Auslegung und Bibliographie zur Bibel

Erster Thessalonicherbrief
Der erste Brief des Paulus an die Thessalonicher
1 Thess 5,1-11

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Thess 5,1-11

 

 

Übersetzung

 

1 Thess 5,1-11:1 Von den Zeiten und Fristen, Brüder, habt ihr nicht nötig, dass man euch schreibt; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn die Leute sagen: "Friede und Sicherheit“, dann kommt plötzliches Verderben über sie wie die Wehe über die Schwangere und sie können nicht entrinnen. 4 Ihr aber, Brüder, seid nicht in Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Söhne [des] Lichtes und Söhne [des] Tages. Wir sind nicht von [der] Nacht noch von [der] Finsternis. 6 So lasst uns nicht schlafen wie die andern, sondern wach und nüchtern sein. 7 Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die sich betrinken, die sind des Nachts betrunken. 8 Wir aber, die [dem] Tag gehören, wollen nüchtern sein, angetan mit [dem] Panzer des Glaubens und der Liebe und mit [dem] Helm der Hoffnung auf das Heil. 9 Denn Gott hat uns nicht zum Zorn bestimmt, sondern dazu, Heil zu erlangen durch unseren Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 11 Darum ermahnt euch untereinander, und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

 

 

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V. 1

 

Beobachtungen: Nun schreiben Paulus, Silvanus und Timotheus wieder über ein Thema, über das sie ihrer Meinung nach keine weiteren Ausführungen zu machen brauchen. Es ist die für das frühe Christentum drängende Überlegung, wann das Ende der Tage sein und Jesus Christus wiederkommen wird. Ob eine konkrete Frage der Thessalonicher den Anlass dafür gibt, dass die Missionare auf dieses Thema eingehen, ist möglich, aber nicht nachweisbar.

 

Bezüglich des Termins für den "Tag des Herrn“ werden zwei Ausdrücke für "Zeit“ gebraucht: chronos und kairos. Während chronos die Zeit(dauer) oder Frist bezeichnet, ist mit kairos eher der güstige/rechte Zeitpunkt gemeint. Beide Begriffe stehen in V. 1 im Plural, was verwundert, da - vorausgesetzt der "Tag des Herrn“ ist tatsächlich ein einziger Tag, ein einziger Zeitpunkt - es eigentlich nur eine einzige Zeitdauer und einen einzigen rechten Zeitpunkt des Kommens geben kann. Angesichts dieser Beobachtung ist es wohl am besten davon auszugehen, dass die Formulierung "Zeiten und Fristen“ eine aus der Tradition übernommene Wendung ist, die sich zudem als Hendiadyoin interpretieren lässt: Ein Sachverhalt wird mit zwei Begriffen von weitgehend gleicher Bedeutung ausgedrückt. Bei dem Sachverhalt in V. 1 handelt es sich um die Frage, wie lange es noch dauert, bis der rechte Zeitpunkt für die Wiederkunft Christi, den "Tag des Herrn“, da ist.

 

 

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Weiterführende Literatur: Einen kurzen Überblick über die neutestamentlichen Texte zur Parusie Christi und des Antichristen bietet E. Ghini 1983, 119-132, die auf S. 123-124 auf 1 Thess 4,13-18 eingeht.

 

R. Kieffer 1990, 206-219 geht unter rhetorischen Gesichtspunkten auf die Eschatologie des Ersten Thessalonicherbriefes ein und behandelt auf S. 215-219 speziell 5,1-11.

