Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Erster Korintherbrief

Der erste Brief des Paulus an die Korinther

1 Kor 16,1-4

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Kor 16,1-4

 

 

Übersetzung

 

1 Kor 16,1-4:1 Was aber die Geldsammlung für die Heiligen betrifft: wie ich es für die Gemeinden von Galatien angeordnet habe, so sollt auch ihr es tun! 2 Am ersten [Tag] der Woche soll jeder von euch bei sich [etwas] zurücklegen und ansammeln, so viel er erübrigen kann, damit nicht die Geldsammlungen [erst] dann erfolgen, wenn ich komme. 3 Wenn ich aber gekommen bin, werde ich diejenigen, die ihr für geeignet haltet, mit Briefen entsenden, damit sie eure Liebesgabe[n] nach Jerusalem bringen. 4 Wenn es aber [der Mühe] wert ist, dass auch ich hinreise, sollen sie mit mir reisen.

 

 

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V. 1

 

Beobachtungen: Paulus hat seine Ausführungen zur Auferweckung der Toten (1 Kor 15) abgeschlossen und kommt nun zum Schluss des Briefes (16,1-24). Dabei geht er auf noch zu regelnde Dinge ein, wozu eine Geldsammlung (Kollekte) gehört. Die einleitenden Worte "was...betrifft“ legen nahe, dass Paulus auf eine Aussage oder Anfrage eines vorausgehenden Briefes der korinthischen Gemeinde antwortet. Den Korinthern wäre demnach die Geldsammlung schon vor der Abfassung des Ersten Korintherbriefes bekannt gewesen und vielleicht auch schon angeordnet worden.

 

Es handelt sich um eine "Geldsammlung für die Heiligen“. Bei den "Heiligen“ handelt es sich gemäß dem paulinischen Sprachgebrauch nicht um besonders verdienstvolle Christen, sondern um gewöhnliche Christen. Aus Sicht des Paulus sind alle Christen "Heilige“. Da jedoch die Gemeinden in Galatien sammeln sollen, ist die Geldsammlung wahrscheinlich für Christen außerhalb von Galatien gedacht. Da Paulus auch die korinthischen Gemeindeglieder zur Geldsammlung ermahnt und nicht erkenntlich ist, dass es sich bei den Empfängern um Bedürftige innerhalb der korinthischen Gemeinde handelt, ist davon auszugehen, dass die Empfänger nicht zu den Gemeinden in Galatien und zu der Gemeinde in Korinth gehören.

 

Galatien ist eine Region in der heutigen Türkei, zu der zu Lebzeiten des Paulus u. a. die Städte Antiochia, Ikonion und Lystra gehören. Von der Region ist die Provinz Galatien zu unterscheiden, die im Jahr 25 v. Chr. aus der Landschaft Galatien und Teilen südlicher gelegener Landschaften gebildet wurde. Ob Paulus die Gemeinden der Region oder diejenigen der Provinz angewiesen hat, bleibt offen. Auch bleibt offen, auf welche Art und Weise - ob persönlich oder mittels Brief - dies geschehen ist.

 

Weiterführende Literatur: M. M. Mitchell 1989, 229-256 untersucht die Rolle, die Beobachtungen über die peri de (Was aber … betrifft)-Formel in der jüngeren Auslegungsgeschichte des Ersten Korintherbriefes gespielt haben, versucht die Annahmen aufzudecken, die hinter der Gelehrsamkeit stehen, legt eine begründete These zum korrekten Wesen der Formel auf Grundlage ihres Gebrauchs in antiken griechischen literarischen und brieflichen Texten dar und weist abschließend auf einige Schlussfolgerungen hinsichtlich eines rechten Verständnisses der Formel für die Analyse der Aufbaus des Ersten Korintherbriefs hin.

