Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (18,23 - 21,17)

Apg 19,8-10

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 19,8-10

 

 

Übersetzung

 

Apg 19,8-10:8 Er ging dann in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und von den Dingen über das Reich (des) Gottes zu überzeugen suchte. 9 Als sich aber etliche verhärteten und sich weigerten zu glauben und den Weg vor der Versammlung schlechtmachten, trennte er sich von ihnen, nahm die Jünger mit sich und redete fortan täglich im Lehrhaus des Tyrannus. 10 Das geschah über zwei Jahre hin, so dass alle, die in der [Provinz] Asien wohnten, das Wort des Herrn hörten, Juden wie Griechen.

 

 

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V. 8

 

Beobachtungen: Im Gegensatz zur üblichen Vorgehensweise betrat Paulus nicht sofort nach seiner Ankunft in der zu missionierenden Stadt die Synagoge. Das lässt sich damit erklären, dass der Verfasser der Apg in 18,24-28 vom Wirken des "Juden“ − vermutlich Judenchristen - Apollos in Ephesus berichtet hatte. Aufgrund dessen Unkenntnis der christlichen Taufe − so der vom Verfasser der Apg nahe gelegte Zusammenhang − wussten auch die von ihm Bekehrten nichts von der christlichen Taufe, sondern nur von der Johannestaufe. Da Paulus vermutlich bald nach Betreten der Stadt mit diesen nur lückenhaft informierten Christen (?) zusammentraf, machte er sich zunächst daran, deren Kenntnislücken zu beseitigen und die fehlenden christlichen Taufen nachzuholen. Erst danach begab er sich in die Synagoge, die gewöhnlich der erste Ort der Verkündigung war. Dies war sie auch in Ephesus, da die Beseitigung einer Wissenslücke nicht mit Verkündigung des Evangeliums gleichzusetzen ist.

 

Schon auf dem Rückweg von der zweiten Missionsreise war Paulus nach Ephesus gekommen und hatte sich in der Synagoge mit den Juden unterredet. Die Bitte der Juden, längere Zeit bei ihnen zu bleiben, hatte er jedoch aus einem unbekannten Grund ausgeschlagen (vgl. 18,19-20). 19,8 nimmt in keiner Weise auf das frühere Wirken in der Synagoge Bezug. Das verwundert insofern, als Paulus nun sein Versprechen einlöste, wieder nach Ephesus zurückzukehren (vgl. 18,21). Auch wird nicht erwähnt, dass schon Apollos in der Synagoge von Ephesus freimütig geredet hatte (vgl. 18,26). Diese früheren Bekehrungsversuche scheinen im Hinblick auf 19,8-10 nicht zu interessieren. Hier geht es nur um das typische Schema Verkündigung in der Synagoge, Ablehnung des Evangeliums seitens der Juden und daraus resultierend Trennung von Juden und Christen. Möglicherweise handelt es sich bei dem Inhalt von 19,8-10 um ursprünglich eigenständiges Traditionsgut.

 

Der Codex Bezae Cantabrigiensis und eine Randglosse einer als Harklensis bezeichneten syrischen Übersetzung fügen "mit großer Kraft“ ("en dynamei megalê“) ein, stellen also heraus, dass Paulus nicht nur freimütig, sondern auch kraftvoll redete. So erscheint Paulus als eindrucksvoller Redner.

 

Paulus redete in der Synagoge freimütig über drei Monate hinweg. Dabei bleibt offen, an welchen Tagen er redete. Da nicht ausdrücklich gesagt wird, dass er dies täglich tat, ist davon auszugehen, dass er in der Synagoge nur an bestimmten Tagen redete. Am ehesten ist an die Sabbate zu denken, es ist aber nicht ausgeschlossen, dass Paulus die Synagoge auch an anderen Tagen aufsuchte.

Dass Paulus über drei Monate reden durfte, zeugt von einer gewissen Offenheit der Juden für die Verkündigung (vgl. 18,20).

 

Es bleibt offen, mit wem sich Paulus unterredete. Da die Unterredung in der Synagoge erfolgte, werden sich seine Gesprächspartner und Zuhörer in der Synagoge befunden haben. Zu dieser hatten Juden, Proselyten (= zum Judentum Übergetretene) und dem Judentum nahe stehende Nichtjuden, also Gottesfürchtige, Zutritt. Die Gesprächspartner und Zuhörer werden also zu diesem Personenkreis gehört haben. Bei seinem ersten Aufenthalt in Ephesus hatte Paulus in der Synagoge zu den Juden geredet (vgl. 18,19).

