Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (Apg 21,18-26,32)

Apg 22,12-16

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 22,12-16

 

 

Übersetzung

 

Apg 22,12-16:12 "Ein gewisser Hananias aber, ein frommer Mann nach dem Gesetz, angesehen bei allen jüdischen Einwohnern, 13 kam zu mir, trat heran und sprach zu mir: "Bruder Saul, werde wieder sehend!' Und zur selben Stunde schaute ich zu ihm auf. 14 Er aber sprach: "Der Gott unserer Väter hat dich erwählt, seinen Willen zu erkennen, (und) den Gerechten zu schauen und eine Stimme aus seinem Munde zu vernehmen, 15 denn du sollst sein Zeuge sein vor allen Menschen für das, was du gesehen und gehört hast. 16 Und nun − was zauderst du? Steh auf, lass dich taufen und deine Sünden abwaschen, indem du seinen Namen anrufst.'“

 

 

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V. 12

 

Beobachtungen: 22,12-16 stellt den dritten Teil der Verteidigungsrede des Paulus vor der jüdischen Menge dar. Nachdem er auf seine Zeit als gesetzestreuer Jude und Verfolger der Christen und auf die Erscheinung Jesu bei Damaskus zu sprechen gekommen war, ging er nun auf das Handeln des Hananias an ihm ein. Dabei entspricht der Inhalt von 22,12-16 im Wesentlichen dem Inhalt von 9,17-19a, wobei es in der Wortwahl und in den Details deutliche Unterschiede gibt. Die Unterschiede lassen sich im Großen und Ganzen damit erklären, dass 9,17-19a Bestandteil der Erzählung der Ereignisse seitens des Erzählers ist, wobei die Adressaten der Erzählung die Leser der Apg sind. Paulus dagegen hielt eine Verteidigungsrede vor einer jüdischen, feindlich eingestellten Menge, was eine situationsbezogene Wortwahl und situationsbezogene inhaltliche und theologische Schwerpunktsetzung erforderte.

 

V. 12 ist so zu lesen, wie er in den Ohren der jüdischen Zuhörer, die in 22,3 als "Eiferer für (den) Gott“ bezeichnet werden, geklungen haben dürfte. Als einen "frommen Mann…nach dem Gesetz“ werden die Zuhörer einen Juden verstanden haben, der die Gebote des jüdischen Religionsgesetzes, der Tora, befolgt. An einen Christen werden sie nicht gedacht haben. Allerdings dürfte Hananias ein Christ gewesen sein, denn er wird in 9,10 als "Jünger“ bezeichnet. In 9,10 fehlt jeglicher Hinweis darauf, dass Hananias "ein frommer Mann nach dem Gesetz, angesehen bei allen jüdischen Einwohnern“ war. Will man nicht einen offensichtlichen Widerspruch annehmen, so legt sich folgende Deutung nahe: Hananias war sowohl ein "Jünger“ als auch ein frommer Mann nach dem Gesetz, angesehen bei allen jüdischen Einwohnern. Die Betonung der Frömmigkeit nach dem Gesetz und des hohen Ansehen dürfte mit Blick auf die jüdischen Zuhörer erfolgt sein. Paulus wollte seinen jüdischen Zuhörern vermutlich aufzeigen, dass die Verehrung des Messias (= Christus) Jesus gesetzeskonform ist. In diesem Sinne dürften auch die folgenden Verse zu verstehen sein.

 

Die Erscheinung, die Hananias wurde zwar in 9,10-16 ausführlich erzählt, doch kam Paulus in seiner Verteidigungsrede nicht auf sie zu sprechen. Das hat vermutlich zwei Gründe: Erstens gehörte die Erscheinung, die Hananias zuteil wurde, nicht zum Erlebenshorizont des Paulus, zweitens war sie für die Verteidigung ohne Belang. Somit kam auch nicht zur Sprache, dass Hananias zunächst gegenüber Paulus Vorbehalte hatte.

