Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Apostelgeschichte (13-14)

Die erste Missionsreise des Paulus

Apg 14,14-18

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

Apg 14,14-18

 

 

Übersetzung

 

Apg 14,14-18:14 Als aber die Apostel Barnabas und Paulus [davon] hörten, zerrissen sie ihre Oberkleider, stürzten sich in die Menge und schrien 15 und sagten: " Männer, warum tut ihr dies? Auch wir sind Menschen, von gleicher Art wie ihr, die [euch] verkündigen, dass ihr euch von diesen Nichtsen bekehren sollt zu [dem] lebendigen Gott, der den Himmel und die Erde und das Meer gemacht hat und alles, was in ihnen ist. 16 Er hat in den vergangenen Geschlechtern alle Völker auf ihren Wegen gehen lassen. 17 Und doch hat er sich nicht unbezeugt gelassen: Er tat Gutes, gab euch vom Himmel Regengüsse und fruchtbare Zeiten und erfüllte eure Herzen mit Speise und Freude.“ 18 Obwohl sie das sagten, brachten sie die Volksmengen nur mit Mühe davon ab, ihnen zu opfern.

 

 

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V. 14

 

Beobachtungen: In Lystra hatte Paulus einen Gelähmten geheilt (vgl. 14,8-10). Daraufhin wurden Barnabas und Paulus von den Einwohnern Lystras für die Götter Zeus und Hermes gehalten und als solche verehrt. Dabei beabsichtigte der Priester des vor den Toren der Stadt gelegenen Zeustempels auch, Opfer darzubringen (vgl. 14,11-13). Angesichts der Tatsache, dass nicht dem Gott Israels, dem Vater Jesu Christi, sondern ihnen selbst als Göttern Verehrung entgegengebracht wurde, mussten Paulus und Barnabas einschreiten und die Einwohner von Lystra zurechtweisen, sobald sie des Geschehens gewahr wurden. Gemäß V. 14 haben die beiden Missionare jedoch nicht selbst das Geschehen mitbekommen, sondern sie hörten über (einen) Dritte(n) davon. Wer dieser Informant oder diese Informanten waren, bleibt offen. Auf jeden Fall schenkten Paulus und Barnabas ihm/ihnen Vertrauen und reagierten sofort auf die Nachrichten.

 

Es erstaunt, dass Paulus und Barnabas als "Apostel“ bezeichnet werden, weil der Verfasser der Apg den Titel "Apostel“ den Mitgliedern des Kreises der Zwölf vorbehält (vgl. 1,26), die Augenzeugen des irdischen Jesus waren und diesen bei seinem Wirken begleitet hatten. Paulus und Barnabas gehörten dem Kreis der Zwölf nicht an, können also nur "Apostel“ im Sinne von "Gesandten“ gewesen sein. Gewöhnlich wurden Gesandte von einer städtischen Gemeinde entsandt. Da Paulus und Barnabas ihre Missionsreise von Antiochia am Orontes aus gestartet hatten, könnten sie als Gesandte der antiochenischen Gemeinde gelten. Tatsächlich war es jedoch nicht die antiochenische Gemeinde, die sie entsandt hatte, sondern der heilige Geist. Der heilige Geist hatte die antiochenische Gemeinde aufgefordert, Paulus (= Saulus) und Barnabas für das Missionswerk auszusondern. So wurden die beiden Gesandten des heiligen Geistes schließlich von der antiochenischen Gemeinde entlassen (vgl. 13,2-4). Möglich ist, dass der Verfasser der Apg einen ihm vorliegenden Bericht der Ereignisse verarbeitet hat. Dabei kann dem vorliegenden Bericht ein anderes Apostelverständnis zugrunde gelegen haben. Weil ein "Apostel“ aber ein gewöhnlicher Gesandter sein konnte, mag der Verfasser der Apg den Begriff ohne Bedenken übernommen haben.

