Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Zweiter Korintherbrief

Der zweite Brief des Paulus an die Korinther

2 Kor 10,12-18

Studieren Sie die Bibel! Hier finden Sie einen Einstieg in die wissenschaftliche Auslegung von Bibeltexten mit Literaturangaben.

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

2 Kor 10,12-18

 

 

Übersetzung

 

2 Kor 10,12-18:12 Wir sind nämlich nicht so vermessen, uns gewissen Leuten zuzurechnen oder uns mit ihnen gleichzustellen, die sich selbst empfehlen; vielmehr erweisen sie, indem sie sich an sich selbst messen und sich mit sich selbst vergleichen, ihren Unverstand. 13 Wir aber werden uns nicht ins Maßlose rühmen, sondern [nur] nach dem Maß des Maßstabs, nach dem uns (der) Gott [das] Maß zugemessen hat, [nämlich dass] wir auch zu euch gelangen [sollten]. 14 Es ist ja nicht so, dass wir uns zu viel anmaßen, als wären wir nicht bis zu euch gelangt; denn wir sind ja tatsächlich mit dem Evangelium Christi bis zu euch gekommen. 15 Wir rühmen uns [also] nicht ins Maßlose fremder Mühen, sondern haben Hoffnung - wenn euer Glaube sich mehrt - unter euch in höchstem Maße nach unserem Maßstab groß gemacht zu werden, 16 um in den jenseits von euch liegenden Gebieten das Evangelium zu verkündigen, [um] uns nicht nach einem fremden Maßstab im Hinblick auf das schon [von anderen] Vollbrachte zu rühmen. 17 Wer sich aber rühmt, der rühme sich des Herrn. 18 Denn nicht der ist bewährt, der sich selbst empfiehlt, sondern der, den der Herr empfiehlt.

 

 

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V. 12

 

Beobachtungen: Aus 2 Kor 10,7-11 ist deutlich geworden, dass der wenig eindrückliche persönliche Auftritt und die klägliche Rede ein Grund dafür sind, dass Paulus’ apostolische Vollmacht angezweifelt wird. Aus verschiedenen Gründen kann sich Paulus nicht einfach an die Erwartungen seiner Gegner anpassen. Ein wesentlicher Grund ist, dass Paulus die Rechtmäßigkeit des Rühmens an ganz bestimmte Voraussetzungen geknüpft sieht. Dabei vergleicht Paulus sein Rühmen mit dem von "gewissen Leuten“ ("tisin“), vermutlich missionarisch tätigen Konkurrenten. Dass diese als Konkurrenten und nicht als Mitarbeiter erscheinen, hängt damit zusammen, dass sich ihre Arbeitsweise - und vielleicht auch ihre Theologie - von derjenigen des Apostels unterscheidet. Es ist gut möglich, dass die "gewissen Leute“ Paulus gegenüber sehr kritisch eingestellt sind. Paulus sieht nun die Gefahr, dass diese Konkurrenten in der korinthischen Gemeinde Einfluss gewinnen und dort seine eigene Position und damit auch sein eigenes Missionswerk gefährden.

 

Paulus stellt zunächst scheinbar die "gewissen Leute“ über sich, indem er sagt, dass er nicht so vermessen ist, sich ihnen zuzurechnen oder gleichzustellen. Paulus stellt die beiden ähnlich lautenden Verben "enkrinai“ ("zurechnen“) und "synkrinai“ ("gleichstellen“) nebeneinander und schafft so ein Wortspiel.

Die scheinbare Höherstellung der "gewissen Leute“ hängt mit deren Selbstempfehlung zusammen. Paulus kritisiert, dass sie ihre Selbstempfehlung an den falschen Maßstäben orientieren: Sie messen sich an sich selbst und vergleichen sich mit sich selbst. Folglich ist der Maßstab rein menschlich und hat mit Jesus Christus bzw. Gott nichts zu tun. Aufgrund des falschen Maßstabs erweisen die "gewissen Leute“ ihren Unverstand. Wer verständig ist, legt an das Rühmen den richtigen Maßstab an.

