Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Erster Thessalonicherbrief

Der erste Brief des Paulus an die Thessalonicher

1 Thess 2,17-20

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Thess 2,17-20

 

 

Übersetzung

 

1 Thess 2,17-20:17 Wir aber, Geschwister, für eine kurze Zeit von euch verwaist - dem Angesicht nach, nicht dem Herzen -, haben uns um so mehr bemüht, euer Angesicht zu sehen, mit großem Verlangen. 18 Denn wir wollten zu euch kommen, ich, Paulus, einmal und noch einmal; doch der Satan hat uns gehindert. 19 Denn wer ist unsere Hoffnung, unsere Freude oder unser Ruhmeskranz - oder seid nicht auch ihr es? - vor unserem Herrn Jesus bei seiner Wiederkunft? 20 Ihr seid ja unsere Ehre und Freude.

 

 

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V. 17

 

Beobachtungen: V. 17 schließt nur schlecht an V. 16 an, wo noch auf die Juden gewettert wird. Der Gedankensprung lässt sich mit den negativen Emotionen gegenüber den Juden erklären, denen mit einem kurzen Exkurs Ausdruck verliehen wurde. Nun wenden sich Paulus, Silvanus und Timotheus wieder direkt an die Thessalonicher. Sie machen deutlich, dass sie kurze Zeit nach der Abreise aus Korinth zwar räumlich von den Adressaten getrennt waren, nicht jedoch mit dem Herzen. Deshalb haben sie auch das Verlangen gehabt, diese wiederzusehen. Aber warum erwähnen die Missionare dies? Ist ihnen vorgeworfen worden, sie hätten die neu gegründete Gemeinde in der ihr gegenüber feindselig eingestellten Umwelt im Stich gelassen? Dass die Trennung nicht freiwillig erfolgt ist, lässt das Passiv (aporphanisthentes = verwaist worden seiend) annehmen. Durch sie sind die Missionare zu "Waisen“ geworden.

Bei den "Waisen“ ist wohl nicht an Kinder zu denken, die ihre Eltern verloren haben, sondern an Eltern, die ihre Kinder verloren haben.

 

Die Zeitdauer der Trennung bis zum ersten Bemühen, die Christen Thessalonichs wiederzusehen, bleibt offen. Die Formulierung "kairon hôras“ ("bestimmte Zeit“) besagt zunächst einmal nur, dass es sich um eine bestimmte, begrenzte Zeitdauer handelte. Vermutlich ist jedoch gemeint, dass sie kurz war. Aber wieso war bei der kurzen Trennungsdauer die Sehnsucht so groß, die Thessalonicher wiederzusehen? Soll damit die Stärke der Sehnsucht herausgehoben werden oder soll der Verdächtigung entgegengewirkt werden, die Missionare hätten erst spät daran gedacht, den Thessalonichern einen Besuch abzustatten?

 

"Geschwister“ meint hier nicht leibliche Geschwister, sondern Glaubensgeschwister, nämlich Christinnen und Christen. Bei dem Substantiv "adelphoi“ handelt es sich zwar um eine maskuline Form, die zunächst mit "Brüder“ zu übersetzen ist, jedoch sind hier vermutlich auch die "Schwestern“ eingeschlossen. Dass diese unkenntlich bleiben, liegt an der männerzentrierten Sprache, die gemischtgeschlechtliche Gruppen als reine Männergruppen erscheinen lässt.

 

Weiterführende Literatur: Zur Beziehung von 2,17-20 zu 3,1-5 siehe H.-H. Schade 1984, 130: Wegen der Bedeutung des Heilsstandes der Gemeinde und angesichts der Tatsache, dass dieser durch das (endzeitliche) Wirken Satans bedroht ist, werde Timotheus geschickt zur Stärkung der Gemeinde im Kampf gegen den Versucher.

 

Paulus und seine Kollegen verließen Thessalonich, bevor die Unterweisung und der Aufbau der Gemeinde abgeschlossen waren. Zur Bedeutung des Ersten Thessalonicherbriefes als Ersatz des Vis-à-vis-Gespräches siehe R. Börschel 2001, 196-200. Kurz zur Notwendigkeit intensiver Zuwendung beim Abkühlen der ersten Begeisterung seitens der Konvertiten äußert sich R. Riesner 1994, 329.

