Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Zweiter Korintherbrief

Der zweite Brief des Paulus an die Korinther

2 Kor 4,7-15

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

2 Kor 4,7-15

 

 

Übersetzung

 

2 Kor 4,7-15:7 Wir haben aber diesen Schatz in Tongefäßen, damit das Übermaß der Kraft von (dem) Gott sei und nicht aus uns. 8 In allem sind wir bedrängt, aber nicht erdrückt, ratlos, aber nicht verzweifelt, 9 verfolgt, aber nicht verlassen, niedergeworfen, aber nicht vernichtet. 10 Allezeit tragen wir das Sterben Jesu am Leib herum, damit auch das Leben Jesu an unserm Leib offenbar werde. 11 Denn immer werden wir, die Lebenden, um Jesu willen in den Tod übergeben, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar werde. 12 Daher ist der Tod an uns wirksam, das Leben aber an euch. 13 Da wir aber denselben Geist des Glaubens haben entsprechend dem Schriftwort: "Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet“, glauben auch wir, deshalb reden wir auch, 14 wissend, dass der, welcher den Herrn Jesus auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken und mit euch vor sich stellen wird. 15 Denn das alles [geschieht] um euretwillen, damit die Gnade dadurch, dass sie durch möglichst viele [Gläubige] ihre größte Fülle erhält, die Danksagung überreich mache zur Ehre (des) Gottes.

 

 

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V. 7

 

Beobachtungen: Paulus bezeichnet das leuchtende Evangelium von der Herrlichkeit Christi, von dem er im Vorhergehenden gesprochen hat, als einen "Schatz“. Ein "Schatz“ ist sowohl wertvoll als auch prächtig und glänzend.

 

Im Gegensatz dazu stehen die "Tongefäße“, womit Paulus seine Person und diejenige des Timotheus und vielleicht auch weiterer Mitarbeiter meint. Ihre Leiber sind "Gefäße“, die aus Erde geschaffen sind (vgl. Gen 2,7; 1 Kor 15,47). Ton ist ein Material, das keinen besonderen Wert besitzt und zerbrechlich ist. So zerbrechlich und wertlos wie Ton sind auch Paulus, Timotheus und die anderen Mitarbeiter bei der Verkündigung.

 

Wenn die Verkündiger auch zerbrechlich, d. h. schwach, und wertlos, d. h. unbedeutend, sind, so gilt dies doch nicht für das verkündete Evangelium. Die Kraft - gemäß Paulus handelt es sich gar um ein Übermaß der Kraft - stammt jedoch nicht von den Predigern, sondern von Gott. Die Schwäche der Prediger bewirkt, dass dies besonders deutlich wird. Würden Paulus und Timotheus (und die anderen Mitarbeiter) persönliche Stärke zur Schau tragen, wie es wohl den Vorstellungen mancher korinthischer Gemeindeglieder entspräche, dann würde der Eindruck aufkommen, das Übermaß der Kraft des Evangeliums käme aus Menschen heraus und nicht von Gott.

 

Weiterführende Literatur: W. Avram 2001, 70-73 liest 4,1-18 unter dem Gesichtspunkt, wie Paulus den Adressaten seine Autorität und Glaubwürdigkeit plausibel macht.

 

C. K. Stockhausen 1993, 143-164 befasst sich mit den Prinzipien der paulinischen Auslegung in 2 Kor 3-4 und zeigt anhand des Galaterbriefes, dass die paulinische Vorgehensweise im Zweiten Korintherbrief keinesfalls singulär sei. Die fünf wesentlichen exegetischen Vorgehensweisen seien: a) die Tora stellt die Grundlage der Auslegung dar; b) die Aktualisierung der Tora geschehe mittels prophetischer und gelegentlich auch mittels weisheitlicher Texte; c) die Ortung und Lösung von Widersprüchen und schwer miteinander vereinbaren Aussagen der Tora; d) Beachtung des Zusammenhangs der zitierten Passagen; e) Aktualisierung der Aussagen nach Art eines Peschers.

 

R. Quiroga 2008, 21-42 sieht in 2 Kor 4,1-5,10 Ähnlichkeiten mit Gen 1-3. So seien Begrifflichkeit und sprachliche Wendungen ähnlich; Bilder, Motive und "Bühnenbild“ würden wiederholt. In 2 Kor 4,7-15 seien folgende Ähnlichkeiten auszumachen: 2 Kor 4,7 // Gen 2,7; 3,14.19; Ijob 10,9. 2 Kor 4,8-12 // Gen 2,17; 3,3-4. 2 Kor 4,13-15 // Gen 1,2; 3,24.

 

P. J. Gräbe 2000, 86-119 vertritt die Ansicht, dass zwischen 2 Kor 3,4-4,6 und 4,7-5,10 zwar eine enge Beziehung bestehe, es sich jedoch um zwei getrennte Perikopen handele.

 

J. A. du Rand 1999, 340-353 vertritt hinsichtlich 4,7-5,10 die Ansicht, dass Paulus’ Anthropologie nur im Lichte seiner Eschatologie zu verstehen sei und umgekehrt.