Der griechische Begriff "kanôn“ ist ein semitisches Lehnwort, das von "qânäh“ (= "Schilfrohr/Messrute/Maßstab“) abgeleitet ist und im Profangriechischen im Sinne von "Norm/Maßstab“ gebraucht wurde (vgl. 4 Makk 7,21; Ios. Ant. 10,49).

 

Die Kritik an dem falschen Maßstab ist nicht mit einer Infragestellung des Wirkens der "gewissen Leute“ im Auftrag Jesu Christi zu verwechseln. Ob diese im Dienste Christi unterwegs sind, wird noch nicht in 10,12-18 thematisiert, sondern erst in 11,21b-29.

 

Weiterführende Literatur: L. Aejmelaeus 2000 kommt in seinem Buch bezüglich der Argumentation des Paulus mit den Begriffen "Schwachheit“ und "Kraft“ zu folgendem Ergebnis: Der Apostel verfolge zwei Ziele: Auf der einen Seite versuche er zu bewirken, dass die korinthischen Gemeindeglieder ihre falschen Auffassungen und Einstellungen von echter christlicher Kraft und Schwachheit verändern. Auf der anderen Seite versuche er sich im "Tränenbrief“ so effektiv wie möglich gegen die gegen ihn gerichtete Kritik zu verteidigen. Seine Ziele versuche Paulus durch drei verschiedene Argumentationsweisen zu erreichen: 1) Paulus drohe den Gemeindegliedern mit zukünftigen Strafmaßnahmen (vgl. 10,1-6; 12,19-13,6). 2) Paulus versuche zu beweisen, dass er bei richtiger Bewertung für "kraftvoll“ gehalten werden sollte (vgl. 10,7-11,15; 12,11-18). 3) Paulus gebe zu, dass er aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet in der Tat "schwach“ gewesen sei, diese Schwachheit ihrer Natur nach jedoch für positiv gehalten werden müsse (vgl. 11,16-12,10; 13,7-10).

 

H.-G. Sundermann 1996, 39-45 äußert sich zum rhetorischen Genus von 11,1-12,18 wie folgt: 11,1-12,18 gebe sich vordergründig als forensische Rede in einem Gerichtsverfahren zu erkennen, auf das sich Paulus − wenn auch zum Schein − in der Rolle des Angeklagten einlasse, der sich vor der richterlichen Instanz der korinthischen Gemeinde zu rechtfertigen suche. Die Gegner bzw. deren Sprecher in der Gemeinde seien in diesem Verfahren als Kläger präsent. In rhetorischen Kategorien sei in diesem Zusammenhang vom "genus turpe“ auszugehen, das denjenigen Partei-Gegenstand kennzeichne, der das Rechtsempfinden (oder: das Wert- und Wahrheitsempfinden) des Publikums schockiert. In der "narratio“ 10,12-18 werde der eigentliche Prozessgegenstand aus der Sicht des Apostels dargestellt; sie münde in die "propositio“ (Ankündigung des Beweisziels), die in 10,17-18 vorliege.

 

C. Forbes 1986, 1-30 befasst sich mit dem Vergleich, dem Selbstruhm und der Ironie in der hellenistischen Rhetorik. Zur Ironie bei Paulus siehe auch J. A. Loubser 1992, 507-521.

 

A. L. Dewey 1985, 209-217 legt dar, dass der Ehre in der Antike herausragende Bedeutung beigemessen worden sei, und auf diesem Hintergrund der Selbstruhm des Paulus zu erklären sei.

 

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V. 13

 

Beobachtungen: Wenn sich die "gewissen Leute“ an sich selbst messen und mit sich selbst vergleichen, können sie auch noch so übertriebenes Rühmen vor sich selbst rechtfertigen. Diese willkürliche Ausdehnung des Maßes ist in Wirklichkeit eine Maßlosigkeit.

