Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Der Brief des Paulus an die Philipper

Phil 4,10-20

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Phil 4,10-20



Übersetzung


Phil 4,10-20:10 Ich war aber im Herrn hocherfreut, dass ihr euch endlich einmal entfalten konntet, für mich zu sorgen. Denn ihr hattet ja [immer meiner] gedacht, aber keine Gelegenheit [zur Entfaltung] gefunden. 11 Ich sage das nicht, weil ich Mangel gelitten hätte. Ich habe nämlich gelernt, in der Lage, in der ich jeweils bin, [mit dem Vorhandenen] auszukommen. 12 Ich weiß Entbehrungen zu tragen und ich weiß auch im Überfluss zu leben. In alles und jedes bin ich eingeweiht: satt zu werden und Hunger zu leiden, im Überfluss zu leben und Mangel zu leiden. 13 Alles vermag ich durch den, der mich stark macht. 14 Doch ihr habt gut daran getan, dass ihr euch meiner Bedrängnis angenommen habt. 15 Ihr wisst aber auch, ihr Philipper, dass im Anfang des Evangeliums, als ich von Makedonien aufbrach, keine Gemeinde mit mir gemeinsam abrechnete auf Geben und Nehmen als ihr allein, 16 dass ihr auch, [als ich] in Thessalonich [war], (und) das eine und das andere Mal für meinen Bedarf gesandt habt. 17 Nicht dass ich die Gabe suche, sondern ich suche den Ertrag, der überreich zu eurem Gunsten [verbucht wird]. 18 Ich habe alles erhalten und habe mehr als genug. Ich habe die Fülle, da ich von Epaphroditus das von euch [Gesandte] empfangen habe, einen duftenden Wohlgeruch, ein angenehmes Opfer, (dem) Gott wohlgefällig. 19 Mein Gott aber wird all euren Bedarf befriedigen gemäß seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus. 20 Unserem Gott und Vater [gebührt] die Ehre in alle Ewigkeit. Amen.



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V. 10


Beobachtungen: In 4,10-20 kommt Paulus auf die Unterstützung seitens der Adressaten zu sprechen. Das neue Thema erstaunt insofern, als die V. 8-9 schon abschließenden Charakter hatten. Liegt zwischen V. 9 und V. 10 also ein literarischer Bruch vor, der annehmen lässt, dass die V. 10-20 einem anderen Brieffragment als die V. 8-9 angehören? Oder weist die Partikel „de“ („aber“) auf eine Fortführung des Gedankens und somit auf literarische Einheitlichkeit hin? Folgt man der letzteren Annahme, dann ist zu fragen, wie der Gedankengang beschaffen ist. Warum geht Paulus nach Mahnungen zum Dank über? Ist V. 10-20 als zweiter Teil einer Klammer zu verstehen, die zusammen mit dem ersten Teil 1,3-11 den Philipperbrief umfasst und deren Inhalt die enge Verbundenheit zwischen Paulus und den Adressaten ist? Kommt Paulus also deshalb nicht schon früher auf die Gabe zu sprechen, weil er den Dank als Bestandteil der Klammer versteht und den Brief so positiv enden lassen will, wie er ihn begonnen hat? Weist vielleicht die späte Stellung auch darauf hin, dass die Gabe für Paulus zwar erfreulich ist, aber keine herausragende Bedeutung hat? An erster Stelle steht der Dank an Gott für das Verhalten der Gemeinde (= erster Teil der Klammer). Der Dank an die Adressaten hätte eher ergänzende Funktion.


Der zentrale Begriff in V. 10 ist das Verb „phroneô“ („denken an“). Es geht also um das Denken der Adressaten an Paulus. Die Adressaten haben beständig (Imperfekt!) an Paulus gedacht. Zu einer konkreten Entfaltung des Denkens ist es aber über einen bestimmten Zeitraum nicht gekommen, weil die Adressaten dazu keine Gelegenheit gefunden haben. Das erneute Imperfekt „êkaireisthe“ („ihr habt keine Gelegenheit gefunden“) weist darauf hin, dass wiederum Dauerhaftigkeit im Blick ist. Auch gegenwärtig denken die Adressaten noch an Paulus, bezüglich des Denkens hat sich also nichts geändert. Die Änderung besteht nicht im Denken an sich, sondern in der Entfaltung des Denkens. Weil mit der Entfaltung des Denkens aus diesem ein Sorgen (für Paulus) wird, ist das Verb „phroneô“ in Verbindung mit der Entfaltung besser mit „sorgen (für)“ als mit „denken (an)“ zu übersetzen: „dass ihr euch endlich einmal entfalten konntet, für mich zu sorgen“.

Fraglich ist, ob die Aussage, dass die Adressaten an Paulus gedacht haben, deshalb nachgestellt ist, weil bei Paulus beim Diktieren der Gedanke aufgekommen ist, dass seine Worte missverstanden und als Kritik empfunden werden könnten. Die nachgestellte Aussage hätte dann die Funktion zu verdeutlichen, dass Paulus den Adressaten keinesfalls mangelndes Interesse an seinem Ergehen vorwirft.


Paulus drückt das Geschehen mittels des Verbs „anathallô“ („[wieder] aufblühen [lassen]“) aus, benutzt also ein Bild aus der Botanik: Wie die Blumen und Blüten nach dem Winter (wieder) aufblühen, so ist auch das Denken an Paulus (wieder) aufgeblüht und hat zu einer konkreten Handlung geführt. Das Konkrete und zeitlich Begrenzte der Handlung wird aus der Wahl der Zeitform Aorist deutlich.


Zum Aufblühen ist es „endlich einmal“ („êdê pote“) gekommen. Ist diese Formulierung als Kritik gegenüber dem lange ausgebliebenen Aufblühen zu verstehen? Dagegen spricht, dass die V. 10-20 positiv im Sinne des Danks formuliert sind und Paulus auch deutlich seine große Freude über das Aufblühen des Denkens ausdrückt. Außerdem wird kein Grund für das geraume Zeit unterbliebene Aufblühen genannt, weshalb nicht klar ist, ob die Adressaten an dem Unterbleiben schuld sind. Daher dürfte „endlich einmal“ wohl weniger als Kritik am langen Ausbleiben des Aufblühens zu verstehen sein, als vielmehr als Freude darüber, dass es nun endlich zum Aufblühen gekommen ist.