 

E. Gräßer 2000, 300-316 hat die existenziale Interpretation (im Sinne von R. Bultmann) im Zweiten Korintherbrief zum Thema. Neben anderen Texten in diesem Brief sei es vor allem der Abschnitt 4,7-11, der den Glauben als diejenige Kraft bezeugt, welche die Paradoxie der christlichen Existenz zu ertragen möglich macht. Das neue Leben, das uns durch den Geist geschenkt ist, erscheine nämlich in der Gegenwart gar nicht als Leben, sondern − so formuliere R. Bultmann − als "gesteigerter Tod“.

 

Laut W. C. Vergeer 2008, 253-280 verstünden Übersetzungen und Bibelkommentare das Bild von den Tongefäßen als eine abfällige Selbstcharakterisierung, die gebraucht werde, um die Zerbrechlichkeit, Gewöhnlichkeit, Wertlosigkeit und Entbehrlichkeit derer, die dienen, auszudrücken. Allgemein werde angenommen, dass die Zerbrechlichkeit der Tongefäße in paradoxer Weise die alles überragende Kraft Gottes unterstreiche. W. C. Vergeer untersucht die Struktur des Gedankengangs sowie die syntaktische, grammatische und sozialgeschichtliche Grundlage dieser Deutung von 2 Kor 4,7. Dabei kommt er zu einem abweichenden Ergebnis: Das Bild von den Tongefäßen sollte eher in komplementärer als in paradoxaler Weise verstanden werden: Es seien wohl bemerkenswert haltbare und brauchbare Tongefäße im Blick, konkret hartgebrannte, haltbare Transportamphoren.

L. M. Bridges 1989, 391-396 erklärt das Bild von den "Tongefäßen“, wobei sie den gesamten Abschnitt 4,7-15 als dessen Erklärung versteht: Nicht unsere eigene, sondern Gottes außergewöhnliche Kraft solle deutlich werden. Das Leben Jesu solle sich deutlich in unserem (sterblichen) Fleisch zeigen. Die Gnade solle durch möglichst viele Menschen größtmögliche Fülle erhalten und überreiche Danksagung zur Ehre Gottes bewirken.

A. C. Thompson 1997, 455-460 merkt an, dass seitens der Ausleger verschiedene Hintergründe für das Bild von den "Tongefäßen“ angenommen worden seien: a) das prophetische Bild von der Menschheit als Tongefäß (vgl. Jes 30,14; Jer 18,6; 19,11); b) die hellenistische Vorstellung vom Leib als Behälter der Seele; c) die gängige antike Sitte, wertvolle Gegenstände in wertlosen Tongefäßen zu verstecken; d) die Vorstellung in Sifre Dtn 48, dass die Worte der Tora nur von jemandem bewahrt werden könnten, der sich selbst für gering hält; e) die antiken Tonlämpchen, zu denen die vorhergehende (vgl. V. 6) Erwähnung des Lichts passe. A. C. Thompson verweist darüber hinaus auch auf die Schaffung des Menschen aus Ackerboden (vgl. Gen 2,7). Er betont einerseits den Kontrast zwischen dem wertlosen Behältnis und dem wertvollen Inhalt, andererseits aber auch die mit dem Bild verbundene Ironie.

P. B. Duff 1991, 158-165 vertritt die Ansicht, dass Paulus in 2 Kor 2,14-6,13; 7,2-4 Bilder aus der Welt der griechisch-römischen Epiphanie-Prozessionen benutze. So seien in diesen Prozessionen Gefäße mitgeführt worden, die Manifestationen der wohltätigen Handlung der jeweiligen Gottheit enthielten. Beispielsweise hätten Getreidekörner samt einem Mörser und Stößel die Gegenwart der Göttin Demeter symbolisiert, deren Wirken man die Versorgung der Menschen mit Getreide zuschrieb. Paulus bezeichne sich als Tongefäß. Die Wertlosigkeit des Materials weise darauf hin, dass es nicht auf das Gefäß, sondern auf den Inhalt, den "Schatz“, ankommt. Der "Schatz“ bekunde die Kraft Gottes. In den Prozessionen gehe es jedoch nicht nur um wohltätiges Tun der jeweiligen Gottheit, sondern auch um ihre rettende Macht. Die zentrale Heilstat des Christentums sei der stellvertretende Sündentod Jesu Christi am Kreuz gewesen. Daher nenne Paulus in V. 10 als weitere Metapher das Herumtragen von Jesu Sterben am eigenen Leibe.

 

H. K. Nielsen 1980, 137-158 definiert den Begriff "Kreuzestheologie“ als Verwirklichung der Christuszugehörigkeit allein in Schwachheit; dem Gekreuzigten nachfolgen sei also eine Nachfolge in der Sphäre Gottes. H. K. Nielsen geht der Frage nach, inwieweit die so definierte Kreuzestheologie eine haltbare Deutung der paulinischen Auffassung ist. Verhält es sich wirklich so, dass Gottes Macht und Herrlichkeit allein im Leiden und in den Bedrängnissen unter dem Vorzeichen des Kreuzes zum Ausdruck kommen? Um diese Frage zu beantworten, untersucht H. K. Nielsen Paulus’ Verwendung des Begriffs "dynamis“ ("Macht/Kraft“). Zu 4,7-12 merkt er auf S. 150-151 an: Es bestehe keine Identität zwischen "astheneia“ ("Schwäche“) und "dynamis“ ("Macht/Kraft“), sondern 4,7-12 bestätige, dass das Leben des Apostels sowohl von Schwachheit als auch von Macht gekennzeichnet ist.

