Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (18,23 - 21,17)

Apg 21,1-6

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 21,1-6

 

 

Übersetzung

 

Apg 21,1-6:1 Als wir, nachdem wir uns von ihnen losgerissen hatten, [schließlich] abgefahren waren, kamen wir geradewegs nach Kos, am folgenden Tag aber nach Rhodos und von da nach Patara. 2 Und wir fanden ein Schiff, das nach Phönizien übersetzte, stiegen ein und fuhren ab. 3 Als wir aber Zypern gesichtet und es links liegen gelassen hatten, segelten wir nach Syrien und legten in Tyrus an, denn dort sollte das Schiff die Fracht löschen. 4 Nachdem wir die Jünger ausfindig gemacht hatten, blieben wir sieben Tage dort. Die sagten (dem) Paulus durch den Geist, er solle nicht nach Jerusalem hinaufziehen. 5 Als wir die Tage verbracht hatten, brachen wir zur Weiterfahrt auf, wobei uns alle, samt Frauen und Kindern, bis vor die Stadt geleiteten. Und am Strand knieten wir nieder und beteten. 6 Dann nahmen wir voneinander Abschied und stiegen in das Schiff, jene aber kehrten nach Hause zurück.

 

 

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V. 1

 

Beobachtungen: 20,13-16 setzt den Reisebericht 20,1-6 fort. Es wird geschildert, welche Reiseroute Paulus auf dem Weg von Ephesus nach Jerusalem wählte. Der in 20,13-16 geschilderte Reiseweg ist ein Teil des Umwegs, den Paulus machen musste, weil er aufgrund eines geplanten Anschlags auf ihn nicht den direkten Seeweg von Griechenland nach Syrien und weiter nach Jerusalem nehmen konnte. Dieser Umweg führte Paulus durch Mazedonien nach Troas und dann die Küste der heutigen Westtürkei entlang bis nach Milet. Gemäß 21,1-6 ging es von Milet mit dem Schiff weiter nach Tyrus, wo sich Paulus samt der Wir-Gruppe einige Tage aufhielt.

 

21,1-6 stellt die Fortsetzung des zweiten Wir-Berichts 20,5-6.13-15 dar. Nimmt man 21,1-6 für sich, so ist völlig offen, wer der Sprecher ist. Sicher ist nur, dass Paulus selbst nicht der Sprecher sein kann, weil er namentlich erwähnt und über sein Handeln gesprochen wird. Geht man von einem in 16,10-17, dem ersten Wir-Bericht, und 20,5-15 identischen Sprecher aus, so dürfte dieser in beiden Wir-Berichten nicht namentlich genannt sein. Wenn er aus Troas stammte bzw. dort wohnhaft war, ist bemerkenswert, dass er nicht in Troas blieb, sondern weiterreiste. Ist dies ein Argument gegen eine Herkunft aus Troas? Dass der Verfasser der Apg dieser Sprecher war, ist eher unwahrscheinlich (ausführlich zum Sprecher der Wir-Berichte bzw. des zweiten Wir-Berichtes siehe Beobachtungen zu 20,5; zum Verfasser der Apg als Sprecher des Wir-Berichtes siehe Beobachtungen zu 16,10).

Fraglich ist, ob es neben dem Sprecher noch weitere Begleiter des Paulus gab. In 20,4 wurden zwar Sopater, Aristarch, Sekundus, Gaius, Timotheus, Tychikus und Trophimus genannt, doch hieß es nur, dass diese bis nach Troas reisten. Dass sie darüber hinaus Paulus begleiteten, ist angesichts fehlender Informationen fraglich.

 

Das Personalpronomen "ihnen“ bezieht sich auf die Gemeindeältesten von Ephesus, die zu Paulus nach Milet gereist waren und dort dessen Abschiedsrede zugehört hatten (vgl. 20,17-38). Diese waren sehr betrübt, dass Paulus ihnen mitgeteilt hatte, dass sie ihn nicht mehr sehen würde und verabschiedeten sich dementsprechend emotional. Angesichts dieses emotionalen endgültigen Abschieds musste sich Paulus von den Gemeindeältesten geradezu losreißen.

