Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Erster Korintherbrief

Der erste Brief des Paulus an die Korinther

1 Kor 7,39-40

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Kor 7,39-40

 

 

Übersetzung

 

1 Kor 7,39-40: 39 Eine Frau ist gebunden, solange ihr Mann lebt. Wenn aber der Mann entschlafen ist, so ist sie frei, sich zu verheiraten, mit wem sie will - [jedoch] nur im Herrn. 40 Seliger aber ist sie, wenn sie so bleibt - nach meiner Meinung. Ich meine aber, dass auch ich den Geist Gottes habe.

 

 

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V. 39

 

Beobachtungen: Paulus kommt nach den Verlobten nun auf die Witwen zu sprechen, wobei er an 7,8-10 anknüpft, wo das unverheiratete Dasein befürwortet wird und sich das Scheidungsverbot findet. Im Gegensatz zu 7,25-38 ist mit der Bindung nicht die Verlobung gemeint, sondern die Ehe. Eine Frau soll sich nicht scheiden lassen.

Selbst wenn sich die Frau scheiden lässt, ist sie an ihren Ehemann gebunden, denn es besteht ja noch die Möglichkeit der Versöhnung. Paulus sieht also nicht vor, dass die Frau noch vor dem Entschlafen ihres Mannes - angesichts der nahen Wiederkunft Christi und der bevorstehenden Auferweckung versteht Paulus den Tod als Schlaf - eine neue Ehe eingeht.

Ist der Mann jedoch entschlafen, ist sie frei, sich zu verheiraten, mit wem sie will. Eine Einschränkung macht Paulus jedoch: Es soll "im Herrn“ geschehen. Eine Heirat "im Herrn“ meint vermutlich eine Heirat, die im christlichen Glauben geschieht. Am nahe liegendsten ist die Interpretation, dass die Frau einen Christen heiraten soll.

 

Dass Paulus die erneute Heirat nicht verbietet oder missbilligt, dürfte zwei Gründe haben: Erstens wird durch die erneute Heirat keine andere Ehe gebrochen, zweitens kann eine neue Partnerschaft im Hinblick auf die Versorgung der Witwe von Bedeutung sein, vor allem wenn sie keine oder nur wenige Kinder hat, die für ihren Lebensunterhalt sorgen können.

 

Bei dem Infinitiv "gamêthênai“ ("sich verheiraten“) handelt es sich um ein Passiv. Genau genommen heiratet eine Frau − in diesem Fall die Witwe − nicht selbst, sondern sie wird geheiratet. Die Witwe kann jedoch selbst entscheiden, von welchem Christen sie geheiratet werden will, weshalb die Übersetzung "sich verheiraten“ passend ist, die sowohl den Aspekt der Passivität als auch der Aktivität enthält.

 

Weiterführende Literatur: Eine Auslegung zu 1 Kor 6,12-7,40 bietet H. Külling 2008.

 

Laut M. Y. MacDonald 2004, 148-168 ließen sowohl 1 Kor 7 als auch 1 Kor 11,2-16 parallele Aussagen über die jeweiligen Verpflichtungen von Männern und Frauen erkennen. Mittels einer sozialgeschichtlichen Analyse geht sie den Fragen nach, ob die parallele Struktur Hinweise auf initiatives Handeln von Frauen und auf ein besonderes Interesse des Paulus und der korinthischen Gemeinde am Verhalten von Frauen gibt, und ob es eine Verbindung zwischen den in 1 Kor 11,2-16 genannten Aktivitäten von Frauen und den Ermahnungen des Paulus in 1 Kor 7 gibt. M. Y. MacDonald kommt zu einem positiven Ergebnis.

 

Zu Fragen der Sexualität im christlichen Leben in 1 Kor 5-7 siehe A. S. May 2004, der auf S. 239-255 auf 7,25-40 eingeht.

 

Zu den stoischen und kynischen Elementen in 7,36-40 äußert sich W. Deming 1995, 205-210.