Fraglich ist, wie der Aorist „echarên“ zu verstehen ist: Gewöhnlich zeigt der Aorist eine kurzzeitige, bereits vergangene und abgeschlossene Handlung an. Demnach hätte sich Paulus in der Vergangenheit gefreut, als ihm die Fürsorge der philippischen Gemeindeglieder zuteil wurde. Man kann aber auch an einen brieflichen Aorist denken, der die Sichtweise der Empfänger mit einbezieht. Demnach freut sich der den Brief diktierende Apostel zwar weiterhin, doch liegen die Abfassung des Briefes und die Freude aus Sicht der Empfänger, die den Brief ja erst später zu lesen und zu hören bekommen, in der Vergangenheit.


Weiterführende Literatur: Für ein eigenständiges Schreiben hält L. Bormann 1995, 136-160 Phil 4,10-20. Dieser „Dankesbrief“ sei der Schlüssel zum Verständnis der Beziehung zwischen Paulus und der Philippergemeinde. Auffällig sei, dass Paulus keinen ausdrücklichen Dank sagt und die Gabe der Philipper distanziert annimmt, indem er ihre Notwendigkeit scheinbar relativiert und die Wechselbeziehung zwischen sich und der Gemeinde um die Gottesbeziehung als Schlusspunkt seiner Überlegungen erweitert. Die von Auslegern gebrauchte Formulierung vom „danklosen Dank“ drücke eine kluge Beobachtung geistreich aus, erkläre aber noch nicht, warum Paulus so merkwürdig reagiert. Dieser Frage geht L. Bormann nach. Anschließend befasst er sich auf S. 161-205 mit den Beziehungen zwischen Paulus und der Philippergemeinde im Spiegel hellenistisch-römischer sozialer Konventionen.


Eine Auslegung von 4,10-20 bietet M. Müller 1997, 147-17, der dabei auf die autarkeia (Selbstgenügsamkeit/Unabhängigkeit) im Kontext der Antike, auf die Freundschaft als Teilhabe am Leiden des Apostels, auf die Freundschaftsgabe als Gott wohlgefälliges Opfer und auf den konduktiven Gotteszuspruch V. 19-20 zu sprechen kommt.


Zur Rhetorik von 4,1-20 siehe A. H. Snyman 1993, 325-337.


D. Ezell 1980, 373-381 deutet Phil 4 sowohl unter intellektuellen als auch unter das christliche Leben betreffenden Gesichtspunkten, arbeitet den ursprünglichen Zusammenhang (chronologisch, geographisch, historisch, kulturell, sozial und theologisch) heraus, um eine allzu subjektive Herangehensweise zu vermeiden, und versucht bei der Beschäftigung mit dem einzelnen Kapitel der Bedeutung des gesamten Philipperbriefs ausreichend Beachtung zu schenken.


G. D. Fee 1998, 75-88 vertritt die Ansicht, dass die Bibelauslegung zuvörderst einem geistlichen Zweck diene und ihren rechten Ort im Zusammenhang der gläubigen Gemeinde habe, die die wahre Erbin der Texte sei. Dies versucht er mittels 4,10-20 exemplarisch darzulegen.


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V. 11


Beobachtungen: V. 11 begegnet dem möglichen Missverständnis, dass er sich über das Entfaltens des Denkens an ihn, also über die Fürsorge, so gefreut habe, weil er Mangel gelitten habe. Paulus macht deutlich, dass ihm Mangel nichts ausmacht.


Paulus bezeichnet sich als „autarkês“ („unabhängig/autark/selbstgenügsam“). Er greift damit einen Begriff auf, der in der antiken griechischen Philosophie insbesondere von den (den Kynikern ähnelnden) Stoikern benutzt wird. Er bezeichnet bei diesen das Ideal der Zufriedenheit, die von den äußeren Umständen – seien es materielle Lebensbedingungen oder das menschliche Umfeld - unabhängig ist. Auch wenn das paulinische Gedankengut in diesem Punkt dem stoischen ähnelt, so ist doch auf zwei wesentliche Unterschiede hinzuweisen: Zum einen stellen die paulinischen Aussagen nicht die Seelenruhe an sich in den Mittelpunkt, sondern sind im Lichte des Dienstes für Christus zu sehen. Christus bzw. Gott ist der „Herr“. In Christi bzw. Gottes Macht- und Heilsbereich spielt sich das Leben des untergeben dienenden Paulus ab, weshalb auch dessen Freude „im Herrn“ war/ist. Der „Herr“ ist gegenüber seinen Untergebenen, den Klienten, antikem Verständnis entsprechend zu Schutzleistungen verpflichtet. So kann Paulus auf den Schutz Christi bzw. Gottes vertrauen. Zum anderen führt die Unabhängigkeit von den äußeren Lebensumständen bei Paulus nicht zu einer Ausschaltung der Affekte: Er bleibt ein Mensch, der seinen Gefühlen Raum lässt, der Freude, Ärger, Sorge, Hoffnung, Liebe und Mitleid empfindet.


Worin er „autarkês“ ist, drückt Paulus mittels der Formulierung „en hois eimi“ - wörtlich übersetzt: „in welchen ich bin“ - aus. Es dürften also ganz allgemein die jeweiligen Lebensumstände gemeint sein. In V. 12 erfolgt dann eine Konkretisierung hin zu materiellen Lebensumständen.


