Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Erster Korintherbrief

Der erste Brief des Paulus an die Korinther

1 Kor 11,17-22

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Kor 11,17-22

 

 

Übersetzung

 

1 Kor 11,17-22:17 Dies aber kann ich bei meinen Anordnungen nicht loben, dass ihr nicht zum Nutzen, sondern zum Schaden zusammenkommt. 18 Erstens nämlich höre ich, dass es, wenn ihr in [der] Gemeinde zusammenkommt, unter euch Spaltungen gibt; und zum Teil glaube ich das auch. 19 Denn es muss ja Parteiungen unter euch geben, damit die Bewährten unter euch offenbar werden. 20 Wenn ihr nun an einem [Ort] zusammenkommt, [so] ist es nicht [möglich], das Herrenmahl zu essen. 21 Denn ein jeder nimmt beim Essen das eigene Mahl vorweg, und der eine hungert und der andere ist betrunken. 22 Habt ihr denn keine Häuser zum Essen und Trinken? Oder verachtet ihr die Gemeinde (des) Gottes und beschämt die, die nichts haben? Was soll ich euch sagen? Soll ich euch loben? Hierin lobe ich [euch] nicht.

 

 

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V. 17

 

Beobachtungen: V. 17 schränkt 11,2 ein: Die Korinther denken eben nicht in allem an Paulus und halten sich an seine Überlieferungen. Sie kommen nämlich nicht zum "Besseren“, d. h. zum Nutzen, sondern zum "Schlechteren“, d. h. zum Schaden, zusammen.

 

Weiterführende Literatur: Laut E. J. Vledder, A. G. van Aarde 1991, 503-525 befinde sich die Welt in einer Krise. Diese werde auf einer soziologischen, gesundheitlichen, technologischen, politischen und ökologischen Ebene wahrgenommen. Diese Krise müsse angegangen werden. Von einer holistischen Perspektive aus gesehen, setze dies einen Wandel der Weltsicht voraus. Dieser Gedanke werde von der ökumenischen Theologie übernommen. Die Betonung werde auf einen Wandel in der Welt in der Krise gelegt. Dieser Wandel müsse vom heiligen Geist bewerkstelligt werden, denn dieser sei Mittler sowohl des Sinneswandels als auch der Anteilhabe an der Schöpfung einer "neuen Schöpfung“. E. J. Vledder, A. G. van Aarde geben einen kurzen Überblick über postmodernes holistisches Denken, soweit es in die ökumenische Pneumatologie Eingang gefunden hat. Daher wird auch ein Überblick über ökumenische Pneumatologie gegeben, bei besonderer Berücksichtigung des heiligen Geistes als Mittler des Wandels und aktiver Anteilhabe an der Verwirklichung. Von diesen Darlegungen ausgehend wird die Rolle des heiligen Geistes als Mittler des Sinneswandels von Röm 8,1-25; Gal 5,13-26 und 1 Kor 12,1-11 ausgehend beurteilt. E. J. Vledder, A. G. van Aarde vertreten die Meinung, dass die holistische Interpretation im Hinblick auf den heiligen Geist in der ökumenischen Pneumatologie reizvolle Möglichkeiten beinhalte, weil sie uns an unsere Verantwortung gegenüber unserer Umwelt erinnere. Doch beinhalte die ökumenische Pneumatologie auch eine Gefahr: Es könne eine solche Betonung auf soziale, politische und ökologische Fragen gelegt werden, dass die Pneumatologie von ihrer christologischen Grundlage gelöst wird. Dies werde als alarmierend empfunden.

 

Einen Überblick über Konsens und Dissens der Ausleger zu den verschiedenen Streitfragen im Hinblick auf die Texte 1 Kor 10,3-4.16-17; 11,17-34; 16,20-22 bietet W. Schrage 1996, 191-198.

 

T. Engberg-Pedersen 1991, 592-627 legt 11,17-34 aus und zieht aus der Exegese Schlüsse im Hinblick auf die Theologie des Paulus im Allgemeinen.

Auf verschiedene Auslegungsprobleme bezüglich 11,17-34 geht kurz C. Perrot 1983, 94-96 ein.

 

Das Herrenmahl hat auch J. D. G. Dunn 1998, 599-624 zum Thema. Er befasst sich dabei mit folgenden Aspekten: Problematik der Bewertung von Paulus’ Herrenmahls-Theologie, Einflüsse seitens anderer Religionen, die Herkunft des Sakraments, die Situation in Korinth. Bezüglich der paulinischen Herrenmahls-Theologie geht J. D. G. Dunn auf das geistliche Essen, die Teilhabe am einen Leib und die Christologie ein.

