Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Zweiter Korintherbrief

Der zweite Brief des Paulus an die Korinther

2 Kor 13,1-10

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

2 Kor 13,1-10

 

 

Übersetzung

 

2 Kor 13,1-10:1 Das ist das dritte Mal, dass ich zu euch komme. Durch zweier oder dreier Zeugen Mund soll jede Sache bestätigt werden. 2 Ich habe [es] vorausgesagt und sage [es wieder] voraus - wie bei meinem zweiten Aufenthalt, so auch jetzt aus der Ferne - denen, die früher gesündigt haben, und allen anderen: Wenn ich wieder komme, werde ich keine Schonung üben. 3 Ihr verlangt ja einen Beweis dafür, dass (der) Christus in mir redet, der euch gegenüber nicht schwach ist, sondern mächtig unter euch. 4 Denn er wurde zwar aus Schwachheit gekreuzigt, aber er lebt aus Gottes Kraft; so sind auch wir schwach in ihm, aber euch gegenüber werden wir mit ihm aus Gottes Kraft leben. 5 Stellt euch selbst auf die Probe, ob ihr im Glauben seid, prüft euch selbst! Oder habt ihr nicht Erkenntnis über euch, dass Jesus Christus unter euch ist? Wenn nicht, [dann] wärt ihr unbewährt. 6 Ich hoffe aber, ihr werdet erkennen, dass wir nicht unbewährt sind. 7 Wir beten aber zu (dem) Gott, dass ihr nichts Schlechtes tut; nicht damit wir als bewährt erscheinen, sondern damit ihr das Gute tut, wir aber wie Unbewährte dastehen. 8 Denn wir können nichts gegen die Wahrheit, sondern [nur] für die Wahrheit [tun]. 9 Wir freuen uns ja, wenn wir schwach sind, ihr aber mächtig seid. Um dies beten wir auch: um eure Vervollkommnung. 10 Deshalb schreibe ich euch dies aus der Ferne, damit ich bei meiner Anwesenheit nicht Strenge gebrauchen muss entsprechend der Vollmacht, die mir der Herr gegeben hat zum Aufbauen und nicht zum Niederreißen.

 

 

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V. 1

 

Beobachtungen: V. 1 wiederholt die Ankündigung des Apostels von 2 Kor 12,14, ein drittes Mal nach Korinth zu kommen. Die Ankündigung ist in V. 1 allerdings bestimmter formuliert: Paulus lässt keinen Zweifel daran, dass er tatsächlich kommt, wogegen er in 12,14 nur sagt, dass er sich zu einem Besuch bereithält. Die Rede von einem "dritten Besuch“ besagt, dass Paulus schon zweimal in Korinth gewesen ist, der Missionsaufenthalt zwecks Gemeindegründung eingerechnet. Dieser Missionsaufenthalt wäre somit der erste Aufenthalt. Der zweite Aufenthalt müsste der Besuch sein, der in 2,5-11 zur Sprache kommt und ein unrühmliches Ende fand: Paulus ist von einem korinthischen Gemeindeglied betrübt worden und deshalb vorzeitig abgereist. Ein dritter Besuch lässt sich aus den beiden Korintherbriefen nicht erschließen, sodass davon auszugehen ist, dass 13,1-10 nach dem unerfreulich verlaufenen zweiten Besuch ("Zwischenbesuch“) verfasst worden ist. Dass Paulus schon während des zweiten Aufenthaltes seinen dritten Besuch angekündigt hat, ist möglich. Allerdings geht aus 2,1-4 hervor, dass der Apostel den Besuch nicht in einer vergifteten Atmosphäre abstatten wollte. Direkt nach dem Betrübnis und der vorzeitigen Abreise hat er folglich keinen weiteren Besuch ins Auge gefasst. Folglich ist 13,1-10 sicherlich kein Bestandteil des in 2,4 erwähnten "Tränenbriefes“. Es muss eine gewisse Zeit nach der Abreise vergangen sein, und zwar vermutlich die Zeit bis zur angemessenen Bestrafung des Übeltäters. (Zur damit einhergehenden Problematik siehe die Ausführungen zu 12,14, wobei die - überflüssige? - Wiederholung der Besuchsankündigung als Argument gegen die literarische Einheitlichkeit der Kapitel 12-13 herangezogen werden kann.).

 

Der Besuch soll eine Sache bezeugen. Dabei ist unklar, was die Sache ist, die bezeugt werden soll. Auch ist nicht gesagt, wer die "zwei oder drei Zeugen“ sind, die bezeugen sollen.

