Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (9-12)

Die Anfänge der Heidenmission

Apg 11,1-3

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 11,1-3

 

 

Übersetzung

 

Apg 11,1-3:1 Es hörten aber die Apostel und die in Judäa lebenden Brüder, dass auch die Heiden das Wort (des) Gottes angenommen hatten. 2 Als nun Petrus nach Jerusalem hinaufkam, machten die aus [der] Beschneidung ihm Vorwürfe 3 und sprachen: "Du bist bei unbeschnittenen Männern eingekehrt und hast mit ihnen zusammen gegessen!“

 

 

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V. 1

 

Beobachtungen: Die Nachricht von den in 10,44-48 geschilderten Ereignissen verbreitete sich in Windeseile bis hin zu den Christen in Judäa (und Jerusalem), von wo aus sich das Christentum ausbreitete. Die Art und Weise der Verbreitung bleibt in V. 1 ebenso offen wie die Frage, wie die "Apostel“ und "die in Judäa lebenden Brüder“ die Nachricht aufgenommen haben.

 

Die "Apostel“ werden von den in Judäa lebenden "Brüdern“ unterschieden. "Brüder“ ist hier nicht im Sinne von leiblichen Brüdern zu verstehen, sondern im Sinne von geistlichen Brüdern, also Glaubensgenossen. "Die in Judäa lebenden Brüder“ sind also in Judäa lebende Christen.

Auch die "Apostel“ sind Christen. Und weil sowohl die in Judäa lebenden "Brüder“ als auch die "Apostel“ als besondere Neuigkeit erfahren haben, dass auch die Heiden das Wort Gottes angenommen haben, können sie selbst nicht Heidenchristen sein. Andernfalls wäre der berichtete Glaubensübertritt von Heiden nichts Besonderes. Folglich müssen sie Judenchristen sein. Hinsichtlich des Glaubens sind also die "Apostel“ und die "in Judäa lebenden Brüder“ nicht voneinander unterschieden. Unterschieden sind sie voneinander nur hinsichtlich des Status' und hinsichtlich des Wohnorts. "Apostel“ sind gegenüber der Masse der "Brüder“, der Christen, herausgehoben. Zwar geht aus V. 1 nicht hervor, wer zum Kreis der "Apostel“ gehörte, doch ist entweder an gläubige Augenzeugen Jesu, an den Kreis der zwölf Jünger, die Jesus begleitet hatten, oder an ein gemeindliches Leitungsgremium zu denken. Mit Blick auf Apg 1,21-26, wo die Bezeichnung "Apostel“ auf den Kreis der Zwölf begrenzt ist, ist ersteres anzunehmen. Die "Apostel“ hielten sich nicht im Land Judäa auf, sondern nur in der Hauptstadt Judäas, Jerusalem (vgl. 8,1.14; 9,27). Dass "Judäa“ hier nur Jerusalem meint, ist eher unwahrscheinlich, wobei jedoch Jerusalem in der geographischen Bezeichnung "Judäa“ eingeschlossen sein kann.

 

Aus der Formulierung "das Wort (des) Gottes annehmen“ geht nicht hervor, ob die Annahme des christlichen Glaubens gemeint ist, die der Taufe vorausgeht, oder der symbolische Akt der Taufe, der den Glaubensübertritt nach außen hin sichtbar macht und rituell vollzieht. Vermutlich hat die Formulierung die Eingliederung in die Gesamtheit der Gläubigen, die Kirche, im Blick, die sowohl den intellektuellen Aspekt der Glaubensannahme als auch den rituellen Akt des Glaubensübertritts umfasst.

 

Weiterführende Literatur: R. Pesch 1981, 105-122 geht von den Thesen F. Mußners in dessen Kommentar von 1974 aus, dass trotz der zahlreichen Unterschiede kein Grund zu der Annahme bestehe, Gal 2,1-10 und Apg 15 würden von zwei verschiedenen Ereignissen berichten, und dass vermutlich das "Aposteldekret“ erst einige Zeit nach dem "Apostelkonzil“ zustande gekommen und von Lukas in den Bericht über dasselbe hineingenommen worden sei. R. Pesch stellt nun die Frage, wie Lukas überhaupt dazu kommt, das "Aposteldekret“ in seinen Bericht über das "Apostelkonzil“ hineinzunehmen. Ergebnis: Lukas habe (aus Antiochenischer Tradition) neben dem Bericht über die dortige Gemeindegründung (Apg 11,19-26) einen Bericht über das Jerusalemer Abkommen (Apg 11,27-30; 12,25; 15,1-4.12b) und das Zustandekommen des Aposteldekrets (Apg 10,1-11,18; 15,5-12a.13-33) gekannt. Da ihm daran gelegen sei, die Heidenmission ganz in die Kontinuität der urchristlichen Gemeinde einzubetten und an Jerusalem zurückzubinden, lasse er sie im Werk des Petrus grundgelegt sein. Weil er die Eröffnung der beschneidungsfreien Heidenmission Petrus zuschreibe, dessen Initiative durch die Jerusalemer gebilligt werde, könne er die Berichte über das Jerusalemer Abkommen und die Lösung des Antiochenischen Konflikts zusammenziehen, wobei er freilich die mit dem Jerusalemer Abkommen zusammenfallende Kollekte der Antiochener ablöse und im (vielleicht ursprünglichen) Anschluss an die Erzählung von der Gründung der Gemeinde kurz erwähne; den knappen Bericht schachtele er um die Überlieferung von der Verfolgung durch Agrippa I.

