Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Zweiter Korintherbrief

Der zweite Brief des Paulus an die Korinther

2 Kor 11,30-33

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

2 Kor 11,30-33

 

 

Übersetzung

 

2 Kor 11,30-33:30 Wenn es nötig ist, sich zu rühmen, will ich mich der Dinge meiner Schwachheit rühmen. 31 Der Gott und Vater des Herrn Jesus, der gepriesen sei in Ewigkeit, weiß, dass ich nicht lüge! 32 In Damaskus bewachte der Ethnarch des Königs Aretas die Stadt der Damaszener, um mich gefangen zu nehmen; 33 aber durch ein Fenster wurde ich in einem Korb (durch) die Stadtmauer (hindurch) hinuntergelassen, und entkam [so] seinen Händen.

 

 

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V. 30

 

Beobachtungen: V. 30 bezieht sich auf den Selbstruhm in 11,21b-29. Paulus hält den Selbstruhm für etwas, was an sich nicht wünschenswert, jedoch in manchen Situationen erforderlich ist. Dann will er sich jedoch nicht der "Dinge“ seiner Stärke, sondern seiner Schwachheit rühmen. Ein solcher Selbstruhm der Dinge seiner Schwachheit fand sich in 11,21b-29, wo er die einzelnen "Dinge“ (Bedrohungen und Entbehrungen) aufgezählt hat.

 

Weiterführende Literatur: Zur paulinischen Argumentation in 11,16-12,13 siehe H. Langkammer 1997, 49-60.

 

Die rhetorischen Kunstgriffe, die Paulus anwendet, um seine Botschaft − angesichts der gefährdeten Stellung in der Gemeinde indirekt − den Korinthern zu vermitteln, bespricht A. B. Spencer 1981, 349-360.

Für eine rhetorische Strategie hält G. Holland 1993, 250-264 den Gebrauch des Motivs der Torheit. Die Ironie sei dabei nicht nur auf die "Narrenrede“ begrenzt, doch finde sie sich hier in der komplexesten Form. Die Dinge seien nicht so, wie sie zu sein scheinen. Mittels der Annahme der Rolle des Toren könne Paulus den Korinthern beibringen, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Sobald er Erfolg habe, bräuchte er nicht länger sich selbst zu rühmen.

 

L. Aejmelaeus 2000 kommt in seinem Buch bezüglich der Argumentation des Paulus mit den Begriffen "Schwachheit“ und "Kraft“ zu folgendem Ergebnis: Der Apostel verfolge zwei Ziele: Auf der einen Seite versuche er zu bewirken, dass die korinthischen Gemeindeglieder ihre falschen Auffassungen und Einstellungen von echter christlicher Kraft und Schwachheit verändern. Auf der anderen Seite versuche er sich im "Tränenbrief“ so effektiv wie möglich gegen die gegen ihn gerichtete Kritik zu verteidigen. Seine Ziele versuche Paulus durch drei verschiedene Argumentationsweisen zu erreichen: 1) Paulus drohe den Gemeindegliedern mit zukünftigen Strafmaßnahmen (vgl. 10,1-6; 12,19-13,6). 2) Paulus versuche zu beweisen, dass er bei richtiger Bewertung für "kraftvoll“ gehalten werden sollte (vgl. 10,7-11,15; 12,11-18). 3) Paulus gebe zu, dass er aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet in der Tat "schwach“ gewesen sei, diese Schwachheit ihrer Natur nach jedoch für positiv gehalten werden müsse (vgl. 11,16-12,10; 13,7-10).

