Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Erster Thessalonicherbrief

Der erste Brief des Paulus an die Thessalonicher

1 Thess 3,1-13

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Thess 3,1-13

 

 

Übersetzung

 

1 Thess 3,1-13:1 Darum ertrugen wir’s nicht länger und beschlossen, in Athen allein zurückzubleiben, 2 und sandten Timotheus, unsern Bruder und (des) Gottes Mitarbeiter am Evangelium (des) Christi, euch zu stärken und zu ermahnen in eurem Glauben, 3 damit nicht jemand wankend würde in diesen Bedrängnissen. Denn ihr wisst selbst, dass uns das bestimmt ist. 4 (Denn) Schon als wir bei euch waren, sagten wir’s euch voraus, dass wir Drangsal leiden müssen, wie es auch geschehen ist und wie ihr wisst. 5 Darum habe ich’s auch nicht länger ertragen und habe [ihn] gesandt, um zu erfahren, wie es mit eurem Glauben steht, ob der Versucher euch etwa versucht hätte und unsre Arbeit vergeblich würde. 6 Nun aber ist Timotheus von euch [wieder] zu uns gekommen und hat uns gute Nachricht gebracht von eurem Glauben und von eurer Liebe und dass ihr uns allezeit in gutem Andenken habt und euch danach sehnt, uns zu sehen, wie auch wir uns nach euch [sehnen]. 7 Dadurch sind wir, Geschwister, euretwegen getröstet worden in all unsrer Not und Bedrängnis durch euren Glauben, 8 denn nun leben wir, wenn ihr fest steht im Herrn. 9 Was für einen Dank also können wir (dem) Gott um euretwillen abstatten für all die Freude, mit der wir uns euretwegen vor unserem Gott freuen, 10 die wir Tag und Nacht über alle Maßen darum bitten, euch von Angesicht zu sehen und den Mängeln eures Glaubens abzuhelfen? 11 Er selbst aber, unser Gott und Vater und unser Herr Jesus, lenke unsern Weg zu euch hin. 12 Euch aber mache der Herr reich und überreich an (der) Liebe zueinander und zu allen, wie auch wir [sie] zu euch [haben], 13 um eure Herzen zu stärken, dass sie untadelig seien in Heiligkeit vor unserem Gott und Vater bei der Wiederkunft unseres Herrn Jesus mit allen seinen Heiligen. Amen.

 

 

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V. 1

 

Beobachtungen: Der Satzanschluss "darum“ bezieht sich wohl auf die vorhergehende Aussage der Absender, dass die Thessalonicher Gemeinde "Ehre und Freude“ der Absender seien. Paulus, Silvanus und Timotheus ertrugen es nicht länger, von der vorbildlichen Gemeinde getrennt zu sein. Bei der Formulierung "daher ertrugen wir’s nicht länger“ schwingt neben der Freude über das vorbildliche Verhalten der Thessalonicher Christen aber auch die Sorge mit, sie könnten sich angesichts der Anfeindungen seitens der nichtchristlichen Umwelt vom rechten Weg abbringen lassen. Von Sehnsucht und Sorge bewegt, beschlossen sie, wenn sie schon nicht zu dritt nach Thessalonich reisen konnten, wenigstens Timotheus dorthin zu senden.

Aus der Nennung des Ortes Athen als Ort der Entsendung lässt sich schließen, dass der Erste Thessalonicherbrief frühestens bei dem Aufenthalt der drei Missionare in Athen verfasst worden sein kann. Anzunehmen ist, dass sie inzwischen zur nächsten Station, nach Korinth, weitergereist sind, denn sonst wäre die ausdrückliche Nennung der Stadt Athen nicht erforderlich. Vermutlich blieb Paulus gemeinsam mit Silvanus in Athen zurück, wie der Plural monoi ("allein“) nahe legt. Auch wenn Paulus manchmal den Plural "wir“ benutzt, wenn er nur von sich selbst spricht, so wäre doch im Ersten Thessalonicherbrief entweder der Einschub "ich, Paulus“ (vgl. 2,18) oder ein Hinweis auf eine Trennung von Silvanus zu erwarten. Die Angabe, dass Paulus, Silvanus und Timotheus in Athen zunächst noch zusammen waren, widerspricht dem Bericht der Apostelgeschichte. Dort heißt es nämlich in 17,14 und 18,5, dass Silas (= Silvanus) und Timotheus in Beröa zurückblieben und Paulus alleine nach Korinth weiterreiste. Erst in Korinth, der Station nach Athen, kamen die drei demnach wieder zusammen. Historisch korrekt dürfte wohl die Schilderung des Ersten Thessalonicherbriefes sein.

