Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (13-14)

Die erste Missionsreise des Paulus

Apg 13,1-3

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg13,1-3

 

 

Übersetzung

 

Apg 13,1-3:1 Es waren aber in Antiochia, in der dortigen Gemeinde, Propheten und Lehrer, nämlich Barnabas und Simeon, genannt Niger, Lucius, der Kyrener, Manaën, der gemeinsam mit dem Tetrarchen Herodes aufgewachsen war, und Saulus. 2 Als sie dem Herrn dienten und fasteten, sprach der heilige Geist: "Sondert mir doch (den) Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie berufen habe!“ 3 Daraufhin fasteten und beteten sie, (und) legten ihnen die Hände auf und ließen [sie] ziehen.

 

 

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V. 1

 

Beobachtungen: 13,1-3 leitet einen neuen thematischen Abschnitt ein, nämlich die Missionsreisen des Paulus (= Saulus; 13,1-21,17). Die Missionsreisen des Saulus beginnen mit dessen Aussendung in Antiochia.

 

In der multikulturellen Großstadt Antiochia hatte sich schon früh eine Gemeinde gebildet, die auch aufgrund des Wirkens des Barnabas und Saulus gewachsen war. Die antiochenische Gemeinde hatte Geld für die unter einer Hungersnot leidenden Glaubensbrüder in Judäa gesammelt. Das Geld wurde von Barnabas und Saulus zu den Ältesten nach Jerusalem gebracht (vgl. 11,19-30). Nachdem sie diesen Dienst erfüllt hatten, kehrten sie nach Antiochia zurück, wobei sie Johannes Markus mitnahmen (12,25).

 

Es bleibt in 13,1 offen, welches die Tätigkeiten der Propheten und Lehrer waren. Ebenso bleibt offen, welche der aufgezählten Personen zu den Propheten und welche zu den Lehrern zählten. Nicht ausgeschlossen ist, dass die aufgezählten Personen beide "Ämter“ zugleich ausübten.

 

Saulus war von Barnabas in Tarsus aufgesucht und von dort aus nach Antiochia geholt worden (vgl. 11,25-26). Also war zumindest er nicht von Jerusalem gekommen. Diese Beobachtung spricht dagegen, dass die in 13,1 aufgezählten Propheten zu den Propheten gehörten, die gemäß 11,27 von Jerusalem nach Antiochia gekommen waren. Einer dieser Propheten, Agabus, hatte eine große, den ganzen Erdkreis betreffende Hungersnot angekündigt, die auch tatsächlich eintraf. Dass Agabus dieses zukünftige Ereignis vorhersagen konnte, bedeutet aber nicht unbedingt, dass auch die in 13,1 genannten Propheten hellseherische Fähigkeiten besaßen. Sie können auch "nur“ als "Sprachrohr Gottes“ gedient, also den anderen Gemeindegliedern den Willen Gottes mitgeteilt haben.

Aus 13,1 geht nicht hervor, ob es in Antiochia neben den aufgezählten Personen noch weitere Propheten und Lehrer gab. Aus 11,27-28 lässt sich jedoch entnehmen, dass in Antiochia mindestens ein Prophet gewirkt hat, der nicht in 13,1 genannt wird. Sofern sich Agabus weiterhin in Antiochia aufhielt und nicht weiter gezogen war, gab es in Antiochia zur Zeit des Wirkens der fünf genannten Propheten und Lehrer mindestens einen weiteren Propheten.

 

Dass Barnabas und Saulus mit den in Antiochia tätigen Missionaren, die das gesammelte Geld überbracht hatten, identisch sind, ist anzunehmen, jedoch nicht sicher. Als Unwägbarkeit bleibt, dass Barnabas und Saulus gemäß dem von Nestle-Aland, 27. Aufl. gebotenen Text nach Jerusalem zurückgekehrt sind, nicht aber nach Antiochia. Der Zusammenhang legt zwar eher eine Rückkehr nach Antiochia nahe, jedoch kann eine solche nur angenommen werden, wenn die Präposition "eis“ in 12,25 nicht mit "nach“, sondern mit "in“ übersetzt wird, oder wenn man einer der Varianten folgt, die als Präposition "ex“ oder "apo“ bieten (vgl. Beobachtungen zu 12,25).

