Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Römerbrief

Brief des Paulus an die Römer

Röm 1,8-12

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Röm 1,8-12



Übersetzung


Röm 1,8-12: 8 Vor allen Dingen danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle, dass euer Glaube in der ganzen Welt verkündet wird. 9 Denn mein Zeuge ist (der) Gott, dem ich in meinem Geist am Evangelium seines Sohnes diene, dass ich unablässig an euch denke 10 und in meinen Gebeten stets darum bitte, dass es mir durch den Willen (des) Gottes endlich einmal gelingen möge, zu euch zu kommen. 11 Ich sehne mich nämlich danach, euch zu sehen, um euch etwas an geistlicher Gnadengabe mitzuteilen zu eurer Stärkung - 12 das heißt, gemeinsam mit euch Ermutigung zu erfahren durch wechselseitigen [Austausch] eures und meines Glaubens.



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V. 8


Beobachtungen: Auf das ungewöhnlich umfangreiche Präskript (1,1-7) folgt das Proömium, die Danksagung. Diese hat das Ziel, das Wohlwollen der Adressaten zu erlangen. Daher stellt der Apostel das Verhältnis zwischen ihm und den Adressaten besonders positiv dar. Über die Realität lässt sich nur die Aussage treffen, dass das Verhältnis zumindest so gut ist, dass der Apostel nicht - wie im Galaterbrief - auf die Danksagung verzichtet. Kritik schimmert zwischen den Zeilen des Dankes nicht hervor. Zu Beginn und zum Abschluss des Proömiums betont Paulus den Glauben der römischen Christen. Diesen hebt er an erster Stelle hervor.


Paulus dankt seinem Gott. Gott erscheint also nicht als abstraktes, entferntes Wesen, sondern als eines, das dem Apostel zugehörig ist (vgl. Phil 1,3). Paulus benutzt hier feierliche Gebetssprache, in der Gott als persönlicher Gesprächspartner erscheint.


Paulus dankt „durch Jesus Christus“, doch wie ist diese Formulierung zu verstehen? Die Tatsache, dass Paulus nicht auf die Nennung Jesu Christi verzichtet, beweist dessen herausragende Bedeutung. Jesus Christus erscheint als himmlischer Mittler des Betens zu Gott. Er ist Grund des Glaubens an die Rechtfertigung des Sünders vor Gott und Grund der Verbreitung dieses Glaubens.

Der Glaube aller Adressaten erscheint als vorbildlich: er wird in der ganzen Welt verkündet. Paulus formuliert aus rein christlicher Sicht: mit der ganzen Welt dürfte die ganze christliche Welt gemeint sein. Die Gleichsetzung mag durch die Vorstellung verursacht sein, dass das Evangelium die ganze Welt durchdringt. Tatsächlich gehört zum Zeitpunkt der Abfassung des Römerbriefes nur ein verschwindend geringer Teil der Einwohner des Römischen Reiches dem christlichen Glauben an. Dies geht auch aus den Formulierungen des Abschnittes 1,8-12 hervor.


Weiterführende Literatur: Die 1,1-17 zugrunde liegende Überzeugungsstrategie thematisiert A. B. du Toit 1989, 192-209.


P. Arzt 1991, 417-437 legt dar, dass von vielen Auslegern der Abschnitt, der auf das Präskript folgt, als „(innerbriefliche) Danksagung“ bezeichnet werde. Er stellt die Frage, ob diese Bezeichnung tatsächlich von zugänglichen griechischen Papyri her gedeckt ist. In diesem Zusammenhang überlegt er, wie jener Teil in Paulusbriefen, der zugegebenermaßen oft mit einem „eucharistô“ („ich danke“) beginne, formgeschichtlich bezeichnet werden könne und dürfe. Ergebnis: Das Proömium paulinischer sowie zeitgenössischer griechischer Privatbriefe könne formgeschichtlich nicht als „Danksagung“ bezeichnet werden. Wolle man den in Frage stehenden Teil solcher Briefe nicht nur allgemein als Proömium bezeichnen, so sollte formgeschichtlich von einem Gebetsbericht, einem Erinnerungsmotiv oder von Kombinations- bzw. Erweiterungsformen der beiden gesprochen werden. Der Dank des Paulus, den er Gott für die Adressaten so mancher seiner Briefe darbrachte, sei nicht einfach üblich gewesen, sondern seinem persönlichen Anliegen entsprungen.