 

Das Verb "peithô“ ist genau genommen mit "überzeugen“ zu übersetzen. Demnach hätte Paulus in der Synagoge einen überwältigenden Missionserfolg erzielt. Von einem solchen Missionserfolg ist jedoch im folgenden Vers nichts mehr zu erkennen. Dort erscheint die Verkündigung eher mühsam und als von Misserfolg geprägt. Daher ist wahrscheinlich, dass in V. 8 nicht gemeint ist, dass Paulus die in der Synagoge Anwesenden überzeugte, sondern dass er sie zu überzeugen suchte.

 

"Reich (des) Gottes“ ist eigentlich keine spezifisch christliche, sondern eine auch im Judentum gebräuchliche Formulierung. Hier wird die Formulierung jedoch mit Jesus Christus in Verbindung gebracht. Wie diese christliche Vorstellung vom Reich Gottes zu denken ist, bleibt jedoch offen.

 

Weiterführende Literatur: Ausführlich mit den Abschnitten, die vom Aufenthalt des Paulus in Ephesus handeln, und mit dem Kult der Artemis von Ephesus befasst sich R. Strelan 1996, der auf S. 245-257 auf die Forschungsdiskussion zu Apg 19,8-10 eingeht.

 

G. H. R. Horsley 1992, 121-127 merkt an, dass den epigraphischen Inschriften nur wenig über das Leben von Juden in Ephesus zu entnehmen sei. Eine Synagoge sei bis heute nicht gefunden worden, wobei jedoch eine Inschrift auf die Existenz einer solchen hinweise. Trotz dieses mageren Befundes sei nicht ausgeschlossen, dass es, anderen großen Städten entsprechend, auch in Ephesus mehrere Synagogen gab. Der antike Geschichtsschreiber Josephus zumindest berichte von einer sehr großen jüdischen Gemeinde in der Stadt. Allerdings stehe zu diesem Bericht auch die geringe Zahl archäologischer Funde im Kontrast.

 

Laut E. Gräßer 1985, 709-725 gebe die Wendung "über das Reich (des) Gottes“ ("ta peri tês basileias tou theou“) wie nichts sonst Aufschluss über das sachliche Basileia-Verständnis des Lukas. Dabei stelle die Parusieerwartung in der Apg keinerlei konstitutives Motiv mehr dar. Wo noch von der Basileia die Rede sei, werde sie entweder als Schlusspunkt der Heilsgeschichte (vgl. 1,6-7), als jenseitiges Reich, in das wir durch viele Trübsale hineingehen müssen, (vgl. 14,22) oder als zentrale Chiffre für den Inhalt christlicher Predigt genannt (vgl. 1,3; 8,12; 19,8; 20,25; 28,23.31), der charakteristischerweise sofort durch den Hinweis auf den Namen Jesu ergänzt bzw. dadurch interpretiert werde (vgl. 8,12; 28,23.31). An die Stelle der von Jesus proklamierten Basileia trete der von den Aposteln propagierte "neue Weg“; an die Stelle des neuen Äon das aller religiösen Konkurrenz überlegene Christentum.

 

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V. 9

 

Beobachtungen: Die Konjunktion "hôs“ kann temporal oder kausal verstanden werden und daher entweder mit "als“ oder mit "weil/da“ übersetzt werden.

 

Das Imperfekt "sklêrynonto“ ("sie verhärteten sich“) gibt ein länger währendes Geschehen an. Die Verbform kann als Medium oder als Passiv gedeutet werden. Folglich kann die Übersetzung "sie verhärteten sich“ oder "sie wurden verhärtet“ lauten. Bei ersterer Übersetzung hätten sich "etliche“ selbst verhärtet, bei letzterer Übersetzung bliebe der Urheber der Verhärtung offen, doch wäre von Gott (oder Jesus Christus) als Urheber auszugehen.

