, Michael D.; Silas in Thessalonica, JSNT 48 (1992), 87-106
Haufe, Günter; Reich Gottes bei Paulus und in der Jesustradition, NTS 31 (1985), 467-472
Hock, Ronald F.; Paul’s Tentmaking and the Problem of his Social Class, JBL 97/4 (1978), 555-564
Hock, Ronald F.; The Workshop as a Social Setting for Paul’s Missionary Preaching, CBQ 41 (1979), 438-450
Hock, Ronald F.; The Social Context of Paul’s Ministry. Tentmaking and Apostleship, Philadelphia 1980
Holloway, Joseph O.; Peripateô as a Thematic Marker for Pauline Ethics, San Francisco 1992
Holtz, Traugott; Der Apostel des Christus. Die paulinische "Apologie“ 1 Thess. 2,1-12, in: ? [Hrsg.], Als Boten des gekreuzigten Herrn, Fs. W. Krusche, Berlin 1982, 101-116
Holtz, Traugott; Traditionen im 1. Thessalonicherbrief, in: U. Luz, H. Weder [Hrsg.], Die Mitte des Neuen Testaments: Einheit und Vielfalt neutestamentlicher Theologie, Fs. E. Schweizer, Göttingen 1983, 55-78
Hoppe, Rudolf; Verkündiger − Botschaft − Gemeinde. Überlegungen zu 1 Thess 2,1-12.13-16, in: C. Niemand [Hrsg.], Forschungen zum Neuen Testament und seiner Umwelt (Linzer Philosophisch-Theologische Beiträge 7), Frankfurt a. M. 2002, 325-345
Horbury, William; 1 Thessalonians II,3 as Rebutting the Charge of False Prophecy, JTS 33/2 (1982), 492-508
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