 

Weiterführende Literatur: S. R. Bechtler 1987, 53-77 untersucht exegetisch die lukanischen Berichte von der Berufung und Beauftragung des Paulus innerhalb der Erzählung Lk-Apg, um deren Funktion innerhalb dieser Erzählung und deren Bedeutung und Wichtigkeit für Lukas aufzudecken.

 

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V. 13

 

Beobachtungen: Es bleibt offen, warum Hananias an Paulus herantrat und wie dicht er an ihn herantrat. Eine gewisse Nähe dürfte für die Kontaktaufnahme erforderlich gewesen sein, weshalb das Herantreten zunächst in diesem Sinne zu deuten ist. Der erste Schritt der Kontaktaufnahme wäre das Kommen des Hananias zu Paulus gewesen. Aus 9,17 geht hervor, dass Hananias noch vor seinen ersten Worten Paulus die Hände auflegte. Von 9,17 her gesehen dürfte das Herantreten zum Zwecke des Auflegens der Hände erfolgt sein.

 

Die Anrede "Bruder“ dürfte in V. 13 keinen leiblichen Bruder meinen, macht aber eine besondere Beziehung zwischen Hananias und Paulus deutlich. Aber was mag diese besondere Beziehung ausgemacht haben? Liest man V. 12-13 isoliert für sich, so ist "Bruder“ entweder im Sinne von "Volksgenosse“ oder im Sinne von "Glaubensbruder“ zu verstehen. Da Hananias in V. 12-13 ebenso wie Paulus (vgl. V. 3-5) als gesetzestreuer Jude erscheint, kann "Bruder“ sowohl im Sinne von "jüdischer/israelitischer Volksgenosse“ als auch im Sinne von "jüdischer Glaubensbruder“ verstanden werden. Weder wird deutlich, dass Hananias bereits ein Christ war, noch kommt die christliche Zukunft des Paulus in den Blick. Angesichts der Tatsache, dass Hananias ein Christ war, könnte "Bruder“ auch im Sinne von "christlicher Glaubensbruder“ gemeint sein. Allerdings war Paulus noch kein Christ, hatte sich weder ausdrücklich zu Christus hingewendet noch taufen lassen. Es ist aber möglich, dass Hananias ihn dennoch als "Bruder“ im Sinne von "christlicher Glaubensbruder“ bezeichnete, weil er in keinster Weise an der weiteren Umsetzung des göttlichen Plans zweifelte, wonach Paulus ein Christ werden sollte.

 

Es fällt auf, dass Paulus (= Saulus) von Hananias nicht mit der griechischen Namensform "Saulos“ angeredet wurde, sondern mit der hebräischen Namensform "Saoul“. Dies passt zum einen dazu, dass ein Jude zu einem anderen Juden sprach, und lässt zum anderen daran denken, dass Hananias ebenso wie Jesus zu Paulus auf Hebräisch sprach (vgl. 9,4; 26,14)?

 

Das Verb "anablepô“ bedeutet "hinaufschauen/aufblicken“, "hinschauen/anschauen“, "die Augen öffnen“ oder "das Augenlicht wiedererhalten / wieder sehend werden“. Der Befehl "anablepson“ des Hananias ist auf dem Hintergrund zu verstehen, dass Paulus erblindet war. Folglich bedeutet er "werde wieder sehend“, denn Paulus sollte ja wieder sein Augenlicht erhalten. Diese Deutung wird auch durch das Fehlen eines Objekts gestützt. Ein Objekt findet sich jedoch bei der Verbform "aneblepsa“, dem zweiten Vorkommen des Verbs "anablepô“ in V. 13. Das Objekt ist "auton“ ("ihn/ihm“), wobei die Präposition "eis“ ("zu“) vorangestellt ist. Das Objekt und die vorangestellte Präposition irritieren, da ohne diese beiden die Übersetzung klar wäre: "ich wurde wieder sehend“. Eine solche Übersetzung würde hervorragend zu dem vorausgehenden Befehl "werde wieder sehend!“ passen. Mit der Präposition und dem Objekt müsste die Übersetzung aber genau genommen "ich wurde wieder zu ihm sehend“ oder − flüssiger formuliert − "ich sah ihn wieder an“ lauten. Eine solche Übersetzung kommt aber nicht infrage, weil Paulus Hananias zuvor noch nicht gesehen hatte. Folglich muss in diesem Fall dem Verb "anablepô“ eine andere Bedeutung als "wieder sehen“ zukommen. Infrage kommen nur die beiden Bedeutungen "hinaufschauen/aufblicken“ und "hinschauen/anschauen“. Die Formulierung "aneblepsa eis auton“ dürfte also entweder mit "sah ich ihn an“ oder mit "sah ich zu ihm auf“ zu übersetzen sein. Letztere Übersetzung würde voraussetzen, dass Paulus saß oder lag, was angesichts der durch die Blindheit eingeschränkten Mobilität durchaus nahe liegt.