 

H.-G. Sundermann 1996, 39-45 äußert sich zum rhetorischen Genus von 11,1-12,18 wie folgt: 11,1-12,18 gebe sich vordergründig als forensische Rede in einem Gerichtsverfahren zu erkennen, auf das sich Paulus − wenn auch zum Schein − in der Rolle des Angeklagten einlasse, der sich vor der richterlichen Instanz der korinthischen Gemeinde zu rechtfertigen suche. Die Gegner bzw. deren Sprecher in der Gemeinde seien in diesem Verfahren als Kläger präsent. In rhetorischen Kategorien sei in diesem Zusammenhang vom "genus turpe“ auszugehen, das denjenigen Partei-Gegenstand kennzeichne, der das Rechtsempfinden (oder: das Wert- und Wahrheitsempfinden) des Publikums schockiert. Der "Narrenrede“ (11,1-12,18) selbst falle im Kontext der paulinischen "Scheinapologie“ die Rolle der "argumentatio“ zu. Dabei gehe es dem Apostel um den Nachweis der Ebenbürtigkeit mit seinen Gegnern, der in Form eines Vergleichs ausgeführt werde. In der "probatio“ (11,16-12,18) gehe es vordergründig um Gemeinsamkeiten zwischen Paulus und seinen Gegnern. Der Apostel weise nach, dass er in allen Punkten mit seinen Gegnern Schritt halten kann.

 

J. Lambrecht 2001, 305-324 befasst sich mit den Charakteristika und dem Kontext der "Narrenrede“ (11,22-12,10) und formuliert abschließend theologische Einsichten und Schlussfolgerungen.

 

M. M. Mitchell 2001, 354-371 legt dar, dass von Auslegern verschiedentlich auf die Parallelen zwischen der Sprache des Selbstruhms in 2 Kor 11-12 und Plutarchs Abhandlung "de laude ipsius“ hingewiesen werde. Es stelle sich allerdings die Frage, ob die antiken Leser tatsächlich die paulinischen Briefe in Verbindung mit den Diskussionen über den Selbstruhm in zeitgenössischen rhetorischen und philosophischen Schriften gesehen haben. M. M. Mitchell versucht zu zeigen, dass der rhetorisch geschulte antike Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos in der Tat den paulinischen Selbstruhm auf dem Hintergrund der Schrift des Plutarch verteidige.

 

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V. 31

 

Beobachtungen: Als Zeugen für die Richtigkeit des in V. 30 genannten Grundsatzes ruft Paulus Gott an. Gott ist die höchste Instanz, die letztendlich entscheidet. Mit seiner Nennung ist - jüdischer Sitte gemäß - ein Lobpreis verbunden: Gott sei gepriesen, und zwar nicht nur in der Gegenwart oder in einem begrenzten Zeitraum, sondern in Ewigkeit.

 

Paulus bezeichnet Jesus Christus als "Herrn“, wobei Gott dessen Vater ist. Daraus ist zu folgern, dass Paulus, wenn er im Zweiten Korintherbrief vom "Herrn“ spricht, Jesus Christus meint. Ein Bezug auf Gott Vater kommt nur dann in Frage, wenn Paulus eine vorchristliche Tradition aufgreift oder aus der hebräischen Bibel, unserem heutigen Alten Testament, zitiert, denn die im antiken hellenistischen Judentum maßgebliche griechische Übersetzung der hebräischen Bibel, die Septuaginta, setzt statt der Gottesbezeichnung JHWH den Titel "kyrios“ (= "Herr“).

 

Weiterführende Literatur: J. L. North 1996, 439-463 erwägt, dass möglicherweise die Herkunft des Paulus aus Kilikien zu Kritik geführt habe. Zwar sei nicht zu leugnen, dass sich die Kritik an erster Stelle an der Lebensweise und der Lehre des Apostels entzündet hat, doch habe auch die Herkunft eine Rolle gespielt, sobald Paulus als unglaubwürdig galt. Lokale Besonderheiten seien von moralischen bis hin zu sprachlichen Aspekten bewusst wahrgenommen worden, selbst innerhalb eines Volkes. Somit sei durchaus wahrscheinlich, dass die Herkunft bei der Kritik eine Rolle gespielt hat, auch wenn dies im NT nicht deutlich zum Vorschein komme.