 

D. Horrell 1995, 196-202 befasst sich mit der (v. a. gesellschaftlichen) Situation in Korinth, die den Hintergrund von 10,16-17 und 11,27-34 bildet, und mit Paulus’ Antwort und wirft Fragen bezüglich der gegenwärtigen eucharistischen Praxis auf.

 

R. Fabris 1995, 135-145 befasst sich mit der "Gemeinschaft“ ("koinônia“) bei Paulus, V. Scippa 1995, 191-203 geht speziell auf die "Gemeinschaft“ in 1 Kor 11 ein, wobei er sich auf S. 196-198 der gemäß 11,17-22 gefährdeten "Gemeinschaft“ der Gemeinde widmet.

 

J. Calloud 1983, 117-129 untersucht anhand von 11,2-16, 11,17-22 und 11,23-27 das Verhältnis von gottesdienstlichen Wortäußerungen wie Prophetie und Gebet zum "Körper“, wie er sich aus den Texten herauslesen lässt.

 

J. A. Gibbs 1995, 148-163 geht der Frage nach, welche Aussagen die Texte 1 Kor 10,14-22 und 11,17-34 zu einem Abendmahl machen, das bei dem Gottesdienst Anwesende ausschließt. Dabei versucht er auch für Nichtlutheraner und darüber hinausgehend auch für Nichtchristen verständlich zu schreiben.

 

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V. 18

 

Beobachtungen: Die Korinther kommen in der Gemeinde zusammen, wobei wohl die Gemeindeversammlung im Blick ist. Wann und wo diese stattfindet, sagt Paulus nicht.

 

Die schlechten Nachrichten hat Paulus von einem unbekannten Überbringer erfahren. So ist ihm zu Ohren gekommen, dass es in Korinth bei den Gemeindeversammlungen Spaltungen gibt. Um was für Spaltungen es sich handelt, wird nicht gesagt; deutlich wird nur, dass die Gemeinde keine Einheit ist. Paulus wird bezüglich der Spaltungen weniger konkret als in 1,10-17. Man kann nun annehmen, dass der Erste Korintherbrief keine literarische Einheit ist, weil Paulus in 11,17-22 weniger weiß als in 1,10-17 und 11,17-22 dementsprechend einem früheren Brief angehören muss. Diese Schlussfolgerung ist allerdings keineswegs zwingend. Die literarische Einheitlichkeit des Ersten Korintherbriefes lässt sich durchaus verteidigen, indem man davon ausgeht, dass Paulus in 1,10-17 andere Spaltungen im Blick hat als in 11,17-22.

 

Bezüglich der Spaltungen ist sich Paulus nicht so sicher wie in 1,10-17. Er glaubt nur einen Teil des Mitgeteilten. Ob dies der Wahrheit entspricht, oder ob Paulus nur vorsichtig formuliert, um die Korinther nicht übermäßig zu reizen und zu verletzen, bleibt offen.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 19

 

Beobachtungen: Resultat der Spaltungen sind Parteiungen. Diese sieht Paulus nicht nur als negativ an, sondern er kann ihnen erstaunlicherweise auch Positives abgewinnen: Mittels der Parteiungen werden die Bewährten unter den Gemeindegliedern offenbar, also diejenigen, die sich wirklich an Paulus’ Lehre und Anweisungen halten. Hat Paulus die Erfahrung gemacht, dass es für das Gemeindeleben nicht immer vorteilhaft ist, wenn Einheit herrscht? Vertritt er die Ansicht, dass es bei offensichtlichen Missständen in der Gemeinde nötig ist, dass sich Gemeindeglieder gegen diese Missstände abgrenzen und auf diese Weise eine eigene Parteiung bilden, nämlich die Parteiung der Bewährten?

 

Weiterführende Literatur: H. Paulsen 1982, 180-211 befasst sich mit der Bedeutung der Begriffe "Spaltungen“ und "Parteiungen“ (haireseis), fragt nach dem Verhältnis der beiden zueinander und erörtert, wie V. 19a zu verstehen sein könnte. Er geht bezüglich V. 19a davon aus, dass Paulus auf eine Tradition zurückgreife. Daher fragt er nach der Traditionsgeschichte der vorpaulinischen Überlieferung wie der Tradition der alten Kirche, erhellt ihre religionsgeschichtlichen Voraussetzungen und reflektiert ihre Bedeutung für die Entwicklung von "Parteiungen“ im Urchristentum wie auch die Wirkungsgeschichte von 1 Kor 11,18-19.

