Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (18,23 - 21,17)

Apg 19,28-34

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 19,28-34

 

 

Übersetzung

 

Apg 19,28-34:28 Als sie [das] hörten, gerieten sie voll Zorn und schrien (und sagten): "Groß ist die Artemis der Epheser!“ 29 Und die Stadt wurde von dem Tumult erfüllt, und sie stürmten einmütig ins Theater und schleppten [die] Makedonier Gaius und Aristarch mit, Reisegefährten des Paulus. 30 Als aber Paulus unter das Volk gehen wollte, da ließen ihn die Jünger nicht. 31 Auch einige von den Asiarchen, die mit ihm befreundet waren, schickten zu ihm und rieten [ihm] ab, sich ins Theater zu begeben. 32 [Dort] schrie nun alles durcheinander, denn die Versammlung war in Verwirrung, und die meisten wussten nicht, warum man zusammengekommen war. 33 Aus der Volksmenge heraus verständigte man Alexander, den die Juden vorschoben. Alexander aber winkte mit der Hand und wollte der Volksmenge eine Verteidigungsrede halten. 34 Als man aber merkte, dass er Jude war, erscholl ein einziger Ruf aus aller [Mund]. Etwa zwei Stunden lang schrien sie: "Groß ist die Artemis der Epheser!“

 

 

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V. 28

 

Beobachtungen: 19,28-34 handelt von der Reaktion der Kunsthandwerker und weiteren mit den "silbernen Artemistempeln“ befassten Arbeiter auf die Rede des Silberschmieds Demetrius, die gegen Paulus aufhetzen sollte (vgl. 19,23-27). Es zeigt sich, dass der Rede des Demetrius Erfolg beschieden war.

 

Gemäß einer vom Codex Bezae Cantabrigiensis und von einer Randglosse der Harklensis, einer syrischen Übersetzung, gebotenen Variante "gerieten sie voll Zorn, liefen auf die Straße und schrien (und sagten): …“. Demnach hat Demetrius seine Rede in einem Gebäude oder zumindest auf einem von der Straße unterschiedenen Grundstück oder Gelände gehalten. Die "Straße“ dürfte hier für die Öffentlichkeit stehen, in der sich der Zorn am schnellsten verbreiten konnte.

 

Die Artemis der Epheser (= Artemis von Ephesus) ist eine Nebenform der griechischen Artemis. Sie dürfte als asiatische "Große Mutter“ mit der phrygischen Muttergottheit Kybele verwandt sein. Insofern wurde sie mit der Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht. Erst die hellenistische Deutung dieser Göttin brachte sie mit der griechischen Artemis, der Hüterin der Jungfräulichkeit, der Göttin der wilden Tiere und der Jagd, der Quellen und der Unterwelt in Verbindung. Von der griechischen Artemis hat die ephesische ihren Namen. In der römischen Götterwelt tauchte Artemis unter dem Namen Diana auf.

 

Der Ausruf der von Demetrius Aufgestachelten erinnert an den Titel "die große Göttin“ (vgl. V. 27). Sie knüpften also an die gewaltigen Worte des Demetrius zur Majestät der Göttin Artemis von Ephesus an. Liest man 19,28-34 isoliert für sich, so scheint der Zorn der Aufgestachelten durch deren besondere Frömmigkeit motiviert. Liest man den Abschnitt aber im Lichte der Rede des Demetrius, so kommt als Hauptantriebsfeder die Angst vor einem Einkommensverlust in den Blick. Es ist davon auszugehen, dass sich die Sicht der Dinge seitens der Kunsthandwerker und weiteren mit der Herstellung von "silbernen Artemistempeln“ befassten Arbeiter nicht wesentlich von derjenigen des Silberschmieds Demetrius unterschied. Mag bei manchen Aufgestachelten auch wahre Frömmigkeit die Hauptantriebsfeder gewesen sein, so ist eine Differenzierung sicherlich nicht der Erzählabsicht des Verfassers der Apg angemessen. Dieser wollte wahrscheinlich Demetrius und die Aufgestachelten gleichermaßen als geldgierige Heuchler erscheinen lassen.

 

Das Verhalten der Epheser zeigt, dass die Heiden nur so lange anderen Göttern gegenüber tolerant waren, wie nicht ihr Einkommen und die Verehrung ihres eigenen Gottes gefährdet waren. Insofern war nicht der christliche Gott das Problem, den man in die Vielgötterwelt hätte integrieren können, sondern die Ablehnung anderer Götter seitens der Christen.

 

Weiterführende Literatur: Ausführlich mit den Abschnitten, die vom Aufenthalt des Paulus in Ephesus handeln, und mit dem Kult der Artemis von Ephesus befasst sich R. Strelan 1996, der auf S. 132-133.143-153 auf Apg 19,28-41 samt Forschungsdiskussion eingeht.

 

Zu Magie und Heidentum in der Apg siehe H.-J. Klauck 1996, der sich auf S. 117-126 mit dem Aufstand der Silberschmiede befasst.

 

C. L. Brinks 2009, 776-794 vertritt die Ansicht, dass die Aussage "die durch Hände entstandenen Götter sind keine Götter“ wohl kaum zu einem dermaßen großen Aufruhr geführt habe. Das Ausmaß des Aufruhrs sei auf dem Hintergrund der Beliebtheit des Artemis-Kultes zu verstehen. Paulus sei sich der Beliebtheit und des Einflusses des Artemis-Kultes bewusst und vergleiche auf geschickte Weise unterschwellig Artemis mit dem Gott der Christen. Er gebe den Ephesern zu erkennen, dass selbst die Verehrer der Artemis den Glauben vertreten, dass sich die Göttin mit einer mächtigeren Gottheit konfrontiert sehe.