 

G. J. Laughery 1997, 109-128 geht der Frage nach, ob Paulus Ehe und Sexualität als gottwidrig angesehen hat. Er verneint dies und kommt stattdessen zu dem Ergebnis, dass Paulus eine angesichts des nahen Weltendes übertrieben asketische Einstellung der Adressaten korrigiert habe.

 

J. C. Laney 1982, 283-294 versteht Paulus als Ausleger der Aussagen Jesu zur Ehescheidung. Seiner Meinung nach gehe Paulus − ohne Ausnahmeklausel − davon aus, dass die Ehe unauflöslich sei. Beendet werde die Ehe allein durch den Tod.

W. Wolbert 1981, 132-134 befasst sich mit den Witwen. Paulus wolle noch einmal deutlich herausstellen, dass die Frau zu Lebzeiten des Mannes gebunden ist und es nach dem Tod des einen Partners dem anderen freisteht, wieder zu heiraten.

 

N. Baumert 1986, 311-317 bezieht 7,39-40 auf die Verlobten. Zur Bindung: Die Verlobte sei nicht einfach "frei“, sondern sie sei gebunden, da sie unter dem Bräutigam stehe. Auch könnten sich die Verlobten durch den gemeinsamen Beschluss zur Ehelosigkeit "gebunden“ fühlen. Schließlich könne sich die Verlobte aber auch, da sie ja dem Entschluss des Mannes zumindest zugestimmt hatte, sich auch selbst Gott gegenüber gebunden fühlen, nun ehelos zu bleiben. Vgl. N. Baumert 1992, 117-119.

 

O. L. Yarbrough 1984, 109 setzt sich kritisch mit der Meinung auseinander, dass die Formulierung "im Herrn“ nicht besage, dass die Frau nur einen Christen heiraten solle, sondern sie nur daran erinnere, dass sie ein Glied des Leibes Christi sei und ihre Pflichten und ihre Verantwortung nicht vergessen dürfe.

 

J. B. Bauer 1986, 284-287 geht der Frage nach, welche Textversion von V. 39 Tertullian, ein strikter Gegner einer zweiten Eheschließung, zitiert hat. Ergebnis: Tertullian zitiere zwar genau den afrikanischen Text von 1 Kor 7,39 als den, der "in usum exiit“, aber er kenne und nenne die jüngere westliche, interpolierte Textform, mit der die Vetus Latina europäischen Typs zusammengehe.

 

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V. 40

 

Beobachtungen: Dennoch hält es Paulus für besser, wenn die Witwe nach dem Entschlafen ihres Mannes unverheiratet bleibt. Dann ist sie "gesegneter“, wobei der Segen von Gott kommt. Offen bleibt, ob sich der Segen schon im Leben der Witwe positiv auswirkt oder erst am Ende der Tage, wenn über die Christen Gericht gehalten wird. Ist es schon ein Segen, wenn die Witwe durch den Verzicht auf eine erneute Heirat der "Bedrängnis des Fleisches“ (vgl. 7,28) durch äußere Gefährdung (durch Glaubensgegner?) entkommt?

 

Paulus sagt seine eigene Meinung, beruft sich also nicht auf ein Wort Jesu. Folglich stellt sich die Frage, worauf er die Legitimität seiner Anweisung gründet. Paulus verweist auf seinen Geistbesitz. Es erstaunt, dass Paulus sehr bescheidene Worte benutzt: Er äußert seine Meinung, nicht Wissen. Er stellt seine Position nicht exklusiv heraus, sondern stellt sich neben andere Menschen, die auch den Geist besitzen. Paulus benutzt Worte, die ihn als gewöhnlichen Christ erscheinen lassen, der wie andere Christen auch den Geist Gottes besitzt.

