Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Zweiter Korintherbrief

Der zweite Brief des Paulus an die Korinther

2 Kor 12,11-13

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

2 Kor 12,11-13

 

 

Übersetzung

 

2 Kor 12,11-13:11 Ich bin ein Tor geworden, ihr habt mich dazu gezwungen. Denn [eigentlich] hätte ich von euch empfohlen werden müssen. Ich habe nämlich in nichts hinter den Überaposteln zurückgestanden, wenn ich auch [angeblich] nichts bin. 12 Zwar wurden die Zeichen des Apostels unter euch in aller Geduld gewirkt, sowohl durch Zeichen als auch durch Wunder und durch Machttaten. - 13 Was ist es denn, worin ihr zu kurz gekommen seid gegenüber den anderen Gemeinden, außer dass ich selbst euch nicht zur Last gefallen bin? Verzeiht mir dieses Unrecht!

 

 

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V. 11

 

Beobachtungen: In 12,11-13 schließt Paulus seinen Selbstruhm wider Willen ("Narrenrede“) ab, indem er Bilanz zieht.

 

Paulus hat sich nicht freiwillig selbst gerühmt, sondern er ist von den korinthischen Gemeindegliedern dazu gezwungen werden. Diese mögen Selbstruhm wertschätzen und Paulus nun achten; dieser hat selbst jedoch eine andere Sicht der Dinge: Er ist zum Tor geworden, zu einem Menschen, der sich seiner selbst rühmt statt des "Herrn“.

 

Gezwungen wurde Paulus insofern, als er zumindest von einem großen Teil der korinthischen Gemeindeglieder - möglicherweise etwas überspitzt ausgedrückt - als nichts erachtet wurde. Weil sie ihn nicht empfohlen haben, hat er es selbst getan, um die gebührende Anerkennung zu bekommen.

Eigentlich hätten die korinthischen Gemeindeglieder Paulus ebenso sehr achten müssen wie die Überapostel, weil er ihnen in nichts zurücksteht.

 

Der Begriff "hyperlian apostoloi“ ("Überapostel“) findet sich in der antiken griechischen Literatur sonst nirgends, dürfte also eine Wortschöpfung des Paulus sein, die ironisch den Versuch der Konkurrenten, sich sehr über den Apostel herauszuheben und ihre eigene Wichtigkeit zu unterstreichen, in Worte fasst.

 

Weiterführende Literatur: L. Aejmelaeus 2000 kommt in seinem Buch bezüglich der Argumentation des Paulus mit den Begriffen "Schwachheit“ und "Kraft“ zu folgendem Ergebnis: Der Apostel verfolge zwei Ziele: Auf der einen Seite versuche er zu bewirken, dass die korinthischen Gemeindeglieder ihre falschen Auffassungen und Einstellungen von echter christlicher Kraft und Schwachheit verändern. Auf der anderen Seite versuche er sich im "Tränenbrief“ so effektiv wie möglich gegen die gegen ihn gerichtete Kritik zu verteidigen. Seine Ziele versuche Paulus durch drei verschiedene Argumentationsweisen zu erreichen: 1) Paulus drohe den Gemeindegliedern mit zukünftigen Strafmaßnahmen (vgl. 10,1-6; 12,19-13,6). 2) Paulus versuche zu beweisen, dass er bei richtiger Bewertung für "kraftvoll“ gehalten werden sollte (vgl. 10,7-11,15; 12,11-18). 3) Paulus gebe zu, dass er aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet in der Tat "schwach“ gewesen sei, diese Schwachheit ihrer Natur nach jedoch für positiv gehalten werden müsse (vgl. 11,16-12,10; 13,7-10).

 

H.-G. Sundermann 1996, 39-45 äußert sich zum rhetorischen Genus von 11,1-12,18 wie folgt: 11,1-12,18 gebe sich vordergründig als forensische Rede in einem Gerichtsverfahren zu erkennen, auf das sich Paulus − wenn auch zum Schein − in der Rolle des Angeklagten einlasse, der sich vor der richterlichen Instanz der korinthischen Gemeinde zu rechtfertigen suche. Die Gegner bzw. deren Sprecher in der Gemeinde seien in diesem Verfahren als Kläger präsent. In rhetorischen Kategorien sei in diesem Zusammenhang vom "genus turpe“ auszugehen, das denjenigen Partei-Gegenstand kennzeichne, der das Rechtsempfinden (oder: das Wert- und Wahrheitsempfinden) des Publikums schockiert. Der "Narrenrede“ (11,1-12,18) selbst falle im Kontext der paulinischen "Scheinapologie“ die Rolle der "argumentatio“ zu. Dabei gehe es dem Apostel um den Nachweis der Ebenbürtigkeit mit seinen Gegnern, der in Form eines Vergleichs ausgeführt werde. In der "probatio“ (11,16-12,18) gehe es vordergründig um Gemeinsamkeiten zwischen Paulus und seinen Gegnern. Der Apostel weise nach, dass er in allen Punkten mit seinen Gegnern Schritt halten kann.