 

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V. 32

 

Beobachtungen: Fraglich ist, warum Paulus nun einen kurzen Bericht von seiner Flucht aus Jerusalem einschiebt. Am nahe liegendsten ist, dass es sich bei seiner Flucht um ein weiteres "Ding“ seiner Schwachheit handelt. Warum ist dieses Ereignis von solcher Bedeutung, dass Paulus es nicht nur aufzählt, sondern erzählt? Die besondere Bedeutung kann darin begründet liegen, dass es eine besonders frühe, wenn nicht sogar die erste Bedrohung war, die Paulus nach seiner Bekehrung überstehen musste. Es ist aber auch möglich, dass die Art der Bedrohung an sich oder die Art und Weise, wie der Apostel ihr entkommen ist, vor Augen geführt werden soll.

Ob es sich tatsächlich um die erste Bedrohung handelte, hängt von der Datierung der Flucht zusammen. So kann die Flucht das Ende des ersten Aufenthaltes direkt nach seiner Bekehrung und der folgenden, nun überwundenen Zeit der Blindheit dargestellt haben (zum ersten Aufenthalt vgl. Apg 9,1-25). Sie kann aber auch den zweiten Aufenthalt, der sich an eine (Missions-)Reise nach Arabien anschloss, abgeschlossen haben. Dann wären seit der Bekehrung mindestens drei Jahre vergangen gewesen und es wäre durchaus möglich, dass Paulus schon in Arabien Verfolgungen und Entbehrungen hat durchstehen müssen (zum zweiten Aufenthalt in Damaskus vgl. Gal 1,17-18). Hält man den Bericht der Apostelgeschichte für historisch zuverlässig, so ist der Sachverhalt klar: Laut Apg 9,25 beendete die Flucht im Korb den ersten Aufenthalt. Damit wäre die geschilderte Begebenheit die erste Bedrohung, die Paulus zu überstehen hatte. Sie zeigt: Mit der Bekehrung zum Christentum ist aus dem Verfolger ein Verfolgter geworden.

Hinsichtlich der Art der Bedrohung ist bemerkenswert, dass sie seitens eines Regierenden erfolgt. Der bekehrte Paulus scheint also als eine Gefahr angesehen zu werden - warum, bleibt unklar. Apg 9,19b-25 sieht den Sachverhalt ein wenig anders: Dort ist weder von dem Ethnarchen noch von Aretas die Rede. Vielmehr sind es ganz unbestimmt "die Juden“, die an dem Predigen des ehemaligen Christenverfolgers Anstoß nehmen. Historisch zuverlässiger dürfte allerdings der Eigenbericht des Paulus sein.

Auch die Art und Weise der Flucht mag ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass Paulus kurz die Flucht aus Damaskus erzählt. Paulus ist nämlich der Gefahr nicht durch eine eigene Heldentat entkommen, sondern nur mittels der Hilfe anderer unter geradezu lächerlichen Umständen. Diese Art und Weise der Flucht verdeutlicht besonders gut die Schwachheit des Apostels.

 

