Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (Apg 21,18-26,32)

Apg 23,6-9

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 23,6-9

 

 

Übersetzung

 

Apg 23,6-9:6 Weil (dem) Paulus aber in den Sinn kam, dass der eine Teil aus Sadduzäern, der andere aus Pharisäern bestand, rief er laut in den Hohen Rat hinein: "Brüder, ich bin ein Pharisäer, ein Sohn von Pharisäern. Wegen Hoffnung (auch) auf [die] Auferstehung der Toten stehe ich vor Gericht!“ 7 Als er dies gesagt hatte, gab es zwischen den Pharisäern und Sadduzäern eine Auseinandersetzung, und die Versammlung spaltete sich. 8 Denn [die] Sadduzäer behaupten, es gebe weder eine Auferstehung noch Engel noch Geist; [die] Pharisäer dagegen bekennen sich zu dem allen. 9 Es entstand ein großes Geschrei, und einige der Schriftgelehrten von der Partei der Pharisäer standen auf und verfochten ihre Ansicht. Sie sagten: "Wir finden an diesem Menschen nichts Böses. Vielleicht hat ein Geist zu ihm geredet oder ein Engel?“

 

 

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V. 6

 

Beobachtungen: Bei dem Partizip "gnous“ ("erkannt habend“) handelt es sich um einen Aorist. Somit ist kein dauerhafter Zustand ausgesagt, sondern ein abgeschlossenes Geschehen, das dem Rufen des Paulus voranging. Insofern ist die Übersetzung "weil er wusste“ irreführend, weil sie annehmen lässt, dass es sich bei dem Wissen um einen dauerhaften Zustand handelte. Bei einem dauerhaften Zustand wäre aber entweder ein Partizip Präsens oder − sofern das Wissen als ein Ergebnis, als Ergebnis des Bewusstwerdens verstanden wird − ein Perfekt zu erwarten. Da sich jedoch kein Partizip Präsens und auch kein Perfekt, sondern ein Aorist findet, ist die Übersetzung "weil Paulus erkannt hatte“ oder "weil Paulus in den Sinn kam“ am passendsten. Anzunehmen ist, dass Paulus schon vor seiner Verteidigung das Wissen über die Zusammensetzung des Hohen Rates hatte, er sich jedoch dieses Wissen erst angesichts seiner aktuellen Lage zunutze machte.

 

Es bleibt offen, wie groß der Anteil der Pharisäer und wie groß der Anteil der Sadduzäer im Hohen Rat war. Dies spielt in der Erzählung auch keine Rolle, denn entscheidend ist, dass es überhaupt zwei Parteien gab, die miteinander in Streit geraten konnten.

 

Das Substantiv "anêr“ bedeutet gewöhnlich "Mann“. Die Anrede "andres adelphoi“ ("Ihr Männer [und] Brüder“; kurz: "Brüder“) macht also deutlich, dass es sich bei Paulus und seinen Begleitern um eine reine Männergruppe handelte. Dies ist auch bei der Übersetzung "Brüder“ zu bedenken, die an vielen anderen Stellen Frauen einbezieht. Nicht ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich, ist allerdings auch, dass "anêr“ hier Mensch bedeutet. Dann könnten auch Frauen eingeschlossen sein.

"Brüder“ des Paulus waren die Mitglieder des Hohen Rats und auch der Hohepriester insofern, als sie wie Paulus Juden und damit Glaubensbrüder waren. Sie unterschieden sich hinsichtlich ihres Glaubens nur darin, dass Paulus Jesus als verheißenen Messias (= Christus) ansah, die Mitglieder des Hohen Rats dagegen nicht. Um nicht sogleich bei den Mitglieder des Hohen Rats und dem Hohepriester Ablehnung hervorzurufen, betonte Paulus zunächst nicht den wesentlichen Unterschied, sondern die Gemeinsamkeit.