 

Kos war die nächste, südlich von Milet in der Ägäis gelegene größere Insel. Sie lag rund 60 Kilometer von Milet entfernt, war also mit dem Segelschiff innerhalb eines Tages zu erreichen. Kos wird im gesamten NT nur hier erwähnt.

 

Die Strecke zur großen Insel Rhodos, die auf der Hauptschifffahrtsroute von der Ägäis nach Phönizien lag, stellte die nächste Tagesetappe dar. Vermutlich übernachteten Paulus und seine Begleiter auf Rhodos, wobei die Insel oder die gleichnamige bedeutende Handelsstadt gemeint sein kann. Auch Rhodos wird im gesamten NT nur hier erwähnt.

 

Auch Patara (der Ortsname ist ein Neutrum Plural), eine bedeutende Hafenstadt in Lykien, im Südwesten der heutigen Türkei gelegen, taucht im gesamten NT nur in 21,1 auf. Es ist also davon auszugehen, dass Paulus sowohl Kos als auch Rhodos und Patara nun das erste Mal besuchte. Vermutlich war Patara nach Kos und Rhodos der nächste Übernachtungsort.

Der westliche Text nennt nach Patara als weitere Zwischenstation Myra. Demnach erfolgte der Umstieg von einem Schiff zum nächsten nicht in Patara, sondern in Myra. Myra lag ebenfalls in Lykien und war gemäß 27,5 eine Zwischenstation auf der Reise des gefangenen Paulus von Cäsarea nach Rom. Dass im westlichen Text Myra auch in 21,1 auftaucht, dürfte als eine Angleichung an 27,5 zu verstehen sein: Die Schreiber der abweichenden Handschriften gingen davon aus, dass Paulus auf dem Weg von Milet nach Phönizien in der gleichen Hafenstadt Zwischenstation gemacht hat wie auf dem Weg von Cäsarea nach Rom. Vielleicht lag der Angleichung eine Tradition zugrunde, die Paulus mit Myra verband.

 

Weiterführende Literatur: J. Wehnert 1989, 193 geht kurz auf die durch Einschaltungen in mehrere Wir-Stücke zerfallene zweite Wir-Passage 20,5-21,18 ein, die offensichtlich die Kollektenreise des Paulus von Makedonien über Kleinasien nach Jerusalem schildere. J. Wehnert geht davon aus, dass sich Lukas bei den Wir-Passagen eines Stilmittels der jüdischen Literatur bediene, nämlich der (nachträglichen) Autorisierung eines Textes, und auf diese Weise seine um unbedingte Zuverlässigkeit bemühte Darstellung absichere (vgl. S. 182-183).

Laut D.-A. Koch 1999, 367-390 ergebe der Vergleich der beiden Seereisen in Apg 18,18-22a und 20-21, dass der Verfasser der Apg in 20-21 eine Quelle verwertet, und zwar den ersten Teil eines Rechenschaftsberichts, den ein Mitglied der in 20,4 genannten Kollektendelegation nach der Rückkehr aus Jerusalem angefertigt habe. Diese Quelle sei von vornherein im "Wir“-Stil verfasst gewesen. Dagegen gingen die Reiseroute und das "Wir“ von Apg 16,10-17; 17,1 auf Lukas selbst zurück, der so einen gemeinsamen Rahmen für die selbstständige Mission des Paulus bilde. Lukas betone dabei besonders die Lenkung des Geschehens durch den Geist.

C.-J. Thornton 1991 legt dar, dass es Lukas darauf ankomme, dass nicht missionarischer Ehrgeiz des Paulus oder eine zufällige Reiseangelegenheit das Evangelium nach Europa brachten, sondern Gott selbst habe diesen Schritt initiiert. Dafür sei Lukas Zeuge; das aber sei keine Zeugenschaft im Sinne historischer Autopsie, sondern ein Zeugnis des Glaubens, dass die miterlebte Vergangenheit von Gott geleitete Geschichte ist.