Der Machthaber war ein Ethnarch ("ethnarchês“), also ein "Volksherrscher“. Er hielt sich in Damaskus auf, wo er die Stadt - Paulus nennt sie nach ihren Bewohnern "Stadt der Damaszener“ - bewachte. Der Ethnarch war kein selbstständig herrschender Fürst, sondern einem Herrscher namens Aretas unterstellt. Unter dem Namen Aretas sind mehrere Könige des Nabatäerreiches (nordarabisches Gebiet um Petra) bekannt. In Frage kommt nur der von 9 v. Chr. bis um 40 n. Chr. in Petra regierende Aretas IV. Philodemos. In welcher Beziehung dieser König zu Damaskus und der dort vorhandenen starken nabatäischen Handelskolonie stand, ist ungewiss. Die Tatsache, dass der Ethnarch die Stadt Damaskus von ihrem Inneren aus überwachte, lässt annehmen, dass er dort seinen Sitz hatte. Es ist also unwahrscheinlich, dass es sich bei dem Ethnarchen um einen Stammesfürsten, einen Scheich, handelte, der vor den Toren der Stadt lagerte, um Paulus gefangen zu nehmen, sobald dieser die Stadt verlässt. Gegen die Tatsache, dass es sich bei dem Ethnarchen um einen Statthalter des Königs Aretas handelte, der seinen Sitz in Damaskus hatte, spricht jedoch, dass Damaskus seit der Eroberung durch den römischen Befehlshaber Pompeius im Jahre 64 v. Chr. zum Römischen Reich gehörte. Ein in Damaskus ansässiger Statthalter des Nabatäerkönigs würde voraussetzen, dass dessen Herrschaftsbereich auch diese Stadt umfasste. Dann müsste die Herrschaft zwischenzeitlich wieder von den Römern auf die Nabatäer übergegangen sein, oder aber die Nabatäer hatten im Auftrag und unter Oberaufsicht der Römer die Verwaltung von Damaskus inne. Dies ist insofern möglich, als Damaskus ein Bestandteil der Dekapolis − ein Bund von etwa zehn (die Zahl schwankte im Laufe der Geschichte geringfügig) griechisch geprägten Städten vorwiegend im mittleren und nördlichen Ostjordanland − war und somit Sonderrechte und eine weit gehende Unabhängigkeit genoss. Schließlich bleibt aber auch die Möglichkeit, dass der Ethnarch nur über seine Volksgenossen herrschte und insofern ein "Volksherrscher“ war. Dann hätte sein Herrschaftsbereich nicht die ganze Stadt umfasst, sondern sich nur auf die Wohngebiete der Nabatäer bezogen. Er wäre dann auch kein Herrscher im eigentlichen Sinne gewesen, sondern eher das lokale Haupt einer bestimmten Volksgruppe. Die Annahme dermaßen begrenzter Herrschaftsbefugnisse würde jedoch die Frage aufwerfen, wie eine Kontrolle über die Stadt erfolgen konnte, die das Ziel hatte, den Apostel gefangen zu nehmen. Zumindest die Wachposten an den Toren mussten dem Ethnarchen unterstehen oder zumindest seiner Anweisung, den Apostel Paulus zu verhaften, Folge leisten, denn sonst hätte dieser durch eines der Tore entkommen können.

 

Weiterführende Literatur: Laut E. A. Knauf 1983, 145-147 werde V. 32 bis heute so interpretiert, als habe Damaskus in den letzten Jahren Aretas IV. (9 v. Chr. bis 40 n. Chr.) unter nabatäischer Herrschaft gestanden. Doch scheitere diese Auffassung am Wortlaut des Textes, denn ein Ethnarch sei nun einmal kein "Statthalter“, sondern a) der Herrscher eines größeren Gebietes, dem sein Oberherr den Königstitel nicht zugestehen will, so etwa Simon (1 Makk 14,47; 15,1f.) oder Archelaus (Jos. ant. 17,317); oder b) ein Stammesoberhaupt (vgl, SEG 26, 1623 Z. 24f.); oder c) das Oberhaupt einer ethnischen Gruppe innerhalb einer Polis, wie der Juden in Alexandria (Jos. ant. 14,117 = Strabo 17,798). Nabatäische Statthalter hätten hingegen den Titel eines Strategen geführt. Alternativ werde vorgeschlagen, im Verfolger der Paulus den Scheich eines Beduinenstammes zu sehen, der ihm vor den Toren der Stadt aufgelauert habe. Dagegen spreche jedoch das Fluchtverfahren − wer die Tore von außen überwacht, übersehe auch die Mauer -, vor allem aber die Bezeichnung des Funktionärs als Ethnarchen des Aretas (und nicht der Araber oder seines Stammes). E. A. Knauf meint, dass es sich bei dem Ethnarchen des Aretas aller Wahrscheinlichkeit nach um den Vorsteher der nabatäischen Handelskolonie in Damaskus handele. Der habe wohl zugleich die Interessen des nabatäischen Staates vertreten, sei also eine Art Konsul gewesen. Vgl. E. A. Knauf 1997, 50-51.