Es fällt auf, dass Paulus seine Adressaten anders als in 22,1 nicht auch als "Väter“ bezeichnete. Maß er dieser Bezeichnung keine sonderliche Bedeutung bei, so dass er die Anrede "Ihr Männer [und] Brüder“ bzw. "Brüder“ für ausreichend hielt? Oder hat er (oder der Verfasser der Apg) die Bezeichnung "Väter“ schlicht und einfach vergessen? Wenn sich die Bezeichnung "Väter“ auf das Alter und nicht auf die Würde bezog, ist auch möglich, wenn auch unwahrscheinlich, dass die Mitglieder des Hohen Rates und vielleicht auch der Hohepriester vergleichsweise jung waren. Und schließlich ist auch möglich, dass Paulus die Mitglieder des Hohen Rats und vielleicht auch den Hohepriester nicht der Ehrenbezeichnung "Väter“ für würdig hielt. Der Verzicht auf diese Ehrenbezeichnung wäre dann aber ein Affront gegenüber den Angeredeten gewesen und von diesen sicherlich auch als Affront verstanden worden. Paulus hätte dann von vornherein auf Konfrontation statt auf Harmonie gesetzt.

 

Es fällt auf, dass Paulus von sich sagte "Ich bin ein Pharisäer“ und nicht "Ich war ein Pharisäer“. Verstand er sich auch nach seiner Bekehrung/Berufung zu Christus weiterhin als ein Pharisäer? Oder wählte der die Formulierung nur deshalb, um sich den Pharisäern möglichst gleich zu machen und diese dadurch für sich zu gewinnen? Letzteres ist wahrscheinlicher, wobei vermutlich "Ich bin ein Pharisäer“ im Sinne von "Ich bin von der Ausbildung her ein Pharisäer“ zu verstehen ist.

 

Unklar ist die Bedeutung "Sohn von Pharisäern“. Ist gemeint, dass die Eltern des Paulus ebenfalls Pharisäer waren? Geht man davon aus, dass nur Männer "Pharisäer“ in eigentlichen Sinn waren, kann man die Einbeziehung der Mutter so deuten, dass diese dem pharisäischen Denken zugeneigt war. Ebenfalls kann man den Plural "Pharisäer“ so verstehen, dass Paulus einer pharisäischen Abstammungslinie entstammte, also sein Vater, Großvater (oder: seine Großväter) und vielleicht auch weitere männliche Vorfahren Pharisäer waren. Man kann "Sohn“ auch im Sinne von "Schüler“ verstehen. Dann wären die Lehrer des Paulus Pharisäer gewesen.

 

"Pharisäer“ und "Sadduzäer“ waren jüdische Glaubengruppen, die jeweils eigene Glaubensvorstellungen hatten. Dabei gehörten die Sadduzäer insbesondere priesterlichen Kreisen an.

 

Es ist fraglich, ob sich der Genitiv "anastaseôs nekrôn“ ("Auferstehung der Toten“) auf "peri“ ("wegen“) oder auf "elpidos“ ("Hoffnung“) bezieht. Bei ersterem Bezug wäre "wegen [der] Hoffnung und wegen [der] Auferstehung der Toten“ zu übersetzen, bei letzterem "wegen Hoffnung auch auf [die] Auferstehung der Toten“. Sofern man bei ersterem Bezug von einem Hendiadyoin ausgeht, wonach ein und derselbe Sachverhalt mittels zweier verschiedener Begriffe ausgedrückt wird, laufen letztendlich beide Übersetzungen auf dieselbe Bedeutung hinaus. Ausgesagt wäre die "Hoffnung auf die Auferstehung der Toten“. Allerdings muss nicht unbedingt von einem Hendiadyoin ausgegangen werden, denn die Bedeutung der "Hoffnung“ kann weiter gefasst sein als die Bedeutung der "Auferstehung der Toten“ (vgl. 26,6, wo nur die "Hoffnung“, nicht aber die "Auferstehung der Toten“ erwähnt wird). Dann wäre die "Auferstehung der Toten“ nur ein Teilaspekt der "Hoffnung“.

 

Dass Paulus die "Auferstehung der Toten“ erwähnte, mag zweierlei Gründe haben: Erstens stellte die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten eine zentrale christliche Glaubensaussage dar, zweitens ließen sich mit der Erwähnung die Pharisäer auf seine Seite ziehen. Dass Paulus die Auferstehung der Toten mit der Auferstehung Jesu begründete, kommt hier nicht in den Blick, denn dann hätte Paulus einen Graben zu den Pharisäern aufgerissen, die dem christlichen Glauben nicht anhingen. Dadurch, dass sich Paulus als Pharisäer darstellte und auch seinen Glauben als dem pharisäischen gleich erscheinen ließ, konnte er darauf hoffen, dass sich der Hohe Rat entzweien und damit selbst schwächen würde. Er wusste, dass die Sadduzäer auf seine Aussagen anders reagieren würden als die Pharisäer.