Der Hinweis auf die Notwendigkeit von zwei oder drei Zeugen bezieht sich auf Dtn 19,15 (vgl. Dtn 17,6; Num 35,30), wo ausgesagt wird, dass nicht ein einzelner Zeuge gegen jemanden auftreten soll, sondern immer mindestens zwei oder drei. Die Bestimmung setzt eine Anklage voraus, wobei es die Richtigkeit der Beschuldigung zu bezeugen gilt. Im Hinblick auf 2 Kor 13,1 bedeutet dies: Bei der "Sache“ - das griechische Substantiv "rhêma“ kann auch mit "Wort“ übersetzt werden -, handelt es sich um eine Anklage. Paulus ist nicht der Angeklagte, sondern einer von zwei oder drei Zeugen, die die Richtigkeit der Beschuldigung zu bezeugen haben. Deshalb wird er nach Korinth reisen. Die Angeklagten dürften korinthische Gemeindeglieder - alle oder auch nur ein Teil von ihnen - sein.

Welches Vergehens die korinthischen Gemeindeglieder bezichtigt werden, dürfte dem unmittelbaren Zusammenhang von 2 Kor 13,1 zu entnehmen sein. Erhellend ist 12,20-21, wo Paulus klagt, dass in der korinthischen Gemeinde Streit, Eifersucht, Zornesausbrüche, Rechthabereien, Verleumdungen, Gezischel, Überheblichkeit, unordentliche Zustände und möglicherweise auch noch Unreinheit, Unzucht und Ausschweifung herrschen. Die Zustände sind vermutlich Kern der Anklage.

Sie werden durch persönliche Anwesenheit bezeugt, ein Brief reicht also nicht. Daraus ist zu schließen, dass die Schuld entweder von Angesicht zu Angesicht mündlich ("durch den Mund“) bezeugt werden muss und/oder dass jeder Zeuge sich vor Ort von der Richtigkeit der Schuld der Angeklagten überzeugen muss.

Sobald sich Paulus in Korinth aufhält, kann er durch seinen Mund das Vorhandensein von Schuld bestätigen. Dort ist er aber nur ein einziger Zeuge. Wer aber ist der andere bzw. wer sind die beiden anderen? Es kann Paulus selbst sein, aber auch andere Menschen. Für Paulus spricht, dass es der dritte Besuch ist. Zählt man jeden Besuch als Bezeugung seitens eines Zeugen (Paulus), so kommt man auf drei Zeugen. Allerdings dürfte es kaum im Sinne von Dtn 19,15 sein, dass ein und dieselbe Person als eine Mehrzahl von Zeugen gewertet werden kann, denn ein Schutz vor falscher Zeugenaussage ist nur dann gegeben, wenn verschiedene Personen als Zeugen aussagen. Auch spricht gegen die Identifizierung der drei Zeugenaussagen mit den drei Besuchen, dass schon bei dem Gründungsbesuch in der neu gegründeten korinthischen Gemeinde unhaltbare Zustände geherrscht haben müssten. Das ist jedoch unwahrscheinlich, weil Paulus bei offensichtlich fehlender Umkehr bei der Taufe dem weiteren Gemeindewachstum in Korinth wahrscheinlich einen Riegel vorgeschoben hätte. Anzunehmen ist, dass nur bei dem zweiten und dritten Besuch die Schuld der angeklagten korinthischen Gemeindeglieder bezeugt werden konnte bzw. kann. Die Ungereimtheiten legen nahe, dass es neben Paulus noch weitere Zeugen gibt, die sich persönlich in Korinth aufgehalten haben oder noch aufhalten werden. Doch wer könnten die weiteren Personen sein? Am ehesten ist an Titus, Paulus’ Mitarbeiter, und den "Bruder“ zu denken, die gemäß 12,18 Korinth besucht haben. Sie müssten sich in der dortigen Gemeinde mit den genannten Missständen konfrontiert gesehen haben. Dass dies tatsächlich der Fall war, ist jedoch unwahrscheinlich, zumindest wenn man einen Bezug zu dem in 8,16-24 erwähnten Entsendung sieht. Diese ist nämlich gerade deswegen erfolgt, weil Titus von seinem vorhergehenden Besuch in Korinth positive Nachrichten zu vermelden hatte. Sollten sich in solch kurzer Zeit die Verhältnisse dermaßen gravierend verschlechtert haben? Kritisch ist darüber hinaus anzumerken, dass in 8,16-24 noch von einem weiteren entsandten Bruder die Rede ist, der aber in 12,18 nicht erwähnt wird. Sollte sich also 12,18 nicht auf die in 8,16-24 thematisierte Gesandtschaft beziehen? Doch welcher Besuch sollte sonst im Blick sein? (Zur Problematik der zeitlichen Einordnung der in 12,18 erwähnten Gesandtschaft siehe die Beobachtungen zu dem Vers.) Möglich ist, dass Paulus den Aufenthalt seines Mitarbeiters Timotheus in Korinth (vgl. 1 Kor 4,17) im Blick hat, doch dürfte dieser bei der Abfassung von 2 Kor 13,1-10 schon eine ganze Weile zurückliegen, sofern man diesen Textabschnitt nicht in die Nähe des Ersten Korintherbriefes datiert.