 

Im Rahmen der Frage, wie bei Paulus Traditionen benutzt werden, behandelt T. Holtz 1983, 66-71 den Abschnitt 5,1-11. Wie der vorausgehende Abschnitt 4,13-18, so sei auch diese Perikope stark durch Tradition geprägt, freilich in ganz anderer Weise als der vorangehende. Seien dort gleichsam blockweise die Traditionsstücke in Kontur und Substanz erkennbar erhalten übernommen worden, so nehme Paulus hier vielfältigere Überlieferungen auf und schmelze sie viel stärker in die eigene Aussage ein. Nach einem kurzen Eingehen auf die verarbeiteten Traditionen befasst sich T. Holtz abschließend mit dem Verhältnis des Stückes 1 Thess 5,4-10 zu Röm 13,11-14. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Texten sei, dass ersterer eher einen zusagenden, letzterer einen eher ermahnenden Charakter habe. Dennoch entspreche der formalen Nähe beider Texte durchaus auch eine inhaltliche. Gleichwohl dürfe man nicht auf eine gemeinsame Vorlage schließen, von der Paulus an beiden Stellen abhängig wäre. Ihre Nähe sei vielmehr in der Identität des Autors begründet. Auf Tradition und Redaktion von 1 Thess 5,1-11 geht auch R. F. Collins 1984, 163-171 ein. In knapper Form speziell zu Tradition und Redaktion von 5,1-4 siehe W. Radl 1980, 157-162. Es folgt auf S. 162-166 ein kurzer Vergleich der Zeitbegriffe und ein Eingehen auf paränetische Aspekte. Zu den apokalyptischen Traditionen, die Paulus für seine Aussagen heranzog, siehe A. J. Malherbe 1999, 137-139. S. Kim 2002, 231-242 kommt im Rahmen seiner Forschung nach verarbeiteter Jesus-Tradition zu folgendem Ergebnis: Paulus nehme Mt 24,43-44/Lk 12,39-40; Lk 21,34-36; Lk 12,36-38; Lk 12,41-48; Mt 24,45-51 auf.

 

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V. 2

 

Beobachtungen: Der rechte Zeitpunkt der Wiederkunft Christi ist den Menschen verborgen. Das lässt sich mit einem Einbrecher vergleichen, der des Nachts ja auch zu ungeahnter Stunde kommt.

 

 

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Weiterführende Literatur: K. Erlemann 1995, 196-197 zur Wiederkunft Christi zur Unzeit.

 

Das Gleichnis vom Dieb unter dem Gesichtspunkt der Verbindung von Lk 12,39, par. Mt 24,43 und 1 Thess 5,2.4 behandelt C.-P. März 1992, 633-648. Dabei geht er der Frage nach, ob die in den letzten Jahren weiter differenzierte Q-Forschung für dieses Problem weitere Klarstellungen erlaubt. Ergebnis: Als sicher könne − wie weithin zugestanden − die Berührung des Paulus mit der vorsynoptischen Tradition des in Lk 12,39, par. Mt 24,43 nachweisbaren Diebesgleichnisses gelten. Als sehr wahrscheinlich könne auch gelten, dass Paulus das Diebesgleichnis bereits in Verbindung mit einer Lk 12,35-38.40 entsprechenden Tradition aufgenommen hat. Durchaus möglich sei, dass das Gleichnis von den wachenden Knechten dabei schon mit dem Gleichnis vom guten und schlechte Knecht zusammengeschlossen war. Auf alle Fälle zeige sich, dass Paulus nicht nur Einzelworte aus der Jesustradition kennt, sondern durchaus bereits Berührungen mit der sich in Spruchkompositionen verdichtenden, auf die Formierung von Q hinlaufenden Tradition hatte. Kritisch steht C. M. Tuckett 1990, 168-176 der These gegenüber, dass in 1 Thess 5,1-11 Material der Jesus-Tradition verarbeitet sei. Sicher sei eine solche Übernahme nur bezüglich des Dieb-Motives in V. 2. Die sonstige in dem Text von Paulus benutzte Tradition sei vermutlich nicht mehr erhalten.