 

Paulus deutete die Versammlung als eine Gerichtsversammlung, vor der er sich zu verteidigen hatte. Ob die Versammlung tatsächlich eine Gerichtsversammlung war, lässt die Erzählung jedoch offen. Sie kann auch eine Art Verhör gewesen sein, was der Erwartung des Tribuns entspräche, mit Sicherheit zu erfahren, warum Paulus von den Juden angeklagt wurde (vgl. 22,30).

 

Weiterführende Literatur: Zum Pharisäertum zur Zeit des Paulus siehe D. Lührmann 1989, 75-94.

 

Laut K. Haacker 1985, 437-451 präzisiere Paulus sein Bekenntnis zur Hoffnung Israels als Glauben an die Auferstehung der Toten. Lukas habe kein Problem darin gesehen, die Auferstehung Jesu als Vorgriff auf die allgemeine Totenauferstehung in diesen Kontext nationaler Hoffnungen einzuzeichnen.

 

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V. 7

 

Beobachtungen: "Stasis“ bedeutet allgemein "Aufruhr“, wobei in V. 7 konkret eine Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien gemeint ist.

 

"Plêthos“ kann allgemein "Menge“ oder ganz konkret die (Volks-)Versammlung meinen. In V. 7 ist konkret die Menge der Mitglieder des Hohen Rates gemeint, in die Paulus zuvor hineingerufen hatte. Weil diese Mitglieder vom Tribun zusammengerufen worden waren, kann der Hohe Rat als "Versammlung“ bezeichnet werden.

 

Die Auseinandersetzung der beiden entzündete sich zwar an den Worten des Paulus, doch erfolgte sie nicht über die Aussage des Paulus. Vielmehr waren die beiden Begriffe "Hoffnung“ und "Auferstehung“ die beiden Stichwörter, die den Anlass für die Auseinandersetzung gaben. Die Punkte der Auseinandersetzung werden erst in V. 8 genannt.

 

Mit dem Streit der Mitglieder des Hohen Rats untereinander hatte Paulus erreicht, was er wollte: Der Hohe Rat schwächte sich selbst und Paulus geriet zunehmend von der Mitte an den Rand des Geschehens. So konnte er darauf hoffen, ungeschoren dem "Gericht“ zu entkommen.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 8

 

Beobachtungen: Die beiden präsentischen Verben "legousin“ ("sie sagen“) und "homologousin“ ("sie bekennen sich“) können sowohl verdeutlichen, dass die Ansichten der Sadduzäer und Pharisäer zeitlos gültig sind, als auch als historisches Präsens gedeutet werden, das die besondere Lebendigkeit des Geschehens anzeigt. In letzterem Fall wären die beiden Verben nicht als Präsens, sondern als Präteritum zu übersetzen, wobei die Übersetzung des gesamten V. 8 "Denn [die] Sadduzäer behaupteten, es gebe weder eine Auferstehung noch Engel noch Geist; [die] Pharisäer dagegen bekannten sich zu dem allen“ lauten würde. Die Sadduzäer hätten demnach in der Versammlung, direkt auf die Stichwörter "Hoffnung“ und "Auferstehung“ hin, die Behauptung aufgestellt und die Pharisäer bekannt. Vermutlich sind beide Deutungen zutreffend, denn es handelte sich sowohl um grundsätzlich verschiedene Ansichten der Sadduzäer und Pharisäer als auch um die lebhafte Äußerung der Ansichten in der Versammlung.

