Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Erster Korintherbrief

Der erste Brief des Paulus an die Korinther

1 Kor 14,37-40

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

Wenn Sie diese Bibliographie zum ersten Mal nutzen, lesen Sie bitte die Hinweise zum Gebrauch.

Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

1 Kor 14,37-40

 

 

Übersetzung

 

1 Kor 14,37-40:37 Wenn jemand meint, er sei Prophet oder Pneumatiker, so erkenne er, dass das, was ich euch schreibe, ein Gebot des Herrn ist. 38 Wenn [das] aber jemand nicht erkennt, so wird er nicht erkannt. 39 Daher, meine Geschwister, trachtet nach dem Prophezeien, und das Reden in Zungen hindert nicht! 40 Alles aber geschehe anständig und in [rechter] Ordnung.

 

 

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V. 37

 

Beobachtungen: Paulus weiß, dass es in Korinth viele Gemeindeglieder gibt, die prophetisch reden und geistbegabt sind oder sich zumindest für Propheten oder besonders Geistbegabte halten. Von diesen Personen ist im Hinblick auf seine Worte und Anweisungen sicherlich nicht nur Zustimmung zu erwarten. Paulus plädiert an die Erkenntnis der (selbsternannten) Propheten und Pneumatiker, denn er weiß, dass diese besondere Erkenntnis haben oder sich zumindest besondere Erkenntnis einbilden. Diese Erkenntnis soll die Adressaten nun zur Einsicht bringen, dass Paulus nicht nach eigenem Gutdünken ermahnt und Anweisungen erteilt, sondern dass er sich auf ein Gebot des "Herrn“ beruft.

 

"Gebot des Herrn“ ist "das, was ich euch schreibe“. Eine Präzisierung findet sich nicht. Im weitesten Sinne ist also der ganze Erste Korintherbrief ein Gebot des "Herrn“. Dass dieser weiteste Sinn hier nicht richtig sein kann, beweist die Tatsache, dass sich Paulus in 1 Kor 7,12.25 ausdrücklich nicht auf ein Gebot des "Herrn“ beruft. Also ist "das, was ich euch schreibe“ auf den Teil des Briefes zu begrenzen, der auf 7,25 und die damit zusammenhängenden Aussagen folgt. Der Abschnitt 14,37-40 schließt die Ausführungen zum Gottesdienst und die Gnadengaben ab. Also wird Paulus "das, was ich euch schreibe“ auf die Ausführungen zum Gottesdienst und zu den Gnadengaben beschränkt sehen wollen. Innerhalb dieser Ausführungen verweist Paulus in 11,24 (Aufforderung zum Gedächtnis im Rahmen der Abendmahlsworte), 14,21 (Verweis auf das biblische "Gesetz“ im Hinblick auf das Reden in fremden Zungen) und 14,34 (Verweis auf das "Gesetz“ hinsichtlich der Unterordnung der Frau) auf ein Gebot oder ein "Gesetz“. 14,21.34 sind allerdings Zitate aus dem AT, können also nur dann als Gebote des "Herrn“ zählen, wenn man hier Gott, nicht aber Jesus Christus als "Herrn“ versteht. Die Gebote des "Herrn“ wären dann Gebote Gottes. Und 11,34 bezieht sich allein auf das vergegenwärtige Gedenken Jesu Christi im Herrenmahl, also auf einen sehr begrenzten Punkt. Auf ein solches Gedenken bezieht sich der Verweis auf das Gebot des "Herrn“ in 14,27 mit Sicherheit nicht. Aber auf welches Gebot des "Herrn“ sollte sich Paulus sonst beziehen? Diese Unklarheit machen auch die unterschiedlichen Lesarten des Verses deutlich. Manche Textzeugen gehen von einem "Gebot“ aus, andere von einer Mehrzahl "Gebote“, wiederum andere von keinem; letztere lesen einfach "des Herrn“.

Eine Einschränkung auf ein konkretes Gebot oder mehrere Gebote stellt sich als höchst problematisch heraus. Will man "das, was ich euch schreibe“ weiter eingrenzen, so liegt nahe, die Verse in den Mittelpunkt zu rücken, die 14,37 unmittelbar voraus gehen. Aber welche Verse gehen denn dem Vers voraus? Zunächst ist an das Schweigegebot 14,33-36 zu denken, aber dieser Abschnitt steht ja gerade in Verdacht, ein späterer Einschub zu sein und nicht auf Paulus zurückzugehen. Also ist auf die vorhergehenden Verse zu blicken, also insbesondere 14,26-33a, die Ausführungen zur Ordnung im Gottesdienst. Aber was sollte davon auf ein Gebot des "Herrn“ zurückgehen? Die verschiedenen Ausführungen führt Paulus nicht ausdrücklich auf den "Herrn“ zurück und V. 33a ist nur eine begründende Aussage ("Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens“), nicht jedoch ein Gebot.