 

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V. 3

 

Beobachtungen: Das Verderben kommt gerade dann, wenn sich Menschen in Sicherheit wiegen. Das gilt sowohl für das Kommen Christi als auch für das Kommen des Einbrechers und der Wehen. Auch die Wehen der Schwangeren (wörtlich: die, die [ein Kind] im Mutterleib hat) kann man kaum vorhersagen, früher noch weniger als heute.

 

Es fällt auf, dass sowohl der "Tag des Herrn“, als auch der Zeitpunkt des Kommens des Einbrechers oder der Wehen als "Verderben“ bezeichnet wird. Das Kommen Christi ist also zunächst einmal etwas zu Fürchtendes. Aus 1,10 ist zu folgern, dass es ein Tag des Zorns ist, vor dem es sich zu retten gilt. Dieser Zorn wird aber nur diejenigen treffen, die sich Sicherheit wiegen und sich nicht gläubig auf den Tag vorbereiten. Die Gläubigen dagegen, die jederzeit mit dem Kommen des "Herrn“ rechnen und wachsam sind, werden durch Jesus Christus gerettet werden.

Angesichts dieser harten Vorstellung von der Wiederkunft Christi stellt sich die Frage nach dem Grund für den Zorn. Warum ist denn Gott so zornig? Die Antwort liegt aus der Sicht der Missionare auf der Hand: Erst haben die Menschen dem Messias, dem Sohn Gottes, zu dessen Lebzeiten nicht geglaubt und ihn gekreuzigt bzw. kreuzigen lassen, dann haben sie selbst nach dessen Auferstehung und Himmelfahrt nicht an ihn geglaubt und glauben weiterhin nicht an ihn, mit Ausnahme der Christen. Das macht Gott zornig.

 

 

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Weiterführende Literatur:

 

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V. 4

 

Beobachtungen: Der Begriff "Finsternis“ verknüft das Bild vom Dieb mit dem Glauben: Wer sich in der Finsternis sicher wiegt und ins Bett geht und schläft, der wird nichtsahnend vom Dieb überrascht. Wer aber sich bewusst ist, dass der Dieb jeden Augenblick kommen kann, der bleibt wach und aufmerksam. So ist es auch mit dem Glauben: Wer meint, dass Jesus Christus sowieso (vorerst) nicht wiederkomme und seinen irdischen Begierden frönt, der ist in Hinblick auf Glauben und Handeln in der Finsternis und wird vom Zorn Wer sich jedoch bewusst ist, dass Jesus Christus jeden Tag wiederkommen kann und an ihn glaubt und dem Glauben entsprechend seinen Lebensstil führt, der wird vom Kommen Christi nicht überrascht. Letzterem Verhalten entsprechen die thessalonicher Gemeindeglieder - teilweise vielleicht mit den in 1 Thess 4 gemachten Einschränkungen.

 

 

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Weiterführende Literatur: F. W. Horn 1992, 133-137 setzt sich kritisch mit der These auseinander, dass 5,4-10 Rudimente einer vorpaulinischen Tauftradition enthalte.

 

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V. 5

 

Beobachtungen: Daher können die thessalonicher Gemeindeglieder als "Söhne des Lichtes“ und "Söhne des Tages“ bezeichnet werden, wobei der Begriff "Tag“ einerseits Helligkeit meint, andererseits auf den "Tag des Herrn“ hinweist.

Weil Paulus und seinen Begleitern diese besondere Existenz so wichtig ist, betonen sie nochmals, dass die Adressaten - und sie selbst - nicht der Nacht und Finsternis zugehören. Die Betonung zeigt, dass die V. 4-5 nicht nur eine Zustandsbeschreibung sind, sondern in gleichem Maße Aufforderung. Folglich besagen sie nicht, dass alle thessalonicher Christen schon vollständig dem Ideal entsprechen, auch wenn dies auf den ersten Blick so scheint. Mit dem Christsein sind die Adressaten automatisch "Söhne des Lichtes und des Tages“, ganz unabhängig vom Lebensstil. In diese neue, von Jesus Christus geschenkte neue Existenz sind sie mit der Taufe eingetreten. Mit der geschenkten neuen Existenz ist aber zugleich die Forderung verbunden, entsprechend zu leben.