Der Aorist „emathon“ („ich habe gelernt“) lässt an ein kurzzeitiges, abgeschlossenes Geschehen denken. Es könnte ein kurzzeitiger, abgeschlossener Unterricht in einer Schule oder Akademie im Blick sein, aber auch ein kurzzeitiges, abgeschlossenes Ereignis. Weil V. 12 von einem Wissen handelt, das in einem engen Bezug zur Lebenserfahrung zu sehen ist, dürfte auch das Lernen in V. 11 in einem engen Bezug zur Lebenserfahrung zu sehen sein. Vermutlich haben die Ereignisse im Leben – V. 12 geht von einer Mehrzahl aus - Paulus gelehrt. Das Lernen wäre demnach als innere Auseinandersetzung mit den Ereignissen zu verstehen. Um wie viele Ereignisse es sich handelte, lässt der Aorist offen. Die Spannbreite der Möglichkeiten reicht von der Einzahl bis zur Vielzahl.


Weiterführende Literatur: Zu den Launen des Lebens als paulinische „Adiaphora“, also als Dinge, die für Paulus von keiner besonderen Bedeutung sind, siehe J. L. Jaquette 1995, 100-108.


Laut P.-B. Smit 1996 danke Paulus der Gemeinde in Philippi für ihre Unterstützung, ziehe aber diesen Dank gleichzeitig zurück. Offenbar stehe Paulus‘ Autorität auf dem Spiel, denn wer empfängt, sei nicht autark und zeige eine Schwäche. P.-B. Smit geht auf diese Dynamik zwischen Geber und Empfänger ein, und zwar aus der Perspektive des Beziehungsgeflechtes zwischen Eltern, besonders der Mutter, und ihren Kindern. Paulus erscheine als einer der Eltern der Gemeinde, der seine Autorität über die Gemeinde aufrecht erhalten möchte.


A. J. Malherbe 1995, 813-826 meint, dass V. 11 eher im Zusammenhang mit persönlichen, freundschaftlichen Beziehungen als im Zusammenhang mit dem stoischen Gedanken der Selbstbeobachtung zu verstehen sei. Paulus beabsichtige eine Stärkung der freundschaftlichen Bande mit den Adressaten. Dazu spiele er den Aspekt der Bedürftigkeit herunter und betone seine Selbstgenügsamkeit (autarkeia). Der Begriff „autarkeia“ sei nicht nur von Stoikern und Kynikern benutzt worden, sondern auch von Anhängern anderer Überzeugungen, weise also nicht unbedingt auf stoisches Gedankengut hin.

Auch G. W. Peterman 1997, 158 sieht nicht stoisches Gedankengut gegeben; ebenso liege nicht Gleichgültigkeit in Anbetracht des Leidens vor. Vielmehr liege Zufriedenheit mit den finanziellen Umständen, gleich wie sie beschaffen sind, vor.


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V. 12


Beobachtungen: In V. 12 präsentiert sich Paulus als jemand, der ein bestimmtes Wissen besitzt und in verschiedenste Lebensumstände eingeweiht („memyêmai“ = „ich bin eingeweiht“) ist. Als Eingeweihter ähnelt er den Mysten (= Eingeweihte) der Mysterienreligionen.


Paulus arbeitet mit Gegensatzpaaren, um die ganze Bandbreite der materiellen Lebensumstände auszudrücken, von denen er Kenntnis hat und in die er eingeweiht ist: Entbehrungen – Überfluss, satt werden – Hunger leiden, im Überfluss leben – Mangel leiden. Die Vollständigkeit der Einweihung unterstreicht darüber hinaus die Formulierung „in alles und jedes“ („en panti kai en pasin“).


Die Gegensatzpaare und die Betonung der Vollständigkeit der Einweihung geben ebenso wie das wiederholte „ich weiß“ der Sprache einen gehoben-feierlichen Charakter. Die Feierlichkeit weist darauf hin, dass Paulus den Lebenserfahrungen und dem Wissen um seine Unabhängigkeit von äußeren Lebensumständen große Bedeutung bemisst.


Weiterführende Literatur: Eine umfassende Analyse von V. 12 bietet M. Schiefer Ferrari 1991, 271-281.


Zu V. 12 als besonders schlichter und komprimierter Form eines Peristasenkatalogs: R. Hodgson 1983, 59-80 versucht den religionsgeschichtlichen Hintergrund der paulinischen Peristasenkataloge eingehender darzulegen als es bisher geschehen ist. Die verbreitetste These sei, dass die Listen stoischer und jüdisch-apokalyptischer Art seien. R. Hodgson dagegen meint, dass die Peristasenkataloge auf eine verbreitete literarische Konvention des 1. Jhs. zurückgingen, derer sich auch der hellenistisch-jüdische Geschichtsschreiber Josephus, der pharisäische Judaismus der Mischna und der frühe Gnostizismus (vgl. Nag Hammadi – Schriften) bedient hätten.


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V. 13


Beobachtungen: Paulus kommt nicht aufgrund eigener Seelenstärke mit allen äußeren Lebensumständen zurecht, sondern er hat die Seelenstärke verliehen bekommen. Von wem er sie verliehen bekommen hat, lässt er offen. Zu denken ist an Gott oder Jesus Christus. In dieser Stärkung liegt das Gottes- bzw. Christusvertrauen des Apostels begründet, nicht in der Hoffnung, dass Gott bzw. Jesus Christus jegliche Unbill des Lebens fernhalten könnte.


Weiterführende Literatur: Dass der Philipperbrief nicht ein Brief eines am Leben verzweifelten, verbitterten Mannes ist, sondern eines Mannes „in Christus“, der zur Freude aufruft, versucht C. Bugg 1991, 253-257 anhand von 4,4-13 zu zeigen.


Zum paulinischen Autarkie-Verständnis siehe U. Heckel 1993, 265-271. Die Autarkie des Paulus beruhe auf der göttlichen Stärkung und stütze sich – zumindest der Sache nach – auf das Herrnwort in 2 Kor 12,9a. Die Genügsamkeit des Apostels ergebe sich daher aus dem Genug-Haben an der Gnade und Kraft Christi.