Fazit: Es lässt sich nicht eindeutig klären, ob es Paulus allein ist, der mehrmals das Vorliegen der Schuld bezeugt, oder ob es mehrere verschiedene Personen sind, die bezeugen. Letztere Deutung entspricht sicherlich eher der Absicht von Dtn 19,15.

 

Dass Paulus von einer Gerichtsverhandlung im eigentlichen Sinne spricht, bei der er auftreten wird, ist nicht gesagt.

 

Weiterführende Literatur: Laut W. Rebell 1986, 143 arbeite Paulus in 2 Kor 10-13 mit auffällig vielen Wiederholungen (10,7/11,23; 10,8/13,10; 10,13/10,15; 11,1/12,11; 11,5/12,11; 12,14/13,1). Dieses Charakteristikum − sonst nirgendwo bei Paulus zu finden − erweise (neben anderen Merkmalen) den Text als Kampftext, als äußerst persuasiv angelegt, und spreche dafür, dass Paulus in einer Extremsituation stand, in der er mit einer letzten, gewaltigen Anstrengung die Gemeinde zurückgewinnen wollte.

 

L. Aejmelaeus 2000 kommt in seinem Buch bezüglich der Argumentation des Paulus mit den Begriffen "Schwachheit“ und "Kraft“ zu folgendem Ergebnis: Der Apostel verfolge zwei Ziele: Auf der einen Seite versuche er zu bewirken, dass die korinthischen Gemeindeglieder ihre falschen Auffassungen und Einstellungen von echter christlicher Kraft und Schwachheit verändern. Auf der anderen Seite versuche er sich im "Tränenbrief“ so effektiv wie möglich gegen die gegen ihn gerichtete Kritik zu verteidigen. Seine Ziele versuche Paulus durch drei verschiedene Argumentationsweisen zu erreichen: 1) Paulus drohe den Gemeindegliedern mit zukünftigen Strafmaßnahmen (vgl. 10,1-6; 12,19-13,6). 2) Paulus versuche zu beweisen, dass er bei richtiger Bewertung für "kraftvoll“ gehalten werden sollte (vgl. 10,7-11,15; 12,11-18). 3) Paulus gebe zu, dass er aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet in der Tat "schwach“ gewesen sei, diese Schwachheit ihrer Natur nach jedoch für positiv gehalten werden müsse (vgl. 11,16-12,10; 13,7-10).

 

H.-G. Sundermann 1996, 39-45 äußert sich zum rhetorischen Genus von 11,1-12,18 wie folgt: 11,1-12,18 gebe sich vordergründig als forensische Rede in einem Gerichtsverfahren zu erkennen, auf das sich Paulus − wenn auch zum Schein − in der Rolle des Angeklagten einlasse, der sich vor der richterlichen Instanz der korinthischen Gemeinde zu rechtfertigen suche. Die Gegner bzw. deren Sprecher in der Gemeinde seien in diesem Verfahren als Kläger präsent. In rhetorischen Kategorien sei in diesem Zusammenhang vom "genus turpe“ auszugehen, das denjenigen Partei-Gegenstand kennzeichne, der das Rechtsempfinden (oder: das Wert- und Wahrheitsempfinden) des Publikums schockiert. 12,19-13,13 stelle den Schluss der Rede dar. In der "peroratio“ (13,1-10) vertauschten sich die Positionen von Angeklagtem und Richter: Es sei nunmehr die korinthische Gemeinde, die Gefahr laufe, sich bei dem bevorstehenden Besuch des Paulus auf der Anklagebank wiederzufinden.