 

 

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Weiterführende Literatur: C. Focant 1990, 348-355 legt dar, dass sich die Bedeutung der Formulierungen "Söhne des Lichtes“ und "Söhne des Tages“ in Nuancen unterscheidet. So habe Paulus mit "Söhne des Tages“ nicht nur das Licht im Blick, sondern spiele auch auf den "Tag des Herrn“ an, der für die Christen das definitive Heil bringt. Infolgedessen sei auch "Söhne des Lichtes“ im eschatologischen Sinn zu verstehen. Paulus gehe davon aus, dass die Heilszeit bereits angebrochen ist.

 

Zur Frage, inwiefern (v. a.) in 1 Thess 5,5-11 Taufkatechese durchschimmert, siehe R. F. Collins 1984, 142-145. Dieser vertritt geht zunächst auf die Argumente der Befürworter der These ein, kommt aber selber zu dem Schluss, dass 1 Thess 4-5 traditionelle Motive wie den Finsternis-Licht Gegensatz, den Ausdruck "Söhne des Lichtes“, die Ermahnung zur Wachsamkeit und das Verb "anziehen“ enthalte., deren Zugehörigkeit zur Taufkatechese sich nicht nachweisen lasse.

 

H.-W. Kuhn 1992, 347-352 geht zunächst auf die "Kinder des Lichts“ in dualistischem und eschatologischem Zusammenhang im Rahmen der Qumran-Schriften ein, wobei er v. a. 1QS III 13-15.20f.; IV 18f.22f. heranzieht, und behandelt danach mit Blick auf die Qumran-Schriften die geistige Waffenrüstung und die Erwählung.

 

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V. 6

 

Beobachtungen: Somit folgt auf die vorhergehenden Indikative logischerweise in V. 6 eine Aufforderung, die den Gedanken aufgreift, dass "Söhne des Lichtes und des Tages“ wachen müssen. Die Wachsamkeit bezieht sich auf den Glauben, ist aber in der Kirchengeschichte auch auf das körperliche Wachen zu nächtlicher Stunde bezogen worden. Klar von den Wachenden abgegrenzt sind die Schlafenden, die "andern“.

 

 

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Weiterführende Literatur:

 

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V. 7

 

Beobachtungen: Dieser Vers klingt wie eine Binsenweisheit, doch kann der Satz sowohl wörtlich als auch bildlich verstanden werden. Die "Nacht“ steht für die Zeit, in der der Dieb kommt und ist somit auch die Zeit des Hereinbrechens des "Tags des Herrn“. Diejenigen, die nicht glauben und somit schlafen, verschlafen den Zeitpunkt, an dem der "Herr“ kommt und haben die Folgen zu tragen. Die Ungläubigen sind es auch, die sich betrinken und damit bei der Ankunft Christi nicht wachsam und nüchtern, sondern betrunken sind. V. 8 stellt also dar, wie sich die Adressaten nicht verhalten sollen. Nimmt man den Vers wörtlich, so bedeutet dies für Christen, dass sie nachts nicht schlafen und dass sie sich (nachts) des Alkohols enthalten sollen.

 

 