 

Zum historischen Kontext der paulinischen Kollekte äußert sich K. Berger 1977, 180-204. Die Kollekte habe die Funktion, Zeichen der Gemeinschaft, des Willens zur Zugehörigkeit zum Gottesvolk und damit der Ernsthaftigkeit der Bekehrung auch der hinzugekommenen Heiden zu sein. In ihrer Zeichenhaftigkeit sei die Kollekte nun aber allerdings dem entsprechenden jüdischen Brauch des Almosengebens zu vergleichen, der im Judentum mit der Sühnevorstellung verbunden gewesen sei. Die Kollekte sanktioniere jedoch nicht den geringeren Status der paulinischen Gemeinden, sie bekräftige vielmehr deren eigenen Status und damit die Berechtigung ihres Bekenntnisses.

Dass die Kollekte in erster Linie der partnerschaftlichen Gegenseitigkeit dienen solle, meint G. W. Peterman 1997, 181-183. Den korinthischen Christen würden seitens der Jerusalemer Christen Segnungen zugedacht, obwohl sie in spiritueller Hinsicht nicht bedürftig seien. Für diese spirituellen Gaben erhielten die Jerusalemer materielle Gaben (vgl. Röm 15,27), so dass ein gegenseitiges Geben und Nehmen herrsche.

Ein kurzer Abschnitt über die Kollekte für Jerusalem mit Informationen zum Reiseweg und zur Datierung findet sich in R. Riesner 1994, 269-270. Ein recht detailliertes Itinerar finde sich in Apg 20-21. Paulus habe die Kollekte wenigstens seit 54 n. Chr. organisiert. Die Reise sei für 56 n. Chr. geplant gewesen, jedoch sei nicht auszuschließen, dass sie erst im folgenden Jahr erfolgt ist.

 

Dass der Erste Korintherbrief (speziell 16,1-4) und der Zweite Korintherbrief (speziell 8-9) noch mit der Organisation der Kollekte befasst seien, diese jedoch in Gal 2,10 von Paulus wie eine erledigte Sache betrachtet werde, lasse gemäß D. Sänger 2009, 619-640 annehmen, dass der Galaterbrief nach dem Ersten und dem Zweiten Korintherbrief (mindestens 8-9) verfasst worden ist.

 

S. Bacchiocchi 1977, 90-101 legt dar, dass die Mehrheit der Ausleger in 1 Kor 16,1-3 (wie auch in Apg 20,7-11; Offb 1,10) einen Bezug oder zumindest einen impliziten Hinweis auf eine regelmäßige christliche Sonntagsversammlung sehe. Dieser Ansicht schließt sich S. Bacchiocchi nicht an. Seiner Meinung nach sei nicht eine gottesdienstliche Versammlung im Blick, sondern es gehe um das Zurücklegen von Geld daheim. Die Bezeichnung "erster Tag der Woche“ meine nicht unbedingt den Sonntag, den Paulus wohl eher als "Tag des "Herrn’“ bezeichnet hätte. Vielmehr gehe es Paulus um eine bedachte Haushaltsführung, in der wöchentlich Geld zurückgelegt wird, bevor es anderweitig ausgegeben wird. Es sei schwer zu ermessen, welche wirtschaftliche Rolle die heidnische Welt dem Sonntag beigemessen hat. Sicher sei, dass von den Juden am Sabbat keine Geldgeschäfte durchgeführt wurden. Der Brauch des Sabbathaltens habe in einem gewissen Maß auch die Griechen und Römer beeinflusst. Da der Sabbat der letzte Tag der Woche ist, sei die Annahme nahe liegend, dass die korinthischen Christen am Tag nach dem Sabbat das Geld zurücklegen sollten. Auf eine sonntägliche Gottesdienstfeier könne daraus aber nicht geschlossen werden. S. R. Llewelyn 2001, 205-223 ist anderer Ansicht und kritisiert, dass S. Bacchiocchi offen lasse, warum Paulus einen jüdischen Wochentag nennt, wenn doch die mehrheitlich heidenchristliche korinthische Gemeinde den Sabbat nicht feiert. Auch sei unklar, welche Praxis oder welches Ritual eine Woche von der anderen trennt und warum für den Wechsel der Sonntag bestimmt wird. Die Anmerkungen zur Haushaltsplanung seien anachronistisch, weil in der Zeit des Paulus das Einkommen nicht durch den Wochenrhythmus bestimmt sei. Und schließlich bedeute "par’heautô“ nicht "bei sich daheim“, sondern "jeder für sich“. N. H. Young 2003, 111-122 antwortet wiederum kritisch auf den Beitrag von S. R. Llewelyn. Seiner Meinung nach ließen die ntl. Textbelege nicht die weit reichende Schlussfolgerung zu, dass es am Sonntag regelmäßig gottesdienstliche Versammlungen gegeben habe.