Laut P. T. O’Brien 1991, 25-27 sei V. 13 verschiedentlich so gedeutet worden, dass Paulus bei seiner Bevollmächtigung durch Christus zu allem befähigt worden sei oder dass die „schmerzlichen Dinge“ auf Paulus‘ Aposteldienst beschränkt werden sollten. P. T. O.‘Brien deutet dagegen die Präposition „en“ nicht instrumental, sondern im Sinne einer Vereinigung. Somit werde nicht ausgesagt, dass Paulus durch Christus, den persönlichen Mittler, gestärkt wird, sondern es werde ausgesagt, dass die Stärkung durch die lebendige Einheit mit dem stärkenden Christus erfolge.


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V. 14


Beobachtungen: In V. 14 stellt Paulus wieder die Unterstützung als etwas Lobenswertes heraus. Es fällt auf, dass er zwischen Dank und Lob einerseits und der Betonung seiner Unabhängigkeit von Unterstützung hin und her pendelt, als wolle er beiden Aspekten weder zu wenig noch zu viel Bedeutung beimessen. Ihm scheint es auf das Gleichgewicht der beiden Aspekte anzukommen. Wenn Paulus das inhaltliche Schwergewicht der Aussagen verlagert, so gleicht das dem Ausbalancieren von zwei Waagschalen durch ständig neues Hinzufügen von Gewichten. Der Dank soll nicht als Bedürftigkeit und der Hinweis auf die Genügsamkeit in der jeweiligen Lage nicht als Undankbarkeit erscheinen.


Das Verb „synkoinôneô“ bedeutet „mit teilhaben an“. Die gemeinsame Teilhabe kann als Anteilnahme am Schicksal des anderen oder als Schicksalsgemeinschaft verstanden werden. In ersterem Fall hätten die Philipper mittels einer konkreten Handlung in seiner Bedrängnis geholfen. In letzterem Fall wären sie wie Paulus selbst bedrängt gewesen. Dass auch die Philipper Bedrängnis ausgesetzt sind bzw. waren, geht aus 1,29 hervor, wobei der engere Zusammenhang von 4,14 allerdings keine besondere Bedrängnis erkennen lässt. Die einleitende Wendung „Doch ihr habt gut daran getan“ lässt eher an eine freiwillige Handlung als an notgedrungenes Ertragen einer Bedrängnis denken. Allerdings enthält auch das notgedrungene Ertragen einer Bedrängnissituation einen Aspekt der Freiwilligkeit: Ein bedrängter Christ kann sich in der Bedrängnis auch gegen Standhaftigkeit im Glauben entscheiden und vom christlichen Glauben abfallen.


Paulus konkretisiert die „Bedrängnis“ („thlipsis“) nicht. Es kann speziell an die Gefangenschaft gedacht sein, aber auch an weitere Leiden wie Anfeindungen, Schläge, Verhöre usw.


Weiterführende Literatur: Gemäß S. Fowl 2002, 45-58 gehe es Paulus darum, die theologische Bedeutung der erfolgten Geldgabe zu verdeutlichen und die Bedeutung nicht zuvörderst auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Konventionen zu sehen.


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V. 15


Beobachtungen: Paulus redet die Adressaten direkt als „Philipper“ an. Die gewählte Anrede „Philippêsioi“ ist die griechische Wiedergabe des lateinischen „Philippenses“. Gebraucht Paulus die latinisierte Form statt der regulären griechischen Formen „Philippeis“ oder „Philippênoi“, weil er die Philipper als Bürger einer römisch geprägten Stadt hervorheben will? Bürger einer römischen Stadt zu sein, galt als eine Auszeichnung.


Was bedeutet „im Anfang des Evangeliums“? Ist der allererste Beginn der Verkündigung des Evangeliums seitens des Apostels gemeint? Dagegen spricht, dass die allererste Verkündigung seitens des Apostels nicht in Makedonien (Provinz der Stadt Philippi) erfolgte, sondern schon lange vorher, vermutlich in Arabien, Syrien, Kilikien oder – unwahrscheinlicher – Jerusalem (vgl. Gal 1,17-2,1). Ist vielleicht der Beginn der Verkündigung des Evangeliums in Europa gemeint? Immerhin ist Philippi die erste Stadt Europas, in die Paulus das Evangelium brachte (vgl. Apg 16,9-12). Diese Deutung setzt jedoch voraus, dass Paulus den Übergang von Asien nach Europa als einschneidenden Moment seiner Missionstätigkeit erlebt hat, was eher unwahrscheinlich ist. Aus antiker Sicht sind nämlich die benachbarten römischen Provinzen Asia in Asien und Makedonien in Europa keinesfalls so unterschieden, wie man heute annehmen mag, sondern beide Teile des römischen Reiches und somit Teilhaberinnen an der römischen Sprache und Kultur. Unwahrscheinlich ist auch, dass Paulus die gesamte Missionstätigkeit in Asien als unbedeutend oder rein vorbereitender Natur ansehen sollte. Als dritte Möglichkeit kommt infrage, dass die Formulierung „im Anfang des Evangelium“ aus Sicht der Adressaten zu verstehen ist. Aus Sicht der Adressaten ist der Anfang des Evangeliums mit dem paulinischen Wirken in Makedonien und speziell in Philippi verbunden. Das folgende „als ich von Makedonien aufbrach“ würde dann ein Ereignis „im Anfang des Evangeliums“ bezeichnen. Der Aufbruch aus Makedonien wäre demnach in der Anfangsphase der Verkündigung des Evangeliums in Makedonien erfolgt. Schließlich kann, als vierte und letzte Möglichkeit, „im Anfang des Evangeliums“ in enger Verbindung mit dem folgenden „als ich von Makedonien aufbrach“ gedeutet werden. Dann wäre die erste Verkündigung während des Aufbruches oder nach dem Aufbruch aus Makedonien gemeint.