 

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V. 8

 

Beobachtungen: Die Schwäche und Unbedeutsamkeit der eigenen Person verdeutlicht Paulus mittels eines Peristasenkataloges ("peristasis“ = schwierige Lage; Notlage). Aus ihm geht hervor, dass der Aposteldienst mit allerlei Bedrohungen verbunden ist: er ist bedrängt, ratlos, verfolgt, niedergeworfen. Diese Bedrohungen machen Paulus jedoch nicht zunichte. Dies unterstreicht Paulus mittels vier Partizipienpaaren: Das erste Partizip jedes Paares macht die Gefährdungen deutlich, das zweite ihr Durchstehen.

Die Gefahren betreffen nicht nur einen Teil des Aposteldaseins, sondern die Gesamtheit.

 

Als Apostel sieht sich Paulus großer Bedrängnis, großem Druck ausgesetzt, wird dadurch jedoch nicht erdrückt.

 

Die große Bedrängnis bewirkt Ratlosigkeit. In ihr verliert Paulus jedoch nicht die Hoffnung, er verzweifelt nicht. Dieses Partizipienpaar stellt ein Wortspiel mit zwei ähnlich lautenden Partizipien, "aporoumenoi“ ("wir sind ratlos“) und "(ouk) exaporoumenoi“ ("wir verzweifeln [nicht])“, dar.

 

Weiterführende Literatur: M. Ebner 1991, 196-242 geht auf den großen Rahmen von 4,7-12 ein, analysiert diese Einheit und insbesondere V. 8-9, wertet die Befunde aus und ordnet die Antithesen zu. Schließlich legt er noch die theologischen Linien dar.

 

J. T. Fitzgerald 1988, merkt an, dass Paulus seine Eignung für das Apostolat insbesondere in Bezug auf die Bedrängnisse, die sein Apostolat mit sich bringt, sehe. Unter diesem Gesichtspunkt geht er auf S. 166-179 auf 4,7-12 samt dem Peristasenkatalog ein. Zu den Verfolgungsleiden in der apostolischen Existenz des Paulus siehe auch C. Wolff 1988, 189-192.

R. Hodgson 1983, 59-80 versucht den religionsgeschichtlichen Hintergrund der paulinischen Peristasenkataloge eingehender darzulegen als es bisher geschehen ist. Die verbreitetste These sei, dass die Listen stoischer und jüdisch-apokalyptischer Art seien.. R. Hodgson dagegen meint, dass die Peristasenkataloge auf eine verbreitete literarische Konvention des 1. Jhs. zurückgingen, derer sich auch der hellenistisch-jüdische Geschichtsschreiber Josephus, der pharisäische Judaismus der Mischna und der frühe Gnostizismus (vgl. Nag Hammadi − Schriften) bedient hätten.

 

S. R. Garrett 1990, 99-117 geht der Frage nach, ob Paulus’ Schilderung seiner Bedrängnis und Duldsamkeit eher auf einem hellenistischen oder eher auf einem jüdischen philosophischen Hintergrund basiert. Ergebnis: Der Einfluss hellenistischer Popularphilosophie könne nicht geleugnet werden. Ebenso sei aber auch mit der dualistischen Unterscheidung der Autoritäten, denen Paulus und seine Gegner unterstellt sind, ein jüdisch-apokalyptischer Aspekt festzustellen. Paulus sehe seine Gegner als Gefangene des Vergänglichen und des Gottes dieser Weltzeit. Der Apostel sehe sich in einen Kampf zwischen Finsternis und Licht verwickelt.

P. Serra Zanetti 1995, 111-117 untersucht, inwiefern 2 Kor 4,8b auf Ps 87,16LXX (= 88,16) basiert. Das Verb "exaporeô/exaporeomai“ finde sich in der Septuaginta (LXX) nur in Ps 87,16LXX. P. Serra Zanetti geht davon aus, dass Paulus den Vers im Hinterkopf gehabt habe, ohne ihn zu zitieren.

 

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V. 9

 

Beobachtungen: Paulus wird zwar verfolgt, er ist jedoch nicht verlassen - Gott bzw. Jesus Christus steht ihm bei.

 

Er wird niedergeworfen, aber nicht vernichtet. Dieses Partizipienpaar ist der Welt des Ringkampfes und Kampfes im Krieg entnommen: Beim Ringen wird man zu Boden geworfen, im Krieg von der Waffe niedergestreckt. Es überlebt nur, wer wie Paulus wieder aufsteht.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 10

 

Beobachtungen: Der apostolische Dienst und die Nachfolge Christi beschränken sich nicht nur auf Worte, sondern betreffen ganzheitlich die gesamte Existenz, und zwar allezeit. Paulus hat Anteil am Sterben - der griechische Begriff "nekrôsis“ kann sowohl den Vorgang des Sterbens als auch dessen Ergebnis, den Zustand des Totseins meinen - und Leben Jesu, was über ein Sterben wie oder für Jesus Christus und über ein Leben wie Jesus Christus hinausgeht. Wo sich Paulus auch immer aufhält, da verkündigt er nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit seinem geschundenen Körper: "Jesus Christus hat gelitten und ist gekreuzigt worden.“ Und: "Jesus Christus hat jedoch Leid und Tod überwunden und ist von Gott auferweckt worden.“

 

Weiterführende Literatur: F. J. Matera 2002, 387-405 versucht zu zeigen, wie Paulus’ Verständnis der Auferstehung in 4,7-5,10 die Verteidigung dessen apostolischen Dienstes in 2,4-7,4 stärkt. Zu diesem Zweck diskutiert er den literarischen Kontext und den roten Faden des paulinischen Gedankengangs in dieser größeren Einheit. Danach zeigt er, welchem Zweck Paulus’ Verständnis der Auferstehung in 4,7-5,10 in der Darstellung des apostolischen Dienstes dient. Abschließend bietet F. J. Matera eine kurze Schlussfolgerung im Hinblick auf Paulus’ Verständnis der Auferstehung im Lichte des apostolischen Dienstes.