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Weiterführende Literatur: Mit den Schwierigkeiten, mittels archäologischer Funde die Stadt Thessalonich zur Zeit des Paulus rekonstruieren zu wollen, um das (religiöse) Leben in ihr und das Wirken des Paulus zu erhellen, setzt sich H. Köster 1994, 393-404 auseinander. Die Überreste aus der Zeit des Paulus seien erbärmlich. Paulus habe vielleicht auf der Agora gepredigt, doch das große Forum, ein rechteckiger römischer Markt, stamme erst aus dem 2. Jh. n. Chr. Der früheste Nachweis für die Anwesenheit einer Religionsgemeinschaft aus Israel sei eine griechische Inschrift samaritanischer Herkunft aus dem 4. Jh. n. Chr. Diese Inschrift sei wichtig als Anzeichen für das Fortbestehen einer samaritanischen Diaspora in der frühchristlichen Zeit, lasse sich aber kaum als Beweis für die Hypothese dafür verwenden, dass Paulus seinerzeit in einer samaritanischen Synagoge gepredigt hat. Auch über die heidnischen Religionen lasse sich wenig sagen. Sämtliche Versuche, direkte Linien von archäologischen Materialien zu neutestamentlichen oder anderen frühchristlichen Texten zu ziehen, litten unter methodischen Fehlern. Im Bezug auf archäologische Funde müsse man fragen, ob sie einem spezifischen regionalen Phänomen angehören oder sich auf allgemein gültige Erscheinungen beziehen. Was die Religionen von Thessalonich betreffe, so sei die Verehrung der ägyptischen Götter die einzige Religion, deren Existenz durch Monumente aus verschiedenen Jahrhunderten nachgewiesen werden kann. Vorsicht sei auch bei der Übertragung der Erkenntnisse auf biblische Texte angebracht. So ergebe sich aus der Existenz des Gottes Dionysos, des Gottes des Weines, noch nicht der Grund für Paulus’ Warnung vor der Trunkenheit und seine Mahnung zur Nüchternheit in 1 Thess 5,7.

 

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V. 8

 

Beobachtungen: Nun wird ausgesagt, wie die Christen sein sollen, nämlich "nüchtern“, also nicht "betrunken“. Sie gehören dem "Tag“, der vermutlich wieder für die Wachsamkeit und für den "Tag des Herrn“ steht, nicht jedoch für das Ausbleiben der Parusie.

 

Das Bild der Wachsamkeit wird nun weiterentwickelt: Es geht nicht nur um passive Wachsamkeit, sondern auch um aktive Streitbarkeit des Glaubens. Es werden Waffen genannt, die sowohl der Verteidigung als auch dem Angriff dienen können. Dabei wird hier nicht dem Militarismus das Wort geredet, sondern es geht um geistliche Waffen. Diese geistlichen Waffen werden aus dem Wesentlichen des christlichen Lebens gebildet, nämlich aus dem Glauben, aus der Liebe und aus der Hoffnung (auf das Heil). Dies ist die Trias, die u. a. den Ersten Thessalonicherbrief durchzieht.

 

 

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Weiterführende Literatur: R. F. Collins 1984, 227-228 geht kurz auf die neue Existenz der Christen und das Bild der Kriegsrüstung ein. Er meint, dass die Nennung des Verbes "anziehen“, das aus dem Taufzusammenhang stamme, zeige, dass Paulus die neue Existenz für die rechte Lebensform der Getauften hält.

Zur Trias Glaube - Liebe - Hoffnung siehe 1 Thess 1,1-10.

 

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V. 9

 

Beobachtungen: V. 9 begründet wiederum die Aufforderung in V. 8, und zwar mit der Bestimmung der Christen. Dabei hat Paulus vermutlich keine ausgefeilte Prädestinationslehre im Kopf, sondern ist sich einfach der Tatsache bewusst, dass die Adressaten wie auch er selbst und seine Begleiter im Gegensatz zu vielen anderen Menschen getauft sind und glauben. Wie sollte dies anders erklärlich sein als durch Bestimmung? Es ist die Bestimmung, Heil zu erlangen. Das Heil wird durch Jesus Christus bewirkt, den "Herrn“, der das Leben der Christen bestimmt.