Erstaunlicherweise ist in der westlichen Textvariante, die gewöhnlich Ausschmückungen bietet, nicht von "Aposteln“ die Rede. War den Schreibern dieser Textvariante bewusst, dass gemäß dem Apostelverständnis der Apg dem Paulus und dem Barnabas nicht der Aposteltitel zukam? Oder gibt die Textvariante den ursprünglichen Text wieder, wogegen der von Nestle-Aland, 27. Aufl. gebotene Text eine nachträgliche Anpassung an V. 4 bietet, wo von "Aposteln“ gesprochen wird? Die Bezeugung der Textvariante ist zwar schlecht, doch bietet sie die schwierigere Textform, weil sich statt des Partizips "akousantes“ das Partizip "akousas“ findet, also statt eines Plurals ein Singular. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei dem Subjekt "Barnabas und Paulus“ um einen Plural handelt, muss es sich auch bei dem Partizip um einen Plural handeln. Diese Unstimmigkeit kann der von Nestle-Aland, 27. Aufl. gebotene, besser bezeugte Text berichtigt haben.

 

Das Oberkleid (himation) wurde über dem Unterkleid getragen und bestand wie dieses aus einem großen, viereckigen Wolltuch. Das Oberkleid wurde um den Körper geschlungen und auch drapiert, wobei ein Arm unbedeckt blieb. Es konnte auch mit einer Heftnadel auf einer Schulter befestigt werden.

Das Zerreißen der Oberkleider ist wohl als Zeichen des Entsetzens zu verstehen. Fraglich ist, ob das Zerreißen der Oberkleider von den Volksmengen gesehen werden konnte, weil nicht klar ist, wo es stattfand. Das Verb "ekpêdaô“ kann nämlich "herauseilen“ oder "sich stürzen“ bedeuten. Erstere Bedeutung würde annehmen lassen, dass die beiden Missionare aus einem Haus heraus zu den Volksmengen eilten. Da das Zerreißen der Oberkleider vor dem Herauseilen aus dem Haus stattgefunden hätte, wie die Zeitform Aorist des Partizips ("diarrêxantes“) zeigt, hätten die Volksmengen von diesem wohl nichts mitbekommen. Aber auch wenn man die Übersetzung "sich stürzen“ wählt, ist nicht gesagt, dass die Volksmengen das Zerreißen der Oberkleider gesehen haben, weil nicht angegeben ist, in welcher Entfernung von den Volksmengen die Handlung stattgefunden hat. Sicher ist nur, dass sich die beiden Missionare nur mit den Unterkleidern unter die Volksmengen begeben haben, was diese sicherlich verwundert haben dürfte. Wahrscheinlich sollte das Erscheinen nur in Unterkleidern ebenso wie das Eintauchen in die Volksmengen den Nimbus der Göttlichkeit beseitigen und die Menschlichkeit der Missionare betonen.

 

Weiterführende Literatur: Eine in drei Schritte gegliederte narrative Analyse von Apg 14,7-20a bietet C. Dionne 2005, 5-33: In einem ersten Schritt geht er der Frage nach, welche Stellung der Text im gesamten Erzählzusammenhang einnimmt. In einem zweiten Schtitt befasst er sich mit der Abgrenzung des Abschnitts; und in einem dritten Schritt liest er den Abschnitt synchron (= in der uns heute vorliegenden Textfassung) und nimmt dabei den thematisierten Konflikt in Augenschein.

 

K. Haacker 1988, 9-38 versucht die bemerkenswerte Tatsache zu erklären, dass Lukas nur in Apg 14,4.14 Paulus (zusammen mit Barnabas) als "Apostel“ bezeichnet. Dies sei umso auffälliger, als der zweite Teil des lukanischen Werkes in großer Breite das Wirken und Leiden des Paulus darstelle, so dass genug Gelegenheit gewesen wäre, diesen von Paulus selbst so betont beanspruchten Titel in die Erzählung einfließen zu lassen. Es sei äußerst unwahrscheinlich, dass die Ausnahme in 14,4.14 auf einem Versehen beruht, und wäre es auch nur die versehentliche Übernahme des Sprachgebrauchs einer an dieser Stelle übernommenen Quelle. Vielmehr sei eine erweiterte Bedeutung der Vokabel anzunehmen. "Apostel“ ("apostoloi“) sei bei Lukas a) ein von Jesus selbst eingeführter Beiname der Zwölf (vgl. Lk 6,13 u. ö.), b) die nachösterliche Bezeichnung für den Kreis der vorösterlichen Jünger (vgl. Apg 1,2 u. ö.) und c) eine Bezeichnung für herausragende Charismatiker der Urkirche, deren Dienst durch Verkündigung, Wundertaten und Verfolgung gekennzeichnet ist (Apg 14,4.14). Was es heißt, ein Apostel, ein vollmächtiger Beauftragter Christi zu sein, gehe gemäß K. Haacker 1988, 317-324 aus Apg 14,8-20 hervor.