 

Simeon, genannt Niger, Manaën und Lucius, der Kyrener, tauchen in der gesamten Bibel nur hier auf. Weil Lucius und Lucianus sowie Lucas/Lukas verschiedene Namen sind, ist kaum anzunehmen, dass der traditionell als Verfasser der Apg angesehene "geliebte Arzt“ Lukas (vgl. Kol 4,14; Phlm 24; 2 Tim 4,11) mit Lucius identisch ist. Ebenso dürfte der Hinweis auf die Herkunft des Lucius nicht so zu verstehen sein, dass der (angebliche) Verfasser der Apg Lucius von sich selbst unterscheiden wollte.

 

Der Beiname "Niger“ ist vom lateinischen "niger“ hergeleitet und bedeutet "schwarz“ oder "dunkel“. Vielleicht stammte Simeon aus Schwarzafrika − möglicherweise aus Nubien (heutiges Süd-Ägypten oder Nord-Sudan) − und hatte daher eine dunkelbraune oder schwarze Hautfarbe. Auf die Haarfarbe wird sich der Beiname nicht bezogen haben, denn schwarze Haare waren im Orient nichts Besonderes.

 

Der Name "Manaën“ könnte von hebräisch "menaḥēm“ hergeleitet sein und "Tröster“ bedeuten.

 

Fraglich ist, ob Lucius aus der Kyrenaika, einer der drei historischen Großprovinzen Libyens, oder aus ihrer Hauptstadt und Namensgeberin Kyrene stammte. 13,1-3 bietet keine zu einer Entscheidung führenden Anhaltspunkte.

 

"Tetrarchie“ (griech. tessares/tettares = vier; archô = führen, anführen, herrschen) ist die Bezeichnung für jedes der vier Nachfolgereiche des Reiches des Königs Herodes (37 - 4 v. Chr.). Ein "Tetrarch“ war also ein Herrscher, der über eines der vier Nachfolgereiche herrschte. Bei dem Tetrarchen Herodes kann es sich nur um Herodes Antipas handeln, der von 4 v. Chr. − 39 n. Chr. über ein aus den Gebieten Galiläa und Peräa bestehendes Nachfolgereich herrschte.

 

Laut V. 1 war Manaën ein "syntrophos“, also "Mitaufgezogener“ des Herodes (Agrippa). Der Begriff kann ganz konkret bedeuten, dass Manaën und Herodes gemeinsam (syn) eine Amme (trophos) hatten, also von der gleichen Brust genährt worden waren. Er kann aber auch allgemeiner in dem Sinne gedeutet werden, dass Manaën und Herodes in einem Haus erzogen und gebildet worden waren. Weil Herodes Antipas ein Sohn des Königs Herodes war, dürfte es sich bei dem Haus um den Königshof des Herodes gehandelt haben. Gleich wie man den Begriff "syntrophos“ deutet, so lässt sich doch auf jeden Fall sagen, dass Manaën und Herodes nicht nur reine Spielkameraden oder Jugendfreunde waren.

 

Weiterführende Literatur: C. K. Economou 1994, 243-276 spürt den Quellen von Apg 13,1-12 und von den anderen Bezügen auf Zyprioten und Zypern nach. Dabei richtet er seinen Blick zunächst auf mögliche schriftliche Aufzeichnungen des Johannes Markus. Diese könnten die wichtigste schriftliche, Apg 13,1-12 zugrunde liegende Quelle sein. Weitere Aussagen von 13,1-12 und vor allem der weiteren Bezüge auf Zypern könnten gemäß C. K. Economou aber auch auf eine zusätzliche mündliche Quelle zurückgehen, wobei er an den aus Zypern stammenden "Jünger der ersten Stunde“ Mnason denkt (vgl. 21,16).

 

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V. 2

 

Beobachtungen: Es wird nicht gesagt, warum der Dienst für den "Herrn“ und das Fasten erfolgten. Ein bestimmter Zweck wir nicht genannt.

Das Dienen (leitourgeô) war kein Dienst für die Gesellschaft oder den Staat, sondern erfolgte für den "Herrn“ − Gott oder Jesus Christus. Wie der Dienst beschaffen war und wo er erfolgte, bleibt offen. Versteht man das gesamte Leben in der Nachfolge Christi als "Dienst für den "Herrn'“, dann kann jede gottgefällige Handlung dieses Christenlebens gemeint sein. Der Ort dieser gottgefälligen Handlung wäre völlig offen. Versteht man jedoch den "Dienst für den "Herrn'“ im engen Sinn des Gottesdienstes, dann wäre an eine liturgische Handlung zu denken, die bei einer Feier eines (sonntäglichen?) Gottesdienstes erfolgte. Der Ort einer solchen Handlung wäre vermutlich ein Privathaus, in dem Gemeindeversammlungen stattfanden und Gottesdienst gefeiert wurde, gewesen.