Was bleibt also noch, worauf sich Paulus mit seinem Verweis auf das Gebot des "Herrn“ beziehen könnte? Möglich ist, dass Paulus generell auf seine Autorität verweist: Paulus hat den "Herrn“ gesehen und Gemeinden gegründet, z. B. diejenige der Adressaten. Folglich schreibt Paulus seine Ausführungen zu den Gnadengaben und zur Ordnung im Gottesdienst (und auch die anderen Ausführungen) nicht aus reiner Willkür heraus, sondern weil er das Geschriebene als den Willen Jesu Christi ansieht. Diesen Willen gilt es nicht nur unverbindlich anzuhören, sondern verbindlich umzusetzen. Diese Verbindlichkeit entspricht einem Gebot. Dass Paulus abschließend auf die Verbindlichkeit verweist, zeigt, dass er seitens mancher besserwisserischer korinthischer Gemeindeglieder Widerspruch gemäß dem Motto "Was für ein Recht hat der, sich so aufzuspielen?“ erwartet.

 

Weiterführende Literatur: Eine Auslegung von 1 Kor 14,33b-38 bietet W. A. Maier 1991, 81-104.

 

Mit dem paulinischen Wortfeld "oikodomê“ ("Erbauung“) und "oikodomein“ ("erbauen“) in 1 Kor 14,26-33a.37-40 befasst sich I. Kitzberger 1986, 111-116.

 

W. A. Grudem 1982, 50-53 vertritt die Ansicht, dass "das, was ich euch schreibe“ kaum auf bestimmte Textpassagen beschränkt werden könne. Paulus wolle grundsätzlich der Möglichkeit einen Riegel vorschieben, dass prophetisch redende Gemeindeglieder andere Regeln aufstellen, als diejenigen, die er selbst propagiert.

 

C. Stettler 2006, 42-51 wendet sich gegen die verbreitete Annahme, dass sich das "Gebot des Herrn“ auf Paulus' apostolische Autorität beziehe. Vielmehr liege ein Bezug auf eine Aussage Jesu vor, wobei nicht nur allgemein an Jesu Forderung von Nächstenliebe und gegenseitigem Dienst zu denken sei, sondern ganz konkret an das Gebot der Nächstenliebe, wie es sich in Lev 19,18 finde und in Mt 22,39-40 samt Parallelen zitiert und gedeutet werde. Ebenso wie Joh 13,34 verstehe Paulus das Gebot der Nächstenliebe als Gebot Jesu. Darüber hinaus kenne Paulus eine Tradition, die Mt 7,21-23 ähnelt.

 

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V. 38

 

Beobachtungen: Wer nicht erkennt, hat eine entsprechende Konsequenz zu erwarten: Er selbst wird nicht erkannt. Die Aussagen sind sehr allgemein und mittels des Zusammenhangs zu präzisieren. Zunächst lässt sich die Erkenntnis genauer bestimmen. Es ist zwar durchaus möglich, dass Paulus allgemein die Erkenntnis göttlicher Weisheit im Blick hat, doch spricht V. 37 von einer ganz konkreten Erkenntnis: "dass das, was ich euch schreibe, ein Gebot des Herrn ist.“

Der Nichterkennende wird nicht erkannt. Diese Aussage wirft zwei Fragen auf: Welche Bedeutung hat das Verb "erkennen“? Und: Von wem wird der Nichterkennende nicht erkannt? Zur Bedeutung des Verbs "erkennen“: Im Hinblick auf die korinthischen Gemeindeglieder ist von einem kognitiven Sinn des Verses auszugehen. Bei der Erkenntnis handelt es sich also um ein Verstehen. Sicherlich ist mit diesem Verstehen auch ein Anerkennen verbunden, denn sonst hätte Paulus weiterhin Widerspruch zu erwarten. Die Bedeutung "anerkennen“ dürfte auch im Hinblick auf die Konsequenz, die der Nichterkennende zu erwarten hat, mitschwingen, sogar vorrangig sein. V. 38 kann also wie folgt gedeutet werden: "Wenn [das] aber jemand nicht anerkennt, so wird er nicht anerkannt.“

Von wem wird er nicht anerkannt? Man könnte an alle Menschen denken, doch dürfte Paulus sicherlich eine Mehrzahl Kritiker haben. Der Nichterkennende steht also mit seiner Haltung nicht allein. Die Menschen als Gesamtheit kann Paulus also nicht im Blick haben. Dass Paulus sich selbst meint, der den Nichterkennenden nicht anerkennt, ist auch eher unwahrscheinlich, denn dann hätte er wohl "dann erkenne auch ich ihn nicht [an]“ geschrieben. Am wahrscheinlichsten ist also, dass Paulus Gott meint: Gott ist es, der den Nicht[an]erkennenden nicht [an]erkennt.