 

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V. 2

 

Beobachtungen: Einer Gerichtsverhandlung im eigentlichen Sinne widerspricht, dass Paulus als Zeuge zugleich als Richter fungiert. Auf das Feststellen der Schuld durch die zwei oder drei Zeugen folgt ein "Urteil“, d. h. aus dem Befund ergeben sich Konsequenzen, die es durchzusetzen gilt. Paulus ist derjenige, der sie durchsetzen will. Sie werden hart sein, Paulus wird keine Schonung üben. Diese harten Konsequenzen sagt Paulus in 2 Kor 13,2 nicht das erste Mal voraus, sondern er hat sie schon bei seinem zweiten Besuch vorausgesagt. Schon bei seinem zweiten Korinth-Besuch hat Paulus also schon die Missstände wahrgenommen und kritisiert. Doch warum hat er die harten Konsequenzen nur vorausgesagt und ist nicht sogleich zur Tat geschritten? Hat er in barmherziger Milde auf Besserung der Gemeindeglieder gehofft? Oder war er - vielleicht aufgrund des fehlenden Rückhaltes in der Gemeinde - nicht in der Lage, Strafen durchzusetzen? Sollte letztere Möglichkeit richtig sein, so stellt sich die Frage, warum Paulus nun so zuversichtlich bezüglich der Durchführung von Strafmaßnahmen ist, wo es doch keinen Hinweis auf eine Wandlung der Situation hin zu seinen Gunsten gibt.

 

Man kann die zwei Ankündigungen des harten Durchgreifens als Aussagen, die die Schuld der Korinther bezeugen, interpretieren. Allerdings birgt auch diese Interpretation das Problem, dass nur eine einzige Person, nämlich Paulus, als Zeuge auftritt, und sich dieser einzige Zeuge zudem nur vor der ersten "Zeugenaussage“ vor Ort ein Bild von den tatsächlichen Zuständen in der korinthischen Gemeinde gemacht hat. Eine solche persönliche Vergewisserung ist jedoch für eine vollgültige Zeugenaussage nötig, denn sonst redet der "Zeuge“ unkritisch nach, was andere berichtet haben.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 3

 

Beobachtungen: Das harte Durchgreifen erfüllt eine bestimmte Funktion, indem es beweist, dass Christus in Paulus redet. Die korinthischen Gemeindeglieder selbst verlangen einen solchen Beweis; Paulus kommt ihnen also entgegen, wobei bei dem Entgegenkommen vermutlich Ironie mitschwingt. Das harte Durchgreifen bezeugt nicht nur die Rede, sondern auch die Macht Christi. Hintergrund von V. 3 ist vermutlich der Vorwurf, dass Paulus’ Erscheinungsbild so schwächlich und seine Rede so kläglich ist - ganz im Gegensatz zu den kraftvollen Briefen (vgl. 2 Kor 10,10; 11,6). Manchen korinthischen Gemeindegliedern scheint nicht nachvollziehbar zu sein, dass in einer solch kläglichen Rede aus dem Munde eines solch schwächlichen Mannes das Wort Christi erschallen sollte. Möglich ist auch, dass seitens verschiedener Gemeindeglieder schon bei dem zweiten Besuch des Apostels ein härteres Durchgreifen im Hinblick auf die Missstände gefordert und die Milde als Schwäche der apostolischen Autorität und somit auch Christi gedeutet wurde.

 

Fraglich ist, ob die Präposition "en“ mit "unter“ oder mit "in“ zu übersetzen ist. Hier ist wohl letztere Übersetzung treffender. Zwar wirkt Gott machtvoll im getauften Menschen, sodass diese besondere Fähigkeiten wie Zungenrede, prophetische Rede usw. (vgl. 1 Kor 12,1-11) erlangen, doch hat der geplante starke Auftritt des Apostels unter den korinthischen Gemeindegliedern nichts mit den Geistesgaben zutun; vielmehr handelt es sich um einen Machterweis in der Gemeinde, also unter der Gemeindegliedern. Möglicherweise haben einige von ihnen schon bei dem zweiten Besuch des Apostels einen solchen Machterweis unter ihnen gefordert. Dann käme Paulus der Forderung jetzt nach, indem er nun doch Strafmaßnahmen gegen die Übeltäter durchsetzt. Es kann aber auch sein sich Paulus der Doppeldeutigkeit der Präposition bewusst ist und sie hier in seinem Sinne nutzt: Erwarten die Korinther, dass Gott bzw. Christus in ihnen machtvoll wirkt, so geht Paulus davon aus, dass er mittels des harten Durchgreifens unter ihnen wirken wird.

