Auslegung und Bibliographie zur Bibel


Zweiter Korintherbrief

Der zweite Brief des Paulus an die Korinther

2 Kor 11,1-6

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Jede Seite enthält eine Übersetzung des jeweiligen Bibeltextes, sowie Beobachtungen (Vorbereitung der Auslegung), Hinweise zu weiterführender Literatur und eine abschließende Literaturübersicht.

2 Kor 11,1-6

 

 

Übersetzung

 

2 Kor 11,1-6:1 Möchtet ihr doch ein wenig Torheit von mir ertragen! Aber ihr ertragt sie ja auch von mir. 2 Denn ich eifere um euch mit Gotteseifer; ich habe euch nämlich mit einem einzigen Mann verlobt, um [euch als] eine reine Jungfrau (dem) Christus zuzuführen. 3 Ich fürchte aber, dass, wie die Schlange durch ihre Hinterlist Eva täuschte, [so auch] eure Gedanken von der Aufrichtigkeit und Reinheit (dem) Christus gegenüber abgewendet werden. 4 Denn wenn (zwar) einer daherkommt und einen anderen Jesus verkündigt, den wir nicht verkündigt haben, oder ihr einen anderen Geist empfangt, den ihr [früher] nicht empfangen habt, oder ein anderes Evangelium, das ihr [früher] nicht angenommen habt, [so] ertragt ihr [das alles] gut. 5 Ich meine nämlich, in nichts hinter den Überaposteln zurückzustehen. 6 Wenn ich aber auch ein Laie in der Rede bin, so doch keineswegs in der Erkenntnis, sondern in jeder Hinsicht haben wir [sie] euch gegenüber unter allen kundgetan.

 

 

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V. 1

 

Beobachtungen: In 2 Kor 10 hat Paulus auf den Vorwurf reagiert, dass seine Briefe zwar stark, aber seine persönliche Erscheinung und seine Reden schwach seien (vgl. 10,10). Er hat dargelegt, dass er sich nicht wie seine Konkurrenten ("gewisse Leute“), die in Korinth Einfluss zu nehmen suchen, nach eigenen Maßstäben rühmt, sondern nach dem von Gott gegebenen Maßstab, Korinth zu erreichen und dort eine Gemeinde zu gründen. Diese Aufgabe hat Paulus erfüllt und dieser Erfüllung kann sich Paulus rühmen. Sein Rühmen hat also ein Maß, wogegen das Maß der Konkurrenten seiner Meinung nach maßlos ist (vgl. 10,12-18). Paulus weiß aber sehr wohl, dass der Selbstruhm der Konkurrenten auf einen Teil der korinthischen Gemeindeglieder großen Eindruck macht und er selbst dadurch an Ansehen und Einfluss verliert. Daher sieht er sich dazu gezwungen, sich wie die Konkurrenten töricht zu verhalten und sich über alle Maßen selbst zu rühmen. So hofft er, die Adressaten zu beeindrucken und ihnen zu zeigen, dass er trotz seiner schwächlichen persönlichen Erscheinung nicht geringer ist als seine Konkurrenten. Dieser törichte Selbstruhm ("Narrenrede“) erstreckt sich von 11,1-12,13. In 11,1-6 begründet er zunächst, warum er sich zu der Torheit herablässt.

 

"Ophelon“ ("wenn ... doch“; "möchtet ... doch“) leitet einen irrealen oder einen realen Wunsch ein. In V. 1 dürfte es sich um einen realen Wunsch handeln, denn sonst könnte Paulus kaum davon auszugehen, dass die Adressaten ihn ertragen werden.

Die Zuversicht, dass die Adressaten ein wenig Torheit ertragen werden, liegt vermutlich darin begründet, dass diese schon die Torheit der Konkurrenten des Apostels ertragen und - dies ist zu erschließen - sogar gewürdigt haben. Andernfalls hätten die "gewissen Leute“ keinen Einfluss in der Gemeinde erlangen können.

 

Weiterführende Literatur: L. Aejmelaeus 2000 kommt in seinem Buch bezüglich der Argumentation des Paulus mit den Begriffen "Schwachheit“ und "Kraft“ zu folgendem Ergebnis: Der Apostel verfolge zwei Ziele: Auf der einen Seite versuche er zu bewirken, dass die korinthischen Gemeindeglieder ihre falschen Auffassungen und Einstellungen von echter christlicher Kraft und Schwachheit verändern. Auf der anderen Seite versuche er sich im "Tränenbrief“ so effektiv wie möglich gegen die gegen ihn gerichtete Kritik zu verteidigen. Seine Ziele versuche Paulus durch drei verschiedene Argumentationsweisen zu erreichen: 1) Paulus drohe den Gemeindegliedern mit zukünftigen Strafmaßnahmen (vgl. 10,1-6; 12,19-13,6). 2) Paulus versuche zu beweisen, dass er bei richtiger Bewertung für "kraftvoll“ gehalten werden sollte (vgl. 10,7-11,15; 12,11-18). 3) Paulus gebe zu, dass er aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet in der Tat "schwach“ gewesen sei, diese Schwachheit ihrer Natur nach jedoch für positiv gehalten werden müsse (vgl. 11,16-12,10; 13,7-10).