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V. 9


Beobachtungen: Gott erscheint nicht nur als Gesprächspartner des Paulus, sondern er wird von diesem auch feierlich als Zeuge des Gesagten herangezogen. Gott kann deshalb Zeuge sein, weil Paulus ihm dient.


Paulus präzisiert den Dienst: Er geschieht in seinem Geist. Es erstaunt, dass Paulus nicht vom Geist Gottes, vom heiligen Geist spricht, denn dieser ist es, der den christlichen Lebenswandel ermöglicht und prägt. Sollte etwa Paulus den ihm innewohnenden Geist Gottes als „meinen Geist“ bezeichnen? Oder ist der Geist des Apostels von dem Geist Gottes zu unterscheiden? Doch wie wäre dieser menschliche Geist zu verstehen? Dafür spricht die eindeutige Unterscheidung zwischen dem Geist Gottes und dem menschlichen Geist des Apostels und der Adressaten des Briefes in Röm 8,16. Doch wie ist solch ein menschlicher Geist zu verstehen? Ist „mein Geist“ ein Ausdruck für das gesamte Wesen des Paulus und damit ausgesagt, dass Paulus mit seiner ganzen Existenz, also von ganzem Herzen, Gott dient? Oder bezieht sich der Ausdruck auf das Innere des Apostels im Gegensatz zum Äußeren seines Tuns? Dann wäre sein Dienst nicht nur auf die Missionstätigkeit beschränkt, sondern würde die gesamte Geisteshaltung umfassen und folglich auch das Gedenken im Gebet. Für letztere Bedeutung spricht, dass das griechische Verb „latreuein“ in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel (= AT), in kultischen Zusammenhängen auftaucht.

Der Dienst erfolgt am Evangelium des Sohnes Gottes, wobei vermutlich gemeint ist, dass das Evangelium Jesus Christus, d. h. das mit Jesus Christus verbundene Heilsgeschehen, zum Inhalt hat.


Das Substantiv „mneia“ kann „Gedenken“ oder „Erwähnung“ bedeuten. Dementsprechend bedeutet „mneian ... poioumai“ wörtlich „ich mache Gedenken“ oder „ich mache Erwähnung“. Die Übersetzung kann also entweder „ich gedenke“ oder „ich erwähne“ lauten. Folglich gedenkt Paulus unablässig der Adressaten oder er erwähnt sie unablässig. Aus V. 10 geht hervor, dass es sich um ein Gedenken oder Erwähnen in Gebeten handelt. Da die Übersetzung „dass ich euch unablässig erwähne“ dem Missverständnis Vorschub leistet, Paulus würde die vorbildlich glaubenden Adressaten unablässig in Gesprächen mit anderen Menschen hervorheben, scheint die Übersetzung „dass ich unablässig an euch denke“ angemessener zu sein.


Weiterführende Literatur: Die göttliche Sohnschaft Christi im Römerbrief hat L. W. Hurtado 1999, 217-233 zum Thema, wobei auf S. 223-228 der Abschnitt 1,17 behandelt wird.