 

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V. 2

 

Beobachtungen: Jedes Gemeindeglied soll jede Woche etwas Geld zurücklegen. Grund für diese Bestimmung ist, dass die Geldsammlung nicht erst dann erfolgen soll, wenn Paulus nach Korinth kommt. Dann hätten die korinthischen Gemeindeglieder möglicherweise nichts angespart und es käme weniger Geld zusammen. Auch müsste Paulus eine Mindestaufenthaltszeit einplanen, damit die Geldsammlung in ausreichender Zeit erfolgen kann; andernfalls wären weitere Mindereinnahmen zu erwarten.

 

Paulus bestimmt den Tag, an dem jeder etwas Geld zurücklegen soll: es soll am ersten Tag der Woche geschehen, wobei vermutlich die Sieben-Tage-Woche vorausgesetzt ist. Nach christlicher Zeitrechnung ist der erste Tag der Sonntag, der Tag der Auferstehung Christi. Ihn bestimmt Paulus wahrscheinlich deswegen, weil es sich um einen Feiertag mit spezifisch christlichem Charakter handelt, der die Arbeit im wöchentlichen Rhythmus unterbricht. Dass Paulus nicht den Namen "Sonntag“ nennt, lässt sich damit begründen, dass es sich dabei um eine heidnische Bezeichnung handelt.

Der Grund für den Wochenrhythmus ist unklar. Geht Paulus von einer wöchentlichen Auszahlung der Gehälter aus? Oder ist der Rhythmus mit Blick auf die selbstständig Arbeitenden gewählt, die sich wöchentlich einen Überblick über die Tageseinnahmen der vergangenen Woche verschaffen?

 

Jeder soll das Geld bei sich daheim ansammeln. Paulus gibt dabei nicht vor, wieviel jedes Gemeindeglied ansammeln soll. Er sagt nur, dass es so viel sein soll, wie jeder erübrigen kann. Die Summe orientiert sich also am individuellen Einkommen. Damit wird einerseits kein Gemeindeglied über die finanziellen Möglichkeiten hinaus strapaziert, andererseits soll aber auch niemand weniger geben als er vermag.

 

Weiterführende Literatur: Insbesondere dem Sachverhalt, dass Paulus in den Texten Röm 15,25-31; 1 Kor 16,1-4; 2 Kor 8-9; Gal 2,10 auffallend intensiv gerade auf die organisatorischen Fragen und Probleme eingeht, die mit der Kollekte verbunden sind, widmet sich A. Lindemann 2005, 99-116. Die Mühe bezüglich der Organisation und die eingehende Information der Adressaten sollte augenscheinlich dazu beitragen, eventuelles Misstrauen abzubauen und ein Klima zu schaffen, das die Adressaten veranlassen konnte, die gewünschten Geldmittel aufzubringen.