L. J. Kreitzer 1987, 59-70 weist darauf hin, dass 50 oder 51 n. Chr. in Ephesus anlässlich der Heirat des Kaisers Claudius mit Agrippina zwei als "Cistophori“ bezeichnete Silbermünzen im Wert von drei römischen Denaren geprägt worden sind. Diese stellten in Verbindung mit weiteren Cistophori einen bedeutenden Schlüssel für das Verständnis von Apg 19,23-41 dar. Die anhand der Münzen erkennbare synkretistische Verbindung der Göttin Artemis/Diana könne das Ausmaß des Aufruhrs der Epheser erklären.

 

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V. 29

 

Beobachtungen: Der Anfang von V. 29 lautet in der ursprünglichen Fassung des Codex Bezae Cantabrigiensis "Und die ganze Stadt wurde von Schande (aischynês) verwirrt (synechythê) und …“.

 

In der Antike wurden im Theater nicht nur Tragödien und Komödien aufgeführt, sondern auch heilige Zeremonien, Musenspiele, Wettbewerbe der Zunftvereine und schließlich auch Volksversammlungen abgehalten. Im gut erhaltenen Theater in Ephesus fanden etwa 25000 Menschen Platz. Es war als nach Westen ausgerichtetes, 30 Meter hohes Halbrund in den Fuß des Berges Panayir Dağı (früher: Pion) geschlagen und schon von weitem vom Meer aus zu sehen.

 

Es wird nicht ausdrücklich gesagt, wer ins Theater stürmte, wer "sie“ sind. In V. 28 waren die Kunsthandwerker und die weiteren Arbeiter die Handelnden. Folglich dürften sie und Demetrius auf jeden Fall zu denen gehört haben, die ins Theater stürmten. Da in V. 29 aber von der Stadt die Rede ist, dürfte auch die Stadt, also weitere Einwohner von Ephesus, ins Theater gestürmt sein.

 

Die Einmütigkeit lässt zunächst an eine starke und entschlossene Versammlung denken, die ein zielgerichtetes Handeln im Sinn hatte und sich ihrer Sache und sicher war. Es schien klar zu sein, warum man sich im Theater versammelte.

 

Der Name Gaius taucht auch in 1 Kor 1,14, in Röm 16,23, in Apg 20,4 sowie in 3 Joh 1 auf. Mit welchem der in diesen Texten erwähnten Personen namens Gaius könnte der in Apg 19,29 genannte identisch sein? Wir haben als einzige Information zu dem in Apg 19,29 genannten Gaius, dass dieser aus Makedonien stammte. Der in 1 Kor 1,14 genannte Gaius wurde von Paulus in Korinth getauft. Korinth lag nicht in der römischen Provinz Makedonien, sondern in der römischen Provinz Achaia. Zwar mag der von Paulus getaufte Gaius umgezogen sein, dennoch ist eine Identität mit dem in Apg 19,29 genannten eher unwahrscheinlich. Auch der in Röm 16,23 die römischen Christen grüßende Erastus wird nicht mit Makedonien in Verbindung gebracht. Da der Abfassungsort des Römerbriefes unbekannt ist, ist auch der Aufenthaltsort des in Röm 16,23 genannten Gaius zum Zeitpunkt des Grußes unbekannt. Geht man von Korinth als Abfassungsort des Römerbriefes aus, wofür einiges spricht, dann wäre der in Röm 16,23 genannte Gaius eher mit dem in 1 Kor 1,14 als mit dem in Apg 19,29 genannten zu identifizieren. Bleibt noch eine mögliche Identität mit dem in Apg 20,4 genannten Gaius. Dieser stammte aus der Stadt Derbe, die in der Landschaft Lykaonien lag und vermutlich zur Provinz Galatien (in der heutigen Türkei) gehörte. Insofern spricht nichts für eine Identität. Eine solche nimmt nur die ursprüngliche Fassung des Codex Bezae Cantabrigiensis an, die den Gaius aus Derbe aus der makedonischen Stadt Dubero stammen lässt. Diese Textvariante dürfte jedoch eine sekundäre Angleichung von zwei sich widersprechenden Herkunftsangaben sein. Dass der in 3 Joh 1 genannte Adressat des Dritten Johannesbriefes mit dem in Apg 19,29 genannten identisch ist, dürfte schon wegen der späten Abfassungszeit des Dritten Johannesbriefes ausgeschlossen sein. Fazit: Wahrscheinlich ist der in Apg 19,29 genannte Gaius mit keiner der anderswo im NT genannten Personen namens Gaius identisch.

 

Der in Apg 19,29 genannte Aristarch kann durchaus mit dem in 20,4 und 27,2 genannten identisch sein. Der in 20,4 genannte stammte ebenso wie der in 27,2 genannte aus Thessalonich, einer Stadt in Makedonien, wobei letzterer Vers Aristarch ausdrücklich als "Makedonier“ bezeichnet. Ebenfalls wird ein Aristarch in Phlm 24 und in Kol 4,10 erwähnt. Der in Phlm 24 genannte Aristarch lässt Grüße an Philemon, den Adressaten des Philemonbriefes, ausrichten, und der in Kol 4,10 genannte Aristarch wird als "Mitgefangener“ des sich als Paulus ausgebenden Verfassers des Briefes an die Kolosser bezeichnet. In beiden Versen findet sich keine Angabe zur Herkunft des jeweils genannten Gaius, weshalb sich nichts zu einer möglichen Identität mit dem in Apg 19,29 genannten Aristarch sagen lässt.