 

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V. 2

 

Beobachtungen: Das Verb "anachthênai“ ("abfahren/absegeln“) und die Reiseroute von Milet über Kos und Rhodos zeigen eindeutig, dass Paulus und seine Begleiter die Reise nach Patara mit dem Segelschiff zurückgelegt hatten. Wenn sie nun ein Schiff fanden, das nach Phönizien übersetzte, so bedeutet dies, dass sie in Patara das Schiff wechselten. Vermutlich fuhr das erste Schiff nicht nach Phönizien oder es hatte in Patara einen längeren Aufenthalt, der dem eilig nach Jerusalem strebenden Paulus nicht passte. Es fällt auf, dass sich in Patara die Seereise von der Küste Kleinasiens entfernte, was zu der Vermutung Anlass gibt, dass Paulus und seine Begleiter in Patara in ein hochseetüchtiges Schiff wechseln mussten.

 

"Phönizien“ ist die Bezeichnung für einen etwa 120 Kilometer langen Streifen an der Mittelmeerküste vom Berg Karmel im Süden bis zum Fluss Eleutheros im Norden. Dieser Küstenstreifen gehört heute zu den beiden Staaten Libanon und Syrien.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 3

 

Beobachtungen: Die Insel Zypern, die genau auf dem Weg von Milet und Patara nach Phönizien lag, war die erste Station auf der ersten Missionsreise des Paulus gewesen. Hier hatte er in den Synagogen der Juden gepredigt und den römischen Prokonsul Sergius Paulus zum christlichen Glauben bekehrt (vgl. 13,4-12).

 

Das Segelschiff, das Paulus und seine Begleiter in Patara bestiegen hatten, fuhr nach Tyrus. Tyrus war eine der bedeutendsten Städte in Phönizien. Gemäß V. 3 lag Tyrus zugleich in Syrien. Entweder wird hier Phönizien mit Syrien gleichgesetzt, oder der Verfasser der Apg hat die römische Provinz Syrien im Blick, in der die Landschaft Phönizien lag.

 

Die Tatsache, dass das Schiff in Tyrus Fracht (gomos) löschte, zeigt, dass es kein reines Passagierschiff war, sondern auch oder in erster Linie Fracht transportierte. Außerdem lässt die Information erkennen, dass Tyrus eine bedeutende Handelsstadt war. Woraus die Fracht bestand, bleibt offen.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 4

 

Beobachtungen: "Mathêtês“ ist eine Bezeichnung für einen "Schüler“ oder "Anhänger“. In 21,4 wird nicht gesagt, um wessen Anhänger es sich handelte. Der Verfasser der Apg lässt eine Präzisierung vermutlich deswegen fort, weil er davon ausgehen konnte, dass die Leser und Hörer der Apg auch ohne Präzisierung wussten, welche "Schüler/Anhänger“ gemeint sind. Da der Bericht aus christlicher Sicht geschrieben ist, ist davon auszugehen, dass es sich um Anhänger Jesu, also Christen, handelte. Da die Übersetzung "Jünger“ sofort an Anhänger Jesu denken lässt, ist sie hier passend.

 

Die scheinen nach den Jüngern geradezu gesucht zu haben. Dabei erscheinen "die Jünger“ als eine ganz bestimmte Gruppe. Waren es Freunde oder Bekannte des Paulus oder seiner Begleiter? Oder sind alle Christen der Stadt Tyrus gemeint? Da nicht ausdrücklich gesagt wird, dass die Jünger in Tyrus wohnten, können auch sie sich nur vorübergehend in Tyrus aufgehalten haben.

Der Grund für die Suche nach den Jüngern wird nicht genannt. So hat man zunächst davon auszugehen, dass Paulus und seine Begleiter Kontakt zu Menschen gleichen Glaubens suchte, die ihnen in der Fremde ein gewisses Maß an Geborgenheit vermittelten. Auch ist an Glaubensstärkung zu denken, wobei zu fragen wäre, ob sie gegenseitig war oder in erster Linie von Paulus ausging. Schließlich konnten sie mit den Glaubensgenossen gemeinsam beten und Gottesdienst feiern.

 

Bei dem Verb "epemeinamen“ ("wir blieben“) handelt es sich um einen Aorist. Das Bleiben der Wir-Gruppe wird also als eine abgeschlossene Zeiteinheit der Vergangenheit betrachtet.