 

An 1 Thess 1-3 lasse sich gemäß J. Bickmann 1998 zeigen, dass Leid- und Todeserfahrungen der frühesten Christusgläubigen nicht dadurch ihre identitätsgefährdende Kraft verloren haben, dass diese Menschen sich zu Jesus als dem Christus bekannten. Zugleich lasse sich aber an 1 Thess herausstellen, wie einer solchermaßen in die Krise geratenen Gemeinde durch ihren Gründer und Lehrer im Brief ein Weg gebahnt wird, angesichts des Glaubens an die Auferstehung Jesu und der Christusgläubigen Sterben und Tod nicht zu bagatellisieren, sondern in der Auseinandersetzung mit diesen Erfahrungen und im Widerstand gegen sie Trost zu erfahren. Wie in 1 Thess diese Auseinandersetzung durch Lektüre geschieht, solle in den Analysen vor allem zu 1 Thess 1-3 gezeigt werden. Auf S. 215-265 befasst sich J. Bickmann mit der Konstruktion des Todes (2,17-3,10) und mit der Aufhebung der Trennung und Vollendung der Gemeinschaft (3,11-13).

 

Laut C. Gerber 2005, 314-324.338-343 gäben die Missionare ihre Lebenskraft für ihre Kinder kompensationslos wie eine Mutter, die ohne Entgelt ihre Kinder nähre und pflege, freiwillig, aus Liebe, unter Verzicht auf Rechte (vgl. 2,7-8). Die Christen könnten sich auf den Missionar verlassen wie auf einen Vater, der integer und vorbildlich das Wissen um Gottes Willen vermittle und das richtige Handeln anmahne (vgl. 2,10-12). So sollten sie die Missionare auch bei der Lektüre des Briefes vor sich sehen, trotz der erzwungenen Trennung, der räumlichen Distanz, die das Band zwischen Eltern und Kindern nie in Frage stellen könnte.

 

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V. 18

 

Beobachtungen: Der Brief geht in diesem Vers vom "wir“ zum "ich“ des Paulus über, was darauf hinweist, dass Paulus der Hauptverfasser des Briefes ist, andererseits berücksichtigt, dass Timotheus die Thessalonicher ja zwischenzeitlich als Gesandter besucht hat (vgl. 1 Thess 3,1-6) Das Bemühen, die Thessalonicher wiederzusehen, bezieht Paulus vor allem auf sich. Paulus hat wiederholt - wörtlich genommen zweimal - versucht, die Thessalonicher zu besuchen, doch immer ist etwas dazwischengekommen. Für die Verhinderung der Versuche macht Paulus den Satan verantwortlich, der als Widersacher erscheint, der die Mission und das innerkirchliche Miteinander verhindern will.

 

Weiterführende Literatur: C. U. Manus 1983, 76-87 befasst sich mit der Frage, welche Bedeutung der häufige Gebrauch des Plurals im Ersten Thessalonicherbrief hat und fokussiert dabei 2,17-20. Er kommt zu dem Ergebnis, dass der partnerschaftliche Dienst bei Paulus eine herausragende Rolle spiele und der Gedanke der Zusammenarbeit und Gemeinschaft auch die Mission in Afrika prägen solle. Zu den Gründen für die Benutzung der Ich-Form in 2,18; 3,5; 5,27 siehe R. F. Collins 1984, 178-180. Zu 2,18: Paulus spreche vom Blickwinkel der eigenen Verwicklung in die Situation aus.

 

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V. 19

 

Beobachtungen: Paulus, Silvanus und Timotheus stellen die Frage, wer denn bei der Wiederkunft Jesu Christi ihre Hoffnung, ihre Freude (chara) oder ihr Ruhmeskranz (stephanos kauchêseôs) sei. Gemeint ist wohl, wer bei der Wiederkunft die Hoffnung, Freude oder den Ruhmeskranz begründet. Dabei handelt es sich um eine rhetorische Frage, wie die zweite, eingeschobene Frage, die ebenfalls rhetorisch ist, zeigt. Die Antwort lautet: unter anderem die Gemeinde in Thessalonich - "unter anderem“ deshalb, weil auch andere vorbildliche Gemeinden eingeschlossen sind.

