Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Zweiter Thessalonicherbrief

Der zweite Brief des Paulus an die Thessalonicher

2 Thess 1,11-12

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

2 Thess 1,11-12



Übersetzung


2 Thess 1,11-12 :11 Deshalb beten wir auch allezeit für euch, dass euch unser Gott der Berufung für würdig erachte und alle Freude an [der] Güte und [das] Glaubenswerk kraftvoll zur Vollendung bringe, 12 damit der Name unseres Herrn Jesus unter euch verherrlicht werde und ihr in ihm gemäß der Gnade unseres Gottes und [des] Herrn Jesus Christus.



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V. 11


Beobachtungen: Der Verfasser (oder: die Verfasser) setzt nach einem Abschnitt über das Kommen des "Herrn" Jesus und das Gericht Gottes (V. 5-10) die Abfolge Dank - Fürbitte, die sich auch in anderen (echten und unechten) paulinischen Briefen findet, fort. Die V. 11-12 beinhalten nun die Fürbitte, die den dritten Teil des Proömiums darstellt.


Es stellt sich die Frage, ob die "Berufung" ("klêsis") bereits in der Vergangenheit erfolgt ist oder erst in der Zukunft erfolgen wird. Handelt es sich also um die Berufung zum christlichen Glauben, die in den Übertritt zum Christentum mündete, oder handelt es sich um die endgültige Berufung zum Heil bei der Wiederkunft des "Herrn" Jesus? Geht man von einer bereits erfolgten Berufung aus, dann ist das Verb "axioô" am besten mit "würdig machen" zu übersetzen. Gott hat nämlich die Adressaten bereits des christlichen Glaubens würdig erachtet. Nun geht es aber darum, dass ihr Leben auch wirklich der Berufung entspricht, sie also in ihrem ganzen Wesen und Lebenswandel der Berufung würdig gemacht werden. Da bedarf es göttlichen Handelns, so wie es auch beim Erfüllen/Vollenden vorausgesetzt ist. Geht man von einer noch ausstehenden endgültigen Berufung zum Heil bei der Wiederkunft des "Herrn" Jesus aus, dann kann das Verb "axioô" gleichermaßen mit "würdig machen" oder mit "für würdig erachten" übersetzt werden. Auch wenn sich die Adressaten gemäß V. 3-4 bereits auf einem guten Weg befinden, ist ja noch nicht ausgemacht, dass sie bis zum Ende auf diesem Weg aushalten. Das ist aber erforderlich, damit sie schließlich (von Gott) endgültig des Heils für würdig erachtet werden. Wenn also von Gott erbeten wird, dass er die Adressaten der (endgültigen) Berufung zum Heil für würdig erachtet, setzt das voraus, dass er sie vorher der (endgültigen) Berufung zum Heil würdig macht, denn ohne Beistand Gottes können sie kaum zur Erfüllung/Vollendung gelangen.


Das Gebet erfolgt (ebenso wie der Dank V. 3) allezeit, womit wohl eher eine Geisteshaltung als eine Vielzahl einzelner Gebete gemeint ist. Es werden zwei Gebetsinhalte genannt.


Der altgriechische Begriff "agathôsynê" meint die Güte, gute Gesinnung oder Rechtschaffenheit. Damit ist also ein menschlicher Wesenszug gemeint, und wohl nicht das - wie auch immer zu deutende - Gute.

Der altgriechische Begriff "eudokia" kann den Willen, den Beschluss oder das Wohlgefallen meinen. Wenn "agathôsynê" eine menschliche Eigenschaft meint und wohl nicht das Gute, dann dürfte die Formulierung "pasan eudokian agathôsynên" nicht mit "allen Willen zum Guten" zu übersetzen sein, auch nicht mit "alles Wohlgefallen am Guten" oder "alle Freude am Guten". Vielmehr ist die Übersetzung "allen Willen zur Güte / zum Gutsein / zur Rechtschaffenheit" oder "alles Wohlgefallen an [der] Güte / am Gutsein / an [der] Rechtschaffenheit" oder "alle Freude an [der] Güte / am Gutsein / an [der] Rechtschaffenheit" zu wählen. Bei der Übersetzung ist zu bedenken, dass der Begriff "Wohlgefallen" der gehobenen Sprache angehört, die am ehesten zu Aussagen passt, die Gott (oder Jesus Christus) betreffen. So kann man vom Wohlgefallen Gottes sprechen. Da nicht klar ist, ob vom Willen bzw. Wohlgefallen Gottes oder vom Willen bzw. Wohlgefallen der Adressaten die Rede ist, ist die Übersetzung "Wohlgefallen" durchaus möglich. In Verbindung mit dem Verb "plêrôsê" ("erfülle/vollende") wäre aber - auf Gott bezogen - die Übersetzung "Wille" besser, denn eher als das Wohlgefallen Gottes kann der Wille Gottes erfüllt/vollendet werden. Gemeint wäre, dass der Wille Gottes zur Güte / zum Gutsein / zur Rechtschaffenheit der Adressaten vollendet werden möge. Geht man dagegen davon aus, dass sich das Wohlgefallen auf die Adressaten bezieht, dann sollte hier für die Übersetzung nicht gehobene Sprache, sondern normale Sprache gewählt werden. "Eudokia" wäre dann am besten mit "Freude", "Gefallen" oder "Wille" zu übersetzen.