 

Dass die Sadduzäer im Gegensatz zu den Pharisäern die Auferstehung leugneten, dürfte historisch richtig sein, zumindest wenn man die Auferstehung als ein Weiterleben nach dem leiblichen Tod in einem himmelsähnlichen Gefilde deutet. Die Sadduzäer dürften höchstens an eine Fortexistenz der Verstorbenen in einem Totenreich (Scheol) geglaubt haben (laut Jos Ant 18,16 gingen die Sadduzäer davon aus, dass die Seele mit dem Körper zugrunde geht, und erkannten keine anderen Vorschriften an als das Gesetz; laut Jos Bell 2,165 lehnten sie die Fortdauer der Seele und die Strafen und Belohnungen im Hades ab). Dass die Sadduzäer aber jeglichen Glauben an "Engel“ oder "Geist“ abgelehnt haben sollten, ist eher unwahrscheinlich. So war die Tora ihre wesentlichen Glaubensgrundlage, wobei in der Tora sowohl "Engel“ (vgl. Gen 19,1.15; 24,7.40 u. a.) als auch "Geist“ (vgl. Dtn 34,9; 2 Kön 19,7 u. a.) erwähnt werden. Ein genauer Blick auf Apg 23,8 zeigt denn auch, dass die Sadduzäer wohl nicht jegliche Existenz von "Engel“ und "Geist“ geleugnet haben, denn "Engel“ und "Geist“ werden in einem engen Zusammenhang mit der Auferstehung genannt. Das lässt darauf schließen, dass sie entweder leugneten, dass der Mensch in ein Reich der Engel und Geister auferstehe, oder dass sie leugneten, dass der Mensch in Form eines Engels oder Geistes auferstehe. Vermutlich ist beides zugleich gemeint: Gemäß den Sadduzäern erstehe der verstorbene Mensch weder als Engel noch als Geist auf, noch erstehe er in ein Reich der Engel und Geister − möglicherweise weitere auferstandene Menschen - auf. Dass es sich bei "Engel“ ("angelos“) und "Geist“ ("pneuma“) um Singulare handelt, lässt darauf schließen, dass auf jeden Fall − wenn auch nicht unbedingt ausschließlich - die Form der Auferstehung im Blick ist, also die Auferstehung als Engel und die Auferstehung als Geist. Es geht also nicht um eine Vielzahl von Engeln oder Geistern.

 

"Ta amphotera“ ist wörtlich mit "den beiden“ zu übersetzen. Demnach hätten sich die Pharisäer zu "den beiden“ vorhergehenden Punkten bekannt. Tatsächlich hatten die Sadduzäer jedoch drei Punkte genannt und diese geleugnet, nämlich die Auferstehung, die Existenz eines Engels und die Existenz eines Geistes. Da nicht zu erkennen ist, dass die Pharisäer in einem dieser drei Punkte den Sadduzäern zugestimmt haben, ist davon auszugehen, dass sie sich zu allen drei Punkten bekannten, also "ta amphotera“ mit "dem allen“ zu übersetzen ist (vgl. 19,16). Die Wahl der Formulierung mag dadurch bedingt sein, dass in V. 9 Geist und Engel in den Mittelpunkt rücken. Zu "den beiden“ bekannten sich die Pharisäer.

 

Weiterführende Literatur: Gemäß D. Daube 1990, 493-497 verwundere, dass in V. 8 ausgesagt werde, dass die Sadduzäer behaupteten, es gebe weder eine Auferstehung noch Engel noch Geist. Dass die Sadduzäer die Auferstehung leugneten, sei zwar gut belegt, jedoch gebe es keine Hinweise darauf, dass sie auch die Existenz von Engeln leugneten. D. Daube versucht nachzuweisen, dass sich die Leugnung der Existenz von Engeln auf den Zwischenzustand (Interim) zwischen leiblichem Tod und Auferstehung beziehe. So habe es die Vorstellung gegeben, dass eine gute Person nach dem leiblichen Tod im Reich der Engel und Geister oder selbst wie ein Engel oder Geist weiterexistiere, bis sie schließlich aufersteht. Diese von den Pharisäern geteilte Vorstellung sei von den Sadduzäern abgelehnt worden.

B. T. Viviano, J. Taylor 1992, 496-498 stimmen zwar D. Daube dahingehend zu, dass die Sadduzäer nicht grundsätzlich die Existenz von Engeln geleugnet haben, deuten jedoch V. 8 nicht mit Blick auf einen Zwischenzustand, sondern mit Blick auf die Auferstehung. Diese erfolge gemäß den Sadduzäern weder in Form eines Engels noch in Form eines Geistes. Zu beidem (amphotera) hätten sich dagegen die Pharisäer bekannt.