 

Die Konsequenz, auf die Paulus hinweist, wirkt wie eine Drohung. Doch warum ist es bedrohlich, von Gott nicht (an)erkannt zu werden? Ist eine Strafe zu erwarten? Diese Fragen bleiben offen. Paulus benutzt eine präsentische Verbform, es geht also um ein generelles Nicht(an)erkennen, das wahrscheinlich das Christsein betrifft. Wer beansprucht, der christlichen Gemeinschaft anzuhören, muss auch der von Paulus verkündigten christlichen Botschaft und den damit zusammenhängenden Normen und Sitten folgen. Ansonsten wird er von Gott in seinem Christsein geradezu übersehen.

Welche negativen Folgen dies für das gegenwärtige Leben des Nicht(an)erkannten hat, lässt sich nicht erschließen. Im Hinblick auf das Jüngste Gericht am Ende der Tage ist ein negatives Urteil zu befürchten und damit das ewige Heil gefährdet.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 39

 

Beobachtungen: "Geschwister“ meint hier nicht leibliche Geschwister, sondern Glaubensgeschwister, nämlich Christinnen und Christen. Bei dem Substantiv "adelphoi“ handelt es sich zwar um eine maskuline Form, die zunächst mit "Brüder“ zu übersetzen ist, jedoch sind hier vermutlich auch die "Schwestern“ eingeschlossen. Dass diese unkenntlich bleiben, liegt an der männerzentrierten Sprache, die gemischtgeschlechtliche Gruppen als reine Männergruppen erscheinen lässt.

 

Paulus ist weder gegen das prophetische Reden noch gegen das Reden in Zungen an sich. Dabei hält er die Prophetie für erstrebenswert; bezüglich des Redens in Zungen formuliert er vorsichtiger: es soll nicht gehindert werden. Die Formulierung lässt einerseits eine gewisse Reserviertheit gegenüber der bei den korinthischen Gemeindegliedern besonders geschätzten Zungenrede erkennen, andererseits scheint er eine völlige Kehrtwendung in der Beurteilung vermeiden zu wollen. Paulus möchte seine Ausführungen nicht so (miss)verstanden wissen, als solle die Zungenrede gehindert werden.

 

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Weiterführende Literatur: B. Zerhusen 1997, 139-152 wendet sich gegen die Annahme, dass in 1 Kor 14 von Zungenrede im Sinne einer Sprache die Rede sei, die ihr Sprecher nicht erlernt hat, die er selbst auch nicht verstehen kann, die wundersamer Art und eine Geistbezeugung ist. Vielmehr sei von der Tatsache auszugehen, dass in Korinth als Handelsstadt ein multikulturelles Leben herrschte. So habe man dort die verschiedensten Sprachen hören können − auch im christlichen Gottesdienst. Auf diesem multikulturellen Hintergrund sei 1 Kor 14 zu verstehen. Griechisch sei die Sprache, in der in Korinth der Gottesdienst abgehalten und auch prophezeit wird. Paulus gestehe allen Gottesdienstbesuchern zu, in der Muttersprache zu sprechen, doch solle solche Rede in die griechische Sprache übersetzt werden. Wer zu einer solchen Übersetzung der eigenen Rede nicht in der Lage sei, solle im Gottesdienst schweigen und für sich und zu Gott sprechen.

 

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V. 40

 

Beobachtungen: Alles soll jedoch anständig und in rechter Ordnung geschehen, also weder innerhalb noch außerhalb der Gemeinde Grund zum Anstoß geben, noch in ein chaotisches Durcheinander im Namen des Geistes ausarten.

 

Weiterführende Literatur: Die verschiedenen frühchristlichen Gottesdienstformen von charismatischen bis hin zu organisierten, wie sie sich aus dem NT erschließen lassen, hat R. P. Martin 1989, 59-85 zum Thema.

 

 

Literaturübersicht

 

Grudem, Wayne A.; The Gift of Prophecy in 1 Corinthians, Washington D. C. 1982

Kitzberger, Ingrid; Bau der Gemeinde: Das paulinische Wortfeld oikodomê (FzB 53), Würzburg 1986

Maier, Walter A.; An Exegetical Study of 1 Cor 14:33b-38, CTQ 55 (1991), 81-104

Martin, R. P.; Patterns of Worship in New Testament Churches, JSNT 37 (1989), 59-85

Stettler, Christian, The "Command of the Lord” in 1 Cor 14,37 − a Saying of Jesus?, Bib. 87/1 (2006), 42-51

Zerhusen, Bob; The Problem Tongues in 1 Cor 14: A Reexamination, BTB 27/4 (1997), 139- 152