Die Irritation wegen des "eis auton“ ("zu ihm“) hat vermutlich zur u. a. vom Papyrus 41 gebotenen Variante geführt, die diese beiden Worte auslässt.

 

Weiterführende Literatur: D. Marguerat 1995, 127-155 geht den Fragen "Warum drei Berichte von Paulus' Bekehrung (Apg 9; 22; 26) und warum solch große Unterschiede zwischen den Berichten?“ unter erzählkritischen Gesichtspunkten nach. Fazit: Der Bericht variiere, je nachdem, wer berichtet − der Erzähler oder Paulus − und welches die Aussageabsicht ist. Wichtig sei auch die Frage nach der Funktion innerhalb der Gesamtkomposition der Apg. Apg 9,1-30 stelle Saulus' (= Paulus') Bekehrung als machtvolles Werk Christi dar. Apg 22 stelle das Judesein des Paulus heraus und Apg 26 mache deutlich, wie die Bekehrung unter den Heiden legitimiert wird.

Auch B. R. Gaventa 1986, 52-95 geht davon aus, dass die Unterschiede zwischen den drei Bekehrungsberichten mit den verschiedenen narrativen Kontexten zu erklären seien. Grundlage sei jedoch ein und dieselbe Tradition. Apg 9 stelle Paulus als Feind der Kirche, der Christ werde, dar. In Apg 22 stelle sich Paulus nach seiner Festnahme in einer ersten Verteidigungsrede als loyaler Jude dar, der vom "Gott der Väter“ aufgefordert worden sei, allen Völkern Zeugnis abzulegen. In der letzten Verteidigungsrede Apg 26 schließlich stelle sich Paulus als Opfer innerjüdischer Auseinandersetzungen dar.

 

D. Hamm 1990, 63-72 legt dar, dass die Erblindung und das Wiedererlangen des Augenlichts in der Apg symbolische Bedeutung haben. In Apg 9 erfahre Paulus die Erblindung als eine Strafe Gottes und das Wiedererlangen des Augenlichts als göttliche Heilung. In Apg 22 werde derselbe Verlust und dasselbe Wiedererlangen des Augenlichts nur sehr zurückhaltend und dabei mehrdeutig berichtet. Und in Apg 26 schließlich wandele sich die Erblindung und das Wiederlangen des Augenlichts von einer konkreten Erfahrung des Paulus hin zu einer Metapher, die die endzeitliche Mission von Israel, Jesus und Paulus beschreibe.

 

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V. 14

 

Beobachtungen: Die Formulierung "Gott unserer Väter“ macht deutlich, dass Paulus und die Juden an denselben Gott glaubten und sich Paulus in der gleichen Abstammungslinie wie die Juden sah. Die "Väter“ sind sicherlich nicht im eigentlichen Sinne, also als leibliche Väter, zu verstehen, sondern im Sinne von "Erzväter“. Diese Erzväter waren bedeutende Persönlichkeiten in der frühen Geschichte Israels und damit besonders ehrwürdige Vorfahren. Die Formulierung "Gott unserer Väter“ statt "unser Gott“ lässt zwei besonders enge Beziehungen erkennen: zum einen die Beziehung zwischen Gott und den "Vätern“, zum anderen die Beziehung zwischen Paulus und seinen jüdischen Zeitgenossen zu den "Vätern“.