Die Wendung „ekoinônêsen eis logon doseôs kai lêmpseôs“ („mit mir zusammen abrechnete auf Geben und auf Nehmen“) entstammt der Geschäftssprache. Gemeint ist die Abrechnung von Ausgaben und Einnahmen. Die freundschaftliche Beziehung erscheint also als gegenseitiges Geben und Nehmen: Die Christen in Philippi und Paulus handeln dabei wie freundschaftlich miteinander verbundene Geschäftspartner. Wenn eine Seite etwas gibt, so verzeichnet diese es als Ausgabe, die andere als Einnahme – und umgekehrt. Dabei scheint vorausgesetzt zu werden, dass jede der beiden Seiten mal gibt und mal nimmt.

Dass die Philipper gegeben haben, geht aus V. 10 eindeutig hervor. Die dort gemeinte Gabe ist jedoch erst lange nach dem Aufbruch des Apostels Paulus aus Makedonien erfolgt. Offen bleibt also, was die Philipper im zeitlichen Zusammenhang mit dem Aufbruch gegeben haben. In V. 10 erscheint Paulus nur als Empfänger einer Gabe, nicht als Geber, so dass sich – geht man vom Geben und Nehmen aus – die Frage stellt, was er bei seinem Aufenthalt in Makedonien und bei seinem Aufbruch von dort gegeben haben könnte. Geht man von der Dauerhaftigkeit des wechselseitigen Gebens und Nehmens aus, dann stellt sich zudem auch die Frage, was er in den Jahren nach dem Aufbruch von Makedonien gegeben hat und gegenwärtig gibt. Am ehesten ist daran zu denken, dass die Gabe des Paulus geistlicher Art war, die Gabe der Philipper dagegen materieller Art. Paulus hatte das Evangelium oder die damit verbundene Gnade Gottes bzw. Christi zu bieten (vgl. 1 Kor 9,11; die „Heiligen“ in Jerusalem betreffend: 2 Kor 8,13-15; Röm 15,27). Angesichts der eigenen Bedürftigkeit dürfte Paulus wohl kaum selbst den Philippern gegenüber materielle Zuwendungen geleistet haben. Das einzige Materielle, das er ihnen hat zukommen lassen, könnte die Bestätigung gewesen sein, dass das Gesandte auch tatsächlich angekommen ist. Eine solch schriftliche Bestätigung dürfte aber wohl kaum als ein „Geben“ im Austausch für die materielle Gabe zu verstehen sein.


Warum werden die Philipper als einzige Gemeinde herausgestellt, mit der Paulus gemeinsam abrechnete auf Geben und Nehmen? Sollte Paulus tatsächlich das Evangelium bzw. die damit verbundene Gnade als seine Gabe ansehen, dann hätte er diese Gabe allen Menschen zukommen lassen, denen er gepredigt hat. Aus den Briefen des Apostels geht hervor, dass dieser in Makedonien nicht nur in Philippi, sondern mindestens auch in Thessalonich eine Gemeinde gegründet hat. Folglich müsste auch die Gemeinde in Thessalonich als Gemeinde genannt werden, mit der er gemeinsam abrechnete auf Geben und Nehmen. Hat diese ihn etwa bei seinem Aufenthalt nicht unterstützt? Oder ist nur im Blick, dass diese ihn nach der Abreise aus Makedonien nicht mehr unterstützt hat? Schließlich könnte Paulus auch die Einzigartigkeit der materiellen Zuwendung im Blick haben, die er am Ort der Gefangenschaft von den Philippern erhalten hat. Dagegen spricht jedoch, dass ihm diese Zuwendung nicht bei seinem Aufbruch von Makedonien zuteil wurde, sondern erst viel später.


Weiterführende Literatur: Laut G. T. Tatum 2007, 451-453 handele es sich bei Phil 4,14-19 nicht um eine der Danksagung dienende, separate Anmerkung, sondern die Verse formten mit Phil 1,7-11 den brieflichen Rahmen für diesen Freundschaftsbrief. Paulus webe die technische Sprache des Finanzwesens in seine sehr genaue Aussage über die von Gnade erfüllte Verbindung zu den Philippern ein. Darüber hinaus wende Paulus die Vorstellung von Partnerschaft/Profit auf die Kollekte für die Heiligen in Jerusalem (2 Kor 9,6-14; Röm 15,25-28) an.


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V. 16


Beobachtungen: Paulus schreibt nicht, wer in Thessalonich war, er selbst oder jemand anderes. Erstere Möglichkeit ist wahrscheinlicher, weil es ja Paulus ist, der gereist und in andere Städte gekommen ist. Weil der Apostel bezüglich seines Unterhaltes in fremden Städten von der Unterstützung seitens der dortigen Einwohner abhängig war und er keine eigene Erwerbsgrundlage hatte oder er sich – bei längeren Aufenthalten – eine solche erst aufbauen musste, dürfte materielle Hilfe von außen durchaus willkommen gewesen sein. Bei letzterer Möglichkeit wäre am ehesten daran zu denken, dass es philippische Gemeindeglieder waren, die sich eine Zeit lang in Thessalonich aufgehalten haben und von dort aus Paulus, dessen Aufenthaltsort offen bliebe, etwas für seinen Bedarf gesandt haben. Diese Deutung ist aber nicht nur unter logischen Gesichtspunkten fragwürdig, sondern auch unter grammatischen: So wäre bei der Sendung einer materiellen Hilfe aus Thessalonich heraus die Präposition „ek“ („aus …heraus“) statt „en“ („in“) zu erwarten.


Die Wendung „(kai) hapax kai dis“ ist wörtlich mit „einmal und zweimal“ zu übersetzen. Wörtlich genommen wäre ausgesagt, dass Paulus zweimal etwas für seinen Bedarf zugesandt bekommen hat. Es ist aber auch möglich, die Wendung nicht im wörtlichen Sinne zu verstehen: Dann wäre „einmal und zweimal“ im Sinne von „mehrere Male“ zu verstehen, ohne dass die Zahl der Male genauer bestimmt wäre.