Auch wenn nicht ausdrücklich gesagt wird, wessen Glaubenswerk gemeint ist, lässt sich mit Blick auf 1 Thess 1,3 doch ziemlich sicher sagen, dass es sich um das Glaubenswerk der Adressaten handelt. Dieses soll von Gott zur Vollendung gebracht werden. Gottes Handeln erfolgt demnach an den Adressaten. Liest man in diesem Lichte die Formulierung "allen Willen zur Güte / zum Gutsein / zur Rechtschaffenheit" bzw. "alles Wohlgefallen an [der] Güte / am Gutsein / an [der] Rechtschaffenheit", dann ist auch sie am besten auf die Adressaten zu beziehen. Der "Wille" bzw. das "Wohlgefallen" bezieht sich also vermutlich ebenso auf die Adressaten wie das "Glaubenswerk". Die Richtigkeit dieser Vermutung wird durch die Beobachtung gestützt, dass auch die Güte / das Gutsein / die Rechtschaffenheit auf die Adressaten bezogen ist. Die Adressaten sind gut bzw. rechtschaffen. Somit geht es also vermutlich darum, dass die Adressaten bereits Willen zur Güte / zum Gutsein / zur Rechtschaffenheit bzw. Freude an der Güte / dem Gutsein / der Rechtschaffenheit empfinden, aber noch nicht vollkommen und dauerhaft. Daher bedarf es des Handelns Gottes.

Die Formulierung „Glaubenswerk“ zeigt: der rechte Glaube und das gute Werk gehören untrennbar zusammen. Dabei wird nicht präzisiert, was das Glaubenswerk genau beinhaltet. Das Glaubenswerk genauer zu bestimmen, führt aber wohl auch an der Sache vorbei, denn der vorher genannte "Wille zur Güte / zum Gutsein / zur Rechtschaffenheit" bzw. die vorher genannte "Freude an [der] Güte / am Gutsein / an [der] Rechtschaffenheit" ist umfassend gedacht. Das dürfte auch für das Glaubenswerk gelten.


Das Verb "plêrôsê" bedeutet "erfülle". Ihm liegt die Vorstellung zugrunde, dass ein Maß gefüllt wird, und zwar bis es ganz von der Füllung ausgefüllt ist. Insofern kann es auch mit "vollende" oder "zur Vollendung bringe" übersetzt werden. Gott ist also als Handelnder gedacht, der auf der Seite der Adressaten steht und deren bereits vorbildliche Haltung und Lebensweise zur Erfüllung, zur Vollendung bringt. Das kann im Sinne des Ausmaßes, aber auch der zeitlichen Erstreckung gemeint sein. Das Ausmaß betreffend wäre ausgesagt, dass die Adressaten zwar schon "allen Willen zur Güte / zum Gutsein / zur Rechtschaffenheit" oder "alle Freude an [der] Güte / am Gutsein / an [der] Rechtschaffenheit" haben, beides aber noch nicht vollkommen. Die zeitliche Erstreckung betreffend wäre ausgesagt, dass die Adressaten zwar schon "allen Willen zur Güte / zum Gutsein / zur Rechtschaffenheit" oder "alle Freude an [der] Güte / am Gutsein / an [der] Rechtschaffenheit" haben, aber dieser bzw. diese noch nicht ganz beständig ist. So ist in der Bedrängnis auch nicht sicher, dass sie diese vorbildliche Haltung und Lebensweise tatsächlich bis zur Wiederkunft Jesu, die ja noch auf sich warten lässt (vgl. 2,1-2), durchzuhalten vermögen. Daher muss Gott ihnen beistehen, dass sie sich noch vervollkommnen und ihre vorbildliche Haltung und Lebensweise trotz aller Bedrängnis bis zur Wiederkunft Jesu durchhalten.