 

Exegetische Überlegungen zur Bedeutungslosigkeit des Lebens und zum Leid unter Gesichtspunkten der Mission bietet M. J. Cartledge 1993, 472-483.

 

M. Carrez 1988, 155-161 geht der Frage nach, ob die beiden Verweise auf das "Leben Jesu“ in V. 10-11 die gleiche Bedeutung haben. Er arbeitet heraus, dass Paulus die apostolische Situation in V. 10 und V. 11 auf zweierlei Weise in den Blick nehme: In V. 10 spiele er auf die lebensbedrohlichen Ereignisse in Ephesus (vgl. 1 Kor 15,32; 2 Kor 1,8-11) an, die seine eigene Existenz als eine Art apostolischer Selbstentäußerung erscheinen ließen, die wiederum den Korinthern die Erniedrigung und Erhöhung Jesu Christi verdeutliche. V. 11 betone gegenüber korinthischen Gegnern, die die historische Realität Jesu leugnen, die volle Teilnahme Jesu Christi an den menschlichen Daseinsbedingungen, weshalb Paulus die Bezeichnung "Jesus“ statt "Christus“ benutze. Paulus verstehe den Tod und die Auferstehung Jesu als Einheit. Zur Bezeichnung "Jesus“ siehe auch M. Bouttier 1987, 46-48 im Rahmen seiner Ausführungen zu 2 Kor 4,7-18.

 

J. Murphy-O’Connor 1988, 545-546 unterscheidet drei Bedeutungen von "Leben“ in den paulinischen Briefen: a) der physische Sinn des täglichen Lebens (vgl. 1 Thess 4,15; Phil 1,20); b) der eschatologische Sinn (vgl. 1 Kor 15,22; Phil 4,3; 2 Kor 5,4); c) der existenzielle Sinn des wahren Lebens der vom Tod der Sünde Befreiten (vgl. Röm 6,13). In 2 Kor 4,10-11 sei bezüglich des Lebens Jesu der existenzielle Sinn anzunehmen: der irdische Jesus habe Gott geliebt und für ihn allein gelebt.

J. Schröter 1996, 679-692 befasst sich mit der Rolle des Apostolates für das Verständnis der Theologie des Paulus. Er vertritt die These, der paulinische Apostolat erhalte seine Relevanz daher, dass er als ein dem Christusgeschehen analoger Bestandteil seiner Auffassung von der Erlösung integriert ist.

 

J. Heath 2009, 271-284 befasst sich mit Paulus als Bild Christi und mit der Frage, wie sich durch diese Paulusvorstellung das Verhältnis der Menschen zu Gott gestaltete (> "iconographic approach“). Sie vertritt die These, dass die philosophischen Kategorien, die in der byzantinischen ikonoklastischen Kontroverse hinsichtlich des Nachdenkens über das Bild Christi formuliert wurden, hilfreich für das Verständnis von 2 Kor 4,7-12 seien. Es habe einen jüdisch-hellenistischen und frühchristlichen Topos gegeben, wonach das Leben heiliger Menschen als Kunstwerk zu verstehen sei, sei es als Bild, sei es als Pendant zu heidnischen Götzenbildern. Paulus rufe dies in Erinnerung, indem er sich den Zuschauern als Bild Christi, des Bildes Gottes, und paradoxerweise als von den Kennzeichen eines leblosen Götzenbildes gezeichnet präsentiere. In Korinth hätten ihn die Christen als Bild Christi betrachtet, seine Kritiker dagegen als lebloses Götzenbild. Auch wenn sich die Vorstellungen von Bild und Götzenbild erst in den folgenden Jahrhunderten herauskristallisiert hätten, seien sie für das Verständnis des Paulusbildes dennoch relevant.

 

J. Lambrecht 1984, 18-26 fragt, wie wir uns Jesus Christus als Verherrlichten vorstellen können. Er zieht ausgewählte Stellen des NT heran und kommt zu folgendem Ergebnis: Es handele sich um eine aktive Königsherrschaft mit dem Ziel, alle feindlichen Mächte zu unterwerfen, wobei die letzte Macht der Tod sei. Christus investiere seine königliche Macht in Menschen, tue nichts ohne sie.