 

Die Tatsache, dass der in Apg 20,4 genannte Gaius aus Derbe - und damit nicht aus Makedonien - stammte, hat zu zwei von wenigen Minuskeln gebotenen Textvarianten geführt: Die eine Textvariante liest statt des Plurals "Makedonas“ den Singular "Makedona“, womit ausgesagt wird, dass nur Aristarch Makedonier war. Die andere Textvariante bietet "Makedonias“, also die Herkunftsangabe "aus Makedonien“, die nur auf Aristarch bezogen werden kann.

 

Da weder Gaius noch Aristarch bisher in der Apg erwähnt wurden, jedoch in 19,29 als Reisegefährten (synekdêmoi) des Paulus bezeichnet werden, stellt sich die Frage, von wo an sie Paulus begleitet haben. Eine Antwort auf diese Frage lässt sich nicht erschließen. Man kann nur sicher sagen, dass Gaius und Aristarch in Ephesus Reisegefährten des Paulus waren. Wenn sie erst in Ephesus zu Paulus hinzugestoßen wären, hätten sie mit diesem aber noch keinen Abschnitt der Reise gemeinsam zurückgelegt. Sofern sie schon vorher zu ihm gestoßen sind, verwundert, dass sie nicht bereits vorher erwähnt wurden. Spielten sie bei der Mission nur eine untergeordnete Rolle, so dass sie erst in Zusammenhang mit dem Aufruhr des Demetrius erwähnt werden, bei dem sie plötzlich in den Mittelpunkt rückten?

Auch in 2 Kor 8,19 findet sich das Wort "synekdêmos“. Hier ist eine Person gemeint, die Paulus mit der Kollekte nach Jerusalem begleiten soll. Eine solche Verbindung mit der Kollekte ist in Apg 19,29 nicht ersichtlich. Mit der Kollekte werden nur Timotheus und Erastus in Verbindung gebracht (vgl. 19,22).

 

Es bleibt offen, warum die aufgebrachten Epheser gerade Gaius und Aristarch mit sich ins Theater schleppten. Hielten sie diese für besonders enge Mitarbeiter des Paulus, den sie anstelle des unauffindbaren Paulus bestrafen wollten? Eine solche Deutung ist möglich, doch würde sie weitere Reisegefährten oder Mitarbeiter des Paulus voraussetzen. Ob es solche gab, ist nach der wohl anzunehmenden Abreise des Timotheus und Erastus fraglich. Außerdem hätten die Epheser den beiden Reisegefährten des Paulus dann größere Bedeutung als der Verfasser der Apg beigemessen. Wahrscheinlicher ist, dass die Epheser von Gaius und Aristarch wussten, dass sie Reisegefährten des Paulus waren. Dass sie gerade diese beiden ergriffen, mag weniger mit deren besonderen Bedeutung als vielmehr damit zusammengehangen haben, dass sie nur dieser beiden habhaft werden konnten, oder dass Gaius und Aristarch die einzigen in Ephesus verbliebenen Begleiter des Paulus waren. Da sie Paulus nicht auffinden konnten, mussten Gaius und Aristarch als "Sündenböcke“ herhalten.

 

Weiterführende Literatur: Mit der Bedeutung des Begriffs "homothymadon“ ("einmütig“) in der Apg befasst sich S. Walton 2004, 89-105. Mehrheitlich werde angenommen, dass die Bedeutung von "homothymadon“ im klassischen Griechisch zwar "einmütig“ sei, jedoch in der Septuaginta und im NT eine Bedeutungsverschiebung hin zum abschwächenden "gemeinsam“ festzustellen sei. Nur eine Minderheit vertrete die Ansicht, dass in der Septuaginta "homothymadon“ zwar "gemeinsam“ bedeute, in der NT jedoch die Bedeutung "einmütig“ vorliege. Höchstens für Apg 5,12 und 15,25 sei die Bedeutung "gemeinsam“ anzunehmen. N. Walton kommt zu einem differenzierteren Ergebnis: Gewöhnlich sei nicht nur die Gemeinsamkeit des Ortes gemeint, sondern es schwinge auch die Eintracht im Denken und Handeln mit. Der gemeinsame Ort sei nur in 2,46 vorrangig im Blick. Die gemeinsame Handlung oder Entscheidung stehe dagegen in 12,20 und in 15,25 im Vordergrund. In 8,6; 18,12; 19,29 sei diese Bedeutung ebenso möglich wie die Bedeutung "eines Sinnes“. Letztere Bedeutung liege am ehesten in 1,14; 4,24; 5,12 vor, darüber hinaus wahrscheinlich auch in 7,57; 15,25 und vielleicht auch in 8,6; 18,12; 19,29.

 

R. Selinger 1997, 242-259 untersucht mit einer an profanen Texten geübten rechtshistorischen Methode, ob und in welchem Maß behauptete Fakten in der Demetriosgeschichte objektiv plausibel erscheinen. Ergebnis: Die Darstellung des literarischen Dramas sei wirklichkeitsnah und beim Autor müsse ein großes Detailwissen von Theorie und Praxis griechischer Stadtverwaltung vorausgesetzt werden.