 

M. M. Mitchell 2001, 354-371 legt dar, dass von Auslegern verschiedentlich auf die Parallelen zwischen der Sprache des Selbstruhms in 2 Kor 11-12 und Plutarchs Abhandlung "de laude ipsius“ hingewiesen werde. Es stelle sich allerdings die Frage, ob die antiken Leser tatsächlich die paulinischen Briefe in Verbindung mit den Diskussionen über den Selbstruhm in zeitgenössischen rhetorischen und philosophischen Schriften gesehen haben. M. M. Mitchell versucht zu zeigen, dass der rhetorisch geschulte antike Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos in der Tat den paulinischen Selbstruhm auf dem Hintergrund der Schrift des Plutarch verteidige.

 

Eine Auslegung von 2 Kor 12,1-13 bietet D. Trakatellis 1992, 65-86.

 

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V. 12

 

Beobachtungen: Der Beginn des V. 12 mit "men“ ("zwar“) lässt einen Gegensatz erwarten, doch wird der gewöhnlich mit "de“ ("aber“) eingeleitete Gegensatz nicht ausgesprochen. Gemeint ist, dass zwar die Zeichen des Apostels gewirkt wurden, die korinthischen Gemeindeglieder aber dennoch andere Prediger bevorzugen.

Wer die "Zeichen des Apostels“ gewirkt hat, bleibt offen. Es kann Paulus selbst gewesen sein, aber auch Gott. Vermutlich ist die Offenheit gewollt, da Paulus nicht den Anschein erwecken möchte, er selbst wirke aktiv Wunder. Ihm dürfte wichtig sein, dass die "Zeichen des Apostels“ durch Gott bewirkt wurden; Gott hat durch Paulus, seinen Apostel, gehandelt.

 

Es erstaunt, dass nicht allein die Abstammung vom Volk Israel, der Inhalt der Verkündigung und die bedrängte und leidende Existenz des Verkündigers Zeichen für das Apostolat sind, wie 2 Kor 11,21b-29; 12,5-10 annehmen lassen. Vielmehr nennt V. 12 die "Zeichen“ ("sêmeia“), "Wundertaten“ ("terata“) und "Machttaten“ ("dynameis“) als "Zeichen des Apostels“ ("sêmeia tou apostolou“). Die Zusammenstellung "Zeichen und Wunder“ (LXX: "sêmeia kai terata“) findet sich im AT im Zusammenhang mit dem Auszug der Israeliten aus Ägypten (Exodusgeschehen; vgl. Ex 7,3; Dtn 4,34; 6,22 u. ö.) und der prophetischen Legitimation (Jes 8,18; 20,3 u. ö.). Im NT erscheint die Wendung v. a. in der Apostelgeschichte (vgl. 4,30; 5,12 u. ö.). Paulus gebraucht sie noch in Röm 15,19. Die erneute Nennung der "Zeichen“ als erstes Glied der Aufzählung legt nahe, dass man sich unter den "Zeichen“, "Wundertaten“ und "Machttaten“ nicht unterschiedliche außergewöhnliche Vorgänge vorzustellen hat. Vielmehr dürfte gemeint sein, dass es sich bei den "Zeichen“ um wundersame, durch Gottes Macht gewirkte außergewöhnliche Vorgänge handelt. Um welche es sich genau handelt, bleibt offen. Aus 1 Kor 12,9-10.28 geht hervor, dass nicht nur Apostel Wunder- und Machttaten vollbringen, sondern auch anderen Christen die Befähigung dazu von Gott geschenkt ist; für einen Apostel sind sie aber offensichtlich ein Charakteristikum. In 1 Kor 12,8-10 werden auch Weisheits- und Erkenntnisrede, der Glaube, die Heilungsgaben, Prophetie, Unterscheidung von Geistern und Zungenrede als von Gott geschenkte Gnadengaben genannt. Es möglich, dass diese Gnadengaben zu den Wunder- und Machttaten hinzuzählen. Angesichts der hohen Wertschätzung, die Paulus der Verkündigung beimisst, kann es auch sein, dass er die Verbreitung des Evangeliums als das Wunder schlechthin ansieht. Dafür spricht, dass Paulus in 1 Kor 12,28 die Apostel neben den Propheten, Lehrern und Wundertätern aufzählt. Wunder im eigentlichen Sinn scheinen demnach für Apostel nicht wesentlich zu sein, im Gegensatz zur Verkündigung. Inwieweit Paulus Wunder im eigentlichen Sinne gewirkt hat, ist fraglich. Am ehesten ist daran zu denken, dass Paulus geheilt hat.