 

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V. 11

 

Beobachtungen: V. 11 erläutert V. 10. Dabei fällt auf, dass die Begriffe "Tod“ und "Leben“ doppel- bzw. mehrdeutig sind: Der "Tod“, in den die "Lebenden“ übergeben werden, kann sowohl der Tod im eigentlichen als auch im übertragenen Sinne meinen. Wenn ein Missionar wegen seines Glaubens einen Tod im eigentlichen Sinne erleidet, dann ist er ein Märtyrer. Im Hinblick auf seine eigene Person hat Paulus aber eher den Tod im übertragenen Sinn im Blick: So hat er in der Provinz Asien (Asia) eine Todesgefahr erlebt, die ihn am Überleben zweifeln ließ. Aus dieser Todesgefahr konnte ihn nur Gott, der die Toten auferweckt, befreien (vgl. 2 Kor 1,9). Paulus hat die Todesgefahr also als regelrechten Tod erlebt, aus dem er von Gott auferweckt wurde.

Dementsprechend kann auch der Begriff "Leben“ im wörtlichen oder übertragenen Sinn gemeint sein. Zunächst einmal meint er nichts weiter, als dass ein Mensch lebt, also geboren und noch nicht gestorben ist. Insofern ist Paulus - wie auch Timotheus und die anderen Mitarbeiter - ein Lebender. Im übertragenen Sinn ist "Leben“ entweder als Überwindung einer Todesgefahr oder als Überwindung des Todes zu deuten. Wenn Paulus vom "Leben Jesu“ spricht, so kann er Jesu irdisches Leben oder auch Jesu Auferweckung und ewiges Leben im Blick haben. Für V. 10 gilt wohl eher letzteres.

 

Die Formulierung "sterbliches Fleisch“ kennzeichnet den menschlichen Körper als Leid, Sterben und Tod unterworfen.

 

Weiterführende Literatur: F. Wilk 1998, 302-303 meint, dass Paulus in V. 11a vermutlich eine Wendung aus Jes 53,12aLXX aufgreife. Nach 2 Kor 4,10 und zugehörigem Umfeld sehe der Apostel in Jes 53,12aLXX − gelesen im Zusammenhang zumal mit Jes 52,13-53,1.11LXX − das auch an ihm selbst zur Darstellung kommende Leiden Jesu in seiner unheilvollen Bedeutung und seiner gegensätzlichen Wahrnehmung bei Gläubigen und Ungläubigen angekündigt.

 

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V. 12

 

Beobachtungen: V. 12, die Schlussfolgerung aus den beiden vorhergehenden Versen, besagt streng genommen, dass sich nur der Tod an Paulus, Timotheus und möglicherweise auch den anderen Missionaren als wirksam erweist, nicht jedoch das Leben. Im Gegensatz dazu ist an den korinthischen Gemeindegliedern nur das Leben wirksam. Nähme man den wahren Wortlaut für bare Münze, so würde dies bedeuten, dass Paulus und seine Mitarbeiter unentwegt Todesgefahren erleiden, aus diesen jedoch nicht gerettet werden und somit (im eigentlichen Sinne des Wortes) sterben müssen. Auf eine Auferweckung von den Toten könnten sie nicht hoffen, weil das Leben sich an ihnen nicht wirksam erweist. Die korinthischen Gemeindeglieder dagegen hätten keine Todesgefahren zu fürchten und könnten auf die Auferstehung nach dem Tode hoffen. Eine solche Interpretation ist schon deswegen absurd, weil Paulus eben noch geschrieben hat, dass sowohl der Tod als auch das Leben Jesu an seinem und seiner Mitarbeiter Leib offenbar wird. Nun stellt sich die Frage, wie denn sonst der Wortlaut von V. 12 zu verstehen ist, wenn nicht streng wörtlich.

Am ehesten ist anzunehmen, dass Paulus polarisiert, um einerseits den Charakter seines Aposteldienstes, andererseits die Wirkung an den Empfängern des Evangeliums zu betonen. Demnach ist der Aposteldienst von Leid und Tod geprägt; die korinthischen Gemeindeglieder dagegen haben mit dem Evangelium und der Bekehrung zu Christus das Leben empfangen. An (oder: in) Paulus ist folglich der Tod wirksam, an (oder: in) den korinthischen Gemeindegliedern dagegen das Leben.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 13

 

Beobachtungen: Die V. 13-15 legen dar, was der Antrieb, der zentrale Inhalt und das Ziel der Verkündigung ist.

 

Der Antrieb ist das Wirken des Geistes, des "Geistes des Glaubens“. Fraglich ist, wie der Genitiv zu interpretieren ist. Aus V. 13 geht hervor, dass der Glaube den "Geist des Glaubens“ voraussetzt. Daher kann man nicht umgekehrt die Formulierung "Geist des Glaubens“ so deuten, dass der "Geist des Glaubens“ und sein Wirken vom Glauben ausgehe (Genitivus subiectivus). Am wahrscheinlichsten ist, dass der Genitiv das Substantiv näher bestimmt: Es ist ein Geist, der Glauben bewirkt.

 

Derselbe "Geist des Glaubens“, den Paulus (samt Mitarbeitern) hat, ist auch einem anderen oder mehreren anderen Menschen eigen. In Frage kommen die korinthischen Gemeindeglieder oder die Person, von der die Aussage des Zitats stammt. Da in den vorhergehenden Abschnitten der Geist kein Thema ist, jedoch ein enger Zusammenhang mit dem Zitat besteht, ist wahrscheinlicher, dass Paulus (samt Mitarbeitern) denselben Geist wie die Person hat, von der die Aussage des Zitats stammt.