F. Parker 2003, 344-365 zählt zunächst die bisher vorgebrachten Deutungen der in V. 8 ausgesagten Leugnung von Engeln und Geistern seitens der Sadduzäer auf: a) grundsätzliche Ablehnung des Glaubens an Engel und Geister; b) Ablehnung von ausschweifenden Spekulationen in der Lehre von den Engeln; c) Ablehnung des Glaubens an einen Zwischenzustand zwischen leiblichem Tod und Auferstehung in Form eines Engels oder Geistes; d) Ablehnung des Glaubens an die Auferstehung in Form eines Engels oder Geistes. F. Parker hält keine der bisher vorgebrachten Deutungen für wirklich überzeugend. Am wahrscheinlichsten scheint ihm noch die Ablehnung von ausschweifenden Spekulationen in der Lehre von den Engeln zu sein, wobei er jedoch diese These dahingehend abändert, dass die Sadduzäer nicht an die Einflussnahme der Engel in der Vorsehung geglaubt hätten. Sie hätten zwar vermutlich nicht die Vorstellung abgelehnt, dass die Engel den Willen Gottes im allgemeinen Sinne ausführten, jedoch die Vorstellung, dass sie bei der Erfüllung eines vorherbestimmten eschatologischen Ablaufs tätig seien, und dass sie mit dem Willen eines autonomen menschlichen Wesens eingriffen.

G. G. Stroumsa 1981, 42-61 versucht nachzuweisen, dass mit dem "Engel“ konkret der Engel des Herrn gemeint sei, und mit dem "Geist“ der heilige Geist. Die Sadduzäer hätten die pharisäische Vorstellung abgelehnt, dass dem Engel des Herrn und dem heiligen Geist eine eschatologische Rolle zukomme.

 

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V. 9

 

Beobachtungen: Die Aussage "es entstand ein großes Geschrei“ markiert eine neue Stufe der Auseinandersetzung, die immer heftiger wurde. Nun gab es nicht nur unterschiedliche Ansichten, sondern auch eine Zunahme der Lautstärke der Meinungsäußerungen.

 

Es verwundert, dass die Pharisäer auf "Geist“ und "Engel“ zu sprechen kamen, ohne beide Begriffe in einen engen Zusammenhang zur Auferstehung zu setzen. Hätten die Sadduzäer jeglichen Glauben an "Geist“ und "Engel“ abgelehnt, dann wäre die Aussage der Schriftgelehrten von der Partei der Pharisäer ein Affront den Sadduzäern gegenüber gewesen, hätte so gedeutet werden können, dass sie diese absichtlich reizen wollten. Da die Sadduzäer aber wahrscheinlich den Glauben an "Geist“ und "Engel“ nur im engen Zusammenhang mit der Auferstehung ablehnten, ist durchaus nicht ausgeschlossen, dass auch sie die Möglichkeit eines redenden Geistes oder Engels nicht grundsätzlich ablehnten. Da sie aber auf die Aussage der Schriftgelehrten mit brüsker Ablehnung reagierten (vgl. V. 10), muss die Aussage aus ihrer Sicht etwas Unannehmbares enthalten haben. Unannehmbar dürften für sie zwei Punkte gewesen sein: erstens die Rechtfertigung des Paulus seitens der Schriftgelehrten, zweitens die Deutung, dass es sich bei dem redenden Geist oder Engel um einen von den Toten auferstandenen Engel handelte.

 

Die Formulierung "die Schriftgelehrten von der Partei der Pharisäer“ lässt erkennen, dass nicht alle Pharisäer Schriftgelehrte waren. Außerdem macht sie deutlich, dass die Schriftgelehrten nicht eine eigene Glaubensgruppe (z. B. die Essener) bildeten, sondern dass sie der Glaubensgruppe der Pharisäer angehörten. Dass plötzlich diese "Schriftgelehrten“ ihre Ansicht verfochten, mag damit zu begründen sein, dass es nun um die Frage ging, inwieweit eine Existenz von "Geist“ und "Engel“ anzunehmen ist. Vermutlich haben die Schriftgelehrten ausführlich begründet, dass eine Auferstehung in Form eines Geistes oder Engels durchaus anzunehmen ist, und dass diese auch in ein Reich der Geister und Engel erfolgt. Da sich die Schriftgelehrten vermutlich in der hebräischen Bibel (= AT) am besten auskannten, ist verständlich, dass sie nun die Wortführerschaft übernahmen. Da auch die Sadduzäer auf Grundlage der hebräischen Bibel, allerdings nur oder in erster Linie auf Grundlage der Tora (= fünf Bücher Mose), argumentiert haben dürften, konnte sich durchaus eine hitzige und gelehrte Diskussion entwickeln.