 

J. H. Elliott 1991, 102-108 legt das, dass der Korneliuserzählung 10,1-11,18 eine Diskussion innerhalb der Jesusbewegung zugrunde liege, ob die Jesusbewegung an das Judentum gebunden bleiben soll und inwieweit jüdische Reinheitsgebote für das Verhalten aller Christen gelten sollen. Die Korneliuserzählung mache deutlich, dass auch Heiden in die Jesusbewegung aufgenommen werden sollten, für die die Reinheitsgebote nicht gelten. Lukas stelle dem Tempel samt seinen Satzungen und (Reinheits-)Geboten das Haus und die Gastfreundschaft gegenüber. In diesem häuslichen Rahmen würden die soziale Abgrenzung und die jüdischen Satzungen und Gebote überwunden und den Heiden das Evangelium, das Reich Gottes und die christliche Gemeinschaft eröffnet. Ähnlich D. J. Scholz 2002, 47-61, der eine Analyse erzählerischer Gesichtspunkte bietet.

 

C. A. Miller 2002, 302-317 geht der Frage nach, ob Petrus gemäß der Korneliuserzählung vor seinem Aufsuchen der Heiden erst von der Befolgung des Gesetzes (= Tora) Abstand nahm, oder ob Petrus einfach den Heiden das Evangelium brachte. In ersterem Fall ginge es in der Vision um die Aufhebung des Gesetzes, in letzerem Fall um die gleichberechtigte Aufnahme der Heiden in das Haus Gottes. Ergebnis: Trotz der Mehrdeutigkeit der Vision sei doch offensichtlich, dass sie nicht auf die Speise bzw. Speisegebote, sondern auf Menschen bezogen werden soll.

 

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V. 2

 

Beobachtungen: Der Text des Codex Bezae Cantabrigiensis bietet eine lange Ergänzung, wonach Petrus zwar nach Jerusalem reisen wollte, er jedoch noch eine längere Zeit in der Umgebung von Cäsarea unter den Christen eine pastorale und lehrende Tätigkeit ausübte, bevor er dann schließlich nach Jerusalem reiste.

 

Der Ort des Geschehens 10,23b-48, Cäsarea, liegt in der Küstenebene (Scharon). -Weil Jerusalem im judäischen Bergland, also höher als Cäsarea, liegt, muss Petrus auf dem Wege von Cäsarea nach Jerusalem hinaufsteigen.

 

Unklar ist, wer "die aus [der] Beschneidung“ sind. Zunächst einmal bezeichnet die Formulierung Christen, deren Vorhaut des Gliedes beschnitten ist, also Judenchristen (vgl. 10,45). Damit würde sie auch die "Apostel“ und die "in Judäa lebenden Brüder“ einschließen. Möglich ist aber auch, dass es sich um eine Gruppe handelt, die − bei möglichen Überschneidungen - von den "Aposteln“ und den "in Judäa lebenden Brüdern“ unterschieden ist. Dann wäre an eine Gruppe Judenchristen zu denken, die besonders strenggläubig ist und darauf beharrt, dass Christen beschnitten und somit Judenchristen sein müssen. Nur diese strenggläubigen Judenchristen hätten dann Petrus Vorwürfe gemacht.

 

Weiterführende Literatur: É. Delebecque 1982, 105-110 befasst sich mit Apg 11 gemäß der Textversion des Codex Bezae Cantabrigiensis. Er warnt davor, dessen Lesart von V. 1 voreilig als unlukanisch abzutun. Hinsichtlich V. 2 erklärt er den langen Text des Codex mit den Unklarheiten des kurzen Textes bezüglich des Grundes für die eilige Abreise des Petrus von Cäsarea und der Tätigkeiten des Petrus auf der immerhin etwa 100 Kilometer weiten Reise nach Jerusalem. Er hält den langen Text des Codex für korrupt und versucht die ursprüngliche Fassung zu rekonstruieren. Die rekonstruierte Textfassung sei aber kaum lukanisch, höchstens entspreche sie dem lukanischen Vokabular und Stil.

 

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V. 3

 

Beobachtungen: Bei den "andres akrobystian echontes“ handelt es sich um "Männer, die Vorhaut haben“, deren Glied also nicht beschnitten ist. Weil die Vorhaut als äußerliches, abgrenzendes Merkmal der Juden galt, dürften mit den "Männern, die Vorhaut haben“ Nichtjuden gemeint sein, und zwar konkret die in 10,45 genannten "Heiden“.