A. Weiß 2009, 69-81 bestätigt das hohe Maß an Lokalkolorit in 19,23-40, leuchtet den historischen Hintergrund der Erzählung jedoch mit Hilfe einer der bedeutendsten ephesischen Inschriften weiter aus. So habe sich im Jahre 44 n. Chr. der Statthalter der Provinz Asia, Paullus Fabius Persicus, genötigt gesehen, ein strenges Schreiben an die Epheser zu richten und die miserable Finanzverwaltung der Stadt, von der in erster Linie das Artemision betroffen gewesen sei, zu maßregeln. Wahrscheinlich sei der Erlass des Prokonsuls (I. Ephesos 18a, Z. 2) sogar von noch höherer Stelle, nämlich vom Kaiser Claudius, veranlasst gewesen, was die Tragweite der ephesischen Misswirtschaft und die Bedeutung der Affäre unterstreichen würde. Diese einige Jahre vor dem Aufstand der Silberschmiede erlittene Demütigung der Epheser durch das Edikt des Paullus Fabius Persicus, dessen Text für jedermann nachlesbar in mehrfacher (am Theater in zweifacher) Ausfertigung öffentlich ausgestellt worden sei, bilde die Folie, vor der man die (Über-)Reaktion der ephesischen Stadtbevölkerung erklären könne.

 

R. Oster 1984, 233-237 weist die verschiedentlich geäußerte Vermutung zurück, dass ein etwa aus dem Jahre 160 n. Chr. stammender Erlass des Popillius Carus Pedo, Prokonsul der Provinz Asia, der eine Missachtung des Artemiskultes offenbare, mit Apg 19,23-41 oder dem Erstarken des Christentums Mitte des 2. Jh.s n. Chr. zu verbinden sei.

 

É. Delebecque 1983, 419-429 hält die Textvarianten des Codex Bezae Cantabrigiensis in Apg 19,24-40 nicht einfach nur für Varianten oder gar für Glossen, sondern führt sie auf Lukas selbst zurück. Die Textfassung des Codex sei dem Bemühen des Lukas entsprungen, seinen Text auszufeilen und zu verbessern.

 

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V. 30

 

Beobachtungen: Das Substantiv "dêmos“ bedeutet gewöhnlich "Volk“ oder "Volksversammlung“. Der spontane und aggressive Charakter der Versammlung lässt daran zweifeln, dass es sich um eine ordentliche Volksversammlung handelte. Wahrscheinlicher ist, dass "dêmos“ hier als "Volk“ im Sinne einer Volksmenge zu verstehen ist, die sich spontan versammelt hat.

 

Es heißt nicht, dass Paulus ins Theater gehen wollte, sondern es heißt, dass er unter das "Volk“ gehen wollte. Er wollte sich also mitten unter die wütenden Einwohner von Ephesus begeben. Warum er dies tun wollte, bleibt offen. Es lässt sich nur sicher sagen, dass er bereit war, die Gefahr auf sich zu nehmen, in der sich Gaius und Aristarch befanden. Wollte Paulus sich, seine Reisegefährten und/oder das Christentum verteidigen? Oder wollte er sich für die Unversehrtheit seiner Reisegefährten einsetzen? Oder wollte er solidarisch das gleiche Schicksal wie seine Reisegefährten erleiden?

 

Es bleibt zwar offen, wem die "Jünger“ (= "Schüler“; "mathêtai“) anhingen, doch weist die enge Verbindung zu Paulus darauf hin, dass es sich um Anhänger Jesu Christi handelte. Es kann sich auch zugleich um Anhänger des Paulus gehandelt haben, doch ist fraglich, ob dieser tatsächlich als geistlicher Lehrer eine Anhängerschar (= Schülerschar) um sich geschart hatte. Diese "Jünger“ wollten nicht, dass sich Paulus der Gefahr aussetzte, vermutlich weil sie nicht den Verlust des für die Ausbreitung und Stärkung des Christentums so unverzichtbaren Missionars riskieren wollten.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 31

 

Beobachtungen: Das Verb "parekaloun … mê…“ kann entweder mit "sie baten ihn, nicht … zu…“ oder mit "sie ermahnten ihn, nicht … zu …“ oder auch mit "sie rieten ihm ab,…zu… (= sie rieten ihm, nicht … zu …“) übersetzt werden.

 

Der Begriff "Asiarchen“ zeigt an, dass es sich um Persönlichkeiten handelte, die in der Provinz Asien (= Asia) eine Führungsposition ("archos“ = "Führer/Anführer“) inne hatten. "Asiarchen“ (und auch die Pendants anderer Provinzen) sind zwar außerhalb der Bibel vielfach bezeugt, doch ist deren genaue Aufgabe unklar, zumal sie sich im Laufe der Zeit gewandelt zu haben scheint. So können die Asiarchen, die vermutlich der wohlhabenden Oberschicht von Ephesus angehörten, profane oder kultische Leitungsfunktionen inne gehabt haben. Dass der Verfasser der Apg von der Existenz der Asiarchen wusste, mag ein Hinweis darauf sein, dass er von den Begebenheiten in Ephesus gute Kenntnisse hatte. Möglich ist aber auch, dass er nur die Bezeichnung "Asiarchen“ kannte, weil sie ihm bei der Übernahme eines überlieferten Berichts von den Ereignissen in die Apg vorgegeben war, darüber hinaus aber nichts über die Asiarchen wusste.

 

Fraglich ist, wen oder was die Asiarchen zu Paulus schickten. Handelte es sich um einen Brief, in dem sich die Mahnung fand, oder schickten sie Boten, durch sie mahnen ließen?