 

Eine Vielzahl von Fragen bezüglich 1 Kor 16,2 versucht S. Schapdick 2009, 147-160 zu beantworten: Warum sollte die Sammlung am ersten Wochentag, genauer gesagt an jedem ersten Wochentag bis zur Ankunft des Paulus in Korinth erfolgen? Und wie sei zu verstehen, dass jedes einzelne Gemeindeglied "par' heautô“ ("bei sich“) sammeln sollte? Wo sollte diese Form des Sammelns stattfinden? War sie an die Gemeindeversammlung gebunden? Was mag der Grund für diese besondere Form der Sammlung sein? Gibt es einen theologischen Hintergrund und was hat es mit dem ersten Wochentag auf sich? Ergebnis: Es sei erstaunlich, dass die mehrheitlich heidenchristliche korinthische Gemeinde dem in sieben Tage eingeteilten jüdischen Kalender folgte. Der erste Tag, der Sonntag, sei der Tag der Auferstehung Jesu. Die Sammlung sei von privatem Charakter gewesen, denn das Geld sollte daheim angesammelt werden und es habe keine Verbindung mit der sonntäglichen Gemeindeversammlung bestanden. Auf diese Weise seien keine Unterschiede bezüglich der gesellschaftlichen Stellung und des Einkommens zutage getreten. So sei zwar die Sammlung eine Sache der gesamten Gemeinde, also aller Gemeindeglieder, gewesen, jedoch sei die Form von Paulus so gewählt worden, dass die Einheit nicht gefährdet wurde.

 

J. K. Chow 1992, 185-186 vertritt die Ansicht, dass aus Paulus’ Worten hervorgehe, dass ein Großteil der korinthischen Gemeindeglieder nicht gerade reich ist. Dass er sich nicht nur an wenige reiche Patrone wendet und sie um eine großzügige Gabe bittet, sondern alle Gemeindeglieder eine Gabe ansparen lässt, lasse sich damit begründen, dass Paulus bezüglich der Rechte und Ehre der Gemeindeglieder keine Unterschiede macht, sondern mittels der Betonung der Gleichheit die Gemeinde aufbaut.

 

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V. 3

 

Beobachtungen: Paulus’ Besuch in Korinth scheint fest eingeplant zu sein (vgl. 4,19). Daher kann er darlegen, was er nach seiner Ankunft in Korinth tun wird.

Paulus wird eine nicht genannte Zahl korinthischer Gemeindeglieder mit Briefen entsenden, um die Liebesgaben zu überbringen. Die Gesandten will nicht er selbst aussuchen, sondern dies sollen die Korinther tun - vermutlich, weil sie am besten wissen, wer sich für das Überbringen der Liebesgaben eignet und wem sie am ehesten in Geldangelegenheiten vertrauen.

 

Den Gesandten will Paulus Briefe mitgeben. Über diese Briefe macht er keine genaueren Aussagen. Somit ist unklar, von wem sie geschrieben sein werden. Dass Paulus der Verfasser sein wird, ist möglich, aber nicht zwingend anzunehmen. Fraglich ist auch, ob die Briefe das Geld beinhalten oder nicht. Angesichts der Tatsache, dass in der Antike Gesandten zu ihrer Legitimation Empfehlungsschreiben mitgegeben wurden, ist gut möglich, dass es sich um solche handelt.

 

Paulus bezeichnet die Spende als "charis“, also als eine "Gnade“. Es handelt sich folglich nicht um eine Art Steuer, sondern um eine freiwillige, aus Liebe geschehende Abgabe.

 

Paulus nennt ausdrücklich den Ort, in dem die Empfänger wohnen: Es ist Jerusalem, die Stadt, in der sich die erste Gemeinde gebildet hat. Die in V. 1 erwähnten "Heiligen“ sind also in Jerusalem wohnhafte Christen. Ob es sich dabei um besonders verdienstvolle Christen handelt, ist fraglich. Eher ist anzunehmen, dass damit alle Gemeindeglieder gemeint sind, womit die Gemeinde als Ganze Empfängerin wäre.

