Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (Apg 21,18-26,32)

Apg 23,31-35

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 23,31-35

 

 

Übersetzung

 

Apg 23,31-35: 31 Die Soldaten übernahmen nun (den) Paulus, wie ihnen befohlen war, und führten [ihn] bei Nacht nach Antipatris. 32 Am nächsten Tag ließen sie die Reiter mit ihm weiterziehen und kehrten in die Kaserne zurück. 33 Jene kamen nach Cäsarea hinein, (und) übergaben dem Prokurator den Brief und führten ihm auch (den) Paulus vor. 34 Nachdem er gelesen und auf die Frage, aus welcher Provinz er sei, erfahren hatte, dass er aus Kilikien [sei], 35 sagte er: "Ich werde dich verhören, sobald auch deine Ankläger angekommen sind.“ Er gab Befehl, ihn im Prätorium des Herodes in Gewahrsam zu halten.

 

 

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V. 31

 

Beobachtungen: 25,31-35 handelt von der Umsetzung des Befehls des Tribuns an die 200 Fußsoldaten, 70 Reiter und 200 "Lanzenträger“, Paulus wohlbehalten zum Prokurator Felix nach Cäsarea zu bringen (vgl. 25,23-24).

 

Nicht alle drei Truppenkontingente übernahmen Paulus, sondern es werden nur die Fußsoldaten (stratiôtai = Soldaten) genannt. Bei ihnen scheint zunächst die Hauptverantwortlichkeit gelegen zu haben, was insofern bemerkenswert ist, als man Paulus hatte auf ein Reittier aufsitzen lassen (vgl. V. 34).

 

Die Reise nach Cäsarea erfolgte in zwei Etappen, wobei die erste Etappe nach Antipatris führte. Antipatris war von dem König Herodes d. Gr. an der Stelle der Ortschaft Afek, die auch "Pegai“ und "Arethusa“ genannt wurde, zu Ehren seines Vaters Antipater erbaut und nach diesem benannt worden. Antipatris lag rund 60 Kilometer von Jerusalem entfernt an der Straße, die nach Cäsarea führte. Laut V. 31 haben Paulus und die ihn begleitenden Soldaten die Strecke von der dritten Nachtstunde (etwa 21 Uhr; vgl. V. 23) des Aufbruchtages bis zum folgenden Tag − die Uhrzeit wird nicht genannt − zurückgelegt. Dies setzte ein hohes Reisetempo und auch eine gute Reiseausdauer voraus, ist aber nicht gänzlich unrealistisch. Erstens ist zu bedenken, dass aufgrund der drohenden Gefahr seitens der Juden Eile angesagt war, zweitens ging es die Wegstrecke über meist bergab. Die Fußsoldaten waren vermutlich das stramme Marschieren gewohnt, die Reiter ritten und auch Paulus ritt. Zu den "Lanzenträgern“ lassen sich keine Aussagen treffen.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 32

 