 

Welcher Religion die mit Paulus befreundeten Asiarchen anhingen, lässt sich nicht sagen. Dass sie seine Freunde waren und ihn vor Gefährdungen bewahren wollten, lässt auf ein positives Verhältnis zum Christentum schließen. Sie können selbst Christen gewesen sein, zumal sie ja nicht an dem Tumult teilgenommen zu haben scheinen. Dies ist allerdings angesichts der christenfeindlichen Stimmung in Ephesus nicht wahrscheinlich, zumal sich die Frage stellt, ob Christen überhaupt das Amt des Asiarchen innehaben durften. Daher scheint am wahrscheinlichsten zu sein, dass es sich bei den mit Paulus befreundeten Asiarchen um Heiden handelte, die dem Christentum gegenüber offen und positiv eingestellt waren und vielleicht nur wegen ihres Ansehens in der Stadt und wegen ihres Amtes nicht formal zum Christentum übertraten. Mindestens sahen sie das Christentum nicht als eine Gefahr an. Dass Paulus aber überhaupt in dieser oberen Gesellschaftsschicht Freunde hatte, zeigt, dass er und seine Lehre in Ephesus einigen Einfluss erlangt hatten. Vielleicht wurde die Freundschaft dadurch befördert, dass Paulus − zumindest nach dem Zeugnis der Apg (16,37; 22,25-30; 25,10-12) − römischer Bürger war. Dies mag auch der Grund dafür gewesen sein, dass sich befreundete Asiarchen um seine Unversehrtheit sorgten, vielleicht nicht wegen, sondern trotz seines christlichen Glaubens.

Dass die Asiarchen Paulus davon abrieten, sich ins Theater zu begeben, muss nicht unbedingt nur mit der Sorge um seine Unversehrtheit begründet werden. Ebenso werden die Asiarchen Interesse daran gehabt haben, dass der Tumult nicht weiter angeheizt wurde. Und schließlich kommt

 

Die befreundeten Aristarchen rieten Paulus ab, sich ins Theater zu begeben. Gemäß V. 30 wollte Paulus unter das Volk gehen. Ist daraus zu schließen, dass "sich ins Theater begeben“ mit "unter das Volk gehen“ gleichzusetzen ist? Oder rieten die Aristarchen Paulus nicht nur ab, mitten unter das Volk zu gehen, sondern sich überhaupt in das Theater zu begeben und so in die Nähe des Volkes zu kommen?

 

Das Verhalten der Aristarchen steht im Kontrast zum Verhalten des einfachen Volkes, insbesondere der Handwerker, die mit dem Artemiskult einen beträchtlichen Gewinn erzielten. Will der Verfasser der Apg damit aussagen, dass der christliche Glaube zwar eine Herausforderung für die heidnische Bevölkerung und ihren Glauben darstellte, jedoch nicht für den römischen Staat und seine Institutionen?

 

Weiterführende Literatur: Mit der Bedeutung des Titels "Asiarch“ befasst sich R. A. Kearsley 1994, 363-376. Bisher habe man angenommen, dass eine Nennung dieses Titels in der "Geographie“ des Strabo neben der Apg der einzige Beleg der "Asiarchen“ vor dem Ende des 1. Jh.s n. Chr. sei. Hilfreicher als die literarischen und numismatischen Belege seien laut R. A. Kearsley bei der Deutung des Titels die epigraphischen Belege, die er aufführt und untersucht. Ergebnis: Bei dem "Asiarchen“ habe es sich um eine feststehende Bezeichnung für ein konkretes Amt gehandelt. Die "Asiarchen“ hätten in den Stadträten Anträge gestellt und hätten dem Rat und der Volksversammlung gegenüber Verpflichtungen wie die Weihe eines Gebäudes oder die Errichtung einer Statue übernommen. Der Aufgabenbereich habe sich auf die jeweilige Stadt, nicht aber auf die Provinz erstreckt. Entgegen der bisher verbreiteten Annahme sei "Asiarch“ kein Synonym für den "archiereus“ der Provinz Asien oder den Hohenpriester des Kaiserkultes in der Provinz. Der Gebrauch des Begriffs in der Apg sei anachronistisch. Die These, dass der "Asiarch“ ("asiarchês“) mit dem für den Kaiserkult in der Provinz Asien zuständigen "Hohenpriester Asiens“ ("archiereus Asias“) gleichzusetzen sei, stellt auch S. Witetschek 2009, 334-355 infrage. Er geht von einem eigenständigen Amt aus, das es wohl schon vor 89/90 n. Chr. gegeben habe, das jedoch mit der Weihe des Tempels für den Kaiserkult neue Bedeutung bekommen habe. In Apg 19,31 spiele weniger eine bestimmte Amtsfunktion eine Rolle, als vielmehr die Tatsache, dass die "Asiarchen“ Freunde des Paulus waren. Die Erwähnung der "Asiarchen“ weise darauf hin, dass Apg 19 weniger die historischen Umstände der Zeit des Paulus als vielmehr diejenigen der Zeit des Lukas, der die Apg wohl Ende des 1. Jh.s n. Chr. in Ephesus verfasst habe, wiederspiegele. Darauf weise auch die Erwähnung der Stadt Ephesus als "Tempelhüterin“ ("neôkoros“) der Artemis von Ephesus hin. Die Stadt habe als "Tempelhüterin“ des Kaiserkultes der Provinz eine neue Würde bekommen, was nicht geheißen habe, dass der Artemiskult unter dem Kaiserkult gelitten hat. Ganz im Gegenteil: Die Stadt sei zugleich als "Tempelhüterin“ der Artemis bekannt gewesen.