Wie ist das erste „kai“ („und“) zu verstehen? Ist „kai hapax kai dis“ als feste Wendung anzusehen und kommt dem „kai“ hier folglich keine additive Funktion zu? Dann hätte – sofern tatsächlich gemeint ist, dass Paulus in Thessalonich war – Paulus in Thessalonich zweimal bzw. mehrmals von den Philippern materielle Unterstützung erhalten. Sollte dem ersten „kai“ dagegen additive Funktion zukommen, dann wäre ausgesagt, dass Paulus in Thessalonich von den Philippern materielle Unterstützung zugesandt bekommen hat, aber darüber hinaus auch außerhalb von Thessalonich. Fraglich wäre bei dieser Deutung, ob Paulus die weitere materielle Unterstützung vor oder nach seinem Aufenthalt in Thessalonich erhalten hat.


Fraglich ist, inwiefern Paulus in Thessalonich tatsächlich bedürftig war. Aus 1 Thess 2,9 geht hervor, dass Paulus in Thessalonich Tag und Nacht gearbeitet hat, um den Thessalonichern nicht zur Last zu fallen. Diese Aussage ermöglicht zwei gegensätzliche Deutungen: „Tag und Nacht“ kann so verstanden werden, dass das Geschäft so gut lief, dass es zu dauerhafter Arbeit führte. Dann wäre Paulus wohl kaum bedürftig gewesen. Man kann „Tag und Nacht“ aber auch im Lichte erschwerter Lebensbedingungen in der Fremde verstehen: Dann wäre die ständige Arbeit deshalb nötig geworden, weil es eine Existenzgrundlage aufzubauen galt, die dem Apostel am fremden Ort fehlte. Da ein gut laufendes Geschäft in der Fremde eher unwahrscheinlich ist, ist aus der vielen Arbeit wohl eine gewisse Bedürftigkeit des Apostels in Thessalonich zu erschließen.


Es fällt auf, dass V. 15 von einem späteren Zeitpunkt der Missionsreise handelt als V. 16. So spricht Paulus in V. 15 von einem Geben und Nehmen beim Aufbruch aus Makedonien, also nach dem Aufenthalt in den makedonischen Städten Philippi und Thessalonich. In V. 16 dagegen ist von Unterstützung in Thessalonich (und möglicherweise in der Zeit davor oder danach) die Rede. Ist also das V. 16 einleitende „hoti kai“ im Sinne von „dass ihr auch schon“ zu verstehen? Eine solche Übersetzung würde verdeutlichen, dass das Geschehen von V. 16 zeitlich vor dem Geschehen von V. 15 zu verorten ist. Eine weitere Möglichkeit ist, dass der Aufbrauch aus Makedonien nicht nur als reines Verlassen der Provinz zu verstehen ist, sondern auch das gesamte Wirken in Makedonien nach dem Beginn in Philippi umfasst. Dann wäre der Aufenthalt in Thessalonich als Teil des „Aufbruches“ zu verstehen und ihm zeitlich nicht nachgeordnet. Ein solcher, das Gebiet des Aufbruchs einschließender Gebrauch des Verbs „exerchomai apo“ („aufbrechen/weggehen aus“) findet sich in Mt 15,22; 24,27; 1 Kor 14,36.


Weiterführende Literatur:


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V. 17


Beobachtungen: V. 17 enthält die Kernaussage von V. 17: Der eigentliche Wert der Gabe liegt für den Apostel nicht in der Hilfeleistung an sich, die seine eigene materielle Lage verbessert, sondern darin, dass die philippische Gemeinde mit ihr einen Ertrag (oder: eine „Frucht“) erzielt und ihren Gesamtertrag vermehrt. Der neue Ertrag wird dem „Konto“ der Gemeinde gutgeschrieben. Wie schon in V. 15 kleidet Paulus Heilsaussagen in Geschäftssprache.


Weiterführende Literatur: Laut H.-G. Sundermann 1996, 228-240, der von Phil 4,10-20(/23) als einer separaten Texteinheit ausgeht, sei festzustellen, dass der Apostel vordergründig durchaus angemessen auf das Geschenk der Philipper reagiere: Der Empfang werde bestätigt und der Empfänger bedanke sich bei den Gebern. Dabei mache Paulus aber deutlich, dass ihm an der Gabe selbst nichts liegt. Seine apostolische Existenz sei unabhängig von den materiellen Umständen, in denen sie sich vollzieht (vgl. V. 11-13). Zeige sich schon an dieser Stelle das apologetische Interesse des paulinischen Dankbriefes, trete dieses bei der Darstellung des Verhältnisses des Apostels zu den Philippern in der peroratio (V. 14-17) noch mehr in den Vordergrund: Paulus betone die Gegenseitigkeit im Geben und im Nehmen, um dem Eindruck zu wehren, er habe es auf das Geld der Philipper abgesehen, und zeige dabei den Mehrwert auf, der als Überschuss die Existenz der Gemeinde bestimme und als solcher von Gott komme.


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V. 18


Beobachtungen: Paulus bestätigt den Empfang des Gesandten, wobei er Geschäftssprache benutzt (apechô = ich habe empfangen [und quittiere]). Ob es sich um die erstmalige Empfangsbestätigung handelt oder ob schon vorher auf mündlichem oder schriftlichem Wege eine erfolgt ist, lässt sich nicht erschließen. Hier scheint die Betonung weniger auf der Bestätigung des Empfangs an sich zu liegen als auf der Verdeutlichung, dass der Dank für die Gabe nicht in erster Linie wegen der Linderung der eigenen materiellen Bedürftigkeit erfolgt. Um jegliches Missverständnis auszuschließen, stellt sich Paulus nun als einer dar, der nun Überfluss und die Fülle hat.


Paulus hat die Gabe von Epaphroditus, einem Gesandten der philippischen Gemeinde (vgl. 2,25-30) empfangen. Worum es sich bei der Gabe genau handelt, bleibt offen. Paulus bestätigt nur, dass er „alles“ erhalten hat. Es ist davon auszugehen, dass es sich um eine Geldgabe in unbekannter Höhe handelt.