Beobachtungen: Antipatris lag an der Grenze von Judäa zu Samarien. Von hier aus führte der Weg durch die Küstenebene durch zunehmend heidnisches Land. In Antipatris angekommen, war Paulus wohl dem unmittelbaren Zugriff der Juden entzogen, die Gefahr aber noch nicht völlig gebannt. So konnten die Fußsoldaten wieder umkehren, wobei die Hauptverantwortung für Paulus nun an die Reiter übergeben wurde. Über die "Lanzenträger“ wird nichts ausgesagt. Dass die Fußsoldaten vor ihrer Rückkehr nach Jerusalem schliefen, wird nicht gesagt. Wenn man davon ausgeht, dass die Fußsoldaten noch am Tag der Übergabe des Paulus an die Reiter in die Kaserne zurückkehrten, dann können sie unmöglich geschlafen haben. Allerdings ist nicht anzunehmen, dass sie 120 Kilometer ohne Schlaf marschieren konnten. Nimmt man an, dass die "Lanzenträger“ nicht wirklich eine Lanze trugen, sondern den Zügel eines Reittieres in der rechten Hand hielten, dann können die Fußsoldaten mit den Reittieren zurück zur Kaserne geritten sein. Dies ist jedoch unwahrscheinlich, weil sich erstens die Frage stellen würde, warum sie nicht schon auf dem Hinweg geritten sind, und zweitens unklar wäre, was mit den "Lanzenträgern“, die nicht weiter erwähnt werden, geschah. So ist davon auszugehen, dass die Fußsoldaten zu Fuß zurückkehrten. Vermutlich schliefen sie mindestens einige wenige Stunden, bevor sie sich wieder auf den Rückweg machten. Auch wenn dies nicht gesagt wird, ist dies doch durchaus möglich, denn es heißt nur ausdrücklich, dass "am nächsten Tag“ die Fußsoldaten die Reiter mit Paulus weiterziehen ließen, aber nicht, dass sie "am nächsten Tag“ die Kaserne erreichten. Dass das Reisetempo und die Reiseausdauer so übermäßig groß erscheinen und in keinster Weise von Rast und Schlaf die Rede ist, dürfte mit dem Bestreben des Verfassers der Apg zusammenhängen, der Bedeutung des Paulus ein besonderes Gewicht zu verleihen und die Gefahr besonders groß erscheinen zu lassen. Bei einer solch großen Gefährdung einer solch bedeutenden Persönlichkeit mussten Reisetempo und Reisedauer außergewöhnlich sein. Und da die Fußsoldaten so schnell es ging wieder in Jerusalem gebraucht wurden, mussten sie sich schnellstmöglich wieder auf den Rückweg zur Kaserne begeben.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 33

 

Beobachtungen: Die Reiter hatten nun den Befehl auszuführen, Paulus wohlbehalten nach Cäsarea, wo der Prokurator residierte, zu bringen, das etwa 40 Kilometer nördlich von Antipatris lag. Sie führten den Brief an den Prokurator mit sich, den der Tribun vor dem Aufbruch in Jerusalem geschrieben hatte und dessen Inhalt vom Verfasser der Apg in 23,26-30 den Lesern mitgeteilt wurde. Dieser Brief war nun direkt nach der Ankunft in Cäsarea dem Prokurator zu übergeben. Außerdem war dem Prokurator Paulus, von dem der Brief ja handelte, vorzuführen.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 34

 

Beobachtungen: Auch wenn dies nicht ausdrücklich gesagt wird, geht doch aus dem Zusammenhang eindeutig hervor, dass das, was der Prokurator las, der vom Tribun verfasste Brief war.

 

Bei der "eparcheia“ handelt es sich um eine Statthalterschaft, also um eine römische Provinz, die von einem Statthalter (eparchos) verwaltet wird.

 

Es stellt sich die Frage, warum der Prokurator wissen wollte, aus welcher Provinz Paulus stammte. Da der Prokurator gelesen hatte, dass Paulus ein Römer war, kann er einfach neugierig gewesen sein, aus welcher Provinz des Römischen Reiches dieser stammte. Er kann aus der Herkunft auch erste Schlüsse gezogen haben, mit was für einem Menschen er es zu tun hatte. So hätte er z. B. bei einer Herkunft aus einer besonders aufrührerischen Provinz darauf schließen können, dass auch der ihm vorgeführte Römer Paulus ein Aufrührer sein könnte. Und schließlich ist auch möglich, dass der Prokurator darauf hoffte, die Untersuchung abgeben zu können. Im Normalfall hatte zwar der Statthalter (auch der Prokurator war ein Statthalter) der Provinz, in der ein Verbrechen begangen worden war, für die Verurteilung des Verbrechers zu sorgen (forum delictii), doch bestand auch grundsätzlich die Möglichkeit, einen Prozess an die Herkunftsprovinz des Angeklagten zu überweisen (forum domicilii).