 

Inwiefern hat Paulus die "Zeichen“ in aller Geduld gewirkt? Möglich ist die Interpretation, dass Wundertaten nicht immer gelangen und es daher einiger Geduld bedurfte, bis sie vollbracht waren. Auch kann gemeint sein, dass Paulus über eine lange Zeit hinweg die "Zeichen“ wirkte und es deshalb einiger Geduld im Sinne der Beharrlichkeit bedurfte. Man kann die Geduld aber auch auf die von Leiden und Bedrängnissen gekennzeichnete apostolische Existenz im Allgemeinen beziehen (vgl. 2 Kor 6,4). Da die "Zeichen des Apostels“ unter den Korinthern gewirkt wurden, wäre im Hinblick auf die Verbreitung des Evangeliums in Korinth zu schließen, dass sie auch hier unter Leiden und Bedrängnissen vor sich ging. Dass sich das Evangelium unter diesen Umständen in Korinth durchgesetzt hat, wäre dann durchaus ein Wunder.

 

Weiterführende Literatur: H.-G. Sundermann 1996, 189-191 zu den "Zeichen“: Die von den Gegnern aufgestachelte Gemeinde habe von Paulus Evidenzbeweise seiner apostolischen Autorität verlangt, doch Paulus verweise sie, das Verständnis der "Zeichen“ radikal umdeutend, auf die drei Beweisgänge seiner "probatio“ (11,16-12,18).

 

H. K. Nielsen 1980, 137-158 definiert den Begriff "Kreuzestheologie“ als Verwirklichung der Christuszugehörigkeit allein in Schwachheit; dem Gekreuzigten nachfolgen sei also eine Nachfolge in der Sphäre Gottes. H. K. Nielsen geht der Frage nach, inwieweit die so definierte Kreuzestheologie eine haltbare Deutung der paulinischen Auffassung ist. Verhält es sich wirklich so, dass Gottes Macht und Herrlichkeit allein im Leiden und in den Bedrängnissen unter dem Vorzeichen des Kreuzes zum Ausdruck kommen? Um diese Frage zu beantworten, untersucht H. K. Nielsen Paulus’ Verwendung des Begriffs "dynamis“ ("Macht/Kraft“). Zu 2 Kor 12,12 merkt H. K. Nielsen auf S. 152-154 an, dass der Vers nicht eine Charakteristik des Aposteldienstes sei, die Paulus nur unter dem Zwang der Verhältnisse abgegeben hat. Und hinsichtlich des Verständnisses der Machttaten scheine ihm der Unterschied zwischen der Auffassung des Apostels und der seiner Gegner nicht der zu sein, dass nur die Gegner die Machttaten als eschatologische Manifestationen (Revelationen des anderen Äons) verstanden haben. Der Unterschied sei ein anderer und zwar der, dass die machtvollen Manifestationen der "Macht/Kraft“ Gottes, die schon jetzt zu erleben seien, sich nach der Auffassung des Apostels in einer Welt verwirklichen, die noch von Bedrängnissen, Leiden und Schwachheit gekennzeichnet ist.

 

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V. 13

 

Beobachtungen: Es gibt keinen Grund, den "Überaposteln“ den Vorzug zu geben, denn Paulus hat hinter diesen in nichts zurückgestanden und hat die "Zeichen des Apostels“ gewirkt. Worin ist die korinthische Gemeinde gegenüber den anderen also zu kurz gekommen? Paulus fällt nur seine Verweigerung der Annahme von Unterhaltszahlungen seitens der Korinther ein. Nehmen die Korinther die Verweigerung möglicherweise übel und interpretieren sie als ein Zeichen von geringer Liebe ihrer Gemeinde gegenüber, so bewertet Paulus sie völlig anders, und zwar dahin gehend, dass er den Korinthern nicht zur Last fallen wollte (vgl. 2 Kor 11,7-11). Für die Interpretation seitens der Korinther hat Paulus nur Ironie übrig: Sie sollen ihm das (angebliche) "Unrecht“ verzeihen.

 

Weiterführende Literatur: Zur Ironie bei Paulus siehe J. A. Loubser 1992, 507-521.

 

 

Literaturübersicht

 

Aejmelaeus, Lars; Schwachheit als Waffe. Die Argumentation des Paulus im Tränenbrief (2. Kor. 10-13) (SESJ 78), Helsinki - Göttingen 2000

Loubser, J. A.; A New Look at Paradox and Irony in 2 Corinthians 10-13, Neotest. 26/2 (1992), 507-521

Mitchell, Margaret M; A Patristic Perspective on Pauline periautologia, NTS 47/3 (2001), 354-371

Nielsen, Helge Kjaer; Paulus Verwendung des Begriffes Dunamis. Eine Replik zur Kreuzestheologie, in: S. Pedersen [Hrsg.], Die paulinische Literatur und Theologie (TeolSt 7), Arhus 1980, 137-158

Sundermann, Hans-Georg; Der schwache Apostel und die Kraft der Rede. Eine rhetorische Analyse von 2 Kor 10-13 (EHS R. XXIII; 575), Frankfurt 1996

Trakatellis, Demetrios; Power in Weakness − Exegesis of 2 Cor 12,1-13, in. E. Lohse [Hrsg.], Verteidigung und Begründung des apostolischen Amtes (2 Kor 10-13) (Monographische Reihe von "Benedictina“, Biblisch-Ökumenische Abteilung; 11), Rom 1992, 65-86