Warum die Gemeinde in Jerusalem das Geld erhalten soll, muss erschlossen werden, weil Paulus keinen Grund nennt. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass das Geld nur für ganz bestimmte, besonders bedürftige oder angesehene, Gemeindeglieder bestimmt ist. Somit ist zunächst davon auszugehen, dass die gesamte Gemeinde die Empfängerin ist. Warum erhält aber die früheste aller christlichen Gemeinden von anderen eine Geldspende? Mögliche Gründe sind Bedürftigkeit, besonders kostspielige Aufgaben oder das besondere Ansehen der Gemeinde. V. 1 legt als Grund ein besonderes Ansehen nahe. Paulus scheint nämlich davon auszugehen, dass die Bezeichnung "Heilige“ ohne jede weitere Ergänzung wie eine Ortsangabe verständlich ist. Wenn aber von vornherein klar ist, dass es sich bei den "Heiligen“ um die Jerusalemer Gemeindeglieder handelt, muss mit diesem Begriff - möglicherweise eine Selbstbezeichnung - eine besondere Ehre verbunden sein, die die Jerusalemer Christen gegenüber den anderen auszeichnet. Warum nun diese besondere Ehre zu besonderen Geldgaben berechtigt, bleibt offen. Möglich ist, dass die Einheit der Kirche dadurch unterstrichen werden soll, dass alle Gemeinden - seien sie heidenchristlich oder judenchristlich - für die früheste Gemeinde spenden. Allerdings gibt es auch Hinweise auf besondere Armut der Gemeinde in Jerusalem. Diesbezüglich ist Apg 11,27-30 zu nennen, wo von einer Hungersnot die Rede ist, die Anlass für eine Gabe für die Christen in Judäa wird. Zu einer Notlage passt auch der Begriff "Arme“, der im Zusammenhang mit Geldsammlungen für die Jerusalemer Gemeinde benutzt wird. So heißt es in Gal 2,10 bezüglich einer Abmachung auf dem Jerusalemer "Apostelkonzil“, dass die Missionare der "Armen“ gedenken sollten. Es ist wahrscheinlich, dass auf dem "Apostelkonzil“ die Geldsammlung beschlossen wurde, von der in 1 Kor 16,1-4 und anderen Texten die Rede ist. Der Begriff "Arme“ weist jedoch nicht zwingend auf eine wirtschaftliche Notlage hin, denn es kann sich auch um eine Ehrenbezeichnung im Sinne von "geistig Arme“ handeln. Dagegen spricht jedoch, dass gemäß Röm 15,26 die "Armen“ eine Teilgruppe der "Heiligen“ in Jerusalem sind. Wäre "Arme“ wie "Heilige“ eine Ehrenbezeichnung, so wäre anzunehmen, dass alle "Heiligen“ auch als "Arme“ bezeichnet werden. Dies ist jedoch nicht der Fall. Folglich handelt es sich bei den "Armen“ vermutlich um finanziell hilfsbedürftige Jerusalemer Gemeindeglieder.

Als Fazit bezüglich 1 Kor 16,1-4 lässt sich damit sagen, dass die Geldsammlung zunächst für die gesamte Jerusalemer Gemeinde bestimmt ist. Begründen lässt sich die besondere Stellung der Jerusalemer damit, dass es sich um die früheste christliche Gemeinde handelt und Jerusalem als Ort der Kreuzigung, des Begräbnisses und der Auferstehung Christi eine besondere Bedeutung zukommt. Von Jerusalem ("Zion“) ist die Missionsbewegung ausgegangen und Jerusalem wird auch der endzeitliche Ort der Sammlung des Gottesvolkes bzw. aller Menschen sein (vgl. Jes 2,2-5; 60; Jer 3,14-18; Mi 4,1-5). Jerusalem steht also wie kein anderer Ort für die Einheit der Christenheit, die Juden- und Heidenchristen umfasst. Als Grund für die Geldsammlung lässt sich jedoch auch eine wirtschaftliche Notlage heranziehen, die entweder die gesamte Gemeinde oder nur einen Teil der Gemeindeglieder betrifft. In letzterem Fall wäre davon auszugehen, dass die Leiter der Gemeinde das gespendete Geld speziell den Bedürftigen zukommen lassen.