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V. 10


Beobachtungen: Das Gedenken im Gebet verbindet Paulus mit der Bitte, dass es ihm durch den Willen Gottes endlich einmal gelingen möge, zu den Glaubensbrüdern und -schwestern in Rom zu kommen. Der Verweis auf den Willen Gottes macht deutlich, dass das Gelingen des Vorhabens nur dann möglich ist, wenn es dem Willen Gottes entspricht. Deswegen vertraut Paulus seinen Wunsch auch Gott an und hofft darauf, dass dieser den Weg zur Erfüllung des Wunsches ebnen möge. Aus den Worten des Apostels ist zu schließen, dass sich ein Besuch in Rom nicht ohne weiteres zu bewerkstelligen lässt. Das dürfte nicht nur an den gegenwärtigen Aufgaben liegen, sondern insbesondere auch an der großen Entfernung zwischen dem Abfassungsort des Briefes (möglicherweise Korinth) und Rom.


Weiterführende Literatur: Mit der Beziehung zwischen den geographischen und theologischen Räumen in 1,1-15 und 15,14-33 befasst sich A. Gignac 2006, 385-409.


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V. 11


Beobachtungen: Paulus sehnt sich danach, die Adressaten zu sehen. Als Grund für diese Sehnsucht nennt er den Wunsch, ihnen etwas an geistlicher Gnadengabe mitzuteilen. Dabei wird nicht weiter dargelegt, wie das „mitteilen“ oder „teilnehmen lassen“ („metadidômi“) zu verstehen ist. Auch ist nicht klar, was genau mit dem Begriff „Gnadengabe“ („charisma“) gemeint ist. Er kommt insbesondere in 1 Kor 12,1-11 vor und bezeichnet dort bestimmte Fähigkeiten wie ekstatische oder prophetische Rede, Unterscheidung von Geistern usw. Diese sind den Getauften gegeben, jedoch nicht von Paulus, sondern vom (heiligen) Geist. Deswegen kann in Röm 1,11 nicht gemeint sein, dass Paulus den Adressaten die Fähigkeiten der ekstatischen oder prophetischen Rede o. ä. vermitteln will. Doch welche „Gnadengabe“ mag der Apostel dann im Blick haben? In 1,5 bezeichnet er den Empfang des Glaubens in Verbindung mit dem Apostelamt als „Gnade“. Daher ist wahrscheinlich, dass die Gnadengabe mit der Bekehrung und dem Apostelamt in Verbindung zu sehen ist. Wesentlicher Bestandteil der missionarischen Tätigkeit infolge der Bekehrung und der Beauftragung mit dem Apostelamt ist die Predigt. Es ist also gut möglich, dass Paulus die Fähigkeit zur Verkündigung und die Beauftragung mit ihr als „Gnadengabe“ ansieht. Nicht diese Fähigkeit und Beauftragung an sich will Paulus jedoch an die römischen Christen weitergeben, sondern die Inhalte der Verkündigung, nämlich das Evangelium Jesu Christi. Dazu ist er besonders gut in der Lage, weil ihm in einer Audiovision bei Damaskus Jesus Christus persönlich erschienen ist. Bei der Anteilhabe an dem Evangelium geht es nicht um bloßes Hören, sondern um Verinnerlichung und Anteilhabe an der Rechtfertigung durch Glauben, dem Kern der frohen Botschaft (= Evangelium). Und diese Rechtfertigung durch Glauben und das daraus resultierende ewige Leben sind es schließlich, die Paulus in 5,15-16; 6,23 als „Gnadengabe“ Gottes ansieht.

Die „Gnadengabe“ ist insofern „geistlich“, als der Geist den Glauben, der für die Rechtfertigung unerlässlich und Grundlage der Predigt ist, bewirkt und erhält. Paulus setzt voraus, dass die römischen Christen glauben und lobt diesen Glauben auch ausdrücklich (vgl. V. 8). Einen Grund zur Glaubenskorrektur scheint es nicht zu geben. Doch warum die Notwendigkeit der Stärkung? Möglich ist, dass die besonderen Lebensverhältnisse der römischen Christen bei Paulus den Wunsch nach Stärkung heraufbeschworen haben. So hat es im Jahre 49 n. Chr. in Rom infolge des Claudius-Edikts - 54 wurde es wieder aufgehoben - eine Vertreibung von Juden und Judenchristen gegeben. Diese schloss Auseinandersetzungen zwischen Juden und Christen ab. Es trennten sich nun Judentum und Christentum und in Rom verschoben sich die Mehrheitsverhältnisse zugunsten der Heidenchristen. Auch die Heidenchristen stellten jedoch in der heidnischen Umgebung eine Minderheit dar und waren ständig in ihrer Existenz bedroht, wie schließlich der Gewaltausbruch gegen die Christen in Rom unter Kaiser Nero im Jahre 64 zeigt.