In der zweiten Vershälfte wechselt Paulus von der Geschäfts- zur Kultsprache, wie sie sich auch in der Septuaginta, einer griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel (= AT) findet. Die Adressaten erscheinen nun nicht mehr als Absender einer für Paulus bestimmten, materiellen Gabe, sondern als Priester, die Gott ein wohlgefälliges Opfer dargebracht haben. Die Verbindung der Begriffe „thysia“ („Opfer“), „osmê“ („Duft“) und „euôdia“ („Wohlgeruch“) lassen an ein Brandopfer denken, wie es auch im AT erscheint (vgl. Gen 8,20-21 u. a.)


Das Substantiv „osmê“ bedeutet ganz neutral „Duft“. Seine positive Färbung erhält es erst durch die Verbindung mit dem Substantiv „euôdia“, das aus dem neutralen Duft einen wohlriechenden Duft macht. Für wen es wohlriechend ist, bleibt offen, so dass es für die Menschen – vielleicht alle Lebewesen – und Gott wohlriechend sein mag. Im Mittelpunkt steht jedoch die Bewertung seitens Gottes: Er empfindet den Duft als wohlriechend und das Opfer als angenehm. Deshalb findet das Opfer bei Gott Wohlgefallen.


Weiterführende Literatur: P. Sampley 1977, 158-174 vertritt die These, dass Paulus und die philipische Gemeinde einen Vertrag abgeschlossen hätten: Die Philipper hätten Paulus als Gegenleistung für seine Verkündigung die Zahlung von Geld zugesagt. In 4,10-20 bestätige Paulus förmlich den Empfang des ihm zugesagten Geldes. B. J. Capper 1993, 193-214 setzt sich kritisch mit dieser These auseinander: Es sei unwahrscheinlich, dass sich bei Vertragsbruch die geschädigte Seite an ein heidnisches Gericht gewandt hätte. Abgesehen von dieser abwegigen Annahme sei die These von P. Sampley jedoch gut begründet. Es sei wohl tatsächlich ein verbindliches mündliches Abkommen – „societas“ genannt - zwischen der philippischen Gemeinde und Paulus zwecks Erreichen eines gemeinsamen Zieles geschlossen worden. Dieses Abkommen sei für die zukünftigen Beziehungen zwischen beiden Seiten bestimmend. Aus einem Vertragsbruch seitens der Philipper hätte Paulus selbst Konsequenzen gezogen, und zwar ohne ein heidnisches Gericht einzuschalten. Auf diesem vertraglichen Hintergrund sei Phil 1-2 (insbesondere 2,1-2) zu verstehen.


Gemäß J. Kügler 2000, 123-128 diene das Bild vom aufsteigenden Duft des Brandopfers in V. 18 dazu, deutlich zu machen, dass die Solidarität, welche die philippische Gemeinde Paulus erweist, unlösbar verbunden ist mit der Beziehung zu Gott. Die kultische Bildsprache ordne das Handeln der Gemeinde am Apostel ein in ein Kommunikationsgeschehen, welches himmlische und irdische Welt verbindet.


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V. 19


Beobachtungen: Wenn Paulus Gott als „mein Gott“ bezeichnet, so drückt das vermutlich eine enge Verbundenheit aus. Dass damit auch ausgesagt sein sollte, dass Gott nicht zugleich der Gott der Philipper ist, ist insofern unwahrscheinlich, als Paulus im Philipperbrief nicht zwischen seinem Gott und demjenigen der Philipper unterscheidet (vgl. auch 4,20: Gott ist „unser Gott“). Außerdem hat Gott an einer auf Geben und Nehmen basierenden freundschaftlichen Beziehung Anteil: Wie die Philipper dem Apostel in Thessalonich für seinen Bedarf (chreia) gesandt haben und mit der durch Epaphroditus überbrachten Gabe dafür gesorgt haben, dass Paulus nun in der Gefangenschaft die Fülle hat (peplêrômai), so wird Gott jeglichen Bedarf (chreia) der Philipper befriedigen/erfüllen (plêrôsei). Nicht nur das Verhältnis zwischen den Philippern und Paulus sowie zwischen Paulus und Gott ist somit freundschaftlich, sondern auch das Verhältnis zwischen den Philippern und Gott.


Um welchen Bedarf der Philipper es sich handelt, bleibt offen. Es kann sich um materiellen oder geistlichen Bedarf handeln. In ersterem Fall würde Gott alles Lebensnotwendige und/oder Geld liefern, in letzterem Fall würde er das geistliche Leben erfüllen und möglicherweise für das sorgen, was das geistliche Leben ausmacht: Standhaftigkeit im Glauben, Freude, Friede, Eintracht, Demut usw. Auch an geistliche Gnadengaben wie Prophetie, Lehre oder Zungenrede könnte gedacht sein. Schließlich führt geistlicher Reichtum zum (ewigen) Heil, dessen die Philipper am meisten bedürfen. Weil Paulus nicht den materiellen Wert der Gabe der Philipper hervorhebt, sondern den Wert im Hinblick auf das „Heilskonto“, dürfte bezüglich der Erwiderung der Gabe seitens Gottes ebenfalls eher der geistliche als der materielle Aspekt im Vordergrund stehen. Der Blick ist vermutlich wiederum auf das (ewige) Heil gerichtet.