Paulus dagegen kann sein Maß nicht willkürlich erweitern, weil sein Maßstab, an dem sich das Rühmen zu orientieren hat, klar definiert ist. Paulus ist an einen göttlichen Auftrag gebunden. In welchem Maße er sich rühmen kann, hängt davon ab, inwieweit er den Auftrag erfüllt (hat). Ein Selbstruhm, der von diesem Auftrag losgelöst ist, kommt für Paulus nicht in Frage.

Laut V. 13 ist der Auftrag klar definiert gewesen: Paulus sollte bis zu den Korinthern gelangen. Damit ist sicherlich verbunden, dass er bei ihnen missionieren und eine Gemeinde gründen sollte. Dass Paulus tatsächlich seine gesamte Missionstätigkeit an diesem Auftrag ausgerichtet hat, ist jedoch nicht anzunehmen. Wahrscheinlicher ist, dass der Apostel nachträglich den Inhalt des Auftrags auf die konkrete gegenwärtige Auseinandersetzung um seine Vollmacht hin formuliert. Aus dem allgemeinen Missionsauftrag wird so der Auftrag, zu den Korinthern zu gelangen. Anhand dieser Konkretisierung kann Paulus nachvollziehbar begründen, warum seine Vollmacht in der korinthischen Gemeinde eigentlich nicht angezweifelt werden dürfte.

 

In den V. 13-16 fällt der abgehackte, unvollständige und auch komplizierte Satzbau auf. Er weist vermutlich darauf hin, dass Paulus emotional erregt ist. Diese Erregung passt nicht recht zu dem eher Gelassenheit und Freude ausstrahlenden Abschnitt 7,5-16. Die Fragwürdigkeit dermaßen großer Gefühlsschwankungen innerhalb eines einzigen Briefes lässt darauf schließen, dass 2 Kor 10,12-18 (und auch der weitere Rahmen 2 Kor 10-13) verfasst wurde, bevor sich das Verhältnis zwischen den Korinthern und Paulus entspannt hat. Die Entspannung ist erst eingetreten, nachdem der von Paulus nach Korinth gesandte Titus frohe Kunde von der dortigen Lage gebracht hat (vgl. 7,5-7). Damit war die Missstimmung, die aufgrund eines unerfreulichen Zwischenfalls bei einem "Zwischenbesuch“ des Paulus in Korinth den Höhepunkt erreicht hatte (vgl. 2,1-11), ausgeräumt.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 14

 

Beobachtungen: V. 14 stellt fest, dass Paulus die Aufgabe erfüllt hat, denn sonst wäre die korinthische Gemeinde von ihm nicht gegründet worden. Wenn Paulus sich ganz konkret der Vollendung der von Gott aufgetragenen Aufgabe rühmt, so ist dies keine Anmaßung.

Man kann aus V. 14 herauslesen, dass Paulus vorgeworfen wurde, sein Rühmen sei anmaßend. Dass es einen solchen Vorwurf gegeben hat, ist jedoch nicht sicher. Die Tatsache, dass laut 10,10 ja anscheinend die stark formulierten Briefe positiv bewertet wurden, sich die Kritik jedoch an dem schwächlichen leiblichen Auftritt und den kläglichen Reden entzündete, legt ihn nicht gerade nahe. Wahrscheinlicher ist, dass Paulus deutlich machen will, dass sein eigenes Rühmen zwar weniger ausgeprägt als das der "gewissen Leute“ ist, aber dafür berechtigt.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 15

 

Beobachtungen: Paulus hat die ihm von Gott gegebene Aufgabe aus eigener Anstrengung erfüllt. Das bedeutet nicht, dass Gottes Wirken für die Erfüllung unerheblich gewesen wäre, sondern ist ein Seitenhieb auf die "gewissen Leute“, die sich "fremder Mühen“ rühmen. Hintergrund dieser Aussage ist wahrscheinlich, dass es sich bei den "gewissen Leuten“ um Prediger handelt, die sich zwar mit - aus Sicht des Paulus - übersteigertem Selbstbewusstsein aufblähen und rühmen, tatsächlich aber nichts zur Mission in der Provinz Achaia und konkret in der Stadt Korinth beigetragen haben. Sie sind gekommen, nachdem Paulus die Gemeindeaufbauarbeit geleistet hat. Paulus dagegen schmückt sich nicht mit fremden Federn.