 

Weiterführende Literatur: H. K. Nielsen 1980, 137-158 definiert den Begriff "Kreuzestheologie“ als Verwirklichung der Christuszugehörigkeit allein in Schwachheit; dem Gekreuzigten nachfolgen sei also eine Nachfolge in der Sphäre Gottes. H. K. Nielsen geht der Frage nach, inwieweit die so definierte Kreuzestheologie eine haltbare Deutung der paulinischen Auffassung ist. Verhält es sich wirklich so, dass Gottes Macht und Herrlichkeit allein im Leiden und in den Bedrängnissen unter dem Vorzeichen des Kreuzes zum Ausdruck kommen? Um diese Frage zu beantworten, untersucht H. K. Nielsen Paulus’ Verwendung des Begriffs "dynamis“ ("Macht/Kraft“). Auf S. 145-147 legt H. K. Nielsen dar, dass Paulus zwei Arten von Auftreten der Gemeinde gegenüber unterscheide: Sein Auftreten könne nach außen Schwachheit widerspiegeln, es könne aber auch eine Autorität widerspiegeln, die darin gründet, dass der Apostel schon jetzt − wie Christus − aus Gottes Macht/Kraft lebt.

 

Zur Ironie bei Paulus siehe J. A. Loubser 1992, 507-521.

 

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V. 4

 

Beobachtungen: V. 4 führt V. 3 aus. Christus ist nicht schwach, sondern mächtig. Seine Schwachheit bezieht sich nur auf die Kreuzigung, die den Höhepunkt des Leidens darstellte. Die Kreuzigung und der Tod waren jedoch nicht der Schlusspunkt des Geschehens, sondern die Auferweckung von den Toten. Derjenige, der mittels seiner Kraft Christus auferweckt hat (vgl. 2 Kor 4,14 u. ö.) und auch die anderen Toten auferweckt (vgl. 2 Kor 1,9 u. ö.), ist Gott. So kann Paulus sagen, dass Christus aus Gottes Kraft lebt.

Der Apostel versteht seine Nachfolge Christi als Teilhabe am Christusgeschehen. Auch Paulus - mit "wir" meint er hier sicherlich sich selbst, wie der Bezug von V. 3 allein auf seine Person nahe legt - leidet und ist schwach. Auch Paulus wird von Gott von den Toten auferweckt werden. Da er jedoch noch nicht gestorben ist, stellt sich die Frage, ob das irdische Dasein des Apostels allein von Leid und Schwachheit geprägt ist. Paulus verneint dies. Aufgrund der Taufe befindet er sich schon im Machtbereich Gottes bzw. Christi und außerdem ist er ja von Christus persönlich als Apostel ausgesandt. Nun sagt Paulus aber nicht, dass er "mit ihm“, also mit Christus, aus Gottes Kraft lebt, sondern dass er "mit ihm“ aus Gottes Kraft leben wird. Das Futur ist nicht damit zu erklären, dass Paulus erst die Zeit nach seiner Auferweckung von den Toten im Blick hat, sondern damit, dass er ganz konkret sein noch ausstehendes Handeln den korinthischen Gemeindegliedern gegenüber im Blick hat.

 

Weiterführende Literatur: J. Lambrecht 1985, 261-269 macht philologische und exegetische Anmerkungen zu V. 4: Paulus mache in V. 4 nicht zwei getrennte Aussagen, eine über Christus und eine über sich selbst; auch vergleiche er sich nicht mit Christus. Seine Überzeugung sei, dass Christus durch ihn spreche und dass er als Apostel schwach in Christus sei, sich mit Christus jedoch als machtvoll und voller Leben erweisen werde. Vom Tod und Leben Christi komme Paulus’ Schwäche und Stärke her. Außerdem: "kai“ ("und/auch“) betone einzig und allein "hêmeis“ ("wir“); gemeint sei also "auch wir“. Und schließlich: 13,1-4 sei chiastisch aufgebaut, und zwar von Paulus (V. 1-2) zu Christus (V. 3), und von Christus (V. 4ab) zurück zu Paulus (V. 4cd). Von besonderem Interesse sei der Wechsel der Zeitformen der Verben in den V. 3-4, die folgendes Bild zeichneten: Christus ist vor langer Zeit gekreuzigt worden, der Apostel leidet jedoch noch. Christus lebt als bereits Auferstandener, wobei in Paulus das Leben des Auferstandenen bereits gegenwärtig ist. Die zukünftige Bekundung des Lebens des Auferstandenen vor den Korinthern wird, so machtvoll sie auch sein wird, nur eine schwache Vorwegnahme der Fülle des Lebens nach dem Tod sein. Zur Bedeutung des Wechsels der Zeitformen und zur Auslegung des V. 4 siehe auch P. J. Gräbe 2000, 152-159, der die Ausführungen von J. Lambrecht aufnimmt.