Gott kann aus seinem Reichtum schöpfen und so als großzügiger Geber auftreten. Dabei bleibt offen, wie der Reichtum beschaffen ist. Man kann „in Herrlichkeit“ („en doxê“) im Sinne eines Adjektivs verstehen, das den Reichtum genauer bestimmt. Es würde sich demnach um einen „Reichtum in Herrlichkeit“ handeln, was wohl als „herrlicher Reichtum“ zu verstehen wäre. Der „Reichtum“ wäre eine Angabe der Quantität, die „Herrlichkeit“ die Angabe der Qualität des Reichtums. „In Christus“ schließlich würde die Art der Herrlichkeit genauer bestimmen: sie ist untrennbar mit dem Heils- und Machtbereich Christi verbunden. Hintergrund der Formulierung könnte der Gedanke sein, dass Gott der Vater Christi ist und dass das Heilsgeschehen von Kreuz und Auferstehung Gottes Wille war, der gehorsam von Christus befolgt wurde. Das Heil geht vom gnädigen Gott aus und die Gnade ist ursächlich mit dem Heilsgeschehen von Kreuz und Auferstehung verbunden. Wenn das Heil als der entscheidende Bedarf der Philipper angesehen wird, so kann der Bedarf nur aufgrund des Heilsgeschehens befriedigt werden.

Neben dieser Deutung sind aber auch weitere Deutungen der Wendung „in Herrlichkeit“ möglich: Es könnte an einen Ort, an die Himmel, gedacht sein, in dem die Herrlichkeit zu lokalisieren ist. Auch könnte eine Zeit im Blick sein, und zwar das eschatologische Zeitalter, das von Gottes Herrlichkeit geprägt ist? Und schließlich könnte „in Herrlichkeit“ auch adverbial zu verstehen sein, wonach die Befriedigung des Bedarfs mit der Verherrlichung der Philipper einhergeht?


Es fallen sprachliche und inhaltliche Ähnlichkeiten zwischen Phil 1,9-11 und 4,17-19 auf: In beiden Texten wird das Verb „plêroô“ („füllen/befriedigen“) gebraucht, außerdem das Substantiv „karpos“ („Frucht/Ertrag“). Darüber hinaus ist in beiden Texten von der „doxa“ („Ehre/Herrlichkeit“) die Rede und es wird das Heil ursächlich mit Jesus Christus in Verbindung gebracht.


Weiterführende Literatur: Das Buch G. W. Peterman 1997 stellt eine Studie zu Paulus‘ Antwort auf die Hilfe, die er von der Gemeinde in Philippi zur Zeit seiner Gefangenschaft in Rom erhalten hat, dar. Ergebnis: Der Austausch von Geschenken oder die soziale Gegenseitigkeit mit ihren Erwartungen und Verpflichtungen habe alle Ebenen der antiken Gesellschaft zur Zeit des Apostels durchdrungen. Paulus‘ scheinbar undankbare Antwort (vgl. Phil 4,10-20) sei als Versuch zu verstehen, eine neue, christliche Haltung gegenüber Geschenken und dem Schenken zu schaffen. Weil Paulus die Geldgabe angenommen hat, seien er und die Philipper Partner bei der Verbreitung des Evangeliums geworden. Obwohl Paulus als Empfänger der Nutznießer der Geldgabe sei, komme diese letztendlich den Gebern selbst zugute, und zwar in geistlicher Hinsicht.

Das Fehlen des Verbs „eucharistein“ („danken“) sei laut G. W. Peterman 191, 261-270 noch kein Hinweis darauf, dass 4,10-20 ursprünglich Bestandteil eines eigenen Briefes war. Ein solcher Schluss verkenne nämlich die Konventionen des 1.Jh.s im Hinblick auf Dankbarkeit. Verbaler Dankbarkeit habe man sich in gesellschaftlich vertrauten Kreisen enthalten. Von herausragender Bedeutung sei die Dankbarkeit in Form einer Rückzahlung gewesen. Sofern Dankbarkeit verbal geäußert wurde, sei es als Ausdruck der eigenen Schuld/Verpflichtung geschehen.


Laut P. T. O’Brien 1991, 27-29 sei die verwegene Aussage, dass Gott all den Bedarf der Adressaten befriedigen werde, verschiedentlich so gedeutet worden, dass die Befriedigung erst nach der Wiederkunft Christi erfolge oder dass nur der (materielle) Bedarf befriedigt werde (vgl. 4,10-20), nicht jedoch an die Erfüllung aller Wünsche gedacht sei. P. T. O’Brien dagegen geht davon aus, dass „all euren Bedarf“ in einem umfassenden Sinn zu verstehen sei: Es sei nicht nur an den materiellen bzw. leiblichen Bedarf gedacht, sondern auch an den geistlichen.


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V. 20


Beobachtungen: Die Rede von Gottes Reichtum und Herrlichkeit weckt das Verlangen, Gott zu rühmen. Daher schließt der Abschnitt V. 10-20 mit einem Lobpreis (Doxologie).


Das Verhältnis zwischen Paulus und den Philippern auf der einen und Gott auf der anderen Seite ist nicht nur freundschaftlich, sondern sogar familiär: (Der) Gott ist sowohl der „Vater“ des Apostels als auch der Philipper. Bezüglich der Vaterschaft kommen verschiedene Assoziationen auf: Väterliche Strenge, Zurechtweisung und Züchtigung, väterlicher Schutz und väterliche Fürsorge, außerdem familiäre Geborgenheit und Vertrauen. Weil es sich bei V. 20 um einen Lobpreis handelt, dürfte dem Vers ein positives Vaterbild zugrunde liegen, mit einem Schwerpunkt auf Schutz und Fürsorge, Geborgenheit und Vertrauen. Strenge, Zurechtweisung und Züchtigung dürften in dem Maße als positiv empfunden werden, wie sie zum Erreichen des Ziels, des (ewigen) Heils führen.


Die Ewigkeit besteht aus einer Mehrzahl aufeinander folgender Weltzeiten („aiônes“). Wenn Gott bzw. Jesus Christus in Ewigkeit, also in allen Weltzeiten, Ehre gebührt, dann bedeutet dies, dass es nie eine Zeit gab, in der Gott bzw. Jesus Christus keine Ehre gebührt hätte.


Amên“ ist hebräisch und bedeutet „gewiss“. Es wird also abschließend bekräftigt, dass das zuvor in dem Gotteslob Gesagte gewisslich wahr ist.


Weiterführende Literatur:



Literaturübersicht


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