Ausführlich mit dem Titel "Ethnarch“ ("ethnarchês“) und mit der nabatäischen Kontrolle über die Stadt Damaskus zur Zeit des Herrschers Aretas IV. befasst sich J. Taylor 1992, 719-728. Ergebnis: Der griechische Titel "Ethnarch“ bezeichne den über Damaskus herrschenden nabatäischen Statthalter (Emir). Dieser habe vor Ort den König vertreten. Der Titel "Ethnarch“ beziehe sich eigentlich v. a. auf die Stammesautorität. Paulus habe aber in erster Linie den königlichen Dienst im Blick; dieser werde jedoch besser von dem Titel "Stratege“ ("stratêgos“) wiedergegeben. Die Epoche der nabatäischen Herrschaft über Damaskus könne am ehesten in die frühen Regierungsjahre des Gaius (= Caligula; 37-41) datiert werden, der seinen besonders begünstigten Vasallenherrschern Land übertragen habe.

 

D. A. Campbell 2002, 279-302 geht der Frage nach, was sich aus der Flucht der Paulus aus Damaskus im Hinblick auf die zeitliche Abfolge der Ereignisse in der paulinischen Biographie schließen lässt. Zunächst gibt er einen Überblick über die Hauptthesen zur Identität des Ethnarchen. D. A. Campbell bringt die politische Kontrolle der Stadt Damaskus durch den nabatäischen König Aretas IV. mit dessen militärischem Erfolg über Antipas, den Herrscher über Galiläa, in Zusammenhang. Die Flucht des Paulus könne folglich frühestens im Jahre 36, dem Jahr des Krieges, stattgefunden haben. Als letzter Zeitpunkt der Flucht komme das Jahr 37 (spätestens kurz nach dem Passafest) in Frage. In diesem Jahr hätten die Nachrichten von Agrippas Herrschaft über die Dekapolis die Gegend erreicht und Wirkung gezeigt. Paulus habe vor dem Ethnarchen des Aretas fliehen müssen, weil er Schwierigkeiten irgendwo im Bereich der Gerichtsbarkeit des Aretas verursacht habe. Nachdem Damaskus in das nabatäische Reich eingegliedert worden war, hätten ihn seine Verfolger stellen können, sodass er die Flucht ergriffen habe. Die Datierung und der vermutete Fluchtgrund passten hervorragend zu der Angabe in Gal 1,17, wonach sich Paulus nach seiner Bekehrung (im Jahre 33/34) drei Jahre lang in "Arabien“ aufgehalten habe. "Arabien“ sei der umgangssprachliche Name für den Negev, Transjordanien und die Arabische Halbinsel gewesen und habe auch das nabatäische Reich umfasst. In diesem habe er sich mit seiner Tätigkeit Feinde gemacht.

 

Laut L. L. Welborn 1999, 49-71 werde angesichts der Tatsache, dass die Parallele Apg 9,23-25 weder von einem Ethnarchen des Aretas noch von seinen Machenschaften im Hinblick auf Paulus weiß und auch nicht die erfolgreiche Flucht des Apostels betont, die Historizität des Berichts 2 Kor 11,32-33 bestritten. Die skeptische Bewertung resultiere auch aus der Annahme, dass die römischen Herrscher sicherlich nicht zugelassen hätten, dass ein solch wichtiges Handelszentrum wie Damaskus − und sei es nur für eine begrenzte Zeit − in die Hände der Nabatäer fällt. L. L. Welborn kann einem solchen Skeptizismus nicht folgen. Die Sprache des Berichts sei klar und deutlich und die Terminologie entspreche antikem Gebrauch. Nur ein Begriff sei unklar: "ethnarchês“. Doch sei nicht zu bezweifeln, dass Paulus den richtigen Titel nennt. Die Lebendigkeit und Konkretheit des paulinischen Berichts lasse annehmen, dass die Begebenheit für den Apostel eine besondere Bedeutung hat. Laut L. L. Welborn 1996, 41-60 stelle Paulus’ eigener Erfahrungsbericht die einzige verlässliche Grundlage unseres historischen Wissens über die Umstände der Flucht dar.