 

R. A. Campbell 1991, 61-70 befasst sich speziell mit der Frage, wieso Paulus in V. 19 die Bildung von Parteiungen für unvermeidbar hält, wo er sie doch sonst so vehement ablehnt. Ergebnis: V. 19 sei Teil der Anklage, nicht ein tröstender oder ironischer Hinweis auf die Umstände. Angeklagt werde, dass die Elite (dokimoi) annehme, dass Spaltungen notwendig seien. Dabei handele es sich nicht um für die Endzeit typische Spaltungen, sondern um solche, die den besonderen Status der Wohlhabenden im Vergleich zu den anderen Gemeindegliedern herausheben sollen. V. 19 sei daher wie folgt zu übersetzen: "For there actually has to be discrimination in your meetings, so that if you please the elite may stand out from the rest.“

 

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V. 20

 

Beobachtungen: Die Korinther kommen bei ihren Versammlungen an einem - wiederum nicht genannten - Ort zusammen. Bei der Zusammenkunft kommt es aber nicht automatisch dazu, dass alle das "Herrenmahl“ essen, sondern das "Herrenmahl“ ist an bestimmte Voraussetzungen gebunden.

Bei dem Mahl handelt es sich um die Hauptmahlzeit (deipnon) des Tages, die vermutlich am Abend eingenommen wurde. Der besondere religiöse Charakter dieses Mahls geht aus dem Zusatz "kyriakon“ ("Herren-") hervor: Es handelt sich um ein Herrenmahl. Der Begriff "Herrenmahl“ verweist auf das letzte Mahl Jesu (= der "Herr“) mit seinen Jüngern. Es ist daher anzunehmen, dass bei ihm Brot und Wein und der Gedächtnisaspekt eine besondere Rolle spielen.

 

Weiterführende Literatur: F. Hahn 1986, 23-33 untersucht, wie die drei Texte, in denen sich Paulus über das "Herrenmahl“ äußert (1 Kor 10,[1/]3-4; 10,16-22; 11,17-34), aufeinander zu beziehen sind. Es empfehle sich dabei, von 1 Kor 11,17-34 auszugehen, weil hier ein eindeutiger Bezug auf vorpaulinische Tradition vorliege, dann die beiden Stellen in 1 Kor 10,(1/)3-4 und 10,16-22 zu besprechen, und im Anschluss daran ihre wechselseitige Beziehung zu erörtern.

 

F. J. King 1997, 161-173 befasst sich kritisch mit der These, dass das Herrenmahl in Korinth im Rahmen eines Sättigungsmahles stattgefunden habe. Wahrscheinlicher sei, dass es sich um zeichenhafte Mähler gehandelt hat. Die Vorgeschichte des Rituals und das letzte Abendmahl seien eher mit einer Qumran-Mahltradition als mit einem Passamahl zu identifizieren. Die johanneische Tradition sei verlässlicher als der markinische Passionsbericht. Zudem seien Begriffe wie z. B. "deipnon“ ("Mahl“) nicht, wie meist angenommen, auf ein Sättigungsmahl zu beziehen, sondern auf die kultisch-zeichenhafte Tradition. Auch J. J. Meggitt 1998, 189-193 steht der Annahme eines Sättigungsmahles kritisch gegenüber.

 

J. Kremer 1996, 227-242 legt dar, dass die Übersetzung "Herrenspeise“ − statt "Herrenmahl“ - für "kyriakon deipnon“ nicht nur lexikographisch möglich sei, sondern auch durch den Kontext sowie mehrere ältere Auslegungen (z. B. Theodor von Mopsuestia, Thomas von Aquin) empfohlen werde. Bei Annahme der Bedeutung "Herrenspeise“ gewinne schließlich die vorliegende Formulierung des Paulus eine eucharistische Aussagekraft, die heute im Unterschied zu früher oft weniger beachtet werde.

 

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V. 21

 

Beobachtungen: Das "Herrenmahl“ ist grundsätzlich ein Gemeinschaftsmahl. Wenn die früh Anwesenden (= "ein jeder“) das eigene Mahl vorwegnehmen, so wird der Beginn des Essens vorgezogen und der Gemeinschaftscharakter zerstört.