 

Das Zitat ist als "Geschriebenes“, als "Schriftwort“ gekennzeichnet. Woher das "Geschriebene“ entnommen ist, merkt Paulus nicht an. Es dürfte sich aber um ein Zitat aus den biblischen Schriften handeln, wahrscheinlich aus Ps 115,10LXX (= 116,10). In dem Psalm dankt ein Gläubiger für die Errettung aus Todesnot, wie auch Paulus zu Beginn des Zweiten Korintherbriefes (vgl. 1,3-11) dafür dankt.

 

Das Zitat dient wahrscheinlich dem Zweck, den engen Zusammenhang zwischen dem Besitz des "Geistes des Glaubens“, dem Glauben und der Verkündigung herauszustellen: Der "Geist des Glaubens“ ist Voraussetzung für den Glauben, der wiederum zur Verkündigung treibt. Sein eigenes verkündigendes Reden setzt Paulus mit dem Reden der Person gleich, von der die Aussage des Schriftzitats stammt. So erhält sein Verkündigungsdienst eine biblische Grundlage. Dass es Paulus darüber hinaus auch darum geht, seine eigene Lebenssituation mit derjenigen gleichzustellen, wie sie im Psalm geäußert wird, ist eher unwahrscheinlich, weil weitere Bezugnahmen auf den Psalm fehlen.

 

Weiterführende Literatur: G. Dautzenberg 1987, 75-104 geht auf folgende Punkte ein: die Stellung des Abschnitts 2 Kor 4,13-5,10 in 2 Kor 1-8 und sein literarischer Charakter; Exegese einzelner Passagen in 2 Kor 4,7-5,10.

 

Gemäß J. Murphy-O’Connor 1988, 543-550 sei "Geist des Vertrauens (oder: Glaubens)“ nicht − wie oftmals angenommen - im Sinne des starken, andauernden Glaubens zu verstehen, sondern im Sinne von "Geist, der Vertrauen (oder: Glaube) ist“.

 

G. Vanoni 1998, 511-535 macht zunächst Anmerkungen zur Verwendung von Bibelzitaten in der theologischen Argumentation. Den Ausgangspunkt bildet der Umgang des Paulus mit seiner Bibel. Dann vergleicht er 2 Kor 4,13 (samt Kontext) und Ps 116,10-19 (= Ps 115,10-19LXX). G. Vanoni geht es dabei um die "Rückbindung“ der christlichen Theologie "an Israel“. Schließlich macht er sich zur "Schrift zwischen Geist und Buchstabe“ Gedanken, wägt ab und fragt, wie die Gewichte zu setzen sind und was zu tun ist, damit die Waage auf keiner Seite ausschlägt.

 

K. Schenck 2008, 524-537 legt zunächst die gängige Deutung von V. 13 dar: Paulus lese zunächst Ps 115,1 in der Septuaginta (LXX) und sehe eine Ähnlichkeit zwischen den Kämpfen seiner eigenen Mission und denen des Psalmisten. So wie der Psalmist Vertrauen darin hatte, dass Gott ihn von den Schwierigkeiten erretten werde, habe auch Paulus das Vertrauen, dass Gott ihn und alle Verstorbenen eines Tages in Christus von den Toten auferwecken werde. Paulus begründe sein Vertrauen damit, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat. K. Schenck hält diese Deutung für nicht überzeugend. So spreche der Psalmist beispielsweise nicht von Auferweckung, sondern nur von der Befreiung von einem Prozess. Überzeugender sei folgende Deutung: Paulus lese den Psalm und erkenne, dass Jesus das Vertrauen hatte, dass Gott ihn von den Toten auferwecken werde. Paulus habe gleichfalls das Vertrauen, dass Gott ihn und die Verstorbenen in Christus eines Tages von den Toten auferwecken werde, denn der Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat, werde auch ihn und die Verstorbenen auferwecken.

Laut T. D. Stegman 2007, 725-745 lege Paulus das Schriftwort Jesus in den Mund. Dabei sei der gesamte Inhalt der Psalmen 114LXX und 115LLX im Blick. Paulus sehe seinen eigenen leid-, liebe- und hingebungsvollen Dienst zugunsten anderer Menschen im Lichte des Jesusgeschehens. Das Verb "episteusa“ sei nicht mit "ich habe geglaubt“, sondern mit "ich bin treu gewesen“ zu übersetzen. So wie Jesus Gott und dessen Willen treu und gehorsam gewesen ist, sei auch Paulus es. Die Rede beziehe sich nicht nur auf mündliche Rede, sondern auf den gesamten Dienst des Paulus, gerade auch den Korinthern gegenüber. J. Lambrecht 2008, 175-180 kritisiert die methodische Herangehensweise von T. D. Stegman. So sei die christologische Deutung des Schriftwortes auf dem Hintergrund des gesamten Inhaltes der Psalmen 114LXX und 115LLX weit hergeholt. Entgegen T. D. Stegman sei "episteusa“ mit "ich habe geglaubt“, und zwar im atl. Sinne von "ich habe vertraut“, zu übersetzen. Paulus beziehe das Glauben und Vertrauen des Psalmisten auf sein eigenes Glauben und Vertrauen. Das Reden des Psalmisten sei auf die Verkündigung des Paulus zu beziehen. Der ntl. Inhalt des Glaubens und Hoffens folge in V. 14: Die Auferstehung Jesu und Paulus' eigene Auferstehung. Natürlich sei Paulus Gott und dessen Willen gehorsam, nur sei dies hier nicht ausgesagt.