Das, so kann man nun einwenden, ist aber noch lange keine Legitimation dafür, dass er Gleichgestellten Anweisungen gibt. Die eigentliche Legitimation dürfte Paulus früher im Brief geäußert haben. So heißt es in 7,25: "...ich sage aber [meine] Meinung als einer, dem vom Herrn die Barmherzigkeit widerfahren ist, glaubwürdig zu sein.“ Hier kommt die Exklusivität stärker zum Ausdruck: Paulus - und nicht allen Christen! - ist vom "Herrn“ die Barmherzigkeit widerfahren, glaubwürdig zu sein. Ist es nach dieser Aussage nun nicht mehr nötig, nochmals durch Herausstellung der eigenen Exklusivität die Legitimation der eigenen Aussagen zu untermauern, oder wurde Paulus seitens einiger sich für geistbeseelt haltender korinthischer Gemeindeglieder fehlender Geist vorgeworfen?

 

Weiterführende Literatur: Laut F. W.Horn 1992, 227-228 bekräftige Paulus (u. a.) in 7,40 in Aufnahme des Gesamtaspektes von 1 Kor 7 die Forderung des Bleibens als geistgewirkte Meinung.

 

Gemäß D. Zeller 2005, 61-77 gehe die Mehrheit der modernen Ausleger davon aus, dass Paulus einen korinthischen Slogan korrigiere, wogegen die altkirchliche Auslegung das Schwergewicht eher auf Keuschheit und Ehelosigkeit gelegt habe. Die jeweilige Gewichtung sei von exegetischen Einzelentscheidungen abhängig. D. Zeller überprüft diese und kommt zu dem Ergebnis, dass im Gegensatz zu heute gängigen Tendenzen Paulus durchweg die Enthaltung über die Ehe stelle.

 

 

Literaturübersicht

 

Bauer, Johannes B.; Was las Tertullian 1 Kor 7 39?, ZNW 77 (1986), 284-287

Baumert, Norbert; Ehelosigkeit und Ehe im Herrn: eine Neuinterpretation von 1 Kor 7 (FzB 47), Würzburg, 2., durchges. Aufl. 1986

Baumert, Norbert; Frau und Mann bei Paulus. Überwindung eines Missverständnisses, Würzburg 1992

Deming, Will; Paul on Marriage and Celibacy: The Hellenistic Background of 1 Corinthians 7 (SNTS.MS 83), Cambridge 1995

Horn, Friedrich Wilhelm; Das Angeld des Geistes. Studien zur paulinischen Pneumatologie (FRLANT 154), Göttingen 1992

Külling, Heinz; Ehe und Ehelosigkeit bei Paulus. Eine Auslegung zu 1. Korinther 6,12-7,40, Zürich 2008

Laney, J. Carl; Paul and the Permanence of Marriage in 1 Cor. 7, JETS 25 (1982), 283-294

Laughery, G. J.; Paul: Anti-marriage? Anti-sex? Ascetic? A Dialogue with 1 Corinthians 7:1- 40, EvQ 69/2 (1997), 109-128

MacDonald, Margaret Y.; Virgins, Widows, and Wives: The Women of 1 Corinthians 7, in: A.-J. Levine [ed.], A Feminist Companion to Paul (Feminist Companion to the New Testament and Early Christian Writings 6), London − New York 2004, 148-168

May, Alistair Scott; “The Body for the Lord”: Sex and Identity in 1 Corinthians 5-7 (JSNT.S 278), London 2004

Ramos-Lisson, Domingo; Exégesis de 1 Cor 7,32-34 en el "De habitu virginum“ de San Cipriano, in: J. M. Casciaro et al. [ed.], Biblia y hermeneutica, VII simposio internacional de teologia de la Universidad de Navarra, Pamplona 1986, 645-654

Wolbert, Werner; Ethische Argumentation und Paränese in 1 Kor 7, Düsseldorf 1981

Yarbrough, O. Larry; Not like the Gentiles. Marriage Rules in the Letters of Paul (SBLDS 80), Atlanta, Georgia 1984

Zeller, Dieter; Der Vorrang der Ehelosigkeit in 1 Kor 7, ZNW 96/1-2 (2005), 61-77