 

Die Bedeutung des Fastens bleibt offen: Handelt es sich um ein Fasten, mit dem Verfehlungen gesühnt werden sollten? Oder handelte es sich um Enthaltung von Weltlichem, mittels derer die Empfänglichkeit für Worte Gottes, Christi oder des heiligen Geistes erhöht werden sollte?

 

Der heilige Geist erscheint als selbstständig Handelnder, der imstande ist zu sprechen und zu berufen.

Unklar ist, zu wem der heilige Geist sprach: Es wird kein Adressat der Rede des heiligen Geistes genannt. Am ehesten ist daran zu denken, dass er zu den Personen sprach, die dem "Herrn“ dienten und fasteten. Das Personalpronomen "sie“ lässt allerdings offen, wer diese Personen waren. Sind die Propheten und Lehrer als Kollektiv gemeint oder ist die gesamte antiochenische Gemeinde im Blick? Nicht ausgeschlossen ist auch, dass ein bestimmtes, nicht genanntes Gremium gemeint ist, evtl. die "Ältesten“.

Ebenso ist unklar, ob der heilige Geist zufällig während des Dienens für den "Herrn“ und während des Fastens sprach, oder ob der heilige Geist die Zeit, während der dem "Herrn“ gedient und gefastet wurde, als für seine Rede besonders geeignet ansah. Wenn das Fasten tatsächlich die Empfänglichkeit für Worte Gottes, Christi oder des heiligen Geistes erhöhen sollte, dann hätte mit dem Einsetzen der Worte des heiligen Geistes das Fasten seinen Zweck erfüllt.

 

Aus V. 1 ging noch keine besondere Stellung des Barnabas und Saulus hervor; beide erschienen gegenüber den anderen drei Propheten und Lehrern nicht herausgehoben. Die Aussonderung wird erst in V. 2 verlangt und soll auch nur ganz konkret im Hinblick auf das "Werk“ erfolgen, zu dem der heilige Geist Barnabas und Saulus berufen hat.

 

Die Aussonderung ist nicht nur als eine reine Trennung des Barnabas und Saulus von den anderen Propheten und Lehrern zu verstehen: Die Aussonderung sollte nämlich erstens für den heiligen Geist und zweitens für ein bestimmtes Werk (für den heiligen Geist oder den "Herrn“?) erfolgen. Und drittens war der Aussonderung die Berufung durch den heiligen Geist vorausgegangen. Die Trennung dürfte also den Charakter einer Heiligung des Barnabas und Saulus gehabt haben.

 

Weiterführende Literatur: Mit der Beauftragung von Barnabas und Saulus zu ihrem Werk (Apg 13,1-3) befasst sich R. Neuberth 2001, 97-145, wobei er zunächst eine synchrone und danach eine diachrone Analyse bietet.

 

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V. 3

 

Beobachtungen: Es erfolgten drei Schritte, die der eigentlichen Aussendung vorausgingen: zuerst fasteten "sie“, dann beteten "sie“ und dann legten "sie“ Barnabas und Saulus die Hände auf. Möglich ist, dass das Fasten mit Gebet einherging und beides über einen längeren Zeitraum hin andauerte. Im Gegensatz zum Fasten und Beten dürfte das Handauflegen mit Sicherheit eine kurzzeitige Handlung gewesen sein, die der Aussendung unmittelbar vorausging.

Das Personalpronomen "sie“ kann die Propheten und Lehrer, ein bestimmtes, nicht genanntes Gremium oder die gesamte antiochenische Gemeinde meinen.

 

Der Inhalt des Gebetes wird zwar nicht genannt, doch ist zu vermuten, dass sich dieser auf die Auszusendenden bezog. Möglicherweise wurde der "Herr“ − Gott oder Jesus Christus − gebeten, Barnabas und Saulus bei deren Missionsreise(n) beizustehen. Das Gebet kann aber auch als konkrete Vorbereitung der Handauflegung verstanden werden.

Die Funktion der Handauflegung wird nicht erläutert. Die Handauflegung erscheint als eine Abschiedshandlung, mit der etwas übertragen wird. Es ist an die Übertragung von Kraft, Autorität oder göttlichem Segen zu denken.

Versteht man das Gebet als konkrete Vorbereitung der Handauflegung, dann kann man es als Bitte an den "Herrn“ deuten, Barnabas und Saulus die notwendige Kraft und Autorität sowie den Segen zukommen zu lassen. Dieser Bitte würde der Gedanke zugrunde liegen, dass die Propheten und Lehrer Barnabas und Saulus nicht mittels eigener Vollmacht Kraft, Autorität und Segen zukommen lassen, sondern dass Kraft, Autorität und Segen vom "Herrn“ kommen.