 

Die Formulierung "das eigene Mahl“ ("to idion deipnon“) macht zweierlei deutlich: Erstens handelt es sich um die Hauptmahlzeit des Tages (deipnon), die am späten Nachmittag eingenommen wird. Zweitens ist anzunehmen, dass jeder seinen Anteil am Essen zu Hause vorbereitet und dann zum "Herrenmahl“ mitnimmt. Ob es jedoch üblich ist, dass jeder das von ihm Mitgebrachte verzehrt, oder ob die Speisen eigentlich untereinander geteilt werden sollen, geht aus V. 21 nicht hervor.

 

Wenn nun die einen hungrig zum "Herrenmahl“ erscheinen, haben die anderen das Mahl schon begonnen und gegessen und getrunken. Das Sättigungsmahl kann nun nicht mehr gemeinschaftlich erfolgen. Es ist aber durchaus noch möglich, dass Brot und Wein gemeinschaftlich geteilt werden, sofern die Teilung nach dem Sättigungsmahl erfolgt. Allerdings bleibt der genaue Ablauf des "Herrenmahls“ offen.

 

Das Verb "peinaô“ kann sowohl mit "hungrig sein“ als auch mit "hungern“ übersetzt werden. Somit ist unklar, ob sich der Hungerzustand nur auf die Ankunft zum Essen bezieht oder ob er den ganzen Abend über bestehen bleibt. Letzteres könnte der Fall sein, wenn die Personen, die das Sättigungsmahl nicht vorgezogen haben, dieses nun nicht mehr einnehmen können, weil die anderen schon (nahezu) fertig sind. Auch kann es sein, dass es sich um ärmere Personen handelt, die es sich nicht leisten können, für sich ausreichende Portionen mitzunehmen, und davon abhängig sind, dass die Wohlhabenderen von ihren reichhaltigeren Portionen etwas abgeben. Schlagen sich die Wohlhabenden jedoch verfrüht den Magen voll, so bleibt für die Ärmeren nichts übrig.

 

Fraglich ist, wieso Paulus "hungrig sein“ und "betrunken sein“ (statt: "satt sein“) gegenüberstellt. Will er den Missstand besonders drastisch ausdrücken, indem er zwei Extreme nennt? Dass diejenigen, die verfrüht mit dem Sättigungsmahl beginnen, tatsächlich betrunken sind, wenn die anderen eintreffen, ist ja keinesfalls sicher. Es kann sich durchaus um eine Übertreibung handeln. Andernfalls müsste man ja schlussfolgern, dass das Teilen von Brot und Wein - sofern es tatsächlich nach dem Sättigungsmahl erfolgt - in einer nicht mehr nüchternen Atmosphäre erfolgt.

 

Weiterführende Literatur: Laut K. O. Sandnes 2007, 248-265 hätten sich die frühen Christen in privaten Häusern versammelt. Von daher sei es nahe liegend gewesen, Strukturen der Hausgemeinschaft auf das Gemeindeleben zu übertragen. Allerdings sei auch Paulus bewusst gewesen, dass die Kirche keine private Angelegenheit ist, sondern öffentlich und heilig. Paulus unterscheide also zwischen privat und öffentlich, zwischen den Strukturen der Hausgemeinschaft und der Gemeinde. Paulus folge der antiken Sichtweise, wonach der private Bereich dem Weiblichen, der öffentliche Bereich dagegen dem Männlichen zugeordnet sei. Zu 1 Kor 11,17-34: Der Begriff "ekklêsia“ ("Gemeinde“) weise auf den öffentlichen Raum hin, der Begriff "oikos“ ("Haus“) auf den privaten. Das "eigene Mahl“ sei ein privates Sättigungsmahl gewesen, das mit dem öffentlichen Herrenmahl nicht identisch gewesen sei. Die Herren der Häuser, in denen die Gemeindeversammlungen stattfanden, hätten ihre privaten Sättigungsmähler durchgeführt, dabei jedoch die Grenzen zum öffentlichen und heiligen "Herrenmahl“ verwischt und auf diese Weise andere Gemeindeglieder brüskiert.