Einige Textzeugen bieten statt "plêrôsê" ("zur Vollendung bringe"), ein Aorist Konjunktiv, "plêrôsei" ("zur Vollendung bringen wird"), also ein Futur Indikativ. Diese Änderung dürfte auf einen Hörfehler beim Diktieren zurückgehen, denn beide Formen klingen sehr ähnlich. Es dürfte auch ein Flüchtigkeitsfehler sein, denn zur vorausgehenden Verbform "axiôsê" ("würdig mache / für würdig erachte"), ebenfalls ein Aorist Konjunktiv, findet sich kein Futur Indikativ als Variante, obwohl dies zu erwarten wäre. Dass sich nicht durchgängig ein Futur Indikativ als Variante findet, weist auch darauf hin, dass es sich tatsächlich um einen Fehler und nicht um eine absichtliche Änderung handelt. Bei einer absichtlichen Änderung wäre sicherlich auch der Aorist Konjunktiv "axiôsê" zu einem Futur Indikativ, zu "axiôsei" ("würdig machen wird / für würdig erachten wird") geändert worden.


Der erbetene Beistand Gottes ist nicht schwach und zögerlich gedacht, sondern kraftvoll ("en dynamei" bedeutet wörtlich übersetzt "in Kraft" oder "durch Kraft"). So wird es sicher zur Vollendung kommen.


Weiterführende Literatur: J. L. Sumney 1990, 192-204 geht der Frage nach, ob es sich bei dem 2 Thess um einen authentischen Paulusbrief handelt, der literarisch einheitlich ist. J. L. Sumney sieht den entscheidenden Beleg in dem rhetorischen Muster A B A gegeben, das typisch paulinisch sei (und sich zudem auch in den beiden Danksagungen 1,3-12 und 2,13-3,5 erkennen lasse). Es sei weniger wahrscheinlich, dass ein späterer Autor dieses Muster erkannt und auf seinen Brief übertragen hat, als dass Paulus selbst es erneut verwendet hat. Das sei jedoch noch kein abschließendes Argument für die Abfassung des Briefes durch Paulus. Es lasse sich nur sagen, dass die Infragestellung der paulinischen Verfasserschaft in erster Linie von theologischen Unterschieden zwischen Paulus und dem 2 Thess auszugehen hat, nicht aber von Unterschieden hinsichtlich der brieflichen Form.


Gemäß H. Roose 2009, 343-364 wolle der 2 Thess den 1 Thess nicht ersetzen, sondern eine Leseanweisung für 1 Thess geben. Sie arbeitet zunächst die Diskontinuität zwischen den beiden Briefen heraus. Während die Bedrängnisse im 1 Thess keine eschatologische Bedeutung hätten und zwischen der Parusie, zu der Jesus Christus als Retter komme, und dem „Tag des Herrn“ als (Straf-)Gericht an Gerechten und Ungerechten unterschieden werde, bringe 2 Thess diese drei Größen in einen engen Zusammenhang. Dann fragt H. Roose: Wie liest sich 1 Thess durch die Brille des pseudepigraphischen 2 Thess? Die Bedrängnisse würden nun auch im 1 Thess im theologischen Kontext von Endgericht und ius talionis („Auge um Auge, Zahn um Zahn“) gedeutet. 1 Thess 4,13-17; 5,1-11 werde gleichsam von 2 Thess 1,3-12 und 2,1-12 gerahmt.