 

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V. 15

 

Beobachtungen: Die Anrede "andres“ kann mit "Männer“ oder mit "Leute“ übersetzt werden. Gewöhnlich bezeichnet zwar das Substantiv "anêr“ einen Mann und nicht einen Menschen, doch sind die Sprache und das Denken des alten Griechenlands männerzentriert: Ist von gemischtgeschlechtlichen Gruppen die Rede, so kommen die Frauen in der Sprache nicht zum Ausdruck. Weil durchaus wahrscheinlich ist, dass auch Frauen zu den Volksmengen gehörten, die Barnabas und Paulus als Zeus und Hermes verehrten, kann dieser Sachverhalt auch für V. 15 angenommen werden. Sicher ist diese Deutung jedoch nicht, was die Übersetzung "Männer“ deutlich macht.

 

Das Partizip "homoiopatheis“ bedeutet genau genommen "gleich empfindend“. Ebenso sind aber auch die Übersetzungen "ebenso sterblich“ oder "von gleicher Art“ möglich. Da in V. 15 weder die Art der Empfindungen noch die Sterblichkeit im Mittelpunkt steht, sondern nur unterstrichen werden soll, dass sich die beiden Missionare hinsichtlich ihrer Menschlichkeit nicht von den anderen Menschen unterscheiden, ist hier die Übersetzung "von gleicher Art“ am passendsten.

 

Mit den "Nichtsen“ ("mataioi“) sind die heidnischen Götter gemeint, denen im Gegensatz zum lebendigen Gott jegliche Wirkmacht abgesprochen wird. Wären Paulus und Barnabas tatsächlich heidnische Götter, dann wäre der Gelähmte nicht geheilt worden.

 

Bezüglich des "lebendigen Gottes“ fehlt ein Artikel. Sollten Paulus und Barnabas etwa keinen bestimmten lebendigen Gott im Blick gehabt haben? Sollten sie etwa davon ausgegangen sein, dass der von ihnen verehrte lebendige Gott, der Gott Israels, nicht der einzige lebendige Gott war? Dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. Wahrscheinlicher ist, dass "lebendiger Gott“ ("theos zôôn“) als Eigenname zu verstehen ist

 

Die Lebendigkeit des von Paulus und Barnabas gepredigten Gottes zeigt sich zum einen in dem einmaligen Schöpfungshandeln, durch das Himmel, Erde und Meer entstanden sind, dann aber auch in den in V. 17 genannten wiederholten Wohltaten. Im Gegensatz zu den "Nichtsen“ ist der von Paulus und Barnabas gepredigte Gott ein wirkmächtiger Gott.

 

Weiterführende Literatur: Im Rahmen seiner Abhandlung über den theologiegeschichtlichen Ort des lukanischen Doppelwerkes kommt W. Kraus 2005 auf S. 234-237 auch auf die Rede des Paulus vor der Landbevölkerung in Lystra zu sprechen.

 

T. B. Slater 1992, 151-152 merkt an, dass seitens der Ausleger zwar festgestellt worden sei, dass in Apg 14,15 Paulus nicht Jesus als Inhalt des Evangeliums nenne, sondern Gott, und dass der Vers ein Zitat von Ex 20,11LXX enthalte. Es sei jedoch nicht untersucht worden, inwieweit Ex 20,11LXX den Vers Apg 14,15 theologisch geprägt hat. Eine solche Untersuchung führt T. B. Slater durch. Ergebnis: Apg 14,15 zitiere Ex 20,11LXX, um den Lesern der Apg den unveränderlichen Plan Gottes mitzuteilen. Durch das Zitat aus dem Dekalog werde die Übergabe der Tora mit der Heidenmission verbunden. Gott, der die Tora am Berg Sinai übergeben und sich ein Volk (Israel) erwählt hat, hat sich nun ein neues Volk, die Christen, aus den Heiden erwählt. Die Heidenmission werde also als Erfüllung des göttlichen Plans legitimiert.