 

"Tines“ meint eine Teilmenge von "alle“. Dabei ist nicht gesagt, wie groß die Teilmenge ist. Aus der Tatsache, dass Paulus seine Verkündigung in der Synagoge von Ephesus schließlich als erfolglos wertete und aufgab, weist darauf hin, dass ein großer Teil - wenn nicht sogar die Mehrheit - der Gesprächspartner oder Zuhörer für die Verkündigung unzugänglich war. Daher ist "tines“ hier nicht mit "einige“, sondern mit "etliche“ zu übersetzen.

 

Die christliche Lehre − eine Eigenheit der Apg − wird als "Weg“ bezeichnet. Der Verfasser der Apg scheint nicht weiter erklären zu müssen, um was für einen Weg es sich handelt. Wenn die Leser der Apg die Formulierung auch ohne Erklärung verstehen, dann muss es sich um eine allgemein gängige, geprägte Formulierung handeln. Vielleicht ist von einer Selbstbezeichnung der Christen in Damaskus und möglicherweise auch der Christen anderswo auszugehen. Ähnliche Selbstbezeichnungen begegnen auch bei den Essern in Qumran (vgl. 1QS 9,17-18; 10,20-21; CD 1,13; 2,6). Vermutlich liegt der Bezeichnung "Weg“ die Vorstellung eines Weges zugrunde, der von Heil geprägt ist und − zumindest nach christlichem Verständnis − zum ewigen Leben führt.

 

Fraglich ist, welche Menge "plêthos“ ("Menge“) meint. Der Zusammenhang lässt annehmen, dass sich die Menge in der Synagoge befand. Da von keiner Teilmenge die Rede ist, dürften alle Anwesenden, also die (Gottesdienst-)Versammlung, gemeint sein. Dafür spricht auch der bestimmte Artikel, der darauf hinweist, dass eine ganz bestimmte, bekannte Menge gemeint ist. Ob die Menge dem "Weg“ anhing oder nicht, lässt sich nicht sagen. Eine andere Deutung bietet der Codex Bezae Cantabrigiensis. Dieser liest "Menge der Völker“ ("plêthous tôn ethnôn“). Da "Völker“ gewöhnlich eine Bezeichnung für die nichtjüdischen Völker ist, hätten etliche den "Weg“ vor einer Versammlung Angehöriger verschiedener nichtjüdischer Völker schlechtgemacht. Auf diese Weise wäre die christliche Mission unter den Nichtjuden erschwert worden. Man kann den Begriff "Völker“ aber auch nur auf die in der Synagoge Versammelten beziehen. Dann wären diese zwar vermutlich Juden oder zumindest dem Judentum nahe stehend gewesen, hätten jedoch von verschiedenen Völkern abgestammt. Es wäre eine weltweite Verbreitung der Juden und ihrer Sympathisanten vorauszusetzen.

 

Die Trennung erfolgte auf der Gefühlsebene und dann auch räumlich. Dabei trennte sich Paulus nicht alleine, sondern er bewegte auch "die Jünger“ − gemeint sind hier die Jünger (= Schüler, Anhänger) Christi − zur Trennung. Da nicht ersichtlich ist, dass einige Jünger weiter in der Synagoge blieben, kann von einem Bruch zwischen Christen und Juden gesprochen werden. Dieser Bruch wurde dadurch offenbar, dass die Verkündigung des Evangeliums in Ephesus von nun an nicht mehr in der Synagoge, sondern an einem anderen Ort erfolgte.

 

Paulus fand einen neuen Ort, in dem er verkündigen konnte, nämlich eine "scholê“. Dabei scheint es sich um ein Gebäude gehandelt zu haben. Fraglich ist, ob der Begriff das ganze Gebäude meint und daher mit "Lehrhaus“ zu übersetzen ist, oder nur einen großen Raum eines Hauses, nämlich den Hörsaal.

Bei diesem Lehrhaus oder Hörsaal handelte es sich um das Lehrhaus (Schule) oder um den Hörsaal des Tyrannus, wobei der Genitiv nicht erkennen lässt, ob Tyrannus der Eigentümer des Lehrhauses oder Hörsaales war, oder ob Tyrannus in diesem als Redner oder Philosoph wirkte. Da Tyrannus in der Bibel nur hier auftaucht und uns auch ansonsten keine Informationen über ihn vorliegen, lässt sich über ihn nichts Genaueres sagen.