 

Die Begriffe "Freude“ und "Hoffnung“ werden nicht weiter konkretisiert. Ist die Freude über den missionarischen Erfolg und das untadelige Stehen vor dem "Herrn“ gemeint? Und ist es die Hoffnung auf die Rettung vor dem Zorn? Der Kranz ist das Sieges- und Ehrenzeichen, der durch den Genitiv noch eigens als Zeichen des Ruhmes qualifiziert wird. Können sich Paulus, Silvanus und Timotheus am Ende der Tage also ihrer Missionserfolge rühmen?

 

Weiterführende Literatur: W. Radl 1980, 70 untersucht, inwiefern in V. 19-20 Paulinisches und Traditionelles enthalten ist. Von der Möglichkeit her, dass der erste Teil von V. 19 (wie auch V. 20) paulinisch geprägt und der dritte Teil traditionell geprägt ist, werde verständlich, warum Paulus so unorganisch "(wer) anders als gerade ihr“ einschiebt.

 

Zur Herkunft des Gedankens der Auszeichnung mit Ruhm oder einem Ruhmeskranz siehe knapp N. Wendebourg 2003, 181-182. Er beziehe seine Bilder z. T. aus dem Bereich sportlicher Wettkämpfe. Der Erwerb von Ruhm habe zu einem der höchsten Ziele der antiken römisch-hellenistischen Gesellschaft gehört.

 

W. Riggans 1995, 14-16 gibt einen Überblick über Bedeutung und Gebrauch der Begriffe "Tag des Herrn“, "Maranatha“, "Epiphanie“, "Apokalypse“ und "Parusie“, wobei sich zu letzterem auch eine Auflistung der Referenzstellen in den paulinischen Briefen und in anderen neutestamentlichen Schriften findet. "Parusie“ bedeute "Gegenwart/Ankunft“ (lat.: "adventus“) und sei nicht nur für die Wiederkunft Christi, sondern auch für die Ankunft von Herrschern oder militärischen Befehlshabern gebraucht worden.

 

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V. 20

 

Beobachtungen: Die Absender des Briefes bekräftigen die bereits implizit in der ersten rhetorischen Frage, die eng mit der zweiten verbunden ist, enthaltene Antwort.

 

Weiterführende Literatur:

 

 

Literaturübersicht

 

Bickmann, Jutta; Kommunikation gegen den Tod. Studien zur paulinischen Briefpragmatik am Beispiel des Ersten Thessalonicherbriefes (fzb 86), Würzburg 1998

Börschel, Regina; Die Konstruktion einer christlichen Identität: Paulus und die Gemeinde von Thessalonich in ihrer hellenistisch-römischen Umwelt (BBB 128), Berlin − Wien 2001

Collins, Raymond F.; Paul as Seen through his Own Eyes. A Reflection on the First Letter to the Thessalonians, in: R. F. Collins [ed.], Studies on the First Letter to the Thessalonians (BETL 66), Leuven 1984, 175-208 ( = LS 8/4 [1980/81], 348-381)

Gerber, Christine; Paulus und seine “Kinder”. Studien zur Beziehungsmetaphorik der paulinischen Briefe (BZNW 136), Berlin − New York 2005

Manus, Chris Ukachukwu; 1 Thessalonians 2:17-20, A Reflection on Paul’s Use of the Plural Number and its Significance for Ministry in the African Churches, Africa Theological Journal 12 (1983), 76-87

Radl, Walter; Ankunft des Herrn. Zur Bedeutung und Funktion der Parusieaussagen bei Paulus (BET 15), Frankfurt a. M. u. a. 1980

Riesner, Rainer; Die Frühzeit des Apostels Paulus: Studien zur Chronologie, Missionsstrategie und Theologie (WUNT 71), Tübingen 1994

Riggans, Walter; The Parousia: Getting our Terms Right, Themelios 21/1 (1995), 14-16

Schade, Hans-Heinrich; Apokalyptische Theologie bei Paulus. Studien zum Zusammenhang von Christologie und Eschatologie in den Paulusbriefen (GTA 18), Göttingen, 2., überarb. Aufl. 1984

Wendebourg, Nicola; Der Tag des Herrn: Zur Gerichtserwartung im Neuen Testament auf ihrem alttestamentlichen und frühjüdischen Hintergrund (WMANT 96), Neukirchen- Vluyn 2003