Weiterführende Literatur: Laut L. Legrand 2003, 566-572 reiche die „propositio“ des Römerbriefes von 1,11 bis 1,17. Sie sei zweigeteilt, und zwar in eine des apostolischen Handlungsablaufes und in eine der zugrunde liegenden Lehre. Die letztere sei der ersteren untergeordnet. Die missionarische Sichtweise umfasse die dogmatische Reflexion, was für den gesamten Römerbrief gelte.


Laut E. Ochsenmeier 2007, 395-406 lasse sich aus Röm 1,11-12 erschließen, dass der Brief an die Römer die Funktion des aufgeschobenen Besuches erfülle, nämlich die römischen Christen dazu zu ermutigen, angesichts gegenwärtiger oder bevorstehender Leiden ihre Hoffnung auf Gott zu setzen.


S. S. Schatzmann 1987, 14-15 skizziert kurz die Diskussion zur Bedeutung der Formulierung „charisma pneumatikon“ („geistliche Gnadengabe“).

Das Charisma (Gnadengabe) und Amt bei Paulus hat N. Baumert 1986, 203-228 zum Thema, der auf S. 213 konkret auf Röm 1,11 eingeht. „Charisma“ sage hier nicht mehr als „Geschenk“.


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V. 12


Beobachtungen: Paulus scheint besorgt zu sein, dass seine Worte falsch verstanden werden könnten. So macht er korrigierend deutlich, dass es ihm nicht um einseitige, autoritäre Belehrung geht, sondern um wechselseitigen Glaubensaustausch. Die Stärkung erfolgt gegenseitig - auch Paulus muss sich ja auf seinen Missionsreisen in einer mehrheitlich nichtchristlichen Welt behaupten.


Weiterführende Literatur:



Literaturübersicht


Arzt, Peter; “Ich danke meinem Gott allezeit…“: Zur sog. „Danksagung“ bei Paulus auf dem Hintergrund griechischer Papyrusbriefe, in: F. V. Reiterer [Hrsg.], Ein Gott – eine Offenbarung , Würzburg 1991, 417-437

Baumert, Norbert; Charisma und Amt bei Paulus, in: A. Vanhoye [éd.], L’ apôtre Paul. Personnalité, style et conception du ministère (BETL 73), Leuven 1986, 203-228

du Toit, Andries B.; Persuasion in Romans 1:1-17, BZ 33/2 (1989), 192-209

Gignac, Alain; Espaces Géographiques et Théologiques en Rm 1:1-15 et 15:14-33: Regard Narratologique sur la “Topologie” Paulinienne, BI 14/4 (2006), 385-409

Hurtado, Larry W.; Jesus’ Divine Sonship in Paul’s Epistle to the Romans, in: S. K. Soderlund, N. T. Wright [eds.], Romans and the People of God, FS G. D. Fee, Grand Rapids, Michigan 1999, 217-233

Legrand, Lucien; Rm 1.11-15(17): Proemium ou Propositio?, NTS 49/4 (2003), 566-572

Ochsenmeier, Erwin; Romans 1,11-12. A Clue to the Purpose of Romans?, ETL 83/4 (2007), 395-406

Schatzmann, Siegfried S.; A Pauline Theology of Charismata, Peabody, Massachusetts 1987