 

 

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Weiterführende Literatur: Z. I. Herman 1980, 327-351 geht ausführlich auf 1 Thess 4,13-14 und 5,9-10 ein, da diese Verse den Rahmen eines formal und thematisch einheitlichen Abschnittes bildeten und die Erwähnung von Tod und Auferstehung Jesu auch den letztgültigen Auslegungshorizont darstelle. Dabei sei der Abschnitt genau genommen nicht in 4,13-18 und 5,1-11, sondern in 4,13-5,3 und 5,4-11 zu unterteilen, denn mit 5,4 beginne der Teil der Perikope, der das schon hereingebrochene Heil ankündigt.

 

Einen Überblick über paulinische Aussagen im Umkreis des Gerichtsmotives gibt G. Haufe 1986, 443-446, der auch auf 5,1-11 eingeht.

 

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V. 10

 

Beobachtungen: Der stellvertretende Tod Jesu Christi, der für die Sünden der Menschen gestorben ist, ist der Grund fürdas Heil, zu dem die Christen bestimmt sind. Die Formulierung "für uns“ kann durchaus in dem Sinne interpretiert werden, dass Jesus Christus für alle Menschen gestorben ist. Da aber anschließend vom Leben der Christen mit ihm zusammen die Rede ist, ist hier in erster Linie der Kreuzestod für die Christen im Blick, denn nur sie sind es, die ihn gläubig angenommen haben. Die Verben "wachen“ und "schlafen“ sind hier nicht wie in den Verben zuvor wertend gemeint. Es geht Paulus und seinen Begleitern einfach um die Aussage, dass das ganze Leben - also Tag und Nacht - der Christen durch Jesus Christus bestimmt ist bzw. sein sollte. Im diesem Sinne leben sie zusammen mit ihrem "Herrn“.

 

 

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Weiterführende Literatur: H. J. de Jonge 1990, 229-235 befasst sich mit dem ursprünglichen Sitz im Leben der "Christus ist für uns gestorben“ − Formel. Ergebnis: Der Ursprung dieser Formel könne am ehesten in der ermahnenden Homilie der frühesten, Griechisch sprechenden jüdisch-christlichen Gemeinschaft verortet werden. Möglicherweise sei es diejenige von Jerusalem Anfang der 30er Jahre des ersten Jahrhunderts gewesen. Ob die Formel je ein Äquivalent in aramäischer oder hebräischer Sprache gehabt hat, lasse sich nicht mehr feststellen.

 

Z. I. Herman 1980, 343-351 legt dar, dass der Trost der thessalonicher Gemeindeglieder v. a. auf dem Kreuzestod Jesu Christi basiere und dass ab 5,4 deutlich werde, dass das endzeitliche Heil schon hereingebrochen ist. So sei der Aorist zêsômen ("wir … leben“) sowohl präsentisch als auch futurisch zu verstehen.

 

J. L. Jaquette 1995, 120-126 behandelt den Tod im Rahmen der paulinischen "Adiaphora“, also derjenigen Dinge, denen Paulus keine besondere Bedeutung beimisst. Die Einstellung der Christen zu Leben und Tod und ihre Hoffnung basiere auf der Zuverlässigkeit Gottes, die im Kreuzestod Jesu für die Gläubigen bewiesen worden sei.

M. Lautenschlager 1990, 39-59 vertritt die Meinung, dass die gängige Übersetzung "ob wir wachen oder schlafen“ falsch sei. Die herkömmliche Deutung auf die Lebenden und die Entschlafenen sei problematisch. Vielmehr meine Paulus in V. 10 dasselbe wie in V. 6, nämlich den Gegensatz von heiligem und unheiligem Lebenswandel.

 

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V. 11

 

Beobachtungen: V. 11 fasst allgemein zusammen, wie die Christen in Kenntnis der paulinischen Theologie leben sollen: Sie sollen einander ermahnen und erbauen. Ermahnung und Erbauung sind untrennbar miteinander verbunden. Schon das Verb parakaleô bedeutet nicht nur "ermahnen“, sondern auch "trösten“. Der Trost erfolgt im Hinblick auf das zu erhoffende Heil, die Ermahnung im Hinblick auf die Berufung zum Leben im "Licht“. Auffällig ist, dass Paulus und seine Begleiter die thessalonicher Gemeindeglieder zu etwas ermahnen, was sie sowieso schon tun. Das lässt sich damit erklären, dass die Adressaten auf dem schon eingeschlagenen richtigen Weg noch eifriger fortfahren sollen.