 

Weiterführende Literatur: Zur Frage, ob Timotheus in Athen war, setzt sich K. P. Donfried 1991, 189-196 auseinander. Dabei legt er zunächst das Problem dar und geht anschließend auf die Frage ein, ob der Plural "monoi“ ("allein“) in Verbindung mit dem Verb "sandten“ als wirklicher oder als redaktioneller Plural zu verstehen ist, wobei er sich für die Deutung als redaktioneller Plural ausspricht und somit davon ausgeht, dass Paulus allein (ohne Timotheus und Silvanus) in Athen zurückgeblieben ist. Da die Entsendung des Timotheus nicht in Athen erfolgt sein müsse, sondern Timotheus auch von Beröa aus nach Thessalonich zurückgesandt worden sein könne − eine Entsendung aus der Ferne durch den schon nach Athen weitergereisten Timotheus sei durchaus möglich -, sei anzunehmen, dass Timotheus nicht in Athen gewesen ist. Die These von R. Pesch 1984, dass in 1 Thess 3,1-5 und 3,6-10 zwei Abschnitte unterschiedlicher Paulusbriefe vorliegen, lehnt K. P. Donfried ab. R. Pesch 1984 geht davon aus, dass der vorliegende Erste Thessalonicherbrief aus ursprünglich zwei verschiedenen Briefen zusammengesetzt sei, und zwar aus einem früheren, in Athen geschriebenen Brief, der 2,1-3,5.11-13; 4,1-8 umfasse, und aus einem späteren, in Korinth verfassten Brief, zu dem 1,1-10; 3,6-10; 4,9-5,28 gehörten.

 

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V. 2

 

Beobachtungen: Dass die Entsendung des Timotheus auch von Sorge veranlasst war, beweist V. 2. Aufgabe des Timotheus war es demnach nicht nur, die Gemeinde in Thessalonich in ihrem Glauben zu stärken, sondern sie auch zu ermahnen, nicht vom rechten Weg abzukommen. Timotheus wird als "Bruder“ und "Gottes Mitarbeiter“ bezeichnet, wobei sich in einer Textvariante stattdessen "Gottes Diener“ findet. Vielleicht haben schon die frühen Christen die Formulierung "Gottes Mitarbeiter“ als zu gewagt empfunden, da sie keine Unterordnung beinhaltet. Allerdings macht sie deutlich, dass die Verbreitung des Evangeliums eine Arbeit ist, die Gott nicht alleine bewerkstelligt, sondern bei der ihm Menschen helfen.

 

"Bruder“ meint hier wohl nicht den leiblichen Bruder, sondern den geistlichen, den Bruder im Glauben. Timotheus glaubt wie Paulus an Jesus Christus.

 

Weiterführende Literatur: M. M. Mitchell 1992, 641-662 setzt sich kritisch mit der These auseinander, dass Paulus drei Möglichkeiten gekannt habe, die Gemeinden seine "Parusie“ spüren zu lassen, wobei die Reihenfolge der Wertschätzung entspreche: Erstens die persönliche Anwesenheit, zweitens die Entsendung eines Boten in seinem Namen, drittens den Brief. M. M. Mitchell vertritt die Ansicht, dass Paulus durchaus die Aufrechterhaltung des Kontaktes mittels Boten nicht minder als die eigene Anwesenheit wertschätzte, sofern der Bote wie Timotheus Paulus repräsentierte. Im Hinblick auf die Antwort des Paulus auf die Botschaft des Timotheus sei festzustellen, dass sie die Form hellenistischer diplomatischer Antwortschreiben auf Botenmitteilungen widerspiegelt. R. Börschel 2001, 200-203 geht auf die Bedeutung der Entsendung des Timotheus für die Kommunikation zwischen der Gemeinde in Thessalonich und den Missionaren ein. Sie vertritt die These, dass sich seine Autorität gegenüber der Gemeinde nicht auf eine Bevollmächtigung durch Paulus, sondern auf seinen Einsatz als Gottes Mitarbeiter für das Evangelium stütze. Folglich repräsentiere er nicht Paulus (und dessen Autorität) vor der Gemeinde. Damit könne das klassische Boten-Modell (Timotheus als Bote Paulus’) auf Timotheus keine Anwendung finden. Timotheus besitze als Mitbegründer der Gemeinde und Mitvermittler der "Sinnwelt“ eine eigene, von Paulus relativ unabhängige Autorität gegenüber der Gemeinde, auch wenn Paulus als Gesprächspartner für die Gemeinde signifikanter sei als Timotheus. Timotheus komme als Boten die Funktion zu, im Gespräch mit der Gemeinde deren Wirklichkeit angesichts der Bedrängnisse zu sichern.

Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Datierung des Galaterbriefes stellt A. Wainwright 1980, 66-70 die These auf, dass nur deshalb Timotheus statt Silvanus nach Thessalonich geschickt worden sei, weil der ältere und erfahrenere Silvanus, eine der Führungspersönlichkeiten der Jerusalemer Kirche, in Galatien eine Mission durchzuführen hatte, die vielleicht nur er durchführen konnte.

 

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V. 3

 

Beobachtungen: Aus Anfeindungen resultierende Bedrängnisse der Gemeinde in Thessalonich sind der Grund für die Sorge der drei Missionare. Diese Bedrängnisse werden als Bestimmung der Christen dargestellt, wobei anzunehmen ist, dass Paulus und seine Begleiter von einem göttlichen Plan ausgehen. Die Annahme eines göttlichen Plans dürfte auf eigenen Erfahrungen des Leids (vgl. 2,2) basieren.

 

Weiterführende Literatur: E. Bammel 1981, 91-100 geht der Frage nach, warum Paulus das Verb "wanken“ benutzt, obwohl er doch die Glaubensfestigkeit der Gemeinde in Thessalonich rühmt. Er nimmt an, dass Paulus nicht auf Glaubensdefizite angesichts der gegenwärtigen Anfeindungen anspiele, sondern auf die Bedrohung durch bevorstehende endzeitliche Ereignisse. N. Baumert 1991, 3-20 schlägt angesichts der semantischen Probleme dagegen eine andere Übersetzung vor, die wörtlich "…euer Vertrauen auf das Nicht-jemand-verwirrt-Werden in diesen Bedrängnissen.“ und sinngemäß "[…Tröstung/Zuspruch zu bringen für] euer Vertrauen darauf, dass niemand (von uns) verwirrt wird in diesen (hier bei mir befindlichen) Bedrängnissen.“ lautet. Das Substantiv pistis bezeichne hier nicht den Glauben, sondern die Vertrauensbeziehung zu Gott, das Verb sainesthai bedeute hier nicht "wanken“, sondern "verwirrt werden“, und mit "in diesen Bedrängnissen“ seien nicht die Bedrängnisse der Thessalonicher, sondern diejenigen gemeint, denen sich der Apostel Paulus ausgesetzt sieht. Als Beweis für die von ihm vorgeschlagene Bedeutung der Begriffe und die daraus folgernde Übersetzung und Interpretation zieht N. Baumert 1992, 45-60 ausgiebig (meist nichtchristliches) Belegmaterial heran und übersetzt anschließend 1 Thess 3,1-8, womit die eigene Übersetzung und Deutung von V. 3 im Zusammenhang erscheint.

 

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V. 4

 

Beobachtungen: Wer mit dem "wir“ gemeint ist, ist aus jedem Vers neu zu erschließen: In V. 1 sind wohl nur Paulus und Silvanus gemeint, in V. 2 auch, wobei dort schon die Christen Thessalonichs mit eingeschlossen sein könnten, da Timotheus ja auch deren "Bruder“ ist. In V. 3 sind schließlich alle Christen gemeint, wogegen in V. 4 zwar die Drangsal auf alle Christen bezogen ist, deren Vorhersage aber nur von den drei Missionaren oder gar nur Paulus erfolgt ist. Bezüglich der Leidensvorhersage klingt eine Rechtfertigung angesichts eines tatsächlich geäußerten oder "nur“ vorweg geäußerten Vorwurfs mit, Paulus und seine Begleiter hätten nicht vor den Folgen eines Glaubensübertritts gewarnt.

 

Weiterführende Literatur: Zu den Fragen, wann Paulus von seiner eigenen Drangsal und wann er von derjenigen der Thessalonicher spricht, und wie er das Verhältnis von individuell erlebter und allgemeiner Drangsal sieht, äußern sich H.-H. Schade 1984, 130-134; P. Iovino 1985, 37-43.