 

Dass ausdrücklich gesagt wird, dass Paulus im Lehrhaus oder im Hörsaal täglich redete, lässt annehmen, dass er den zeitlichen Umfang seiner Verkündigung nach dem Auszug aus der Synagoge vergrößerte. Nun war er nicht mehr nur an Sabbaten oder an bestimmten anderen Tagen tätig.

Eine u. a. vom Codex Bezae Cantabrigiensis gebotene Textvariante fügt die Information ein, dass Paulus von der fünften bis zur zehnten Stunde redete. Gemäß jüdischer Zeitrechnung beginnt der Wochentag nicht um Mitternacht, sondern mit dem Sonnenuntergang. Dieser Zeitpunkt ist auf 18 Uhr festgelegt. Der Wochentag ist grob in zwei Hälften aufgeteilt, und zwar in Nachtstunden und in Tagstunden. Die Nachtstunden umfassen die Zeit 18 - 6 Uhr. Die Tagstunden reichen von 6 - 18 Uhr. Da die Länge der Nacht- und Tagstunden im Laufe des Jahres variierte, sind dies die Mittelwerte des ganzen Jahres. Die fünfte (Tag-)Stunde beginnt demnach um 11 Uhr, die zehnte (Tag-)Stunde um 16 Uhr.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 10

 

Beobachtungen: "Asien“ ("Asia“) ist hier sicherlich nicht die Bezeichnung des Kontinentes, sondern die Bezeichnung der römischen Provinz Asien (Asia). Diese bestand aus dem Gebiet des ehemaligen Königreichs Pergamon, das 133 v. Chr. als Erbschaft an das Römische Reich gefallen war.

 

Die Formulierung "Wort des Herrn“ ("logos tou kyriou“) ist eine der vom Verfasser der Apg am häufigsten gebrauchten Wendungen. Der Genitiv kann besagen, dass das Wort vom "Herrn“ − Gott oder Jesus Christus - stammt oder den "Herrn“ zum Inhalt hat. Gemeint ist mit dem "Wort“ nicht ein einzelnes Wort, sondern eine Botschaft, nämlich die "frohe Botschaft“ (Evangelium). Sie hat göttliches Heilshandeln − insbesondere Tod und Auferstehung Christi − zum Inhalt, ist also nicht vom Menschen ersonnen. Auch die Art und Weise der Verkündigung der "frohen Botschaft“ ist nicht dem Ermessen des Menschen anheim gestellt. Soll die Verkündigung der "frohen Botschaft“ recht sein, so muss sie vom "Herrn“ bewirkt werden.

 

Fraglich ist, ob "zwei Jahre“ eine präzise Angabe ist, oder ob es sich um eine ungefähre Zeitdauer handelt. Da in der Antike angebrochene Jahre als ganze Jahre gezählt wurden, kann die Zeitdauer auch zwischen ein und zwei Jahren gelegen haben. Auch ist fraglich, ob Paulus tatsächlich bis zum Ende seines Aufenthaltes in Ephesus im Lehrhaus oder Hörsaal des Tyrannus redete. Diese offenen Fragen führen zu Unsicherheiten bezüglich der gesamten Aufenthaltsdauer des Paulus in Ephesus. Geht man davon aus, dass es sich bei den zwei Jahren um eine präzise Angabe handelt und Paulus bis zum Ende seines Aufenthaltes im Lehrhaus oder Hörsaal des Tyrannus redete, dann hat die gesamte Aufenthaltsdauer diese zwei Jahre plus drei Monate Verkündigungszeit in der Synagoge (vgl. V. 8) plus die vermutlich kurze Zeit der Aufklärung einiger Christen (?) über die christliche Taufe gewährt. Die Aufklärung über die Taufe kann aber auch parallel zur Verkündigung in der Synagoge erfolgt sein. Gemäß 20,31 hat sich Paulus in Ephesus drei Jahre lang aufgehalten. Die zeitliche Diskrepanz kann am ehesten damit erklärt werden, dass Paulus antikem Brauch gemäß das angefangene Jahr als ganzes Jahr gerechnet hat. Zwar könnte man auch davon ausgehen, dass die Angabe "zwei Jahre“ in 19,10 ungenau, nämlich etwas zu kurz ist, doch hätte Paulus bei einer Zeitdauer von zwei Jahren und einigen (konkret: neun) Monaten sicherlich antikem Brauch gemäß von drei Jahren gesprochen. Möglich ist auch, dass Paulus einige Monate lang nur Christen (?), die nur die Johannestaufe kannten, über die christliche Taufe aufgeklärt hat und diese Monate zu den zwei Jahren und drei Monaten hinzu zu zählen sind. Dies ist jedoch unwahrscheinlich, weil Paulus gewöhnlich bald nach Betreten einer zu missionierenden Stadt die dortige Synagoge aufgesucht hat, um in ihr das "Wort des Herrn“ zu predigen. Schließlich bleibt noch als Möglichkeit, dass Paulus nicht bis zum Ende seines Aufenthaltes in Ephesus im Lehrhaus oder Hörsaal des Tyrannus redete, sondern einige Monate vorher aufhörte. Dann wäre die in 19,22 genannte, unbestimmte Verweildauer des Paulus zur gesamten Aufenthaltszeit hinzu zu zählen. In dieser Zeit, in der Paulus nicht im Lehrhaus oder Hörsaal des Tyrannus geredet hätte, wäre es zum Aufruhr des Demetrius gekommen (19,23-40).