 

J.. Kleemann 2002, 309-321 befasst sich mit den Fragen, welche Bedeutung die Aussage "Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet“ für Paulus hat und was aus ihr im Hinblick auf die Bibelauslegung heute zu folgern ist.

J. Murphy-O’Connor 1988, 543-550 vertritt − gegen die herrschende Meinung - die These, dass sich der "Glaube“ auf Paulus’ Deutung seiner Leiden in 4,7-12 beziehe.

 

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V. 14

 

Beobachtungen: V. 14 nennt den zentralen Inhalt der Verkündigung: Wie Gott den "Herrn“ Jesus auferweckt hat, so wird er auch Paulus, Timotheus und die weiteren Mitarbeiter aufwecken.

 

Es fällt auf, dass Paulus sicher von seiner Auferweckung ausgeht, als ob er nicht mehr daran glaubt, die Wiederkunft Christi noch zu Lebzeiten zu erleben. Dass Paulus diesen Glauben aufgegeben hat, ist jedoch nicht sicher, denn es ist zu bedenken, dass Paulus hier nicht thematisiert, ob er und seine Zeitgenossen noch zu Lebzeiten die Wiederkunft des "Herrn“ erleben werden. Vielmehr ist Paulus daran gelegen, die zentrale Glaubensaussage herauszustellen.

 

Dass Paulus davon ausgeht, dass er "mit Jesus“ auferweckt werden wird, ist sicherlich nicht im zeitlichen Sinne zu verstehen, denn Jesus ist ja schon auferweckt worden. Vielmehr will Paulus wohl den engen Zusammenhang zwischen der Auferweckung Jesu und seiner Auferweckung unterstreichen. Paulus sieht nicht nur sein Aposteldasein zu Lebzeiten als Teilhabe am Sterben und Leben Jesu an, sondern er geht davon aus, dass auch nach dem leiblichen Tod (im eigentlichen Sinne) sein Ergehen demjenigen Jesu entspricht.

 

Die Auferweckung betrifft nicht nur Paulus und seine Mitarbeiter, sondern auch die Adressaten des Briefes. Alle werden sie von Gott vor sich gestellt. Ob man sich darunter die Aufstellung zur Beurteilung im Jüngsten Gericht vorzustellen hat, ist fraglich. Man kann auch an eine Sammlung der auferweckten Gläubigen vor ihrem Gott denken, und zwar im positiven Sinn der Sammlung der Auserwählten, wie sie ähnlich auch bei der Feier eines Gottesdienstes erfolgt. Auf jeden Fall kommen die Ungläubigen nicht in den Blick.

 

Weiterführende Literatur: J. Plevnik 2000, 82-95 sieht 1 Thess 4,14 und 2 Kor 4,13b-14 als enge Parallelen an. Letzterer Text liefere Informationen zum Schicksal der Glaubenden, das in ersterem Text unklar bleibe. Gemäß 2 Kor 4,14 gehe Paulus davon aus, dass Gott ihn durch Jesus Christus auferwecken und vor sich stellen werde. Was in 2 Kor 4,13b-14 konkret zu Paulus Schicksal ausgesagt sei, gelte auch für die anderen Gläubigen. Zwischen der Abfassung beider Passagen habe es keine wesentliche Änderung der Vorstellung des endzeitlichen Szenarios der Wiederkunft Christi gegeben. Paulus gehe weiterhin davon aus, dass einige Gläubige bei der Wiederkunft Christi noch leben werden; auch kenne er noch den Gedanken der Entrückung.

 

Die eschatologische Interpretation der Auferweckung in 2 Kor 4,13-14 wird gewöhnlich mit einer Parallelität der beiden Verse mit 1 Kor 6,14 und Röm 8,11 begründet. J. Murphy-O’Connor 1988, 543-550 stellt diese Interpretation infrage, indem er darlegt, dass eine Parallelität in Wahrheit nicht existiere. So sei in 2 Kor 4,14 nur von der Auferweckung des Paulus die Rede, in den anderen beiden Texten jedoch von der Auferweckung des Paulus und der Korinther. In 2 Kor 4,14 spreche Paulus von "Jesus“, in 1 Kor 6,14 dagegen vom "Herrn“ und in Röm 8,11 von "Christus“. Die Formel "mit Jesus“ ("syn Iêsou“) finde sich nur in 2 Kor 4,14, nicht aber in den anderen beiden Texten. J. Murphy-O’Connor weist darauf hin, dass "Jesus“ immer den irdischen Jesus bezeichne. Die Auferweckung des Paulus sei also nicht eschatologisch, sondern existenziell zu verstehen: Paulus spreche in 2 Kor 4,13-14 von der Hoffnung, von den Leiden und Bedrängnissen seines apostolischen Lebens befreit zu werden. Paulus sehe die ersehnte Ankunft in Korinth als Auferweckung an. Sobald er auferweckt ist, könne er mit den Korinthern vereinigt werden. J. Lambrecht 1994, 122-139 geht ausführlich auf die Argumentation von J. Murphy-O’Connor ein und versucht sie zu widerlegen. In 2 Kor 4,7-15 sei − dies gehe aus 1 Thess 4,13-18 hervor - der Name "Jesus“ nicht mehr auf den irdischen Jesus beschränkt. Die Auferweckung in V. 14b sei eschatologisch zu verstehen, also als zukünftige Auferweckung. Auch K. Romaniuk 1990, 248-252 unterstützt die These von J. Murphy-O’Connor nicht. Zwar sei richtig, dass "Jesus“ gewöhnlich den irdischen Jesus meint, jedoch gebe es Ausnahmen, wie Röm 8,11 und 2 Kor 11,4 zeigten. Das irdische Leben Jesu habe Paulus nicht sonderlich interessiert. Die zwischen 2 Kor 4,14, Röm 8,11 und 1 Kor 6,14 bestehenden Unterschiede besagten nicht, dass wir es nicht mit der gleichen vorpaulinischen katechetischen Formel zu tun haben. Paulus zitiere nicht mechanisch, sondern bearbeite das vorgefundene Material literarisch. In der vorpaulinischen Formel sei wahrscheinlich "Jesus“ das Objekt und zugleich das Instrument des göttlichen Handelns gewesen. Paulus ändere den Titel in "Christus“ oder "Herr“ um, wenn er von dem Auferstandenen spricht. In 2 Kor 4,13-14 habe sich aber wahrscheinlich der Titel "Jesus“ der vorpaulinischen Formel erhalten.