 

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V. 5

 

Beobachtungen: In V. 5 spricht plötzlich Paulus allein. Er ist also der Hauptverfasser des Briefes und scheint derjenige gewesen zu sein, der die Entsendung des Timotheus betrieben hat. Liest man V. 1-2 im Licht von V. 5, so scheint mit dem Personalpronomen "wir“ in V. 1 nur Paulus gemeint zu sein: Dies hätte streng genommen die Interpretation zur Folge, dass gemäß V. 2 Silvanus nicht bei Paulus in Athen geblieben ist, sondern Paulus dort ganz alleine blieb, worauf aber - wie gesagt - im Ersten Thessalonicherbrief nichts hinweist.

 

Aus V. 5 geht hervor, dass die Stimmungslage des Paulus zur Zeit der Entsendung des Timotheus aus Athen nicht die gleiche war, wie diejenige bei der Abfassung des Briefes: Bei der Entsendung des Timotheus herrschte die Sorge um den Zustand der Gemeinde in Thessalonich vor, bei der Abfassung des Briefes der Dank für deren Standhaftigkeit. So lässt sich auch erklären, dass V. 3 geradezu so klingt, als sei noch kein Thessalonicher vom Glauben abgefallen und als sei es Paulus’ einzige Sorge, jemand könnte in Zukunft vom Glauben abfallen. Diese Formulierung ist aber schon von der positiven Nachricht beeinflusst, die Timotheus überbracht hat. In Wirklichkeit hatte Paulus zur Zeit der Entsendung des Timotheus die Befürchtung, dass Thessalonicher angesichts der Bedrängnisse schon vom Glauben abgefallen sein könnten.

Den Glaubensabfall sieht Paulus vom "Versucher“ bewirkt. Damit ist wahrscheinlich der Satan gemeint, der mit seiner Haupttätigkeit benannt wird. Sein Ziel ist es, den göttlichen Plan und das Wirken von "Gottes Mitarbeitern“ zu durchkreuzen und deren Erfolg im Nachhinein zunichte zu machen.

 

Weiterführende Literatur: Zu den Gründen für die Benutzung der Ich-Form in 2,18; 3,5; 5,27 siehe R. F. Collins 1984, 178-180. Zu 3,5: Paulus schreibe vom Blickwinkel der eigenen emotionalen Verwicklung in die Trennung von Timotheus aus.

 

H.-W. Kuhn 1992, 346-347 sieht die Versuchung der Gemeindeglieder durch den Satan im Kontext des vor allem in Qumrantexten belegten dualistischen Kampfes zwischen Gott und dem Satan. Als Paralleltext zieht er 1QS III 20-25 heran.

 

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V. 6

 

Beobachtungen: Mit V. 6 beginnt ein neuer Abschnitt: Handelten die V. 1-5 von der Entsendung des Timotheus, so ist jetzt von seiner Rückkehr die Rede. Timotheus hat frohe Botschaft bezüglich des Verhaltens der Thessalonicher gebracht, wobei dieses an zwei Aspekten der Trias Glaube - Liebe - Hoffnung fest gemacht wird: an dem Glauben und an der Liebe. Der Aspekt der Hoffnung fehlt, was verwunderlich ist, da das geduldig hoffende Warten auf die Wiederkunft Christi gemäß 1,10 ein zentraler Bestandteil des christlichen Glaubens ist. Besondere Bedeutung messen die Missionare dem Gedenken bei, das mit der Sehnsucht nach einem Wiedersehen verbunden ist. Räumlich sind die Thessalonicher und die Missionare voneinander getrennt, nicht jedoch mit dem Herzen.

 

Weiterführende Literatur: Literatur zur Trias Glaube − Liebe − Hoffnung siehe 1 Thess 1,1-10.

 

S. Kim 2005, 519-542 stellt heraus, dass Paulus in 1 Thess 1-3 an fünf Stellen (1,5; 1,9-10; 2,1.13; 3,6) den Erfolg des Evangeliums und den Glauben der Thessalonicher mit seinem "Eingang“ ("eisodos“) verbinde. Diese Beobachtung stelle den Schlüssel zur Deutung von 1 Thess 1-3 und insbesondere 2,1-12 dar. 2,1-12 sei nicht in erster Linie paränetisch, sondern apologetisch zu verstehen. S. Kim sieht in 1 Thess 2,1-12 und 2 Kor 1-7 eine enge Parallele, insbesondere hinsichtlich des Nachweises der Integrität des apostolischen Dienstes des Paulus auf dem Hintergrund des Wirkens verschiedenster Wanderprediger, denen zum Teil Geldgier, Ruhmsucht und rhetorische Kniffs wie Schmeichelei vorgeworfen worden seien. Der Nachweis seiner apostolischen Integrität diene Paulus zur Stärkung der Thessalonicher Christen gegenüber nichtchristlichen Gegnern, die seine Integrität infrage gestellt hätten. Außerdem solle die Verkündigung des Evangeliums seitens der Adressaten angeregt werden. Dem Gedanken der Vorbildfunktion des Paulus komme dagegen − anders als verschiedentlich angenommen − in 1 Thess 2,1-12 keine besondere Bedeutung zu.