 

Stattdessen hat er Hoffnung, wobei seine Hoffnung von der Voraussetzung abhängt, dass sich der Glaube der Adressaten mehrt. Wie schon in 10,6 klingt die recht schwache Stellung des Apostels in Korinth an, die ihn an weiteren Taten hindert. Paulus’ Hoffnung ist, dass er nach der Mehrung des Glaubens der Adressaten in höchstem Maße nach seinem (= "unserem“) Maßstab groß gemacht wird. Groß gemacht ist Paulus schon, weil er seinen gottgegebenen Auftrag erfüllt hat und die korinthische Gemeinde gegründet hat. In höchstem Maße groß gemacht wird er dann, wenn er über diesen Auftrag hinaus geht und noch in weiteren Gegenden missioniert. Es stellt sich nur die Frage, vor wem Paulus dann in höchstem Maße groß gemacht wird. Am ehesten ist an Jesus Christus bzw. Gott zu denken, dem allein Paulus ja Rechenschaft schuldig ist (vgl. 1 Kor 4,4; 2 Kor 5,10). Diese Möglichkeit setzt jedoch voraus, dass sich das in V. 15 enthaltene "in/unter euch“ auf "euer Glaube“ bezieht. Die Übersetzung würde dann lauten: "...sondern haben Hoffnung - wenn euer Glaube sich in euch mehrt - in höchstem Maße nach unserem Maßstab groß gemacht zu werden“. Doch was sollte das "in euch“ aussagen? Dass es sich um den Glauben der Korinther handelt, macht schon das Possessivpronomen "euer“ deutlich. Verweist "in/unter euch“ auf die Gemeinschaft, in der der Glaube der Korinther sich mehren soll? Oder ist gemeint, dass der Glaube nicht äußerlich sein soll, sondern (auch) innerlich? Angesichts der Deutungsschwierigkeiten kann man aber "in/unter euch“ auch auf den folgenden Versabschnitt beziehen (vgl. die oben gebotene Übersetzung). In diesem Fall hat Paulus Hoffnung, unter den Adressaten in höchstem Maße nach seinem Maßstab groß gemacht zu werden. Hatte die erste Übersetzung offen gelassen, ob Paulus vor Jesus Christus bzw. Gott oder - was unwahrscheinlicher ist - vor/unter den Korinthern in höchstem Maße groß gemacht wird, so ist der Sachverhalt bei der alternativen Übersetzung eindeutig: Paulus wird unter den Korinthern in höchstem Maße groß gemacht. Hintergrund dieser Aussage wäre, dass die apostolische Vollmacht des Paulus in der korinthischen Gemeinde angezweifelt wird und er daher "klein“ ist. Wenn der Glaube der Korinther sich dagegen mehrt und sich daher seine Stellung in der Gemeinde stärkt, dann wird er, d. h. sein Ansehen, "groß“. Und wenn er dann noch über seinen gottgegebenen Auftrag hinaus missioniert, dann wird er unter den Korinthern in höchstem Maße "groß“.

 