 

Die Aufenthaltsdauer von sieben Tagen erscheint recht lang. Entweder hatte Paulus in Tyrus einige Dinge zu erledigen oder er fand während dieser Tage kein Schiff, mit dem er und seine Begleiter die Reise hätten fortsetzen können. Dann wäre er notgedrungen eine solch lange Zeit in Tyrus geblieben. Sofern der längere Aufenthalt nicht notgedrungen war, ist davon auszugehen, dass Paulus eine gegenüber Milet verminderte Eile verspürte. Möglicherweise war das Segelschiff nach Tyrus auf hoher See gut vorangekommen, so dass Paulus gut im Zeitplan lag und davon ausgehen konnte, dass er am Pfingsttag in Jerusalem sein würde (vgl. 20,16).

 

Nimmt man an, dass die Reise von Milet nach Patara drei Tage dauerte, und zählt zu diesen Tagen die sieben Tage Aufenthalt in Tyrus hinzu, so kommt man auf zehn Tage Reisedauer. Zusätzlich ist die Reisedauer der rund 650 Kilometer von Patara nach Tyrus hinzuzuzählen, die unbekannt ist. Da nicht bekannt ist, ob die Winde günstig oder ungünstig waren, lässt sich die Reisezeit nur grob schätzen. Am ehesten ist von etwa fünf Tagen auszugehen. Wegen der fehlenden Erwähnung von weiteren Zwischenstopps sind keine Aufenthaltszeiten einzurechnen. Weil der Ankunftstag in Tyrus zugleich als erster Tag des Aufenthaltes in Tyrus zu rechnen sein dürfte, sind zu den genannten zehn Tagen Reisedauer vier (fünf minus einen) weitere Tage Reisedauer von Patara nach Tyrus hinzu zu rechnen, was insgesamt 14 Tage macht. Geht man davon aus, dass von der Ankunft in Milet bis zur Ankunft zum Pfingsttag in Jerusalem noch 28 Tage verblieben, bleibt noch ein Zeitraum von 14 Tagen. Von diesen 14 Tagen ist noch der mehrtägige Aufenthalt in Milet abzuziehen, dessen genaue Dauer unbekannt ist. Da die Gemeindeältesten in Milet zusammengerufen werden mussten und diese erst von Ephesus nach Milet reisen mussten, dürfte Paulus mindestens zwei Tage in Milet verweilt haben. Da die Abschiedsrede als Hauptaktivität des Paulus in Milet erscheint, dürfte der Aufenthalt nicht viel länger gewährt haben. Somit scheint realistisch zu sein, von zwei Tagen plus Abreisetag, der zugleich der Reisetag von Milet nach Kos war, auszugehen. Die zwei Tage sind von den 14 Tagen abzuziehen, womit Paulus bei der Abreise von Tyrus nach Jerusalem noch etwa zwölf Tage zur Verfügung gehabt haben dürfte.

 

Es bleibt offen, ob mit dem "Geist“ ("pneuma“) der Geist des Paulus oder der heilige Geist gemeint ist. Diese Offenheit gleicht 20,22, wo davon die Rede war, dass Paulus als im/vom Geist Gebundener nach Jerusalem reiste. Auch in 20,22 war unklar, ob der Geist des Paulus oder der heilige Geist gemeint war. Da nichts darauf hinweist, dass mal vom Geist des Paulus die Rede ist, mal vom heiligen Geist, dürfte an beiden Stellen entweder der Geist des Paulus oder der heilige Geist gemeint sein.

Es stellt sich die Frage, warum der Geist, der Paulus gebunden nach Jerusalem reisen ließ, plötzlich die Jünger eine Warnung vor der Reise nach Jerusalem aussprechen lassen sollte. Hat man davon auszugehen, dass der Geist seinen eigenen Willen oder denjenigen Gottes durchkreuzen wollte? Oder sollte sich der Geist etwa bei der Veranlassung der Jünger zur Warnung geirrt haben? Beide Möglichkeiten sind eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass ausgesagt ist, dass der Geist Paulus daran erinnerte, dass ihn in Jerusalem Drangsal erwarten würde. Diese hatte Paulus schon in den verschiedensten Aufenthaltsorten während seiner Missionsreisen erlebt. Und in 20,23 hatte Paulus ja ausdrücklich gesagt, dass der heilige Geist von Stadt zu Stadt bezeuge (und sage), dass Fesseln und Drangsale auf ihn warten. Im Lichte von 20,23 kann man 21,4 als ein solches Zeugnis des heiligen Geistes verstehen. Da Paulus das Erdulden von Bedrängnissen als Bestandteil der christlichen Existenz ansah, dürfte ihn das zu erwartende Leid nicht von seinem Reisevorhaben abgeschreckt haben.