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V. 12


Beobachtungen: Welche Bedeutung kommt dem "Namen" zu? Warum heißt es nicht einfach "damit unser Herr Jesus durch euch verherrlicht werde"? Zunächst einmal ist zu klären, was überhaupt der "Name" ist. Unserem heutigen Sprachgebrauch folgend liegt es nahe, "Jesus" als Namen anzusehen. "Jesus" ist auch heute noch ein Vorname. Es handelt sich um eine Variante des Namens Josua, der "Gott rettet/hilft/befreit" bedeutet. Wenn also der Name Jesus verherrlicht wird, dann wird er wohl in seiner Bedeutung "Gott rettet/hilft/befreit" verherrlicht. Die Verherrlichung erfolgt durch das mit Gottes bzw. Jesu Hilfe durch und durch christliche Wesen und Leben der Adressaten. Sie leben in echter Nachfolge Jesu und nehmen ihn so nicht nur als Vorbild, sondern erkennen ihn als den "Retter", als den Heilsbringer an und richten freudig ihr Leben und Handeln voll auf ihn aus. Das ist die größte Ehre, die Jesus zukommen kann, er wird verherrlicht. Die Verherrlichung Jesu erfolgt durch die Adressaten, unter ihnen und in ihnen (die Präposition "en" kann alle drei Bedeutungen haben). Sie erfolgt durch sie, weil die das Mittel der Verherrlichung sind, sie erfolgt unter ihnen, weil die Gemeinschaft der Christen (= Kirche) der Ort der Verherrlichung ist, und sie erfolgt in ihnen, weil die Kirche als Ganze als Tempel Gottes verstanden werden kann (dieses Bild findet sich zwar nicht explizit im 2 Thess, aber in anderen echten und unechten Paulusbriefen, nämlich in 1 Kor 3,16-17; 2 Kor 6,16; Eph 2,21), ebenso der einzelne Christ, der ja Bestandteil der Kirche ist. Verherrlichung in den einzelnen Christen wäre mit der starken Verinnerlichung des Glaubens und damit auch Jesu verbunden. Nun steht der Name "Jesus" aber nicht allein, sondern mit dem Titel "Herr", der ein Herrschaftsverhältnis angibt: Der „Herr“ gebietet und seine Sklaven/Diener, die Christen, gehorchen. Wenn die Adressaten in echter Nachfolge Jesu leben, dann kommen sie ihrem Dienst an Gott und Jesus voll und ganz nach. So ehren sie in höchstem Maße den "Herrn", ja sie verherrlichen ihn. Nun ist der Titel "Herr" zwar kein Name, der dem modernen Verständnis von einem Namen entspricht, doch wird er in der Bibel als ein "Name" verstanden. So heißt es beispielsweise in Jes 66,5LXX in einer ganz ähnlichen Formulierung "... dass der Name des Herrn verherrlicht werde". Der "Herr" ist in diesem Vers der Gott Israels, JHWH, wie auch an anderen Stellen der Septuaginta (LXX) anstelle des Gottesnamens die Bezeichnung "Herr" eingesetzt wurde. Diese wurde im Neuen Testament (NT) übernommen, und zwar nicht nur für den Gott Israels, also den Gott der Juden und Christen, sondern auch für Jesus. Von Jes 66,5LXX her ist die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, dass auch in 2 Thess 1,12 nur "Herr" als "Name" verstanden wird, nicht aber auch "Jesus". Allerdings ist hier die Bezeichnung bzw. der Titel "Herr" eindeutig auf Jesus bezogen und kann nicht unabhängig von diesem gedeutet werden. Insofern haben wir davon auszugehen, dass in 2 Thess 1,12 "Herr Jesus" als Name verstanden wird. und zwar in seiner ganzen Bedeutungsbreite. Was die Bedeutung "Gott rettet/hilft/befreit" des Namens Jesus angeht, lässt sich zwar nicht mit Sicherheit sagen, dass der Verfasser (oder: die Verfasser) des 2 Thess auf diese anspielt, jedoch ist sie auch in der Bedeutung des Titels "Herr" enthalten. Somit hilft sie, die Bedeutung des V. 12 in ihrer ganzen Tiefe zu erfassen.

Auch die Adressaten werden mit einem vorbildlichen Lebenswandel verherrlicht, und zwar im (oder: durch den; erneut kann die Präposition "en" sowohl "in" als auch "durch" bedeuten) "Herrn" Jesus. Die Formulierung "im Herrn Jesus" dürfte einen Macht- und Wirkraum bezeichnen, und zwar denjenigen des "Herrn" Jesus". "Im Herrn Jesus" befinden sich Christen, denn sie glauben an Jesus (Christus), erkennen ihn als ihren "Herrn" an und haben sich so in dessen Macht- und Wirkraum begeben. Das Wirken Jesu bringt Heil, weshalb der Macht- und Heilsraum Jesu zugleich ein Heilsraum ist. Das mit Jesus verbundene Heilsgeschehen bezieht die Menschen, die sich in dem Heilsraum Jesu befinden, mit ein.


Die Verherrlichung der Adressaten ist also keine Leistung der Adressaten, sondern ist auf Gnade zurückzuführen, wie der Verfasser (oder: die Verfasser) des 2 Thess unterstreicht. Schon die Berufung zum Glauben ist Gnade, ebenso ein Leben, das dieser Berufung würdig ist. Gnade ist es auch, wenn die Adressaten schließlich einen dermaßen vorbildlichen Lebenswandel führen, dass sie von Gott der endgültigen Berufung zum Heil für würdig erachtet werden.