 

Über die Aussage hinaus, dass eine Mehrzahl Gesandter das Geld überbringen soll, erfahren wir nichts über die Umstände eines solch großen Geldtransportes.

 

Weiterführende Literatur: J. Murphy-O’Connor 1996, 345-346 befasst sich mit Sicherheitsaspekten im Hinblick auf die Überbringung der Gaben. Da Paulus zum Schutz der Lieferung keine bewaffneten Wachtruppen anheuern könne, müsse die materielle Gabe möglichst einen geringen räumlichen Umfang haben und unauffällig zu transportieren sein. Auf Lasttieren zu transportierende Sachspenden kämen somit nicht in Frage. Paulus werde die Zahl seiner Reisebegleiter der Größe der Geldspende entsprechend wählen.

 

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V. 4

 

Beobachtungen: Paulus überlässt den Adressaten die Entscheidung, ob auch er selbst mit den Gesandten reisen soll oder nicht. Er macht dies davon abhängig, dass es die Mühe wert ist. Was die Mühe lohnen könnte, sagt Paulus nicht. Zu denken wäre an einen großen Geldbetrag, bei dessen Übergabe eine persönliche Anwesenheit des Paulus angebracht sein könnte, oder an Paulus’ Reiseerfahrungen und Kenntnisse des Heiligen Landes oder aber auch an sein besonderes Ansehen, das bei Kontakten zwischen verschiedenen christlichen Gemeinden von Nutzen sein kann.

 

Weiterführende Literatur: J. Gnilka 1996, 301-315 befasst sich mit der Kollekte. Bezüglich 1 Kor 16,4 stellt er fest, dass sich Paulus unsicher sei, ob er den Kollektenertrag den Glaubensbrüdern und −schwestern in Jerusalem persönlich überbringen soll, oder ob er Gemeinderepräsentanten die Überbringung überlassen soll.

 

 

Literaturübersicht

 

Bacchiocchi, Samuele; A Historical Investigation of the Rise of Sunday Observance in Early Christianity, Roma 1977

Berger, Klaus; Almosen für Israel: Zum historischen Kontext der paulinischen Kollekte, NTS 23 (1977), 180-204

Chow, John K.; Patronage and Power: A Study of Social Networks in Corinth (JSNTS 75), Sheffield 1992

Gnilka, Joachim;, Die Kollekte der paulinischen Gemeinden für Jerusalem als Ausdruck ekklesialer Gemeinschaft, in: R. Kampling, T. Söding [Hrsg.], Ekklesiologie des Neuen Testaments, FS K. Kertelge, Freiburg 1996, 301-315

Lindemann, Andreas; Die Jerusalem-Kollekte des Paulus als diakonisches Unternehmen, WuD 28 (2005), 99-116

Llewelyn, S. R.; The Use of the Sunday for Meetings of Believers in the New Testament, NT 43 (2001), 205-223

Mitchell, Margaret M.; Concerning peri de in 1 Corinthians, NT 31/3 (1989), 229-256

Murphy-O’Connor, Jerome; Paul: A Critical Life, Oxford 1996

Peterman, G. W.; Paul’s gift from Philippi: Conventions of gift-exchange and Christian giving, Cambridge 1997

Riesner, Rainer; Die Frühzeit des Apostels Paulus: Studien zur Chronologie, Missionsstrategie und Theologie (WUNT 71), Tübingen 1994

Sänger, Dieter; Der Beitrag der Korintherbriefe zur Lokalisierung der Adressaten und zur Datierung des Galaterbriefs, in: C. J. Belezos et al. [eds.], Apostolos Paulos kai Korinthos / Saint Paul and Corinth, vol. II, Athen 2009, 619-640

Schapdick, Stefan; The Collection for the Saints in Jerusalem on mia sabbatou (1 Cor 16:2), in: C. Tuckett [ed.], Feasts and Festivals (CBET 53), Leuven 2009, 147-160

Young, Norman H.; “The Use of the Sunday for Meetings of Believers in the New Testament”: A Response, NT 45 (2003), 111-122