 

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V. 7

 

Beobachtungen: "Geschwister“ meint hier nicht leibliche Geschwister, sondern Glaubensgeschwister, nämlich Christinnen und Christen. Bei dem Substantiv "adelphoi“ handelt es sich zwar um eine maskuline Form, die zunächst mit "Brüder“ zu übersetzen ist, jedoch sind hier vermutlich auch die "Schwestern“ eingeschlossen. Dass diese unkenntlich bleiben, liegt an der männerzentrierten Sprache, die gemischtgeschlechtliche Gruppen als reine Männergruppen erscheinen lässt.

 

Das vorbildliche Verhalten der Thessalonicher Christen ist der Grund dafür, dass Paulus, Silvanus und Timotheus in ihrer eigenen Not und Bedrängnis getröstet worden sind. Nicht das Leiden der Thessalonicher ist für sie ein Trost, sondern deren Standhaftigkeit im Leid. Dieses Verhalten verbindet die Thessalonicher und die Missionare miteinander, so dass sie eine Glaubens- und Leidensgemeinschaft bilden. Sofern die Worte für bare Münze zu nehmen sind, wird deutlich, dass die Missionare nicht nur in Philippi verfolgt wurden, sondern auch an dem Ort, wo Timotheus wieder auf Paulus und Silvanus stieß, vermutlich Korinth.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 8

 

Beobachtungen: Es ist unklar, was mit dem Verb "leben“ gemeint ist. Der eigentliche Wortsinn kann nicht gemeint sein, da das Leben der Missionare nicht von der Standhaftigkeit der Thessalonicher Christen abhängt. Auch das jenseitige, ewige Leben ist sicherlich nicht im Blick, da das Verb "leben“ im Präsens steht und nicht im Futur und der Aspekt der Gegenwärtigkeit des Lebens durch das "nun“ noch bestärkt wird. Auch ist unwahrscheinlich, dass das jenseitige Heil der Missionare vom Verhalten der Gemeinde in Thessalonich abhängt. Es ist also anzunehmen, dass das Wort "leben“ die Qualität des Daseins der Missionare bezeichnet. Der Brief an die Thessalonicher ist in freudiger und dankbarer Stimmung verfasst worden, so dass anzunehmen ist, dass die Freude und der Dank dem Dasein den Charakter des Lebendigen geben. Was über die Freude hinaus das Verb "leben“ charakterisiert, bleibt offen. Der Zustand des Lebens bleibt so lange erhalten, wie die Thessalonicher Christen ihr Leben in dem "Herrn“, Jesus Christus, gründen. Das Verb "gründen / fest stehen“ macht deutlich, dass Jesus Christus einerseits Halt gibt, andererseits aber auch das Fundament für alle christlichen Lebensäußerungen bildet.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 9

 

Beobachtungen: Die Tatsache, dass nun die Freude und der Dank ausdrücklich erwähnt werden, bestätigt die Annahme, dass beides bewirkt, dass Paulus, Silvanus und Timotheus "leben“. Es fällt auf, dass nach der Schilderung des Verhältnisses zwischen den Thessalonicher Gemeindegliedern und den Missionaren sogleich auf das Verhältnis zwischen den Missionaren und Gott eingegangen wird. Zwischen den Thessalonichern, den Missionaren und Gott herrscht eine Dreiecksbeziehung. Für das vorbildliche Verhalten der Thessalonicher danken die Missionare sogleich Gott, wobei die Frage, was für einen Dank sie Gott abstatten können, vermutlich weniger auf die Art als vielmehr auf das Ausmaß des Dankes abzielt. Die Frage macht deutlich, dass Paulus, Silvanus und Timotheus das Gefühl haben, dass ihr Dank - so groß er auch sein mag - immer zu klein ist.

 

Weiterführende Literatur: Literatur zur Danksagung siehe 1 Thess 1,1-10.

 

Den Gebetswunsch im Hinblick auf die Gebetspraxis in der heutigen Kirche liest D. A. Carson 1994, 79-94.