Zum Prestige der "Asiarchen“ als die Ersten der Provinz Asia und Leiter der Provinzfestspiele siehe P. Lampe 1992, 62-63.

 

Laut C. S. Keener 2006, 134-141 seien die Asiarchen nicht im eigentlichen Sinne Freunde des Paulus gewesen, sondern es habe sich um Patrone des Paulus gehandelt. Dieser sei somit ein Klient der Asiarchen gewesen. Die Asiarchen hätten möglicherweise Paulus und seine Mitstreiter öffentlich unterstützt und vielleicht zum Unterhalt des Lehrhauses des Tyrannus (vgl. Apg 19,9) beigetragen.

 

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V. 32

 

Beobachtungen: Es bleibt offen, was alles durcheinander geschrien wurde. Konkrete Strafforderungen Paulus und seinen Reisegefährten gegenüber können es nicht gewesen sein, weil diese die Kenntnis über den Grund der Versammlung vorausgesetzt hätten. Vermutlich ist für die Auslegung des Textes von keinerlei Belang, was durcheinander geschrien wurde. Von Interesse ist wohl nur, dass durcheinander geschrien wurde, wodurch die Versammlung geistlos und chaotisch erscheint.

 

Der Begriff "ekklêsia“ bedeutet hier ganz profan "Versammlung“, also nicht "Gemeinde“ oder "Kirche“. Dabei bleibt offen, ob es sich um eine formale Volksversammlung oder um eine spontane, nicht formal einberufene handelte.

 

Der Codex Bezae Cantabrigiensis bietet "hoi pleistoi“ ("die meisten“) statt "hoi pleious“ ("die meisten“). Vermutlich ist die Bedeutung dieselbe. Zwar ist auch möglich, dass "hoi pleistoi“ hier die Bedeutung "die gewöhnlichsten“ oder "die das meiste Ansehen hatten“ hat und somit entweder die schlichtesten Leute oder selbst die mit dem meisten Ansehen nicht wussten, warum man sich versammelt hatte, doch folgen beide Deutungen nicht der üblichen Wortbedeutung.

 

Das Subjekt zu "ouk êdeisan“ ("sie wussten nicht“) ist "hoi pleious“ ("die meisten“). Da kein Subjektwechsel zu erkennen ist, ist zunächst anzunehmen, dass auch das Subjekt zu "synelêlytheisan“ ("sie hatten sich versammelt“) "hoi pleious“ ist. Nun hatten sich aber nicht nur die meisten im Theater Anwesenden versammelt, sondern alle im Theater Anwesenden. Insofern ist statt der Übersetzung "die meisten wussten nicht, warum sie (= die meisten) zusammengekommen waren“ die Übersetzung "die meisten wussten nicht, warum man zusammengekommen war“ angemessen.

 

Die im Theater Versammelten erscheinen als Kontrast zu den Christen: Die Christen gründeten auf einem Sinn und wussten, dass sie wegen ihres christlichen Glaubens in Gefahr geraten waren. Die im Theater versammelten Heiden dagegen hatten zwar alle einen Glauben, nämlich den an die Artemis von Ephesus, doch verhielten sie sich wie Menschen, die nicht eines Sinnes sind und die Beweggründe ihres Handelns nicht verstehen und nur blindlings anderen Menschen gefolgt sind.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 33

 

Beobachtungen: Das Verb "symbibazô“ dürfte in V. 33 "unterrichten/verständigen“ oder "den Anlass erklären“ bedeuten. Allerdings bleibt offen, von was Alexander unterrichtet bzw. verständigt wurde. Die Erklärung des Anlasses könnte im Hinblick darauf erfolgt sein, dass die Juden Alexander vorschoben. Allerdings wäre der Anlass für das Vorschieben sicherlich von den Juden, nicht aber aus der − vermutlich heidnisch gedachten − Menge heraus erklärt worden. So ist wahrscheinlicher, dass Alexander aus der Menge heraus verständigt wurde, dass er die Rede halten und sich dafür wohl auch an einen bestimmten Platz, vielleicht zu einer Rednertribüne, begeben durfte.

Diese Unklarheit bezüglich der Bedeutung des Verbs "symbibazô“ mag zu der Textvariante geführt haben, die "proebibasan“ ("sie führten vor / schoben vor“) statt "synebibasan“ ("sie unterrichteten/verständigten“) bietet. Allerdings führt diese Variante zu einer Wiederholung des Geschehens: Alexander wurde zunächst von Juden und dann von anwesenden Anhängern der Artemis von Ephesus vorgeschoben. Eine weitere, von der ursprünglichen Fassung des Codex Bezae Cantabrigiensis gebotene Textvariante liest "katebibasan“ ("schickten herunter“), geht also anscheinend davon aus, dass sich Alexander auf eine Rednertribüne begeben hatte. Allerdings wäre er gemäß der von V. 33 gebotenen Abfolge der Ereignisse dann von der Rednertribüne herunter geschickt worden, bevor er sich Gehör zu verschaffen suchte. Dies ist nicht wahrscheinlich.