J. Lambrecht 1986, 120-143 wendet sich gegen die These, dass die Auferweckung mit Jesus nicht − wie traditionell angenommen − die (eschatologische) Auferstehung nach dem Tode meine, sondern die ständige Auferweckung im Leben eines jeden Christen ("gegenwärtige Heilserwartung“). Paulus denke gemäß dieser These an das erneuerte Leben der Christen vor dem Tode, was eine Auferstehung nach dem Tode nicht ausschließe. J. Lambrecht vertritt die Ansicht, dass die inhaltliche Parallele und der zeitliche Gegensatz von "egeiras“ (Aorist, also Zeitstufe der Vergangenheit; welcher…auferweckt hat“) und "egerei“ (Futur, also Zeitstufe der Zukunft; "auferwecken wird“) den Sinn der − im metaphorischen Sinne − täglichen Auferstehung nahezu ausschließe.

 

R. Penna 1982, 401-431 diskutiert zunächst einige umstrittene Aspekte des Abschnittes 4,7-5,10, analysiert den Abschnitt dann unter der Überschrift "Die apostolischen Leiden zwischen Glaube und Hoffnung“ und geht danach auf dessen Anthropologie und Eschatologie ein. Die Anthropologie sei auf die körperlichen Aspekte des Menschen fixiert, doch finde sich auch eine übernatürliche Anthropologie, die sich des Wirkens des Geistes bewusst ist (vgl. 4,16; 5,5). Die grundlegende Eschatologie sei weder systematisch noch völlig klar.

 

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V. 15

 

Beobachtungen: Aus V. 15 geht hervor, was das Ziel der Verkündigung ist: die Danksagung soll überreich (gemacht) werden zur Ehre Gottes.

 

Zu diesem Zweck geschieht "das alles“, wobei Paulus vermutlich sein Leiden und seine Verkündigung meint. Dabei hat das missionarische Wirken Dienstcharakter; Nicht um seinetwillen verkündigt Paulus, sondern um der Adressaten willen.

 

Der weitere Satzbau ist undurchsichtig: Zunächst einmal ist unklar, ob das Partizip "pleonasasa“ intransitiv oder transitiv ist. In ersterem Fall wäre "sich mehren“ oder "wachsen“ zu übersetzen, in letzterem Fall "mehren“ oder "wachsen lassen“. Nimmt man an, dass es intransitiv ist, dann soll sich die Gnade selbst mehren, und zwar durch die Bekehrung möglichst vieler Menschen, denen die Gnade aufgrund der Bekehrung zuteil wird. Nimmt man dagegen an, dass das Partizip transitiv zu verstehen ist, dann soll die Danksagung gemehrt werden.

Von der Entscheidung bezüglich der Übersetzung des Partizips "pleonasasa“ hängt die Übersetzung des Verbs "perisseusê“ ab. Auch dieses Verb kann intransitiv oder transitiv sein. In ersterem Fall wäre "überreich werden“ oder "überfließen“ zu übersetzen, in letzterem Fall "überreich machen“ oder "überfließen lassen“. Nimmt man an, dass sich die Gnade selbst mehren soll, das Partizip also intransitiv ist, dann muss das Verb "perisseusê“ transitiv sein. Die Bedeutung wäre: Mittels der Bekehrung möglichst vieler Menschen soll die Gnade selbst möglichst große Fülle erlangen und die Danksagung überreich werden lassen. Einer solchen Deutung von V. 15 folgt die oben gebotene Übersetzung. Geht man dagegen davon aus, dass die Gnade die Danksagung mehren soll, das Partizip also transitiv ist, dann muss das Verb "perisseusê“ intransitiv sein. Die Bedeutung wäre dann: Die Gnade soll durch die Bekehrung möglichst vieler Menschen die Danksagung mehren und selbst überreich werden.

Für welche Deutung man sich auch immer entscheidet, sie läuft auf jeden Fall darauf hinaus, dass alles zu Gottes Ehre geschehen soll.

 

Weiterführende Literatur: Zum Leben des Apostels als Dienst an anderen siehe E. Best 1986, 2-7. Paulus sei Vorbild für christliches Dasein.

 

 

Literaturübersicht

 

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