 

 

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Weiterführende Literatur: Der Frage, inwiefern 1 Thess 4,13.18; 5,11 tröstenden Charakter hat, geht J. Chapa 1990, 220-228 nach, der nicht nur zahlreiche Literaturhinweise, sondern auch eine umfassende Auflistung antiker Trostbriefe bietet. Zum tröstenden Charakter siehe auch A. J. Malherbe 1983, 245.254-256.

 

 

Literaturübersicht

Buchtipp: Der Schatten des Galiläers. Historische Jesusforschung in erzählender Form.
Lebendig erzählte Geschichtsforschung Gerd Theißen erzählt von Jesus und seiner Zeit. Die Rahmenhandlung ist fiktiv: Ein junger Jude, Andreas, wird von Pilatus dazu erpresst, Material über neue religiöse Bewegungen in Palästina zu sammeln. Dabei stößt er auf Jesus und reist ihm hinterher. Aus Erzählungen über Jesus rekonstruiert er dessen Leben. Theißen ist ein fesselndes Buch gelungen, das dem Stand der Forschung entspricht, aber auch für die Gegenwart verständlich ist. Verkündigung und Geschick Jesu werden aus der Perspektive eines jüdischen Zeitgenossen dargestellt und im Rahmen der religiösen und sozialen Welt des Judentums verständlich gemacht.

Chapa, Juan; Consolatory Patterns? 1 Thess 4,13.18; 5,11, in: R. F. Collins [ed.], The Thessalonian Correspondence (BETL 87), Leuven 1990, 220-228

Collins, Raymond F.; 1 Thess and the Liturgy of the Early Church,, in: R. F. Collins, Studies on the First Letter to the Thessalonians [BETL 66], Leuven 1984, 136-153 (= BTB 10/2 [1980], 51-64)

Collins, Raymond F.; Paul’s First Reflections on Love, in: Collins R. F. [ed.], Studies on the First Letter to the Thessalonians (BETL 66), Leuven 1984, 346-355 (= Emmanuel 87 [1981], 107-113)

Collins, Raymond F.; The Faith of the Thessalonians, in: R. F. Collins [ed.], Studies on the First Letter to the Thessalonians (BETL 66), Leuven 1984, 209-229 (= LS 7 [1979], 249-269)

Crook, Zeba Antonin; Paul’s Riposte and Praise of the Thessalonians, BTB 27/4 (1997), 153- 163

de Jonge, Henk J.; The Original Setting of the Christos apethanen hyper formula, in: R. F. Collins [ed.], The Thessalonian Correspondence (BETL 87), Leuven 1990, 229-235

Erlemann, Kurt; Naherwartung und Parusieverzögerung im Neuen Testament: ein Beitrag zur Frage religiöser Zeiterfahrungen (Texte und Arbeiten zum neutestamentlichen Zeitalter 17), Tübingen − Basel 1995

Focant, Camille; Les fils du Jour (1 Thes 5,5), in: R. F. Collins [ed.], The Thessalonian Correspondence (BETL 87), Leuven 1990, 348-355

Havener, Ivan; The Pre-Pauline Christological Credal Formulae of 1 Thessalonians (SBL.SBS 20), Chico, California 1981, 105-128

Heil, John Paul; Those Now “Asleep” (not dead) Must be “Awakened” for the Day of the Lord in 1 Thess 5.9-10, NTS 46/3 (2000), 464-471