 

Das Subjekt zu "synebibasan“ ("sie unterrichteten/verständigten“) scheint angesichts des fehlenden Subjektwechsels zunächst "hoi pleious“ ("die meisten“) zu sein. Da aber gänzlich unklar ist, ob tatsächlich gerade diejenigen, die nicht wussten, warum man sich versammelt hatte, die Handelnden waren, ist hier der Übersetzung "Aus der Volksmenge heraus verständigten sie (= die meisten)…“ die Übersetzung "Aus der Volksmenge heraus verständigte man…“ vorzuziehen. Nun ist aber auch möglich, dass das Verb in "ek de tou ochlou“ ("aus der Volksmenge“) enthalten ist. So kann man nämlich "ek de tou ochlou“ zu "tines ek de tou ochlou“ ("einige aus der Volksmenge“) ergänzen. Dann lautet die Übersetzung "Einige aus der Volksmenge verständigten…“. Aufgrund der notwendigen Ergänzung ist diese Übersetzung aber nicht die nahe liegendste.

 

Das Substantiv "ochlos“ bedeutet "Menschenmenge“ oder "Volksmenge“. Eine formale Zusammenkunft der "Menschenmenge“ bzw. "Volksmenge“ geht aus dem Substantiv nicht hervor.

 

Es ist fraglich, wen Alexander mittels einer Rede verteidigen wollte: Paulus und/oder seine Reisegefährten? Sich selbst? Die Juden? Wenn Alexander sich selbst hätte verteidigen wollen, dann hätte der Verfasser der Apg sicherlich zu erkennen gegeben, wieso er sich persönlich verteidigen musste. Der Verfasser der Apg lässt aber gänzlich offen, ob sich Alexander etwas hat zuschulden kommen lassen, und inwiefern die Schuld mit dem von den Christen gepredigten Glauben zusammenhing. Dass die Juden Alexander zur Verteidigung des Paulus vorschoben, ist insbesondere dann nachvollziehbar, wenn sie dem Christentum nahe standen oder sogar Judenchristen waren. Ob dies der Fall war, lässt sich nicht erschließen. Die Juden können auch Sorge gehabt haben, dass der Zorn der Heiden sich auch gegen die Juden richten könnte und sich daher zur Verteidigung des Paulus und/oder seiner Gefährten veranlasst gesehen haben. Doch warum sollten die Juden bei einem Aufruhr, der den Christen galt, auf die Idee kommen, sich selbst zu verteidigen? Zunächst ist anzumerken, dass die Juden anscheinend nicht befürchteten, mit ihrem Erscheinen im Theater Kopf und Kragen zu riskieren. Entweder gingen sie davon aus, dass sie seitens der Heiden von den Christen unterschieden würden, oder sie wussten nicht, wer oder was den Tumult verursacht hatte und wollten sich davon vor Ort ein Bild machen. Sollte ersteres der Fall gewesen sein, dann dürften die Juden bezüglich der Unterscheidung schon Erfahrung gesammelt haben. Eine solche Unterscheidung wäre allerdings unwahrscheinlich gewesen, wenn es sich bei den "Juden“ um den Christen nahe stehende Juden oder um Judenchristen gehandelt hätte. Bei den "Juden“ hätte es sich in diesem Fall wohl um Juden gehandelt, die sich von den Christen abgrenzten. Sie könnten aus Neugier, Schadenfreude und/oder Abneigung den Christen gegenüber ins Theater gekommen sein. In der im Theater versammelten heidnischen Volksmenge könnte aber seitens der Heiden auch ein argwöhnischer Blick auf die Juden geworfen worden sein, weil diese wie die Christen Götzenbilder ablehnten. Möglich ist, dass sie deswegen von Heiden mit Worten oder sogar handgreiflich angegangen wurden und sich zur Selbstverteidigung aufgefordert gesehen haben. Für eine Verteidigungrede hätten sie dann Alexander vorgeschickt. Wenn sich die Juden allerdings vor Ort ein Bild über den Grund des Tumultes machen wollten, ohne dass sie schon Paulus und seine Reisegefährten als Grund ausgemacht hatten, dann wären sie im Theater wider Erwarten in Bedrängnis gekommen. Aus der überraschenden Bedrängnis heraus hätten sie sich dazu veranlasst gesehen, sich selbst zu verteidigen und Alexander dafür vorzuschicken.

Warum die Juden gerade Alexander für die Verteidigungsrede vorschoben, bleibt offen. Hielten sie ihn für einen besonders überzeugenden Redner? Oder genoss Alexander − vielleicht als Ältester − unter den Juden ein besonderes Ansehen? Oder war Alexander derjenige, der sich gegen die anspruchsvolle und gefährliche Aufgabe am wenigsten wehrte?

Dass es einen solchen Tumult vor der Ankunft des Paulus und seiner Reisegefährten in Ephesus auch gegen die Juden gegeben hat, lässt sich nicht erschließen. Wahrscheinlich ist, dass sich Heiden und Juden in Ephesus mehr oder weniger tolerierten. Dieser Friede mag nach der Ankunft des Paulus samt seiner Mitarbeiter wegen deren Missionsbemühungen gestört worden sein.

 

Die Handbewegung dürfte den Zweck gehabt haben, sich in dem Tumult Gehör zu verschaffen. Zum einen musste Alexander mit der Handbewegung Aufmerksamkeit erregen, zum anderen musste der Lärm verstummen.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 34

 

Beobachtungen: Von Alexander wird nichts weiter gesagt, als dass er Jude war. Deshalb bleibt offen, weshalb gerade er vorgeschoben und unterrichtet wurde. Der Name "Alexander“ taucht zwar im NT an mehreren Stellen auf, doch gibt es keine Hinweise darauf, dass der in Apg 19,34 genannte Alexander ebenfalls an einer anderen biblischen Stelle genannt wird. Entweder taucht der Name Alexander im Rahmen eines Geschehens auf, das sich weit von Ephesus entfernt abspielte (Mk 15,21; Apg 4,6), oder es bleibt offen, ob es sich um einen Juden handelte (1 Tim 1,20; 2 Tim 4,14-15). Der in 1 Tim 1,20 erwähnte Alexander taucht zwar im Zusammenhang mit der Stadt Ephesus auf, allerdings in einem erst viele Jahrzehnte nach den in Apg 19,28-34 berichteten Ereignissen verfassten Brief. Die Erwähnung in einem erst spät abgefassten Brief spricht auch dagegen, dass der in 2 Tim 4,14-15 genannte Alexander mit dem in Apg 19,33-34 genannten identisch sein könnte.