 

Das Verb "epibainô“ ("hinaufziehen“) lässt sich als ein Hinaufsteigen in das judäische Bergland nach Jerusalem erklären. Außerdem mag in dem Ausdruck mitschwingen, dass Jerusalem besondere Bedeutung zukam, womit das Aufsteigen auch den Weg zu einer besonders wichtigen Stadt verdeutlicht.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 5

 

Beobachtungen: "Alle“ meint hier wahrscheinlich "alle Jünger“. Dass ausdrücklich erwähnt wird, dass auch die Frauen und Kinder zu den Begleitenden gehörten, lässt dies als etwas Ungewöhnliches erscheinen. Möglicherweise begleiteten gewöhnlich nur Männer Gäste aus der Stadt. Der Verabschiedung des Paulus mag man jedoch angesichts der in Jerusalem drohenden Bedrängnis besondere Bedeutung beigemessen zu haben. Vermutlich ging man davon aus, dass sie endgültig sein würde.

 

Das Verb "propempô“ bedeutet hier vermutlich "begleiten“, und zwar im Sinne von "fortgeleiten“. Allerdings kann hier auch die Bedeutung "[zur Reise] ausstatten“ mitschwingen. Dann hätten "alle“ samt Frauen und Kindern Paulus und seine Begleiter nicht nur bis vor die Stadt geleitet, sondern auch für die Weiterreise mit Nahrungsmitteln und/oder Gebrauchsgegenständen ausgestattet.

 

Das Niederknien kann als typische Gebetshaltung angesehen werden, aber auch den besonders feierlichen Charakter des Augenblicks unterstreichen. Im Zusammenhang mit einem bewegenden Moment des endgültigen Abschieds taucht das Niederknien auch in Lk 22,41 auf, wo Jesus nach dem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern auf den Ölberg ging und dort niederkniete. Ist das Verhalten des Paulus also im Lichte des Verhaltens Jesu zu sehen?

 

Der Strand dürfte sich in der Nähe des Hafens befunden haben. Weil das Schiff nahe war und es sich wahrscheinlich um einen weichen Sandstrand handelte, auf dem man gut niederknien konnte, erschien der Strand wohl als geeigneter Ort des Gebets und des Abschieds.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 6

 

Beobachtungen: Die Wir-Gruppe ist nicht eindeutig und unveränderlich definiert. Sicher ist nur, dass sich der Erzähler einschließt und vermutlich auch Paulus, die Hauptperson der Geschehnisse, eingeschlossen ist. Die Tage in Tyrus hatten Paulus und seine Begleiter, zu denen auch der Erzähler gehörte, verbracht. Also sind zunächst sie mit "wir“ gemeint. Auch waren es Paulus und seine Begleiter, die zur Weiterreise aufbrachen. Auch das zweite "wir“ ist also auf Paulus und seine Begleiter zu beziehen. Am Strand werden sicherlich Paulus und seine Begleiter niedergekniet und gebetet haben. Es ist allerdings möglich, dass auch alle Jünger samt Frauen und Kindern am Strand niederknieten und beteten. In diesem Falle ist also das "wir“ nicht eindeutig zu bestimmen. Das gilt umso mehr, als nicht Paulus und seine Begleiter voneinander Abschied nahmen, sondern die Verabschiedung von allen Jüngern samt Frauen und Kindern erfolgte. Hinsichtlich der Verabschiedung bezieht sich daher das "wir“ eindeutig auf Paulus und seine Begleiter sowie auf alle Jünger samt Frauen und Kindern. Im Verlauf der V. 5-6 verändert sich also die Zusammensetzung der Wir-Gruppe, was aus dem Satzbau der Verse jedoch nicht ersichtlich ist. Das gilt insbesondere auch für die Wir-Gruppe, die in das Schiff stieg: Lässt der Satzbau zunächst annehmen, dass nicht nur Paulus und seine Begleiter, sondern auch alle Jünger samt Frauen und Kindern in das Schiff stiegen, widerlegt der Schluss von V. 6 eindeutig diese Annahme, denn dort wird der Wir-Gruppe betont eine als "jene“ bezeichnete Gruppe gegenübergestellt. Zweifellos handelt es sich bei dieser Gruppe um alle Jünger samt den Frauen und Kindern. Verdeutlichen lässt sich der Sachverhalt mittels folgender Übersetzung von V. 6: "Dann nahmen wir voneinander Abschied: Wir stiegen in das Schiff, jene aber kehrten nach Hause zurück.“