 

Unklar ist, von wem die Einwohner der Provinz Asien das "Wort des Herrn“ hörten. Der Text legt nahe, dass sie es von Paulus hörten, und zwar im Lehrhaus oder Hörsaal des Tyrannus. Allerdings wird dies nicht ausdrücklich gesagt. Folglich müssen sie es nicht unbedingt von Paulus gehört haben. Auch müssen sie es nicht unbedingt im Lehrhaus oder Hörsaal des Tyrannus gehört haben. Paulus kann in Ephesus an einem anderen Ort gepredigt haben oder aber in die Städte der Provinz gereist sein, ohne dass dies erwähnt wird. Ebenso kann sich das "Wort des Herrn“ durch Mitarbeiter des Paulus oder durch neu zum christlichen Glauben Bekehrte verbreitet haben. Ebenso ist nicht ausgeschlossen, dass Gegner des "Wortes des Herrn“ dieses geschmäht haben, so dass es sich verbreitet hat.

Ebenso ist unklar, wie "alle“ zu verstehen ist. Versteht man "alle“ wörtlich, so muss jeder einzelne Bewohner das "Wort des Herrn“ gehört haben. Dass dies der Fall war, wird von Paulus, dem Verfasser der Apg oder einer anderen Person kaum nachgeprüft worden sein und ist darüber hinaus unwahrscheinlich. Vermutlich liegt der Betonung der flächendeckenden Ausbreitung des "Wortes des Herrn“ eine missionstheologische Aussage zugrunde: In der Provinz Asien ist die Mission abgeschlossen worden. Paulus brauchte nun zum Zwecke der Bekehrung von Heiden zum christlichen Glauben nicht mehr in die Provinz Asien zurückzukehren. In welchem Maße die Predigttätigkeit tatsächlich erfolgreich war und zu zahlreichen Taufen führte, bleibt offen. Dass die Missionstätigkeit in der Provinz Asien als abgeschlossen betrachtet wurde, lässt allerdings darauf schließen, dass Paulus durchaus erfolgreich war.

 

Aus missionsstrategischer Sicht ist entscheidend, dass sich das "Wort des Herrn“ von der Hauptstadt Ephesus aus ausbreitete. In Ephesus kamen die Menschen der Provinz Asien und anderer Provinzen zusammen, von dort aus wurde das "Wort Gottes“ in der Provinz Asien und darüber hinaus verbreitet.

 

Da die "Griechen“ ("Hellênes“) den "Juden“ gegenübergestellt werden, können die "Griechen“ keine hellenisierten Juden gewesen sein. Vielmehr handelte es sich um Nichtjuden. Ob diese dem Judentum nahe standen, bleibt offen. Auf jeden Fall hörten das "Wort des Herrn“ nicht nur bestimmte "Griechen“, sondern alle.

 

Weiterführende Literatur:

 

 

Literaturübersicht

 

Gräßer, Erich; Ta peri tês basileias (Apg 1,6; 19,8), in: À cause de l’Évangile (LeDiv 123), FS J. Dupont, Paris 1985, 709-725

Horsley, G. H. R.; The Inscriptions of Ephesos and the New Testament, NT 34 (1992), 105- 168

Strelan, Rick; Paul, Artemis, and the Jews in Ephesus (BZNW 80), Berlin − New York 1996