 

Laut O. Knoch 1983, 294-295 sei Christus auch als Heiland der Psyche und des Leibes gekommen, nicht nur als Erlöser aus Sünde und Strafe. Dem Christen eigne eine höhere Lebenskraft als dem "normalen“ Menschen. Es sei dafür aber nötig, bewusst aus der Kraft Gottes zu leben.

 

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V. 5/6

 

Beobachtungen: Paulus hält es nicht für die beste Lösung, seine Autorität zu beweisen, indem er keine Schonung übt. Er sieht die Korinther als mündige Christen an und setzt von daher an erster Stelle auf deren Selbsterkenntnis. Die mit der Selbsterkenntnis verbundene Selbstprüfung soll der Prüfung des Apostels vorausgehen. Das lässt sich vermutlich damit erklären, dass sich aus der Selbstprüfung Schlüsse im Hinblick auf die Bewährtheit des Apostels ziehen lassen.

 

Die korinthischen Gemeindeglieder sollen prüfen, ob Jesus Christus unter/in ("en“) ihnen ist. Wie sich konkret das Sein Jesu Christi unter/in den Gemeindegliedern zeigt, sagt Paulus nicht. Nicht nur die fehlende Konkretisierung bewirkt die Allgemeinheit der Aufforderung zur Selbstprüfung, sondern auch die Doppeldeutigkeit der Präposition "en“, die sowohl mit "unter“ als auch mit "in“ übersetzt werden kann. In ersterem Fall wäre das Sein Jesu Christi in der gesamten Gemeinde, also unter den verschiedenen Gemeindegliedern im Blick. Es könnte sich im Verhalten der Gemeindeglieder untereinander zeigen, beispielsweise darin, dass sie beim Herrenmahl aufeinander warten (vgl. 1 Kor 11,33). In letzterem Fall wäre das Sein Jesu Christi in den Gemeindegliedern gemeint. Es ginge dann um das Wirken Jesu Christi bzw. des Geistes Gottes in jedem einzelnen Christen, wie es sich nicht nur im zwischenmenschlichen Verhalten, sondern auch im Hinblick auf die geistlichen Gnadengaben (vgl. 1 Kor 12,1-11) zeigt.

 

Da unklar ist, worin sich konkret zeigt, dass die korinthischen Gemeindeglieder im Glauben stehen und Jesus Christus unter/in ihnen ist, kann nur eine Aussage sicher gemacht werden: Die korinthischen Gemeindeglieder sind alle getauft. Dass das Christentum aber überhaupt in Korinth Fuß gefasst hat, ist mit der Missionstätigkeit und Gemeindegründung des Paulus zu begründen (vgl. 1 Kor 3,5-6; Apg 18,1-18). Wenn die korinthischen Gemeindeglieder also erkennen, dass Jesus Christus unter/in ihnen ist, dann sind sie bewährt. Diese Bewährung lässt sich ohne das Wirken des Apostels nicht erklären, weshalb dieser folglich auch bewährt ist und seine apostolische Autorität nicht in Frage gestellt zu werden braucht. Erkennen die Gemeindeglieder aber, dass Jesus Christus nicht unter ihnen ist, dann sind sie unbewährt. Die fehlende Bewährung ihres Glaubens müssten sie vor Gott bzw. Jesus Christus verantworten. Aus der fehlenden Bewährung der Gemeinde ließe sich jedoch nicht auf die fehlende Bewährung des Apostels schließen, denn dieser hat das Evangelium unverfälscht verkündigt. Dieses Evangelium haben die Korinther angenommen, doch nun liegt es an ihnen, auch in ihrem Glauben zu stehen.

 

Wenn Paulus schreibt, dass er hofft, dass die Korinther erkennen werden, dass "wir“ - wiederum ist davon auszugehen, dass er von sich selbst spricht - nicht unbewährt sind, so hofft er nicht nur auf die Bestätigung seiner apostolischen Autorität, sondern drückt zugleich seine Hoffnung auf das Heil der korinthischen Gemeindeglieder aus. Hinsichtlich seiner eigenen Bewährung scheint er keine Zweifel zu haben.