 

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V. 33

 

Beobachtungen: V. 33 beschreibt, wie Paulus die Flucht "durch die Stadtmauer hindurch“ gelungen ist: Den Ausweg hat ein Fenster eröffnet. Um was für ein Fenster es sich handelte, wird nicht gesagt. Es kann sich also um ein Fenster der Stadtbefestigung gehandelt haben, oder auch um das Fenster eines Hauses, das in die Stadtbefestigung integriert war. Sicher ist, dass sich das Fenster weit oben befunden hat, denn sonst hätte Paulus nicht in einem Korb hinabgelassen werden müssen, sondern auf einer Leiter hinabsteigen oder hinunterspringen können. Ein zu niedriges Fenster wäre auch ein schwacher Punkt der Stadtbefestigung gewesen, weil es Angreifern eine Angriffsfläche und Zutrittsmöglichkeit zur Stadt geboten hätte.

 

Der Korb ("sarganê“; in Apg 9,25 lautet die Bezeichnung "spyris“) dürfte eigentlich für den Transport von Lebensmitteln oder Gegenständen bestimmt gewesen und nur ausnahmsweise im Rahmen der Flucht zum Hinablassen eines (oder mehrerer) Menschen umfunktioniert worden sein.

 

Weiterführende Literatur: Auf dem Hintergrund der antiken Kardinaltugenden interpretiert G. Guttenberger 2005, 78-98 die Vorwürfe gegen Paulus nach 2 Kor 10-13. Die vier den Kardinaltugenden Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit entgegen gesetzten Laster würden in 2 Kor 10-13 erwähnt, die Unbesonnenheit (aphrosynê) und Ungerechtigkeit (adikia) begrifflich, die Feigheit und möglicherweise auch die Maßlosigkeit der Sache nach. Die Gegner des Paulus hätten behauptet, Paulus scheitere an den Anforderungen, die durch die Kardinaltugenden beschrieben sind: Er sei kein Weiser, weil er sich nicht an den wahren Werten orientiere; das sei daran erkennbar, dass er sich auf unredliche Weise an den Korinthern bereichere, indem er zwar auf ein Honorar verzichte, dann aber die Kollekte einsammele, dass er maßlos sei in seinem Anspruch als Apostel und dass er überdies ein Feigling sei, der sich davonmache, wenn er in Schwierigkeiten gerate. Die Vorwürfe der Gegner hätten an eben den Punkten angeknüpft, in denen sich die Lebens- und "Amts“führung des Paulus von denen anderer Apostel und Missionare unterschied.

 

L. L. Welborn 1999, 115-163 legt dar, dass der Grund für den Einbau der Flucht aus Damaskus in die "Narrenrede“ des Paulus umstritten sei. Die Mehrheit der Exegeten erkläre den Bericht als krönende Veranschaulichung der Schwäche und Erniedrigung, derer sich Paulus rühmt, doch enthielten die V. 32-33 keinen Hinweis auf Schwäche oder Erniedrigung. Antike Berichte über Fluchten ähnlicher Art betonen die Gefahren, den Wagemut und die Vorteilhaftigkeit der jeweiligen Aktion. In keinem Fall werde eine Flucht unter solchen Umständen als feige beurteilt; auch erscheinen die ihr dienenden Mittel nicht als beschämend. Die verschiedenen gebotenen Thesen seien unbefriedigend, so auch die Annahme, dass es sich bei dem Bericht um einen sekundären Einschub handelt. L. L. Welborn bietet folgende Deutung des Berichts: Paulus spiele die Rolle eines Narren, wobei sich jedoch sein Auftritt von dem eines echten mimus in einem wichtigen Punkt unterscheide: Paulus spiele sich selbst, eine Rolle, und zwar mit bitterem Ernst. Paulus verstehe sich im tiefsten Grunde tatsächlich als Narr − als Narr Christi. Als solcher nehme er gern alle Schwachheiten und Bedrängnisse auf sich und verstehe sich in seiner Schwäche aufgrund der Kraft Christi als stark. Die Flucht aus Damaskus gehöre zu der Schwachheit, derer sich Paulus in V. 30 rühmt, und zwar nicht nur als Antithese von menschlichem Stolz und Mut, sondern insbesondere auch als Beispiel der Leiden Christi, die er sich zu eigen gemacht habe.