 

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V. 10

 

Beobachtungen: Überraschenderweise wird der (angeblich) so überragenden Freude und dem Dank sogleich wieder ein Tadel angefügt. Nicht weil die Thessalonicher Gemeinde so ein vorbildliches Glaubensleben führt, bitten Paulus, Silvanus und Timotheus über alle Maßen darum, sie wiederzusehen, sondern weil sie den Glaubensmängeln abhelfen wollen - Glaubensmängeln, die es laut den vorhergehenden Versen nicht gibt. Oder ist das Fehlen der Hoffnung (vgl. V. 6) ein Glaubensmangel? Das Gemeindeleben der Thessalonicher mag gut sein, aber vollkommen ist es noch nicht! Immerhin sind die Glaubensmängel so groß, dass die Missionare "über alle Maßen“ Gott um ein Wiedersehen bitten. Sie sehen sich als Glaubensvorbilder, denn sonst würden sie nicht davon ausgehen, Glaubensmängeln abhelfen zu können.

 

Weiterführende Literatur: E. Bammel 1981, 91-92 geht davon aus, dass nicht Glaubensmängel im eigentlichen Sinn gemeint seien, sondern Informationslücken betreffend des Glauben, denn sonst würde Paulus den Glauben der Thessalonicher Gemeinde nicht rühmen.

 

Dem Glaubensverständnis des Paulus geht G. M. M. Pelser 1985, 260-271 nach. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob Paulus davon ausgeht, dass Glaube schwach oder mittelstark sein und dennoch als Glaube bezeichnet werden kann. Ergebnis anhand von 1 Thess 3,10; Röm 12,3; 14,1; 2 Kor 10,5 und Phil 1,25: Glaube, der schwach oder mittelstark ist/wird, höre auf Glaube zu sein.

 

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V. 11

 

Beobachtungen: Mit V. 11 geht der Text von der Schilderung der Rückkehr des Timotheus und der frohen Botschaft zum abschließenden Gebetswunsch über. Gott selbst ist es, der die Lebenswege lenkt, nicht der Mensch. Genau genommen ist es nicht Gott, sondern Gott, der Vater, und der "Herr“ Jesus. Beide werden jedoch zusammen als eine "Person“ verstanden (Verb im Singular!), wobei offen bleibt, wie dieses Beieinander zu interpretieren ist.

 

Weiterführende Literatur: An 1 Thess 1-3 lasse sich gemäß J. Bickmann 1998 zeigen, dass Leid- und Todeserfahrungen der frühesten Christusgläubigen nicht dadurch ihre identitätsgefährdende Kraft verloren haben, dass diese Menschen sich zu Jesus als dem Christus bekannten. Zugleich lasse sich aber an 1 Thess herausstellen, wie einer solchermaßen in die Krise geratenen Gemeinde durch ihren Gründer und Lehrer im Brief ein Weg gebahnt wird, angesichts des Glaubens an die Auferstehung Jesu und der Christusgläubigen Sterben und Tod nicht zu bagatellisieren, sondern in der Auseinandersetzung mit diesen Erfahrungen und im Widerstand gegen sie Trost zu erfahren. Wie in 1 Thess diese Auseinandersetzung durch Lektüre geschieht, solle in den Analysen vor allem zu 1 Thess 1-3 gezeigt werden. Auf S. 215-265 befasst sich J. Bickmann mit der Konstruktion des Todes (2,17-3,10) und mit der Aufhebung der Trennung und Vollendung der Gemeinschaft (3,11-13).

 

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V. 12

 

Beobachtungen: Paulus, Silvanus und Timotheus bitten nur für die Adressaten um überreiche Liebe, nicht für sich selbst. Auch hier zeigt sich wieder, dass der Glaube der Thessalonicher nicht ganz so makellos ist, wie es auf den ersten Blick angesichts der Lobeshymnen zu sein scheint. Die Missionare erscheinen wiederum als Vorbilder. Die Liebe der Thessalonicher soll nicht nur die Gemeindeglieder untereinander beschränkt bleiben, sondern auch Menschen außerhalb der Gemeinde umfassen, wozu Christen aus anderen Städten, aber auch Heiden zählen.

Es fällt auf, dass als Geber der Liebe nur der "Herr“, Jesus Christus, nicht aber Gott, der Vater genannt wird. Dies lässt sich verschieden begründen: Entweder wird nur der "Herr“ als Spender der Liebe verstanden, was allerdings Fragen bezüglich seines (laut V. 1 engen) Verhältnisses zu Gott, dem Vater, aufwerfen würde, oder es kommt den Missionaren angesichts noch nicht entfalteter Trinitätslehre nicht auf dogmatische Richtigkeiten im Gottesbild an. In letzterem Fall wäre die Theologie des Paulus und seiner Begleiter bezüglich des Verhältnisses der drei trinitarischen "Personen“ zueinander noch nicht festgelegt.