Die undifferenzierte Rede von "unbeschnittenen Männern“ zeigt, dass "die aus [der] Beschneidung“ in den Vorkommnissen die Statuierung eines Exempels mit Folgen für die Zukunft sahen. Sie lehnten nicht nur die Tischgemeinschaft des Petrus mit dem unbeschnittenen Hauptmann Kornelius und den vermutlich ebenfalls unbeschnittenen Angehörigen seines Hauses ab, sondern ganz grundsätzlich die Tischgemeinschaft eines jeden Judenchristen mit einem jeden unbeschnittenen Mann. Aus ihrer Sicht führte die Tischgemeinschaft mit Unbeschnittenen zu Verunreinigung.

 

Dass Petrus bei den "unbeschnittenen Männern“ nicht nur eingekehrt ist, sondern auch mit diesen zusammen gegessen hat, steht in 10,23b-48 nirgends. Eine Tischgemeinschaft kann jedoch aus 10,48 geschlossen werden, wonach Petrus von den "unbeschnittenen Männern“ für einige Tage als Gast in deren Haus eingeladen wurde. Es ist anzunehmen, dass zur Gastfreundschaft auch Tischgemeinschaft gehörte.

 

Weiterführende Literatur: A. Barbi 1996, 277-295 untersucht, auf welchem Weg der Heide Kornelius in die Kirche aufgenommen und vollständig integriert wird. Dabei geht er auf die Person des Kornelius, auf die Überwindung der jüdischen Vorurteile bezüglich rein und unrein, die die Heidenmission ermöglicht, auf die Gleichstellung von Juden- und Heidenchristen sowie auf die Tischgemeinschaft von Juden- und Heidenchristen ein.

 

B. R. Gaventa 1986, 107-129 befasst sich mit 10,1-11,18. Sie bespricht die einzelnen Szenen und legt dar, auf welche Weise die Wiederholungen den dramatischen Effekt steigern. Sie zeigt, dass nicht nur Kornelius, sondern auch Petrus bekehrt werde. Petrus erkenne, dass er nicht das Recht hat zu bestimmen, was Gott rein gemacht hat und was nicht. Die Aufhebung von Speisegeboten und die Aufnahme von Heiden in die Kirche seien untrennbar miteinander verbunden. Die Aufnahme der Heiden geschehe nicht nur formal durch die Taufe, sondern auch durch die Gewährung von Gastfreundschaft in den Häusern.

 

J. J. Bartolomé 1984, 269-288 setzt sich anhand von Lk 15,2; Apg 10,41; 11,3 mit der These auseinander, dass das Wesen des Christentums "synesthiein“ ("zusammen mit … essen“) sei. Ergebnis: Als Wesen des Christentums könne "synesthiein“ zwar nicht bezeichnet werden, doch sei auf zwei zentrale Aspekte des "synesthiein“ (gemäß lukanischem Gebrauch) in Verbindung mit dem christlichen Leben hinzuweisen: a) Vom Gott der Christen gehe der universale Ruf zum Heil aus. b) Das "synesthien“ offenbare den universalen Heilswillen Gottes und sei somit keine rein freiwillige Angelegenheit, sondern der christlichen Gemeinschaft aufgetragen.

 

 

Literaturübersicht

 

Barbi, Augusto; Cornelio (At 10,1-11,18): percorsi per una piene integrazione dei pagani nella chiesa, RicStBib 8/1-2 (1996), 277-295

Bartolomé, Juan J.; Synesthiein en la Obra Lucana: Lc 15,2; Hch 10,41; 11,3, Sal. 46/2 (1984), 269-288

Delebecque, Édouard; La montée de Pierre de Cesarée à Jérusalem selon le Codes Bezae au chapitre 11 des Actes des Apôtres, ETL 58/1 (1982), 105-110

Elliott, John H.; Household Meals vs. Temple Purity: Replication Patterns in Luke-Acts, BTB 21/3 (1991), 102-108

Gaventa, Beverly Roberts; From Darkness to Light: Aspects of Conversion in the New Testament (Overtures to Biblical Theology 20), Philadelphia, Pennsylvania 1986

Miller, Chris A.; Did Peter’s Vision in Acts 10 Pertain to Men or the Menu?, BS 159/3 (2002), 302-317

Pesch, Rudolf; Das Jerusalemer Abkommen und die Lösung des Antiochenischen Konflikts. Ein Versuch über Gal 2, Apg 10,1-11,18, Apg 11,27-30; 12,25 und Apg 15,1-41, in: P.-G. Müller [Hrsg.], Kontinuität und Einheit, FS F. Mußner, Freiburg i. Br. 1981, 105-122

Scholz, Daniel J.; "Rise, Peter, kill and eat.“ Eating Unclean Food and Dining with Unclean People in Acts 10:1-11:18, Proceedings EGL&MWBS 22 (2002), 47-61