 

C. Dionne 2005, 101-124 porträtiert die Erzählfigur "Gott“, wie sie in der Rede des Paulus Apg 14,15-17 erscheint. Als drei wesentliche "Charakterzüge“ seien auszumachen: Gott als Schöpfer, als Quelle allen Seins; Gott, der die Menschen im Verlauf der Geschichte hat ihre Wege gehen lassen; der fürsorgliche Gott, der den Menschen alles Lebensnotwendige gibt.

 

H.-J. Klauck 1994, 93-108 befasst sich mit zwei Themen, die zwar miteinander verwandt, aber dennoch voneinander verschieden seien: zum einen mit der Auseinandersetzung zwischen christlichen Predigern und Magiern und deren magischen Praktiken (vgl. Apg 13,4-12), zum anderen mit der Konfrontation der christlichen Prediger mit heidnischem Polytheismus (vgl. 14,8-20). H.-J. Klauck merkt an, dass im Heidentum die Grenzen zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen verschwämmen. So träten Götter in menschlicher Gestalt auf und Menschen würden zu Helden und Göttern. Daher betone Lukas die notwendige Unterscheidung zwischen Gott, dem Schöpfer, und all seinen Geschöpfen. Dies rücke die Wundertaten der Missionare in ein rechtes Licht und stelle Jesus' einzigartige Stellung als einziger Sohn Gottes heraus. Heidnische Religion werde als offen für die christliche Botschaft dargestellt und umgekehrt richte Paulus die christliche Botschaft so weit wie nötig an den jeweiligen kulturellen Begebenheiten aus, um die heidnischen Kulturen mittels der Kraft des Evangeliums umzuformen. Dies sei ein dialektischer Prozess, der seit den Tagen des Paulus andauere.

 

D. P. Béchard 2001, 84-101 vertritt die These, dass 14,8-20 als Verteidigung gegenüber dem Vorwurf abgefasst sei, die Missionare hätten mit ihrer Verkündigung nur bei der geistig beschränkten und leichtgläubigen Landbevölkerung Erfolg gehabt und deren Naivität zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt. Tatsächlich erscheine die Landbevölkerung − entsprechend einem von nach einer schlichteren Lebensart strebenden Dichtern, Philosophen und Politikern gemalten Idealbild - als aufrichtig fromm. Als ebenso aufrichtig erschienen die Missionare Paulus und Barnabas, die über ihre Zuhörer keinesfalls eine manipulative Kontrolle ausübten. Zwar werde die heidnische Landbevölkerung manipuliert, jedoch seien die beiden Missionare nicht die Urheber der Manipulation, sondern deren Opfer.

 

Dass in 14,8-20 auf das Ereignis der Heilung eine kleine Predigt folgt, sei laut K. Haacker 1988, 317-324 nicht ungewöhnlich. Auch in Apg 3 diene die Heilung eines Gelähmten als Sprungbrett für eine Predigt. Das Besondere in Apg 14 sei, dass die kleine Rede stark auf das Wunder bezogen bleibt, nämlich auf ein Missverständnis des Wunders, das bei der heidnischen Bevölkerung in Lystra aufgetreten ist. Es zeige sich, dass das echte, geistgewirkte Charisma gegen ein heidnisches Missverständnis, das die Wunderkraft im Menschen selbst lokalisiert und ihn folgerichtig vergöttert oder wenigstens kultisch verehrt, geschützt werden muss. Die kleine Rede des Paulus in Apg 14,15-17 illustriere zusammen mit der Areopagrede (17,22-31) die Notwendigkeit und die Schwierigkeiten elementarer Verkündigung von Gott in einem Milieu, das die atl. Offenbarung Gottes in Israel noch nicht kennt.