 

Woran die versammelten Heiden merkten, dass Alexander Jude war, geht aus dem Text nicht hervor. Merkten sie dies, weil er sich noch in der Nähe der anderen Juden aufhielt oder weil er von diesen kam? Oder merkten sie dies aufgrund äußerer Merkmale, die Juden als solche erkenntlich machten? Anhand seiner Worte werden sie dies nicht gemerkt haben, weil der Text nicht erkennen lässt, dass Alexander tatsächlich zum Reden gekommen ist. Bevor er die Verteidigungsrede beginnen konnte, scheint Alexander durch das Geschrei der Verehrer der Artemis von Ephesus mundtot gemacht worden zu sein.

 

Dass die Verehrer der Artemis von Ephesus den Juden Alexander nicht zu Wort kommen ließen, zeigt, dass auch Juden bei den Verehrern der Artemis Aggressionen hervorriefen. Dass die Verehrer der Artemis wie aus einem Mund zwei Stunden lang "Groß ist die Artemis der Epheser!“ schrien, zeigt, dass sie ihren Glauben und ihren damit verbundenen Verdienst auch durch die Juden gefährdet sahen. Dies lässt sich damit erklären, dass auch Juden Götzenbilder ablehnten. Aus dieser Tatsache kann allerdings noch nicht geschlossen werden, dass die Verehrer der Artemis von Ephesus nicht zwischen Juden und Christen unterschieden.

 

Das dritte Mal taucht das Verb "krazô“ ("schreien“) auf. Der wiederholte Gebrauch dieses Verbs zeigt, dass das Geschrei die gesamte geschilderte Szene prägte. Zusätzlich wird das Geschrei noch dazu in den Mittelpunkt gerückt, dass es schließlich zwei Stunden lang dauerte, was dem Tumult schließlich geradezu ekstatische Züge verlieh. Dabei täuschte der ständig wiederholte Ruf "Groß ist die Artemis der Epheser!“ darüber hinweg, dass der Hauptgrund für die Erregung nicht religiöser, sondern wirtschaftlicher Art war.

 

Weiterführende Literatur: Auf S. 187-267 bringt W. Stegemann 1991, 187-267 die Gefährdung der Christen durch den Verdacht von Staatsverbrechen zur Sprache, analysiert also die Konfliktebene lukanischer Christen mit der heidnischen Obrigkeit. Dabei solle anhand von vier in der Apg geschilderten Konflikten des Paulus und anderer Christen (vgl. 19,23-40; 16,19-40; 17,6-7; 18,12-17) die rechtliche bzw. politische Dimension dieser Konflikte im Verhältnis der Christen zur heidnischen Öffentlichkeit aufgezeigt und aus der besonderen historischen Situation von Christen unter dem Prinzipat Domitians erklärt werden. In einem Vergleich mit anderen christlichen Texten werde schließlich die Gefährdung der lukanischen Christen wieder historisch eingeordnet. Zu Apg 19,23-40: Soziale bzw. wirtschaftliche Interessen der heidnischen Bevölkerung bzw. bestimmter Bevölkerungsgruppen hätten in einer spezifischen politischen Situation dazu führen können, dass die latente, in Xenophobie wurzelnde Feindschaft gegen die Juden, sich gewalttätig entlud. Dabei habe offenkundig auch eine "Aggressionsverschiebung“ eine Rolle gespielt, insofern die jüdische Bevölkerung zum "Sündenbock“ für bestimmte Ereignisse mit wirtschaftlichem Hintergrund (Brand in Antiochia) oder politische Verhältnisse mit sozialen Konsequenzen (die Römer hatten der Unabhängigkeit Alexandrias ein Ende bereitet) habe gemacht werden können.

 

R. F. Stoops 1989, 73-91 hält die Forderung der Juden, innerhalb der griechischen Städte des östlichen Mittelmeerraums toleriert zu werden und einen autonomen Status zu erhalten, für den Hintergrund der Geschehnisse in 19,23-41.

 

G. H. R. Horsley 1992, 121-127 merkt an, dass den epigraphischen Inschriften nur wenig über das Leben von Juden in Ephesus zu entnehmen sei. Eine Synagoge sei bis heute nicht gefunden worden, wobei jedoch eine Inschrift auf die Existenz einer solchen hinweise. Trotz dieses mageren Befundes sei nicht ausgeschlossen, dass es, anderen großen Städten entsprechend, auch in Ephesus mehrere Synagogen gab. Der antike Geschichtsschreiber Josephus zumindest berichte von einer sehr großen jüdischen Gemeinde in der Stadt. Allerdings stehe zu diesem Bericht auch die geringe Zahl archäologischer Funde im Kontrast. Vermutlich stehe nicht Christenfeindschaft der Heiden im Hintergrund von Apg 19, sondern Judenfeindschaft. Die Christen seien vermutlich als abtrünnige jüdische Gruppierung wahrgenommen worden.

 

 

Literaturübersicht

 

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