Dass die Schriftgelehrten von der Partei der Pharisäer ihre Ansicht ausführlich begründeten, zeigt die Wahl der Zeitform Imperfekt ("diemachonto“ = "sie verfochten ihre Ansicht“), denn das Imperfekt kennzeichnet ein länger währendes Geschehen. Die mittels des Partizips "legontes“ ("sprechend/sagend“, hier übersetzt: "sie sagten“) eingeführte Aussage dürfte nur die Schlussaussage der längeren schriftgelehrten Begründung gewesen sein. Diese Aussage war es, die schließlich bei den wütenden Sadduzäern das Fass zum Überlaufen brachte (vgl. V. 10).

 

Wörtlich sagten die Schriftgelehrten von der Partei der Pharisäer: "Wir finden an diesem Menschen nichts Böses. Wenn aber ein Geist zu ihm geredet hat oder ein Engel…“. Die folgende Leerstelle füllt eine u. a. vom Mehrheitstext gebotene Variante, die − vielleicht mit Blick auf 5,39 - hinzufügt "…, so wollen wir nicht gegen Gott kämpfen“ ("mê theomachômen“). Möglicherweise soll die Unvollständigkeit des Satzes deutlich machen, dass die Sadduzäer den Ausführungen der Schriftgelehrten ein abruptes Ende bereiteten.

 

Weiterführende Literatur: Weil der Codex Bezae Cantabrigiensis abrupt in 22,29 abbricht und die Leerstelle bis zum Ende der Apg (28,31) reicht, versucht É. Delebecque 1984, 83-91 den sogenannten westlichen Text mittels einer Minuskel des 13. Jh.s, Randglossen der syrischen Harklensis, der sahidischen, koptischen Textversion und verschiedener lateinischer Vulgata-Handschriften zu rekonstruieren. Laut É. Delebecque könne der Aorist Indikativ "ei…elalêsen“ sowohl als eine irreale Möglichkeit als auch als eine reale Möglichkeit verstanden werden. Es sei also unklar, ob die Möglichkeit, dass ein Geist oder ein Engel zu Paulus geredet hat, der Realität entspricht. Der Zusatz des Präsens Konjunktiv "mê theomachômen“ ("so wollen wir nicht gegen Gott kämpfen“) hebe diese Doppeldeutigkeit auf; es handele sich nun eindeutig um eine reale Möglichkeit, die auch die Aufregung der Sadduzäer erklären würde. Dass das Verb "theomachomai“ ansonsten im NT unbekannt ist, sei nicht unbedingt ein Beleg dafür, dass der Zusatz nicht von Lukas stammen kann, denn Lukas sei der einzige Autor, der an verschiedenen Stellen auf klassisch griechisches Vokabular zurückgreife, wenn es bei anderen Autoren fehle.

 

 

Literaturübersicht

 

Daube, David; On Acts 23: Sadducees and Angels, JBL 109/3 (1990), 493-497

Delebecque, Édouard; Paul entre Juifs et Romains, selon les deux versions de Act. XXIII, RThom 84/1 (1984), 83-91

Haacker, Klaus; Das Bekenntnis des Paulus zur Hoffnung Israels nach der Apostelgeschichte des Lukas, NTS 31/3 (1985), 437-451

Lührmann, Dieter: Paul and the Pharisaic Tradition, JSNT 36 (1989), 75-94

Parker, Floyd; The Terms "Angel“ and "Spirit“ in Acts 23,8, Bib. 84/3 (2003), 344-365

Stroumsa, Gedaliahu G.; Le couple de l’ange et de l’esprit: Traditions juives et chrétiennes, RB 88 (1981), 42-61

Viviano, Benedict T.; Taylor, Justin; Sadducees, Angels, and Resurrection (Acts 23:8-9), JBL 111/3 (1992), 496-498