 

Auf die Bedeutung der kontrapunktisch angelegten Schöpfungstheologie der Apg macht anhand der beiden Texte Apg 14,8-18 und 17,16-34 R. Hoppe 2001, 173-186 aufmerksam. Zu den Schöpfungsaussagen in 14,15 und ihrer Funktion: Das Bild Gottes als des Schöpfergottes habe hier die Funktion, den Menschen auf seine Unterschiedenheit vom Göttlichen zu verweisen. Das Interesse an der Schöpfungs- und Auferstehungsaussage sei ein theologisches, aber nicht minder ein anthropologisches. Lukas weise den Menschen als Geschöpf dem Ideal Jesus zu, verdränge aber nicht die aus der Geschöpflichkeit resultierende Unterschiedenheit von Gott und Mensch. Menschliche Differenz zu Gott, so die Lystra-Episode, und menschliche Größe bildeten ein Ganzes. Theologie und Anthropologie kämen kontrapunktisch zu einer Einheit.

 

Angesichts der Tatsache, dass die Christen in der Weltbevölkerung eine Minderheit darstellen, werde laut M. Dumais 1997, 161-190 vermehrt über die Frage nachgedacht, inwiefern es auch außerhalb des Christentums Heil gibt. Diese Frage habe ihre Wurzeln auch im christlichen Glauben. Einerseits gehe dieser nämlich davon aus, dass alle Menschen gerettet werden sollen und dementsprechend auch die reelle Chance haben müssen, in den heilsamen Kontakt mit Gott zu kommen, andererseits sei Jesus Christus in der christlichen Heilsordnung der einzige und universale Mittler. Diese beiden Glaubenswahrheiten würden im NT und speziell auch in der Apg bekräftigt. M. Dumais geht auf Apg 10,34-35; 14,15-17 und 17,22-31 ein. Es zeige sich, dass diejenigen Nichtchristen auf dem Heilsweg sind, die Gottes alles überragende Größe anerkennen und Gerechtigkeit üben (vgl. 10,35). Außerdem machten diejenigen Nichtchristen eine heilsame Gotteserfahrung, die auf den lebendigen Gott vertrauen. Eine solche Bekehrung zum lebendigen Gott setze aber die Aufgabe jeglichen Götzendienstes voraus (vgl. 14,7-20). Auch "besonders religiöse“ Menschen wie die Athener, die den wahren Gott trotz ihrer mangelhaften Kenntnis bereits erfahren, könnten von der bisherigen mangelhaften zur wirklichen Kenntnis gelangen, wenn sie vom Götzendienst ablassen und das Wort Gottes annehmen (vgl. 17,22-31).

 

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V. 16/17

 

Beobachtungen: Wenn sich Gott in den vergangenen Geschlechtern (= Generationen) nicht unbezeugt gelassen hat, dann kann V. 16 nicht im Sinne einer Entschuldigung bisheriger Verehrung heidnischer Götzen und erst recht nicht als Rechtfertigung des Verbleibs bei dem bisherigen heidnischen Glauben gelten. Erstens hätten nämlich aufgrund der wiederholten Wohltaten des lebendigen Gottes auch die Heiden der vergangenen Generationen diesen erkennen können; zweitens bezieht sich V. 16 nur auf die vergangenen Generationen, was darauf schließen lässt, dass mit der Generation des Paulus und Barnabas und der Predigtadressaten der lebendige Gott sein Verhalten geändert hatte: Nun ließ er die Völker nicht mehr auf ihren Wegen gehen. Vermutlich ist dies folgendermaßen zu deuten: Den vergangenen Generationen hatte sich der lebendige Gott nicht auf eine Art und Weise offenbart, dass sie sich geradezu zwangsläufig zu ihm bekehren mussten. Mit der gegenwärtigen Generation hat sich dies entscheidend geändert: Mit dem Wirken, dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi ist den Menschen eine einmalige Offenbarung des lebendigen Gottes, des Vaters Jesu Christi, zuteil geworden − den einen Menschen als Augenzeugen, den anderen indirekt auf dem Wege der Predigt. Nun waren auch die Einwohner Lystras aufgefordert, sich zu dem lebendigen Gott zu bekehren.