 

Dass Paulus vom "Gott unserer Väter“ erwählt wurde, dürfte ein schwer wiegendes Argument in seiner Verteidigung gewesen sein. Erstens handelte es sich um das höchste Wesen, von dem Paulus erwählt werden konnte, zweitens handelte es sich nicht um einen vom Gott der jüdischen Zuhörer unterschiedenen Gott. Damit waren die jüdischen Zuhörer aufgefordert, sich Paulus und dessen Botschaft gegenüber wohlgesonnen zu zeigen.

 

Wer ist "der Gerechte“ ("dikaios“)? Zunächst ist zu überlegen, welche Bedeutung die jüdischen Zuhörer dem Begriff gegeben haben könnten. "Gerecht“ dürfte aus ihrer Sicht ein Mensch sein, der die Gebote der Tora befolgt, denn er wandelt auf rechten Wegen. Allerdings könnte bei diesem Verständnis jeder gesetzesgehorsame Jude ein "Gerechter“ sein; Paulus sprach aber von einem ganz bestimmten "Gerechten“, nämlich von "dem Gerechten“. Da 22,12-16 von der Zeit zwischen Berufung/Bekehrung zu Jesus Christus und der Taufe handelt, ist davon auszugehen, dass der Begriff "Gerechter“ auf Jesus Christus zu beziehen ist. Nur im Hinblick auf Jesus Christus wird nämlich die Bedeutung von V. 13 mit den auf den ersten Blick vagen und rätselhaften Formulierungen deutlich. Für die jüdischen Zuhörer mag der Inhalt des V. 13 tatsächlich zunächst vage und rätselhaft gewesen sein; allerdings sprach Paulus in zunehmender Deutlichkeit von Jesus Christus, so dass davon auszugehen ist, dass sich auch den jüdischen Zuhörern letztendlich der Inhalt erschloss.

 

Der Zeitpunkt des Schauens des "Gerechten“ und des Vernehmens einer Stimme aus seinem Munde wird nicht näher bestimmt. Die Infinitive in der Zeitform Aorist zeigen nur an, dass es sich um ein punktuelles Schauen und Hören handelt, das Schauen und Hören also nicht dauerhaft oder wiederholt gedacht ist. Da nicht im Blick ist, dass das Schauen und Hören zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft erfolgt, sondern das Schauen und Hören bereits bei der Erscheinung Jesu (= des "Gerechten“) bei Damaskus erfolgt ist, dürfte genau dieses mit der Erscheinung Jesu verbundene Schauen und Hören gemeint sein.

 

Weiterführende Literatur: D. E. Johnson 1990, 346-353 sieht in Apg 22,14-15; 22,18-21; 26,16-18 Anspielungen auf die Gottesknechtlieder im atl. Buch Jesaja, und zwar insbesondere auf Jes 42,6-7 (vgl. 61,1); 53,1. Die physische Blindheit des Paulus deutet er unter Bezugnahme auf 42,16-17 in erster Linie auf die Blindheit des Volkes Israel, des Diener-Zeugen des "Herrn“. Anders als andere Kommentatoren hält er die hilflose Ergebenheit des erblindeten Paulus in die kommenden Geschehnisse und die Gelegenheit zu demütiger Meditation und zum Gebet für zweitrangig.

 

M. Diefenbach 2006, 409-418 geht der Frage nach, was "Jesus erschien Paulus“ bedeutet. Er stellt eine Steigerung der Darstellung des so genannten Damaskusereignisses in der Apg fest. Obwohl der Verfasser der Apg aus einer ganz anderen zeitlichen und theologischen Perspektive auf Paulus zurückblicke, komme er ihm in vielem überraschend nahe. Obwohl die Damaskuserscheinung für diesen Verfasser keine Ostererscheinung sei, überrage sie doch in unvergleichlicher Weise alles, was in der Apg sonst noch an Visionen und Offenbarungen erzählt wird. Obwohl Paulus nach der Auffassung des Verfassers der Apg kein Apostel sei, würden die Größe seiner Berufung und die Vorbildlichkeit seines missionarischen Wirkens so meisterhaft geschildert, dass er als "Zeuge“ am Ende doch fast auf derselben Stufe wie die Apostel stehe. Die Missionstätigkeit des Paulus sei nach Apg 26 eine von Gott selbst gewollte, so auch der Standpunkt des Paulus im Galaterbrief.