Die Aussonderung erfolgte im Hinblick auf ein ganz bestimmtes Werk. Dieses Werk war zeitlich begrenzt und wurde tatsächlich auch einige Zeit später von Barnabas und Saulus erfüllt (vgl. 14,26). Ein besonderes Amt wurde mittels der Handauflegung wohl nicht übertragen. Weder waren die beiden Missionare offizielle Gesandte der Gemeinde noch waren sie "Apostel“ im Sinne eines Ehrentitels. Offizielle Gesandte der Gemeinde waren sie nicht, weil die Berufung seitens des heiligen Geistes längst erfolgt war und "sie“ - die Propheten und Lehrer der Gemeinde oder die Gemeindeglieder - nur die Forderung des heiligen Geistes umsetzten. Außerdem ist von einer materiellen oder finanziellen Ausstattung der beiden Missionare keine Rede. "Apostel“ im Sinne eines Ehrentitels waren sie nicht, weil der Verfasser der Apg nur den Kreis der "Zwölf“ als "Apostel“ ansieht (vgl. 1,25-26).

In 13,1-3 scheint es nicht um die Einsetzung in ein formales Amt zu gehen, sondern um die wohl vorbereitete Aussonderung und Aussendung zu einem zeitlich begrenzten Werk: In der antiochenischen Gemeinde fanden sich zwei Propheten und/oder Lehrer, die der heilige Geist für das Werk berufen konnte. Und in der antiochenischen Gemeinde fanden sich auch spirituell begabte und dem heiligen Geist gehorsame Personen (Propheten und/oder Lehrer?), die die Aussonderung und Aussendung in dem notwendigen spirituellen Rahmen vornehmen konnten.

 

Unklar ist, wie sich der Dienst für den "Herrn“ und das Fasten (V. 2) zu dem Fasten und Gebet (V. 3) verhalten. Eine zunächst nahe liegende Deutung ist, dass das in V. 3 erwähnte Fasten und Gebet mit dem in V. 2 erwähnten Dienst für den "Herrn“ und dem Fasten identisch ist und somit in V. 3 nur deren Intensivierung und/oder Abschluss ausgesagt wird. Diese Deutung setzt jedoch voraus, dass der Dienst für den "Herrn“ mit dem Gebet identisch war oder dieses zumindest enthielt. Dies wäre am ehesten bei der Feier eines Gottesdienstes gegeben. Die Feier des Gottesdienstes und das Fasten wäre bei dieser Deutung nicht konkret im Hinblick auf die Aussonderung samt der Handauflegung erfolgt, denn die Aufforderung zur Aussonderung erfolgte ja erst, als die Feier des Gottesdienstes und das Fasten schon begonnen hatten. Weil nicht zwingend anzunehmen ist, dass der Dienst für den "Herrn“ mit dem Gebet identisch war oder dieses zumindest enthielt, können der Dienst für den "Herrn“ und das Fasten (V. 2) auch von dem Fasten und dem Gebet (V. 3) unterschieden werden. Das in V. 3 erwähnte Fasten und Gebet wäre dann möglicherweise konkret im Hinblick auf Aussonderung samt Handauflegung erfolgt, der Dienst für den "Herrn“ und das Fasten des V. 2 wären dagegen ohne konkreten Bezug als gottgefällige Handlungen im Rahmen der Nachfolge Christi oder als Feier eines gewöhnlichen (Sonntags- ?)Gottesdienstes zu verstehen.

 

Weiterführende Literatur: Zur Bedeutung des Auflegens der Hände in der Bibel siehe T. N. Boyd 1989, 9-10. Zu 13,3: Das Auflegen der Hände auf die Lehrer und Propheten Barnabas und Paulus habe die geistliche Aufmerksamkeit auf die besondere, bevorstehende Aufgabe lenken sollen. Außerdem habe es sich um ein Zeichen der Einheit der Gemeinde mit den beiden auch während deren missionarischen Reise gehandelt.

 

 

Literaturübersicht

 

Boyd, Timothy N.; The Laying on of Hands, 15/3 (1989), 9-10

Economou, Christos K.; A new approach to the problem of the sources of Acts of the Apostles and especially to the passage Acts 13:1-12 and the rest of the references to Cypriots and to Cyprus, GregPal 77 (1994), 243-276

Neuberth, Ralph; Demokratie im Volk Gottes? Untersuchungen zur Apostelgeschichte (SBB 46), Stuttgart 2001