Auch wenn Paulus und Barnabas in ihrer Rede an die Volksmengen Jesus Christus nicht erwähnten, so lief sie doch auf diesen hinaus. Angesichts der tiefen Verwurzelung der Einwohner von Lystra im heidnischen Glauben, musste jedoch zunächst die Voraussetzung für die Verkündigung Jesu Christi geschaffen werden: die Abwendung von der Verehrung vieler nichtiger Götter und die Hinwendung zur Verehrung des einen lebendigen Gottes.

 

Das Substantiv "ethnê“ kann sowohl mit "Völker“ als auch mit "Heiden“ übersetzt werden. Aus V. 16 ist keine Unterscheidung zwischen den Juden und den Nichtjuden (= Heiden) ersichtlich. Außerdem handelt es sich bei den Adressaten der Rede um Heiden, die wohl kaum die Israeliten als ein von allen anderen Völkern, den Heiden, unterschiedenes Volk wahrgenommen haben. Eine an den Adressaten orientierte Sprache wird also weder sorgsam zwischen den Israeliten und den Heiden unterschieden noch den negativ besetzten Begriff "Heiden“ benutzt haben. Daher scheint die umfassendere Übersetzung "Völker“ passender zu sein. Dabei dürfte jedoch den Missionaren bewusst gewesen sein, dass der Weg des Volkes Israel seit dem Bundesschluss an seinen Gott, den lebendigen Gott, gebunden war. Einen anderen Weg hat nämlich der lebendige Gott sein Volk nicht gehen lassen.

 

V. 17 nennt die wiederholten Wohltaten des lebendigen Gottes, die auch als wiederholte Schöpfung verstanden werden können, weil beispielsweise in den fruchtbaren Zeiten, den Erntezeiten, immer wieder neu Früchte geschaffen werden. Dabei bildet der Wechsel von Trocken- und Regenzeiten den Hintergrund der Formulierung "fruchtbare Zeiten“. Fruchtbar sind nur die Zeiten, in denen es regnet.

 

Gott füllt die Herzen der Einwohner von Lystra, und zwar mit "Speise“ ("trophê“) und mit "Freude“ ("euphrosynê“). Wenn die Herzen auch mit "Speise“ gefüllt werden, dann kann es sich bei der "Speise“ nicht nur um sättigende Nahrungsmittel handeln. Zwar lässt die vorausgehende Erwähnung der "fruchtbaren Zeiten“ auch an sättigende Nahrungsmittel denken, doch werden diese nicht nur als reine Sattmacher, sondern als Lebensmittel im eigentlichen Sinn angesehen. Das Herz erscheint hier als Zentrum der menschlichen Lebens mit seinen leiblichen und seelischen Aspekten. Wenn das Herz gefüllt wird, so wird das menschliche Wohlbefinden gesteigert, wobei die leiblichen und seelischen Aspekte des Wohlbefindens eng miteinander zusammenhängen. Die "Speise“, die das Wohlbefinden steigert, kann zum einen aus Lebensmitteln bestehen, die nicht nur sättigen, sondern auch ein Genuss sein können und somit Freude verursachen; zum anderen kann "Speise“ auch als Speise für Geist und Seele verstanden werden, wie sie beispielsweise ein ansprechendes Gedicht darstellt.

 

Weiterführende Literatur: C. Breytenbach 1993, 396-413 führt in seinem Beitrag einige Beobachtungen zu Apg 14,11-17 aus, die sich in drei Thesen zusammenfassen lassen: Erstens solle anhand der Terminologie dieser Perikope aufgezeigt werden wie der Autor dieses Textabschnittes und somit derjenige der lukanischen Apg auf Vorstellungen zurückgreift, die aus den Überlieferungstraditionen des griechisch-sprechenden Judentums stammen. Diese Einsicht sei nicht neu, liefere aber die Voraussetzung für den zweiten, weiter gehenden Diskussionspunkt: Der Text Apg 14,11-13.17 lasse einige religiöse Vorstellungen anklingen, die im südlichen Kleinasien während des 1. Jh. n. Chr. verbreitet waren. Daraus lasse sich drittens die These entwickeln, dass der Autor der Apg solche lokalen religiösen Vorstellungen im Lichte der Tradition des griechisch-sprechenden Judentums einbezieht. Zur Hellenisierung der Religion der lokalen Bevölkerung der abgelegenen Teile nördlich des Tauros-Gebirges siehe auch C. Breytenbach 1996, 31-34. So seien in dem isaurisch-lykaonischen Gebiet die luwischen Götter Tarchu(nt) und Ru(nt) bis in die hellenistische Zeit als Zeus und − als dessen Helfer − Hermes verehrt worden. Mit den Traditionen in der Predigt des Paulus 14,15-17 befasst sich C. Breytenbach 1996, 53-75, der dabei auch einen Exkurs zu Zeus als Vegetationsgott bietet.