 

Weiterführende Literatur: Mit der Bedeutung der Selbstprüfung V. 5 befasst sich P. C. Brown 1997, 175-188. Ergebnis: Paulus benutze die Rettung der korinthischen Christen als überwältigenden Beweis bei der Verteidigung seiner apostolischen Autorität und Aufrichtigkeit bei der Verkündigung. Er gehe davon aus, dass die Adressaten die Frage "Oder habt ihr nicht Erkenntnis über euch, dass Jesus Christus unter euch ist?“ mit "Ja“ beantworten. Und: Paulus halte die Möglichkeit, dass sie für unbewährt erachtet werden, für unrealistisch.

 

S. N. Olson 1984, 585-597 befasst sich mit dem Wesen und der Funktion der Ausdrücke, die Selbstbewusstsein zur Schau stellen, indem er ähnliche Ausdrücke anderer hellenistischer Literatur analysiert. Zu 13,6 (u. a.) merkt S. N. Olson auf S. 595 an, dass die Absicht des paulinischen Schreibens sei, dass die Adressaten wirklich den Charakter des Apostels erkennen.

 

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V. 7

 

Beobachtungen: Paulus betet um die korinthischen Gemeindeglieder, wobei es ihm um deren Bewährung geht und nicht um seine eigene. Das Gebet zeigt, dass der Apostel davon ausgeht, dass Gott selbst rechtes Handeln bewirkt. Ohne göttliches Wirken ist demnach alles menschliche Mühen zum Scheitern verurteilt.

Die korinthischen Gemeindeglieder sollen nicht das "Schlechte“, sondern das "Gute“ tun, wobei er nicht konkretisiert, was mit dem "Schlechten“ und mit dem "Guten“ gemeint ist. Es ist davon auszugehen, dass das "Gute“ dem Leben in der Nachfolge Christi entspricht, das "Schlechte“ nicht. Eine Aufzählung von schlechten Verhaltensweisen findet sich unmittelbar vor dem Abschnitt 2 Kor 13,1-10. So verwirft Paulus in 12,20-21 Streit, Eifersucht, Zornesausbrüche, Rechthabereien, Verleumdungen, Gezischel, Überheblichkeit, unordentliche Zustände, Unreinheit, Unzucht und Ausschweifung. Diese Verhaltensweisen, so fürchtet er, wird er bei seinem dritten Besuch in Korinth antreffen.

 

Wenn die Adressaten "Gutes“ tun, so hat Paulus selbst kein Problem damit, wie ein Unbewährter dazustehen. Der Vergleich ("wie“) macht deutlich, dass es um das Erscheinen geht; ob Paulus wirklich unbewährt wäre, wird nicht gesagt. Laut V. 6 ist Paulus wichtig, dass die Adressaten erkennen, dass er bewährt ist; seine Bewährung setzt er also voraus. Das gilt auch dann, wenn die Adressaten "Gutes“ tun. In diesem Fall steht Paulus jedoch wie ein Unbewährter da. Doch wieso sollte Paulus als Unbewährter dastehen, nur weil die korinthischen Gemeindeglieder "Gutes“ tun? Möglich ist, dass er im Vergleich zu den herausragenden korinthischen Gemeindegliedern wie ein Unbewährter dasteht. Das würde jedoch voraussetzen, dass Paulus in geringerem Maße "Gutes“ tut, was fraglich ist. Wahrscheinlicher ist, dass der Apostel meint, dass er nicht mehr als bewährt erkannt zu werden braucht, wenn die korinthischen Gemeindeglieder "Gutes“ tun. Diese müssten nämlich dann nicht mehr zurechtgewiesen werden und Paulus könnte es gleich sein, ob seine apostolische Autorität anerkannt wird oder nicht.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 8

 

Beobachtungen: In V. 8 kommt Paulus plötzlich auf die "Wahrheit“ zu sprechen, gegen die er nichts machen kann. Die "Wahrheit“ muss folglich mit dem Tun des "Guten“ in Zusammenhang stehen. Am ehesten ist anzunehmen, dass das Tun des "Guten“ aus der "Wahrheit“ folgt. Die "Wahrheit“ wäre demnach der Inhalt der Verkündigung, die frohe Botschaft (= Evangelium). Ein wesentlicher Inhalt der frohen Botschaft findet sich wohl in V. 4: Jesus Christus wurde zwar aus Schwachheit gekreuzigt, aber er lebt aus Gottes Kraft. Würden die Adressaten "Gutes“ tun und Paulus dennoch in der korinthischen Gemeinde von seiner apostolischen Autorität Gebrauch machen, so würde dies bedeuten, dass er die Gemeindeglieder von ihrem rechten Weg abzubringen sucht. Dann wäre sein Wirken gegen die "Wahrheit“, nicht jedoch für sie. Ein solches Wirken liegt Paulus jedoch fern, er ist zu ihm nicht imstande.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 9