 

Weiterführende Literatur: In Paulus’ Leben spielte das Gebet eine zentrale Rolle. R. F. Collins 1984, 356-364 geht auf die verschiedenen Arten ein, die sich im Ersten Thessalonicherbrief finden, wobei auf S. 360-361 die Fürbitte 3,11-13 behandelt wird.

 

 

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V. 13

 

Beobachtungen: Die Liebe soll bewirken, dass die Herzen der Adressaten gestärkt werden. Diese Stärkung wiederum soll sicher stellen, dass die Herzen (auch) in dem Augenblick untadelig sind, wenn es entscheidend wird: bei der Wiederkunft Jesu Christi.

 

Auch in V. 13 ist das Verhältnis von Gott, dem Vater, zu dem "Herrn“ Jesus Christus ungeklärt. Die Herzen sollen nämlich "nur“ vor Gott, dem Vater, untadelig sein, nicht vor dem "Herrn“ Jesus Christus. Dieser wird auch nicht bei Gott, dem Vater gedacht, sondern kommt am Ende der Tage von diesem getrennt, allerdings von allen seinen Heiligen begleitet. Wer diese Heiligen sind, wird nicht gesagt. Zum Verhältnis der trinitarischen "Personen“ untereinander lässt sich weniger sagen als zu deren Verhältnis zu den Missionaren und den Christen in Thessalonich. Diesen sind sie zugeordnet, wie das Possessivpronomen "unser“ zeigt. Die Erwähnung des Begriffs "Heiligkeit“ in Verbindung mit der Untadeligkeit der Herzen macht deutlich, dass diese vor dem Heiligen, vor Gott Vater und dem Sohn, Bestand haben können.

 

Es ist unklar, wer die "Heiligen“ sind. Sicher ist nur, dass sie sich bereits bei Jesus − vermutlich im Himmel − befinden und diesem zugeordnet sind. Wenn es sich um verstorbene Menschen handelt, würde das bedeuten, dass diese auch schon vor der Wiederkunft Jesu von den Toten auferstehen können. Ist diese vorzeitige Auferstehung von den Toten an besondere Heiligkeit gebunden? Falls ja: Was macht die Heiligkeit aus? Zu denken wäre an ein tadelloses Herz und damit verbunden ein tadelloses Leben, aber auch an Wundertätigkeit. Die Wundertätigkeit kann mit dem tadellosen Herzen begründet werden, muss es aber nicht. Handelt es sich also um herausragende Christen? Dann würden nur diese vor der Wiederkunft Jesu von den Toten auferstehen. Da von "allen seinen Heiligen“ die Rede ist, würden alle herausragenden Christen vor der Wiederkunft Jesu von den Toten auferstehen. Die Bezeichnung "Heilige“ kann aber auch weiter gefasst sein und alle Christen einschließen. Das würde bedeuten, dass alle Christen bereits vor der Wiederkunft Jesu von den Toten auferstehen. Das würde bedeuten, dass es bei der Wiederkunft Jesu keine (nennenswerte) Auferstehung von den Toten mehr gibt. Die meisten Christen wären bereits auferstanden oder würden noch leben. Auferstehen würden nur diejenigen Christen, die unmittelbar vor der Wiederkunft Jesu verstorben sind. Von den Nichtchristen ist in V. 13 keine Rede, weshalb von diesem ausgehend keine Aussage über das Ergehen der Nichtchristen im Hinblick auf die Auferstehung von den Toten gemacht werden kann. Bei den "Heiligen“ muss es sich aber nicht unbedingt um Menschen handeln, sondern es kann auch an himmlische Wesen gedacht sein, möglicherweise Engel. Wenn es sich nur um alle als "Heilige“ bezeichneten himmlischen Wesen handelt, wäre nichts über den Zeitpunkt der Auferstehung verstorbener Menschen von den Toten ausgesagt.

 

Das abschließende "Amen“, das sich nur in einem Teil der Textzeugen findet und dessen Ursprünglichkeit fraglich ist, zeigt, dass es sich bei V. 11-13 nicht allein um einen Wunsch, sondern zugleich um ein Gebet handelt.