 

Laut É. Trocmé 1989, 475-479 sei die plötzliche Erwähnung der akrobatischen Flucht des Apostels aus Damaskus zwei Motiven zu verdanken: Die Begebenheit habe eine taktlose Preisgabe der damaszenischen Gemeinde mit sich gebracht. Die in Korinth eingedrungenen Gegner des Apostels hätten diesen Fehltritt angeprangert. Dies lasse annehmen, dass es sich bei ihnen nicht um Gnostiker, um Gesandte der Jerusalemer Gemeinde oder (wie im Galaterbrief) um Judaisten handelt, sondern um Personen, die ihre Wurzeln im syrisch-palästinischen Gebiet haben und der Gruppe der "Hellenisten“ angehören.

 

 

Literaturübersicht

 

Aejmelaeus, Lars; Schwachheit als Waffe. Die Argumentation des Paulus im Tränenbrief (2. Kor. 10-13) (SESJ 78), Helsinki - Göttingen 2000

Campbell, Douglas A.; An Anchor for Pauline Chronology: Paul’s Flight from "the Ethnarch of King Aretas“ (2 Corinthians 11:32-33), JBL 121/2 (2002), 279-302

Guttenberger, Gudrun; Die Vorwürfe gegen Paulus nach 2 Kor 10-13, ZNW 96/1-2 (2005), 78-98

Holland, Glenn; Speaking Like a Fool: Irony in 2 Cor 10-13, in: S. E. Porter et al [eds.], Rhetoric and the New Testament (JSNTS 90), Sheffield 1993, 250-264

Knauf, Ernst A.; Zum Ethnarchen des Aretas 2 Kor 11,32, ZNW 74/1-2 (1983), 145-147

Knauf, Ernst Axel; Damaskus im Neuen Testament − Zwischen Arabien und Rom, WUB 2/1 (1997), 50-51

Lambrecht, Jan; The Fool’s Speech and Its Context: Paul’s Particular Way of Arguing in 2 Cor 10-13, Bib. 82/3 (2001), 305-324

Langkammer, H.; Przemówienie pochwalne Apostola Narodów (2 Kor 11,16-12,13), Qsel 5 (1997), 49-60

Mitchell, Margaret M; A Patristic Perspective on Pauline periautologia, NTS 47/3 (2001), 354-371

North, J. Lionel; Paul’s Protest that he does not Lie in the Light of his Cilician Origin, JTS 47/2 (1996), 439-463

Spencer, Aida Besançon; The Wise Fool (and the Foolish Wise), NT 23 (1981), 349-360

Sundermann, Hans-Georg; Der schwache Apostel und die Kraft der Rede. Eine rhetorische Analyse von 2 Kor 10-13 (EHS R. XXIII; 575), Frankfurt 1996

Taylor, Justin; The Ethnarch of King Aretas at Damascus. A Note on 2 Cor 11,32-33, RB 99/4 (1992), 719-728

Trocmé, Étienne; Le rempart de Damas: un faux pas de Paul?, RHPR 69/4 (1989), 475-479

Welborn, Laurence L.; Paul’s Flight from Damascus: Sources and Evidence for an Historical Evaluation, in: A. Özen [Hrsg.], Historische Wahrheit und theologische Wissenschaft, FS G. Lüdemann, Frankfurt a. M. 1996, 41-60

Welborn, Laurence L.; The Runaway Paul, HTR 92/2 (1999), 115-163

Welborn, Laurence L.; Primum tirocinium Pauli (2 Cor 11,32-33), BZ 43/1 (1999), 49-71