 

B. Holmberg 1995, 767-780 verweist darauf, dass Tischgemeinschaft selbst in der Bibel nicht immer vergnüglich und friedlich ablaufe. 2 Thess 3,6-15 handele von der Aussetzung der Tischgemeinschaft, in 1 Kor 10,14-22 werde Tischgemeinschaft abgelehnt und in 1 Kor 11,17-34 und Gal 2,11-14 werde sie gefordert.

 

G. Theißen 1979, 290-317 vertritt die Meinung, dass die reichen Christen nicht nur für sich gegessen und vor dem regulären Herrenmahl begonnen, sondern auch mehr und vor allem auch bessere Speise zur Verfügung gehabt hätten. Diese habe nicht nur Brot und Wein umfasst, sondern darüber hinaus auch eine Zukost, wie sie damals üblich gewesen sei. Das Herrenmahl habe nicht die Einheit des Leibes Christi begründet und dargestellt, sondern sei zum Anlass genommen worden, soziale Unterschiede zu demonstrieren.

 

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V. 22

 

Beobachtungen: Nicht das Essen oder Trinken macht das "Herrenmahl“ aus, sondern die Gemeinschaft. Wem es in erster Linie um das Essen und Trinken geht, der soll dies zu Hause tun.

 

Wer sein eigenes Mahl vorzieht, verachtet die Gemeinde Gottes, die eine Gemeinschaft ist und nicht eine Ansammlung von Christen, die an erster Stelle an ihr eigenes Wohl denken.

 

Wenn Paulus sagt, dass diejenigen, die nichts haben, beschämt werden, so setzt dies voraus, dass das Essen ungleich verteilt ist. Die einen haben viel oder gar alles, die anderen nichts. Was mag der Grund dafür sein, dass diejenigen, die nicht verfrüht mit dem Speisen beginnen, nichts haben? Sind sie zu arm, um selbst etwas mitzubringen, und gehen sie daher davon aus, dass die Wohlhabenderen ihnen Speisen abgeben? Für diese Annahme spricht, dass sie nach Paulus’ Meinung beschämt werden. Es ist tatsächlich beschämend, den eigentlich als Gemeinschaftsmahl gedachten Abend hungrig verbringen zu müssen, weil sich die Wohlhabenderen zu einem früheren Zeitpunkt den Magen vollgeschlagen und nichts übrig gelassen haben. Weniger wahrscheinlich ist, dass die beschämten Personen sich zwar Speisen mitgebracht haben, diese jedoch nicht mehr essen können, weil die anderen schon fertig sind. Sie könnten auf den rechten Zeitpunkt der Mahlzeit pochen und durchsetzen, dass sie selbst noch ihr Abendessen einnehmen können. Selbst wenn dies ihnen nicht ermöglicht würde, so hätten sie durchaus etwas - nur könnten sie dies nicht essen.

 

Deutlich ist, dass die Spaltungen und Parteiungen nichts mit denjenigen zu tun haben, die in 1,10-17 genannt werden (Partei des Paulus, des Apollos, des Petrus, Christi). Vielmehr ist die Gemeinde durch das ungebührliche Verhalten einiger Wohlhabender gespalten. Es gibt die Parteiung, die zu einem verfrühten Zeitpunkt mit dem eigentlich als Gemeinschaftsmahl gedachten Abendessen beginnt, und die Parteiung derjenigen Personen, die erst später kommen oder kommen können und nichts mitbringen, sondern auf Anteile an den in erster Linie von den Wohlhabenden gestellten Speisen hoffen, jedoch leer ausgehen. Da Paulus jedoch in V. 18 von mehreren Spaltungen ausgeht, muss es noch mindestens eine weitere Parteiung geben. Am ehesten ist an die Bewährten zu denken, die den Missstand bezüglich des "Herrenmahls“ zwar nicht billigen, sich jedoch nicht durchsetzen können.

Mit Blick auf V. 17 wird nun klar, warum die korinthischen Gemeindeglieder zu ihrem Schaden zusammenkommen: Die Zusammenkunft zum "Herrenmahl“ stärkt nämlich nicht die Einheit, sondern führt nur zu Zwietracht.

 

Aus Paulus’ Frage, ob er die Adressaten im Hinblick auf diesen Zustand loben soll, schimmert das übertriebene Erhabenheitsgefühl der korinthischen Gemeinde hindurch. Mag sie auch für diesen Missstand noch Lob erwarten, Paulus kann sie diesbezüglich nicht loben.