 

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V. 15

 

Beobachtungen: Die Zeugenschaft ist eigentlich Merkmal der Apostel (vgl. Apg 1,8.22; 2,32; 3,15; 5,32; 10,39; 13,31). Dabei bezieht sich die Zeugenschaft auf das irdische Wirken und die Auferstehung Jesu, wobei letztere immer wieder betont wird. Paulus zählt für den Verfasser der Apg nicht zu den Aposteln, denn er gehört nicht zu dem Kreis der Zwölf (vgl. Lk 6,13; Apg 1,25-26) Wenn Paulus in 22,15 dennoch als "Zeuge“ bezeichnet wird, dann wird er hinsichtlich der Zeugenschaft − gleichsam als 13. Zeuge − den Aposteln gleichgestellt, ohne damit als Apostel zu gelten.

 

"Vor allen Menschen“ ist wahrscheinlich im umfassenden, Heiden und Juden einschließenden Sinne zu verstehen. Dem entspricht 9,15, wo die Formulierung "vor Heiden und Königen und Söhnen Israels“ gewählt ist. Folglich sollte Paulus nicht nur vor den Heiden Gottes Zeuge sein.

 

"Was du gesehen und gehört hast“ bezieht sich auf jeden Fall auf ein Geschehen in der Vergangenheit, was bestätigt, dass sich das in V. 14 erwähnte Schauen und Hören auf die Erscheinung Jesu bei Damaskus bezieht. Verwunderlich ist der Wechsel der Zeitform: "heôrakas“ ("…du gesehen hast“) ist ein Perfekt und "êkousas“ ("…du gehört hast“) ist ein Aorist. Das Perfekt betont die besondere Bedeutung eines Geschehens für die Gegenwart, der Aorist betont die Punktualität und Abgeschlossenheit eines Geschehens. Es stellt sich die Frage, warum das Gesehene eine größere Bedeutung für die Gegenwart bzw. Zeugenschaft gehabt haben sollte als das Gehörte. Auch ist nicht ersichtlich, dass das Hören punktueller und abgeschlossener war als das Sehen.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 16

 

Beobachtungen: Die vorwurfsvolle Frage "was zauderst du?“ macht deutlich, dass es keine Zeit zu verlieren gab, die Aufgaben, zu denen Paulus von Gott erwählt worden war, zu erfüllen. Vor der Erfüllung der Aufgaben waren jedoch noch einige Schritte zu vollziehen: die Taufe, die Abwaschung der Sünden und in diesem Zusammenhang auch die Anrufung "seines Namens“.

 

"Steh auf“ ("anastas“) dürfte in 22,16 doppeldeutig sein und zum einen das Aufstehen aus der liegenden oder sitzenden Stellung, zum anderen aber auch die Inangriffnahme einer bestimmten Handlung meinen.

 

Die beiden Imperative "baptisai“ "lass … taufen“ und "apolousai“ ("lass … abwaschen“) sind medial. Paulus sollte sich also nicht selbst taufen oder selbst die Sünden abwaschen, sondern er sollte sich taufen und die Sünden abwaschen lassen. Hier ist Paulus aber nicht nur als rein passiver Empfänger der Taufe und der Abwaschung der Sünden verstanden, sondern es wird eine gewisse Aktivität des Paulus vorausgesetzt: er sollte die Taufe und die damit verbundene Abwaschung der Sünden ersuchen.

 

Es wird nicht ausdrücklich gesagt, ob das Abwaschen der Sünden während der Taufe oder danach erfolgen sollte. Das Abwaschen der Sünden kann durchaus als eine eigene, wenn auch mit der Taufe verbundene Handlung gedacht sein. Da aber die Taufe als eine Wassertaufe gedacht sein dürfte, ist anzunehmen, dass die Abwaschung der Sünden im Rahmen der Taufe erfolgen sollte.