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 35

 

Beobachtungen: Es wird keinerlei Kommentar des Prokurators zur erfragten Herkunftsprovinz des Paulus geschildert. Geht man davon aus, dass sich der Prokurator des Falls entledigen wollte, dann ist bemerkenswert, dass er auf die Antwort hin keinerlei Anstalten machte, den Fall an die Gerichtsbarkeit der Provinz Kilikien zu überweisen. Das mag damit zu erklären sein, dass Syrien und das im Süden der heutigen Türkei gelegene Kilikien zwar seit der Eroberung durch Pompeius 64 v. Chr. eigenständige römische Provinzen gewesen waren, Kilikien jedoch nach dem Tode Caesars 44 v. Chr. als eigenständige Provinz aufgelöst und − bis zur Wiedereinrichtung als eigenständige Provinz 72 n. Chr. unter Vespasian - teils der Provinz Syrien zugeschlagen, teils einheimischen Herrschern überlassen worden war. Der Statthalter von Syrien lehnte es wahrscheinlich ab, sich mit solch vergleichsweise geringfügigen Angelegenheiten wie dem vorliegenden Fall zu befassen. Ebenfalls ist möglich, dass Paulus als Bürger der Stadt Tarsus, einer freien Stadt (civitas libera), nicht der Provinzialgerichtsbarkeit unterstand. Allerdings wird die Stadt Tarsus im Text nicht erwähnt, so dass genau genommen der Prokurator nicht wusste, dass Paulus aus Tarsus stammte. Schließlich ist auch noch daran zu denken, dass Kilikien doch weit von Jerusalem entfernt lag und die Ankläger weit hätten reisen müssen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass der Prozess am Sitz des syrischen Statthalters in Antiochia am Orontes stattgefunden hätte, wäre der Weg nur wenig kürzer gewesen, weil Antiochia nahe der Grenze von Kilikien lag.

 

Aus dem Brief des Tribuns ging hervor, dass dieser die jüdischen Ankläger angewiesen hatte, bei dem Prokurator vorzubringen, was gegen Paulus vorliegt (vgl. V. 30). Dabei ging wohl der Tribun davon aus, dass die Ankläger eigens nach Cäsarea reisen mussten. Diese hatten die Anweisung wohl erst erhalten, nachdem Paulus und die ihn begleitenden Soldaten bereits von Jerusalem aufgebrochen waren, und konnten somit auch erst nach Paulus in Cäsarea eintreffen. Der Prokurator musste also für die Eröffnung des Prozesses auf die Ankläger warten.

 

Damit Paulus nicht fliehen konnte, musste er bis zum Prozess in Gewahrsam gehalten werden. Dafür war das Prätorium des Herodes bestimmt. Dabei handelte es sich um den von Herodes d. Gr. errichteten Palast, der von der römischen Provinzialverwaltung übernommen worden war. Es sind keine Überreste des Palastes erhalten und auch die genaue Lage ist unbekannt. Dass Paulus dort in Gewahrsam gehalten wurde, lässt annehmen, dass er ausreichend befestigt war. Seinen Namen hat das Prätorium von dem "Prätor“, einem römischen Amt. Prätoren konnten auch militärische Aufgaben übernehmen und nach Beendigung ihres Amtsjahres in Rom eine Statthalterschaft "pro praetore“ einer römischen Provinz zugewiesen bekommen

 

Weiterführende Literatur: Zur Überstellung des Paulus nach Cäsarea, zum Brief des Tribuns an den Prokurator Felix und zur Gefangenschaft des Paulus im Prätorium des Herodes siehe B. Rapske 1994, 152-158.

 

 

Literaturübersicht

 

Rapske, Brian; The Book of Acts and Paul in Roman Custody (The Book of Acts in Its First Century Setting 3), Grand Rapids, Michigan - Carlisle 1994