Weiterführende Literatur: J. F. Strange 1983, 167-168 legt dar, dass es kaum Paralleltexte zu 2 Kor 10,13-16 gebe, in denen in ähnlicher Bedeutung das griechische Wort "kanôn“ ("Maßstab“) vorkommt. Am ehesten sei noch der Erste Clemensbrief (41,1) heranzuziehen. Am besten erhelle die Bedeutung von 2 Kor 10,13-16 jedoch eine 1976 entdeckte Inschrift, die in lateinischer und griechischer Sprache in grauen Marmor graviert wurde. Es handele sich dabei um ein Edikt eines Lokalherrschers namens Sotidius, der von Kaiser Augustus ca. 13 n. Chr. zum Statthalter von Galatien ernannt worden war. Das Edikt habe das öffentliche Transportwesen geregelt. So habe Sotidius die Bürger von Sagalassus dazu bringen wollen, ihren Verpflichtungen hinsichtlich der Durchführung von Transporten für römische Beamte nachzukommen. Das Wort, das er für die Bestimmung des Rahmens der in einem bestimmten Gebiet durchzuführenden Transportleistungen benutzt, sei "kanôn“. Von diesem Edikt her sei zu schließen, dass der Begriff "kanôn“ in 2 Kor 10-13 auch geographisch zu verstehen sei: Paulus hat nicht nur bestimmte Dienste zu verrichten, sondern diese haben auch in einem festgelegten Gebiet zu erfolgen.

Anders J. D. M. Derrett 1997, 129-137, der den Text auf dem Hintergrund von 1 Kor 3,10-13 liest: Es sei mit dem Begriff "kanôn“ nicht ein bestimmter (geographischer) Bereich gemeint, sondern der Maßstab, nach dem ein (Tempel-)Bau zu errichten sei. Der Baumeister habe in der Antike angesichts fehlender standardisierter Maße die Aufgabe gehabt, vor dem Bau eines Gebäudes die Maße festzulegen und das Fundament zu legen. Wer auf dem Fundament weiterbauen wollte, habe die vorgegebenen Maße einhalten müssen. Nach diesen Vorgaben habe auch der Gemeindeaufbau seitens des Gemeindegründers und der nachfolgend wirkenden Prediger zu erfolgen; an ihnen sei auch das Wirken des Apostels zu messen, gleich ob er eine Gemeinde gründet oder ob er in einer nicht von ihm selbst gegründeten Gemeinde wirkt.

 

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V. 16

 

Beobachtungen: In V. 16 konkretisiert Paulus seine Planungen: Er hat vor, in den jenseits der korinthischen Gemeinde liegenden Gebieten zu missionieren. Um welche Gebiete es sich genau handelt, sagt er nicht. Da er von Norden bzw. Osten gekommen ist, kann mit "jenseits“ nur der Westen bzw. Süden von Korinth gemeint sein. Folglich kommen der ganze westliche Mittelmeerraum und ganz Afrika als neues Missionsgebiet in Frage. Von der Existenz der Erdteile, die weiter westlich und südlich dieser Gebiete liegen, also Amerika und die Antarktis, weiß Paulus noch nichts. In welchem geographischen Umfang Paulus in den geplanten Missionsgebieten tätig werden will, schreibt er nicht, sodass von der Mission an einem einzigen Ort bis hin zur Mission in allen Orten und Landstrichen alles möglich ist.

 

Paulus will sich nicht nach einem fremden Maßstab, sondern nur nach seinem eigenen Maßstab rühmen. Demnach hatte er selbst etwas zu vollbringen, nämlich nach Korinth zu gelangen und (vermutlich) dort die Gemeinde zu gründen. Hätte jemand anderes diese Aufgabe vollbracht, dann könnte sich Paulus nicht rühmen. Das tun aber anscheinend andere Prediger, die sich nach Paulus Meinung dermaßen selbstbewusst präsentieren, als hätten sie selbst die korinthische Gemeinde gegründet. Damit rühmen sie sich aber nach einem fremden Maßstab, nämlich nach demjenigen, der für Paulus gilt. Wenn Paulus dagegen in den Gebieten jenseits von Korinth missioniert, dann misst er sich nach seinem eigenen Maßstab - und hat dann wirklichen Grund sich zu rühmen, weil er den ihm von Gott gegebenen Auftrag nicht nur vollbracht hat, sondern noch in weiteren Gebieten mit eigenen Mühen missioniert.