 

Paulus sagte nicht ausdrücklich, von wessen Namen er redete, doch kann es sich nur um denjenigen Gottes und/oder des "Gerechten“ handeln, denn nur diese beiden werden kurz zuvor erwähnt. Da in 22,12-16 von Gott und "dem Gerechten“ in einem engen Zusammenhang gesprochen wird, dürfte sich "sein Name“ sowohl auf Gott als auch auf "den Gerechten“ beziehen. Das Anrufen "seines Namens“ dürfte hier nicht im magischen Sinne zu verstehen sein, sondern als Bekenntnis zu Gott bzw. zu "dem Gerechten“.

 

Bei dem Partizip "epikalesamenos“ ("angerufen habend“) handelt es sich um einen Aorist, was besagt, dass es sich um eine vorzeitige Handlung handelt. Demnach wäre die Anrufung "seines Namens“ als der Abwaschung der Sünden und wahrscheinlich auch der Taufe vorhergehend gedacht. Die Anrufung "seines Namens“ dürfte wohl Voraussetzung der Taufe und der Abwaschung der Sünden gewesen sein, denn das Bekenntnis zu "dem Gerechten“, Jesus Christus, stellte ja die Voraussetzung für die Taufe und die Abwaschung der Sünden dar. Da das Bekenntnis zu Jesus Christus nicht mit dem rituellen Akt der Anrufung des Namens Gottes bzw. "des Gerechten“ gleichzusetzen ist, ist nicht ausgeschlossen, dass sich der Täufling zwar vor der Taufe und der Abwaschung der Sünden zu Gott bzw. "dem Gerechten“ bekannte, aber erst während der Taufe oder der Abwaschung der Sünden in einem rituellen Akt den Namen Gottes bzw. "des Gerechten“ anrief.

 

Weiterführende Literatur: Mit der Bedeutung des medialen Imperativs "baptisai“ befasst sich S. E. Porter 2002, 91-109. Er gibt zunächst einen Forschungsüberblick und kommt dann zu folgendem Ergebnis: Es sei wohl nicht gemeint, dass Paulus sich selbst taufen solle, zumal Apg 9,18 nahe lege, dass es Hananias war, der Paulus taufte. Ebenfalls sei nicht gemeint, dass Paulus eine andere Person taufen solle - diese Deutung sei nur bei Vorliegen eines aktiven Imperativs möglich -, oder dass er sich von einer anderen Person taufen lassen solle, was einen passiven Imperativ voraussetze. Vielmehr gehe es darum, dass Paulus aufgefordert werde, sich in den Taufprozess verwickeln zu lassen. Ob eine weitere Person von Paulus in Taufprozess verwickelt wurde, lasse sich dem medialen Imperativ nicht entnehmen, so dass diese Frage offen bleiben müsse.

 

 

Literaturübersicht

 

Bechtler, Steven Richard; The Meaning of Paul’s Call and Commissioning in Luke’s Story: An Exegetical Story of Acts 9, 22, and 26, SBT 15/1 (1987), 53-77

Diefenbach, Manfred; Das "Sehen des Herrn“ vor Damaskus: Semantischer Zugang zu Apg 9, 22 und 26, NTS 52/3 (2006), 409-418

Gaventa, Beverly Roberts; From Darkness to Light: Aspects of Conversion in the New Testament (Overtures to Biblical Theology 20), Philadelphia, Pennsylvania 1986

Hamm, Dennis; Paul’s Blindness and Its Healing: Clues to Symbolic Intent (Acts 9; 22 and 26), Bib. 71/1 (1990), 63-72

Johnson, Dennis E.; Jesus against the Idols: The Use of Isaianic Servant Songs in the Missiology of Acts, WTJ 52/2 (1990), 343-353

Marguerat, Daniel; Saul’s Conversion (Acts 9,22,26) and the Multiplication of Narrative in Acts, in: C. M. Tuckett [ed.], Luke’s Literary Achievement (JSNTS 116), Sheffield 1995, 127-155

Porter, Stanley E.; Did Paul Baptize Himself? A Problem of the Greek Voice System, in: S. E. Porter et al. [eds.], Dimensions of Baptism (JSNT.S 234), London 2002, 91-109