 

Beobachtungen: V. 9 bekräftigt, dass Paulus nicht darauf aus ist, in der korinthischen Gemeinde keine Schonung zu üben und in ihr mächtig zu sein. Vielmehr freut er sich, wenn er schwach ist, die Gemeindeglieder dagegen mächtig sind - mächtig im Sinne des Wirkens von "Gottes Kraft“. Es ist kaum davon auszugehen, dass Paulus über menschliche Machtkämpfe in der Gemeinde erfreut wäre. Vielmehr ist die Macht im Zusammenhang mit der "katartisis“ zu sehen. Dieser Begriff kann mit "Einrichtung“, "Erneuerung“ oder "Vervollkommnung“ übersetzt werden. Hier sind wohl letztere beide Übersetzungen am treffendsten. Paulus betet also um die Erneuerung oder Vervollkommnung der Gemeinde. Sobald diese eintritt, kann er selbst in den Hintergrund treten.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 10

 

Beobachtungen: Eine Erneuerung oder Vervollkommnung der Gemeinde hängt aber nicht allein vom Wirken Gottes ab, sondern auch von den eigenen Anstrengungen der Gemeindeglieder. Daher appelliert Paulus mittels eines Briefes an sie, ihr Verhalten zu bessern.

 

Nochmals unterstreicht Paulus, dass er hofft, bei seiner Anwesenheit in Korinth keine Strenge gebrauchen zu müssen. Und wiederum geht er davon aus, dass ihm vom "Herrn“, also Gott oder Jesus Christus, zum Gebrauch der Strenge die Vollmacht gegeben worden ist. Die Strenge darf jedoch nur dem Gemeindeaufbau dienen, nicht der Gemeindezerstörung. Zum Gemeindeaufbau gehört sicherlich die Besserung des Verhaltens der Gemeindeglieder.

 

Weiterführende Literatur: Zum Begriff "oikodomê“ ("Erbauung/Aufbauen“) in V. 10 siehe I. Kitzberger 1986, 134-135.

 

 

Literaturübersicht

 

Aejmelaeus, Lars; Schwachheit als Waffe. Die Argumentation des Paulus im Tränenbrief (2. Kor. 10-13) (SESJ 78), Helsinki - Göttingen 2000

Brown, Perry C.; What is the Meaning of “Examine Yourself” in 2 Corinthians 13:5?, BS 154/614 (1997), 175-188

Gräbe, Petrus J.; The Power of God in Paul’s Letters (WUNT 2. Reihe 123), Tübingen 2000

Kitzberger, Ingrid; Bau der Gemeinde: Das paulinische Wortfeld oikodomê (FzB 53), Würzburg 1986

Knoch, Otto; Leibliche und seelische Gesundheit als Heilsgabe Gottes, in: Katholisches Bibelwerk [Hrsg.], Dynamik im Wort, FS aus Anlaß des 50jährigen Bestehens des Kath. Bibelwerks, Stuttgart 1983, 287-296

Lambrecht, Jan; Philological and exegetical Notes on 2 Cor 13,4, Bijdr 46/3 (1985), 261-269

Loubser, J. A.; A New Look at Paradox and Irony in 2 Corinthians 10-13, Neotest. 26/2 (1992), 507-521

Nielsen, Helge Kjaer; Paulus Verwendung des Begriffes Dunamis. Eine Replik zur Kreuzestheologie, in: S. Pedersen [Hrsg.], Die paulinische Literatur und Theologie (TeolSt 7), Arhus 1980, 137-158

Olson, Stanley N.; Epistolary Uses of Expressions of Self-Confidence, JBL 103 (1984), 585- 597

Rebell, Walter; Gehorsam und Unabhängigkeit: eine sozialpsychologische Studie zu Paulus, München 1986

Sundermann, Hans-Georg; Der schwache Apostel und die Kraft der Rede. Eine rhetorische Analyse von 2 Kor 10-13 (EHS: R. XXIII; 575), Frankfurt 1996

 

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