 

Da "alle Jünger samt den Frauen und Kindern“ nicht in das Schiff stiegen, ist davon auszugehen, dass ihr Zuhause in Tyrus und nicht anderswo war. Das ist ein Beleg dafür, dass sie sich nicht nur kurzzeitig als Reisende oder Gäste in Tyrus aufhielten, sondern dort wohnten und vielleicht auch von dort stammten. Weil von einer Weiterreise aller Jünger samt Frauen und Kindern nicht die Rede ist, müssen sie wieder - "nach Hause“ - in die Stadt Tyrus zurückgekehrt sein, aus der hinaus sie ja schließlich Paulus und seine Begleiter geleitet hatten. Vielleicht war die Gemeinde von Tyrus ein Ergebnis der Mission derjenigen (hellenistischen) Judenchristen, die wegen Stephanus von Jerusalem aus u. a. nach Phönizien zerstreut worden waren (vgl. 11,19). Dass alle Gemeindeglieder Paulus begleiteten, weist darauf hin, dass die Gemeinde nicht allzu groß war.

 

Unklar ist, ob es sich bei dem Schiff um das Schiff handelte, mit dem Paulus und seine Begleiter von Patara nach Tyrus gefahren waren. In V. 2 erscheint Phönizien als das Ziel des Schiffes, was daran denken lässt, dass dieses in Tyrus blieb oder nur im Bereich der phönizischen Küste weiterfuhr, was Paulus nicht weiterhalf. Da in V. 6 jedoch von "dem Schiff“ statt von "einem Schiff“ die Rede ist, kann das − anscheinend als bekannt vorausgesetzte - Schiff von Patara nach Tyrus gefahren sein, dort einen siebentägigen Aufenthalt eingelegt haben, der dem Be- und Entladen der Fracht diente, und dann nach Ptolemaïs und vielleicht auch weiter nach Cäsarea gefahren sein (vgl. 21,7-8). Paulus hätte dann mit seinen Begleitern in Tyrus die Weiterfahrt des Schiffes abgewartet.

Dass sich Paulus mit seinen Begleitern nicht sogleich zu Fuß auf den Weg in das knapp 100 Kilometer entfernte Cäsarea, das er binnen drei oder höchstens vier Tagen hätte erreichen können, machte, kann verschiedene Gründe gehabt haben: Zum einen mag Paulus das Bedürfnis verspürt haben, der Gemeinde in Tyrus einen letzten, längeren Besuch abzustatten. Zum anderen mag er den Seeweg für sicherer als den wegen Räuber und wilder Tiere gefährlichen Landweg erachtet haben, was wegen der vermutlich für die Jerusalemer Gemeinde mitgeführten Kollekte ein gewichtiger Grund war. Und schließlich scheint er nicht mehr so unter Zeitdruck gestanden zu haben, dass er unbedingt schnellstmöglich die Reise fortsetzen musste.

 

Weiterführende Literatur:

 

 

Literaturübersicht

 

Koch, Dietrich-Alex; Kollektenbericht, "Wir“-Bericht und Itinerar. Neue (?) Überlegungen zu einem alten Problem, NTS 45/3 (1999), 367-390

Thornton, Claus-Jürgen; Der Zeuge des Zeugen: Lukas als Historiker der Paulusreisen (WUNT 56), Tübingen 1991

Wehnert, Jürgen; Die Wir-Passagen der Apostelgeschichte: ein lukanisches Stilmittel aus jüdischer Tradition (Göttinger Theologische Arbeiten 40), Göttingen 1989