Herman, Zvonimir Isidor; Il significato della morte e della risurrezione di Gesù nel contesto escatologico di 1 Thess 4,13-5,11, Anton 55/3 (1980), 327-351

Holtz, Traugott; Traditionen im 1. Thessalonicherbrief, in: U. Luz, H. Weder [Hrsg.], Die Mitte des Neuen Testaments: Einheit und Vielfalt neutestamentlicher Theologie, Fs. E. Schweizer, Göttingen 1983, 55-78

Horn, Friedrich W.; Das Angeld des Geistes. Studien zur paulinischen Pneumatologie (FRLANT 154), Göttingen 1992

Jaquette, James L.; Discerning What Counts: The Function of the adiaphora Topos in Paul’s Letters (SBL Dissertation Series 146), Atlanta 1995

Kieffer, René; L’eschatologie en 1 Thessaloniciens dans une perspective rhétorique, in: R. F. Collins [ed.], The Thessalonian Correspondence (BETL 87), Leuven 1990, 206-219

Kim, Seyoon; The Jesus Tradition in 1 Thess 4.13-5.11, NTS 48/2 (2002), 225-242

Köster, Helmut; Archäologie und Paulus in Thessalonike, in: L. Bormann et al. [eds.], Religious Propaganda and Missionary Competition in the New Testament World, Essays Honoring D. Georgi, Leiden 1994, 393-404

Kuhn, Heinz-Wolfgang; Die Bedeutung der Qumrantexte für das Verständnis des Ersten Thessalonicherbriefes, in: J. T. Barrera, L. V. Montaner, The Madrid Qumran Congress. Proceedings of the International Congress on the Dead Sea Scrolls, Madrid 18-21 March, 1991, vol. 1, Leiden 1992, 339-353

Lautenschlager, Markus; Eite gregorômen eite katheudômen. Zum Verhältnis von Heiligung und Heil in 1 Thess 5,10, ZNW 81/1-2 (1990), 39-59

Lindars, Barnabas; The Sound of the Trumpet: Paul and Eschatology, BJRL 67/2 (1985), 766- 782

Malherbe, Abraham J.; Exhortation in First Thessalonians, NT 25 (1983), 238-256

Malherbe, Abraham J.; Anti-Epicurean Rhetoric in 1 Thessalonians , in: S. Maser u. a. [Hrsg.], Text und Geschichte (MThSt 50), Marburg 1999, 136-142

Muarz, Claus-P.; Das Gleichnis vom Dieb: Überlegungen zur Verbindung von Lk 12,39 par Mt 24,43 und 1 Thess 5,2.4, in: F. van Segbroeck et al. [eds.], The Four Gospels 1992 (BETL 100), Leuven 1992, 633-648

Schade, Hans-Heinrich; Apokalyptische Theologie bei Paulus. Studien zum Zusammenhang von Christologie und Eschatologie in den Paulusbriefen (Göttinger Theologische Arbeiten 18), Göttingen, 2., überarb. Aufl. 1984

Schnelle, Udo; Gerechtigkeit und Christusgegenwart: vorpaulinische und paulinische Tauftheologie (Göttinger theologische Arbeiten 24), Göttingen, 2., durchges. Aufl. 1986

Söding, Thomas; Die Trias Glaube, Hoffnung, Liebe bei Paulus. Eine exegetische Studie (SBS 150), Stuttgart 1992

Tuckett, C. M.; Synoptic Tradition in 1 Thessalonians?, in: R. F. Collins [ed.], The Thessalonian Correspondence (BETL 87), Leuven 1990, 160-182

vom Brocke, Christoph; Thessaloniki − Stadt des Kassander und Gemeinde des Paulus (WUNT 2. Reihe 125, Tübingen 2001

Wendebourg, Nicola; Der Tag des Herrn: Zur Gerichtserwartung im Neuen Testament auf ihrem alttestamentlichen und frühjüdischen Hintergrund (WMANT 96), Neukirchen- Vluyn 2003