 

Weiterführende Literatur: W. Radl 1981, 51-55 meint, dass V. 13 im Kontext des abschließenden Gebetswunsches in den V. 11-13 zu sehen sei. Das Gebet habe Aufforderungscharakter und stelle als Fürbitte zugleich einen die Gemeinde bestärkenden Zuspruch dar. Dessen Gegenstand sei nicht die Parusie oder das Gericht, sondern das Leben der Christen hier und jetzt. Um Wissensvermittlung gehe es nicht.

 

D. A. Carson 1994, 93-94 meint, dass die einzelnen in V. 13 genannten Gebetswünsche fundamentale Bedeutung auch für die Gebetspraxis heute hätten.

Einen groben Überblick über die Diskussion zur Bedeutung des Wortes "Heilige“ gibt R. L. Omanson 1995, 117-118. Die dargestellten Positionen sind: a) es sind Menschen, die sich schon im Himmel befinden, und Engel gemeint (vgl. 4 Esr 6,26; 7,28; 14,9); b) es sind Engel gemeint (vgl. Sach 14,5); c) es sind Menschen gemeint, die sich schon im Himmel befinden (vgl. 2 Thess 1,7; in der frühchristlichen Literatur: Did 16,6-7). R. L. Omanson schließt letztere Interpretation aus und plädiert für b), wobei er sich auf zahlreiche Stellen der Septuaginta, des NT und der Qumranschriften beruft.

 

 

Literaturübersicht

 

Bammel, Ernst; Preparations for the perils of the last days: 1 Thessalonians 3:3, in: W. Horbury, B. McNeil [ed.], Suffering and Martyrdom in the New Testament: Studies Presented to G. M. Styler by the Cambridge New Testament Seminar, Cambridge 1981, 91-100

Baumert, Norbert; Brüche im paulinischen Satzbau?, FN 4/7 (1991), 3-20

Baumert, Norbert; “Wir lassen uns nicht beirren”. Semantische Fragen in 1 Thess 3,2f, FN 5/9 (1992), 45-60

Bickmann, Jutta; Kommunikation gegen den Tod. Studien zur paulinischen Briefpragmatik am Beispiel des Ersten Thessalonicherbriefes (fzb 86), Würzburg 1998

Börschel, Regina; Die Konstruktion einer christlichen Identität: Paulus und die Gemeinde von Thessalonich in ihrer hellenistisch-römischen Umwelt (BBB 128), Berlin − Wien 2001

Carson, Donald A.; A Call to Spiritual Reformation: Priorities from Paul and His Prayers, Grand Rapids, Michigan, 2. print. 1994

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Collins, Raymond F.; The Faith of the Thessalonians, in: R. F. Collins [ed.], Studies on the First Letter to the Thessalonians (BETL 66), Leuven 1984, 209-229 (= LS 7 [1979], 249-269)

Collins, Raymond F.; Paul at Prayer, in: Collins R. F. [ed.], Studies on the First Letter to the Thessalonians (BETL 66), Leuven 1984, 356-364 (= Emmanuel 88 [1982], 412-419)

Donfried, Karl Paul; War Timotheus in Athen? Exegetische Überlegungen zu 1 Thess 3,1-3, in: J. J. Degenhardt [Hrsg.], Die Freude an Gott − unsere Kraft, FS O. B. Knoch, Stuttgart 1991, 189-196

Iovino, Paolo; Chiesa e Tribolazione: Il tema della thlipsis nelle Lettere di S. Paolo (Facoltà Teologica di Sicilia Studi 1), Palermo 1985

Kim, Seyoon; Paul’s Entry (eisodos) and the Thessalonians Faith (1 Thessalonians 1-3), NTS 51/4 (2005), 519-542

Kuhn, Heinz-Wolfgang; Die Bedeutung der Qumrantexte für das Verständnis des Ersten Thessalonicherbriefes, in: J. T. Barrera, L. V. Montaner, The Madrid Qumran Congress. Proceedings of the International Congress on the Dead Sea Scrolls, Madrid 18-21 March, 1991, vol. 1, Leiden 1992, 339-353

Lambrecht, Jan; Thanksgivings in 1 Thessalonians 1-3, in: R. F. Collins [ed.], The Thessalonian Correspondence (BETL 87), Leuven 1990, 183-205

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Omanson, Roger L.; Comings and Goings in the Bible, BiTr 46/1 (1995), 112-119

Pelser, Gert M. M.; Geloofsgroei by Paulus?, HTS 41/2 (1985), 260-271

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Radl, Walter; Ankunft des Herrn. Zur Bedeutung und Funktion der Parusieaussagen bei Paulus (BET 15), Frankfurt a. M. u. a. 1981

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