Es handelt sich um die "Gnade unseres Gottes und Herrn Jesus Christus". Die Formulierung "unser Gott" macht deutlich, dass der Gott der Christen (und Juden) gemeint ist. In einer heidnischen Umwelt, in der eine Vielzahl anderer Götter verehrt werden, ist eine solche Klarstellung durchaus von Bedeutung. Nun fällt auf, dass sich zwar vor "Gott" ein bestimmter Artikel findet, nicht aber vor "Herrn Jesus Christus". Der Gott der Christen und der "Herr" der Christen, Jesus Christus, werden also in einem Atemzug genannt und in einem engen Zusammenhang gesehen. Man kann auch so weit gehen und sagen, dass der Herr Jesus Christus als Gott verstanden wird. Wie auch immer: Von einer ausgefeilten Trinitätslehre haben wir noch nicht auszugehen, weshalb sich Schlussfolgerungen bezüglich des Wesens Jesu Christi nur unter Vorbehalten ziehen lassen.


Es fällt auf, dass am Ende von V. 12 der "Herr" Jesus als „Christus“ bezeichnet wird. „Christus“ ist nicht ein Name im Sinne eines Vor- oder Nachnamens, sondern ein Heilstitel. „Christus“ bedeutet „Gesalbter“ (griechisch: „christos“). Im AT werden Könige, Priester, Propheten und auch kultische Gegenstände gesalbt. Durch die Salbung mit dem Salböl werden sie der rein profanen Welt enthoben und in den Dienst Gottes gestellt, womit sie in die Sphäre des Heils treten. Wenn Jesus als „Christus“ bezeichnet wird, dann wird er als Heilsbringer (Messias, hebr.: māschiaḥ) verstanden. Jesus Christus ist laut Paulus insbesondere deshalb Heilsbringer, weil er für die Menschen gestorben und von den Toten auferstanden ist. Er bewirkt Sündenvergebung und ewiges Leben.

In einigen Textzeugen findet sich auch nach "Name unseres Herrn Jesus" der Titel "Christus". Dabei dürfte es sich jedoch um eine nachträgliche Anpassung an das Versende handeln, der aus der Verwunderung resultiert, warum sich denn nur am Versende der Titel "Christus" findet.


Weiterführende Literatur: T. Nicklas 2013, 227-238 legt dar, dass bereits auf die verschiedenen 2 Thess 1,5-12 zugrunde liegenden atl. Textstellen hingewiesen worden sei. Diese wolle er nicht erneut herausarbeiten. Vielmehr komme es ihm darauf an, ihre Bedeutung für die Auslegung des Textes darzulegen. Ergebnis: Es werde in 2 Thess 1,5-12 gleich ein ganzes Bündel an atl. Texten herangezogen, wobei diese oftmals mit den „Tag des Herrn“-Traditionen in Zusammenhang stünden. Entscheidend sei, dass die Eigenschaften und Aktivitäten Gottes auch dem „Herrn“ Jesus zugeschrieben werden. So entstehe der Eindruck, dass das, was über Gott gesagt werden kann, auch über den „Herrn“ Jesus gesagt werden kann.


G. Hotze 1999, 141-143 legt bezüglich V. 12 dar, dass nur vor „Gott“ und nicht vor „Herrn“ ein bestimmter Artikel stehe und sich somit der Artikel auf beide Nomina beziehen müsse, sodass diese als eine Person zu verstehen seien („unser Gott und Herr Jesus Christus“). Diesem Sachverhalt sei jedoch kein größeres Gewicht zu geben, weil es sich bei der Auslassung des zweiten Artikels vermutlich lediglich um eine grammatische Ungenauigkeit und ein schriftstellerisches Versehen des Autors handele.



Literaturübersicht


Hotze, Gerhard; Die Christologie des 2. Thessalonicherbriefes, in: K. Scholtissek [Hrsg.], Christologie in der Paulus-Schule: zur Rezeptionsgeschichte des paulinischen Evangeliums (SBS 181), Stuttgart 1999, 124-148

Nicklas, Tobias; Intertextuality - Christology - Pseudepigraphy. The Impact of the Old Testament Allusions in 2 Thess 1,5-12, in: B. J. Koet et al. [eds.], The Scriptures of Israel in Jewish and Christian Tradition, FS M. J. J. Menken, Leiden - Boston 2013, 227-238

Roose, Hanna; Die Thessalonicherbriefe im Kontext urchristlicher Überlieferungsprozesse. Methodische Reflexionen, in: W. Kraus [Hrsg.], Beiträge zur urchristlichen Theologiegeschichte (BZNW 163), Berlin 2009, 343-364

Sumney, Jerry L.; The Bearing of a Pauline Rhetorical Pattern on the Integrity of 2 Thessalonians, ZNW 81/3-4 (1990), 192-204

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