 

C. Barnes 1997, 366-367 weist darauf hin, dass die Art der Auslegung (insbesondere von Ps 65), derer sich Paulus in seiner Zurechtweisung Apg 14,15-17 bediene, derjenigen des Johanan ben Zakkai entspreche, wie sie sich in Deuteronomium Rabbah 7,7 finde. Paulus sei wahrscheinlich mit den Worten des Johanan ben Zakkai vertraut gewesen oder es sei beiden von einem gemeinsamen Lehrer gelehrt worden, auf bestimmte Situationen in einer ganz bestimmten Art und Weise zu reagieren. Da uns von beiden überliefert sei, dass sie Schüler des Gamaliel waren, sei diese Erkenntnis keine Überraschung.

 

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V. 18

 

Beobachtungen: Dass die beiden Missionare Mühe hatten, mit ihren aufklärenden Worten die Einwohner von Lystra davon abzuhalten, sie als die Götter Zeus und Hermes zu verehren und ihnen zu opfern, zeigt die tiefe Verwurzelung der Einwohner von Lystra in ihrem heidnischen Glauben.

 

Weiterführende Literatur:

 

 

Literaturübersicht

 

Barnes, Colin; Paul and Johanan ben Zakai, ET 108/12 (1997), 366-367

Béchard, Dean P.; Paul Among the Rustics: The Lystran Episode (Acts 14:8-20) and Lucan Apologetic, CBQ 63/1 (2001), 84-101

Breytenbach, Cilliers; Zeus und der lebendige Gott: Anmerkungen zu Apostelgeschichte 14:11-17, NTS 39/3 (1993), 396-413

Breytenbach, Cilliers; Paulus und Barnabas in der Provinz Galatien: Studien zu Apostelgeschichte 13f.; 16,6; 18,23 und den Adressaten des Galaterbriefes (AGAJU 38), Leiden 1996

Dionne, Christian; L’épisode de Lystre (Ac 14,7-20a): une analyse narrative, ScEs 57/1 (2005), 5-33

Dionne, Christian; La figure narrative de Dieu dans le discours à Lystre (Ac 14,15-17), ScEs 57/2 (2005), 101-124

Dumais, Marcel; Le salut en dehors de la foi en Jésus-Christ? Observations sur trois passages des Actes des Apôtres, EgT 28/2 (1997), 161-190

Haacker, Klaus; Vollmacht und Ohnmacht − Charisma und Kerygma. Bibelarbeit über Apg 14,8-20, TBe 19/6 (1988), 317-324

Haacker, Klaus; Verwendung und Vermeidung des Apostelbegriffs im lukanischen Werk, NT 30/1 (1988), 9-38

Hoppe, Rudolf; Schöpfungstheologie und Anthropologie. Überlegungen zu Apg 14,8-18 und 17,16-34, in: J. Frühwald-König u. a. [Hrsg.], "Steht nicht geschrieben?“: Studien zur Bibel und ihrer Wirkungsgeschichte, FS G. Schmuttermayr, Regensburg 2001, 173- 186

Klauck, Hans-Josef; With Paul in Paphos and Lystra. Magic and paganism in the Acts of the Apostle, Neotest 28/1 (1994), 93-108

Klauck, Hans-Josef; Magie und Heidentum in der Apostelgeschichte des Lukas (SBS 167), Stuttgart 1996

Kraus, Wolfgang; Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: C. Barnbrock u. a. [Hrsg.], Gottes Wort in der Zeit: verstehen − verkündigen - verbreiten, FS V. Stolle, Münster 2005, 227-244

Slater, Thomas B.; The Possible Influence of LXX Exodus 20:11 on Acts 14:15, AUSS 30/2 (1992), 151-152