 

Weiterführende Literatur: S. W. Henderson 2002, 195-208 hält die Interpretation, dass Paulus die hungrigen Mahlteilnehmer zum Essen daheim auffordere, für abwegig. Es sei kaum anzunehmen, dass er eine auf Teilung abzielende Forderung erhebt, wo er doch die Einheit der Gemeinde spaltendes Verhalten ablehnt. Der Begriff oikos/oikia (vgl. V.22.34) bezeichne nicht das private Heim der Angesprochenen, sondern die Versammlungsorte der korinthischen Gemeinde. Paulus fordere also nicht die hungrigen Gemeindeglieder auf, daheim zu essen, sondern ermahne im Gegenteil dazu, die hungrigen Gemeindeglieder am Versammlungsort der Gemeinde am Mahl teilhaben zu lassen.

 

 

Literaturübersicht

 

Calloud, Jean; Le Repas du Seigneur. La communauté corps du Christ. Analyses sémiotiques, in: Association catholique francaise pour l’étude de la Bible [éd.], Le corps et le corps du Christ dans la première épître aux Corinthiens (LeDiv 114), Paris 1983, 117-129

Campbell, R. Alastair; Does Paul Acquiesce in Divisions at the Lord’s Supper?, NT 33 (1991), 61-70

Dunn, James D. G.; The Lord’s Supper, in: J. D. G. Dunn [ed.], The Theology of Paul the Apostle, Edinburgh 1998, 599-624

Engberg-Pedersen, Troels; Proclaiming the Lord’s Death: 1 Corinthians 11:17-34 and the Forms of Paul’s Theological Argument (SBL Seminar Papers 127), Atlanta, Georgia 1991, 592-617

Fabris, Rinaldo; La koinonia in s. Paolo, PSV 31 (1995), 135-145

Gibbs, Jeffrey A.; An Exegetical Case for Close (d) Communion: 1 Corinthians 10:14-22; 11:17-34, CJ 21/2 (1995), 148-163

Hahn, Ferdinand; Das Herrenmahl bei Paulus, in: M. Trowitzsch [Hrsg.], Paulus, Apostel Jesu Christi, FS G. Klein, Tübingen 1998, 23-33

Henderson, Suzanne Watts; “If Anyone Hungers…”: An Integrated Reading of 1 Cor 11.17- 34, NTS 48/2 (2002), 195-208

Holmberg, Bengt; Paul and Commensalty, in T. Fornberg, D. Hellholm [eds.], Texts and Contexts, FS L. Hartman, Oslo 1995, 767-780

Horrell, David; The Lord’s Supper at Corinth and in the Church Today, Theology 98/783 (1995), 196-202

King, Fergus J.; Eating in Corinth: Full Meal or Token. IBS 19 (1997), 161-173

Kremer, Jacob; "Herrenspeise“ − nicht "Herrenmahl“. Zur Bedeutung von kyriakon deipnon phagein) (1 Kor 11,20), in: K. Knackhaus u. a. [Hrsg.], Schrift und Tradition, FS J. Ernst, Paderborn 1996, 227-242

Meggitt, Justin J.; Paul, Poverty and Survival (Studies of the New Testament and its World), Edinburgh 1998

Paulsen, Henning; Schisma und Häresie. Untersuchungen zu 1 Kor 11,18.19, ZThK 79 (1982), 180-211

Perrot, Charles; Lecture de 1 Co 11,17-34, in: Association catholique francaise pour l’étude de la Bible [éd.], Le corps et le corps du Christ dans la première épître aux Corinthiens (LeDiv 114), Paris 1983, 94-96

Sandnes, Karl Olav; Ekklêsia at Corinth: Between Private and Public, TTK 78/3-4 (2007), 248-265

Schrage, Wolfgang; Einige Hauptprobleme der Diskussion des Herrenmahls im 1. Korintherbrief, in: R. Bieringer [ed.], The Corinthian Correspondence (BETL 125), Leuven 1996, 191-198

Scippa, Vincenzo; La koinonia in 1 Cor 11; PSV 31 (1995), 191-203

Theißen, Gerd; Soziale Integration und sakramentales Handeln, in: G. Theißen, Studien zur Soziologie des Urchristentums (WUNT 19), Tübingen 1979, 290-317 (= NT 16 [1974], 179-206)

Vledder, E. J., van Aarde, A. G.; A Holistic View of the Holy Spirit As Agent of Ethical Responsibility: This View Experienced as Exciting in Romans 8, but Alarming in 1 Corinthians 12, HTS 47/2 (1991), 503-525