 

Weiterführende Literatur:

 

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V. 17

 

Beobachtungen: Paulus lehnt nicht grundsätzlich Selbstruhm ab, doch soll sich dieser an dem gottgegebenen Auftrag orientieren und der Tatsache bewusst sein, dass jeder Prediger und Missionar letztendlich dem "Herrn“, d. h. Jesus Christus oder Gott, verantwortlich ist.

 

Bei V. 17 handelt es sich (wie bei 1 Kor 1,31) vermutlich um ein Zitat aus Jer 9,22-23LXX oder aus dem fast wortgleichen Vers 1 Sam 2,10LXX.

 

Weiterführende Literatur: U. Heckel 1993, 206-225 legt zunächst das Zitat Jer 9,22-23 und seine − bisher laut U. Heckel nur unzureichend erkannte − Schlüsselrolle in 2 Kor 10-13 dar, erörtert sodann die grundsätzliche Frage nach seiner argumentativen Bedeutung für den paulinischen Gedankengang und spricht schließlich noch einige methodische Probleme in der gegenwärtigen Diskussion über den Schriftgebrauch bei Paulus an. Vgl. dazu auch U. Heckel 1993, 191-193.

 

K. Wong 1992, 243-253 befasst sich mit der Streitfrage, wer in V. 17 mit dem Titel "Herr“ gemeint ist, Jesus oder Gott. Nach einem kurzen Einstieg in die Diskussion samt Literaturhinweisen legt er seine eigene Argumentation und Ansicht dar: Es sei Gott, nicht Jesus gemeint. Daraus folge, dass, wer sich des "Herrn“ rühmt, sich nicht des Kreuzes oder der Schwäche rühmt, sondern − im Gegenteil − dessen, was er in dem von Gott zugewiesenen Missionsbereich erreicht hat.

 

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V. 18

 

Beobachtungen: V. 18 entfaltet V. 17: Die Verantwortlichkeit gegenüber dem "Herrn“ bringt mit sich, dass auch nur dieser den Prediger oder Missionar empfehlen kann. Derjenige, dessen Tätigkeit der "Herr“ missbilligt, kann sich noch so sehr selbst empfehlen und die Menschen beeindrucken, vor den Augen des "Herrn“ besteht er deswegen noch lange nicht.

 

Weiterführende Literatur:

 

 

Literaturübersicht

 

Aejmelaeus, Lars; Schwachheit als Waffe. Die Argumentation des Paulus im Tränenbrief (2. Kor. 10-13) (SESJ 78), Helsinki - Göttingen 2000

Derrett, J. Duncan M.; Paul as Master-builder, EvQ 69/2 (1997), 129-137

Dewey, Arthur L.; A Matter of Honor. A Socio-Historical Analysis of 2 Corinthians 10, HTR 78/1-2 (1985), 209-217

Forbes, Christopher; Comparison, Self-Praise and Irony: Paul’s Boasting and the Conventions of Hellenistic Rhetoric, NTS 32 (1986), 1-30

Heckel, Ulrich; Kraft in Schwachheit: Untersuchungen zu 2. Kor 10-13 (WUNT II/56), Tübingen 1993

Heckel, Ulrich; Jer 9,22f als Schlüssel für 2 Kor 10-13: Ein Beispiel für die methodischen Probleme in der gegenwärtigen Diskussion über den Schriftgebrauch bei Paulus, in: M. Hengel u. a. [Hrsg.], Schriftauslegung im antiken Judentum und im Urchristentum, Tübingen 1994, 206-225

Loubser, J. A.; A New Look at Paradox and Irony in 2 Corinthians 10-13, Neotest. 26/2 (1992), 507-521

Strange, James F.; 2 Corinthians 10:13-16 Illuminated by a Recently Published Inscription, BA 46/3 (1983), 167-168

Sundermann, Hans-Georg; Der schwache Apostel und die Kraft der Rede. Eine rhetorische Analyse von 2 Kor 10-13 (EHS R. XXIII; 575), Frankfurt 1996

Wong, Kasper; “Lord” in 2 Corinthians 10:17, LS 17 (1992), 243-253