 

H.-G. Sundermann 1996, 39-45 äußert sich zum rhetorischen Genus von 11,1-12,18 wie folgt: 11,1-12,18 gebe sich vordergründig als forensische Rede in einem Gerichtsverfahren zu erkennen, auf das sich Paulus − wenn auch zum Schein − in der Rolle des Angeklagten einlasse, der sich vor der richterlichen Instanz der korinthischen Gemeinde zu rechtfertigen suche. Die Gegner bzw. deren Sprecher in der Gemeinde seien in diesem Verfahren als Kläger präsent. In rhetorischen Kategorien sei in diesem Zusammenhang vom "genus turpe“ auszugehen, das denjenigen Partei-Gegenstand kennzeichne, der das Rechtsempfinden (oder: das Wert- und Wahrheitsempfinden) des Publikums schockiert. Der "Narrenrede“ (11,1-12,18) selbst falle im Kontext der paulinischen "Scheinapologie“ die Rolle der "argumentatio“ zu. Dabei gehe es dem Apostel um den Nachweis der Ebenbürtigkeit mit seinen Gegnern, der in Form eines Vergleichs ausgeführt werde. In der "refutatio“ (11,1-15) versuche Paulus, die Behauptung zu widerlegen, dass der Unterschied, den auch er zwischen sich und den "Superaposteln“ feststelle, ihn diesen gegenüber ins Hintertreffen geraten lasse.

 

Für eine rhetorische Strategie hält G. Holland 1993, 250-264 den Gebrauch des Motivs der Torheit. Die Ironie sei dabei nicht nur auf die "Narrenrede“ begrenzt, doch finde sie sich hier in der komplexesten Form. Die Dinge seien nicht so, wie sie zu sein scheinen. Mittels der Annahme der Rolle des Toren könne Paulus den Korinthern beibringen, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Sobald er Erfolg habe, bräuchte er nicht länger sich selbst zu rühmen.

 

M. M. Mitchell 2001, 354-371 legt dar, dass von Auslegern verschiedentlich auf die Parallelen zwischen der Sprache des Selbstruhms in 2 Kor 11-12 und Plutarchs Abhandlung "de laude ipsius“ hingewiesen werde. Es stelle sich allerdings die Frage, ob die antiken Leser tatsächlich die paulinischen Briefe in Verbindung mit den Diskussionen über den Selbstruhm in zeitgenössischen rhetorischen und philosophischen Schriften gesehen haben. M. M. Mitchell versucht zu zeigen, dass der rhetorisch geschulte antike Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos in der Tat den paulinischen Selbstruhm auf dem Hintergrund der Schrift des Plutarch verteidige.

 

Zur Funktion von V. 1 im Kontext der nun beginnenden "Narrenrede“ siehe C. Böttrich 1997, 135-139. Er vertritt die Meinung, dass es sich um eine Art Programmwort handele, dem es freilich an Eindeutigkeit mangele, und dessen Absicht eher zwischen als in den Zeilen selbst zu finden sei. Doch gerade diese Unschärfe oder sprachliche Offenheit gehöre stilistisch bereits zur Eigenart der nun beginnenden Selbstverteidigung, die mit dem Gegner eben in gewisser Weise spiele und ihm selbst überlasse, zwischen ironisch gebrochener und unverstellt offener Rede zu unterscheiden.

 

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V. 2

 

Beobachtungen: Paulus eifert um die Adressaten, und zwar mit "Gotteseifer“. Der "Gotteseifer“ bezieht sich vermutlich darauf, dass Gott im AT eifersüchtig darüber wacht, dass sein Volk Israel treu die Bundestreue hält und nur ihn allein und keine anderen Götter verehrt (vgl. Ex 20,5-6; 34,14; Dtn 5,9; 6,15).

 

Paulus wacht mit Eifer darüber, dass die Jungfrau, die er mit einem einzigen Mann verlobt hat, diesem Mann nicht untreu wird. Interessant ist, dass Paulus um die Jungfrau eifert, obwohl er nicht selbst ihr Verlobter und zukünftiger Ehemann ist. Er hat die Funktion eines Brautführers (vgl. Gen 29,23; Ri 14,20; Joh 3,29) inne.

Bei der Jungfrau handelt es sich um die korinthische Gemeinde. Diese hat Paulus mit einem einzigen Mann, nämlich Jesus Christus, verlobt, und zwar bei der Gemeindegründung. Mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus, das bei der Taufe erfolgt ist, sind die Gläubigen (auch) in Korinth zur Treue Jesus Christus gegenüber verpflichtet. Die Verlobung ist jedoch noch keine Trauung. Diese wird erst in Zukunft vollzogen; erst dann wird die korinthische Gemeinde endgültig ihrem Bräutigam zugeführt werden. Sie darf sich also in der Zwischenzeit nicht einem anderen Mann zuwenden, denn sie soll ja als Jungfrau zugeführt werden, und zwar vermutlich bei der Wiederkunft Jesu Christi. Diese dürfte also den Zeitpunkt der Eheschließung darstellen (vgl. Mt 22,1-14; 25,1-13; Eph 5,25-33; Offb 19,7-9; 21,2).

Es fällt auf, dass Paulus das Bekenntnis zu Jesus Christus eng mit dem zu seiner eigenen Person verbindet. Er hat zwar durchaus seine Mitarbeiter, doch lässt er Missionare, die sein Ansehen gefährden, nicht zu. Wer sich von diesen beeinflussen lässt, fällt nicht nur von ihm selbst, sondern auch von Jesus Christus ab.

 

Der Gedanke der Ehe als Ausdruck des engen Liebes- und Treueverhältnisses zwischen Gott und seinem Volk findet sich schon im AT, und zwar insbesondere in der Botschaft der Propheten (vgl. Jes 50,1; 54,4-6; 62,5; Jer 3,1; Ez 16,6-14; Hos 1-3).

 

Weiterführende Literatur: Mit der Selbstdarstellung des Paulus in 2 Kor 10-13 befasst sich B. K. Peterson 1998, 258-270, wobei er insbesondere auf die bildlichen Vorstellungen eingeht, wonach Paulus Soldat und Elternteil/Vater ist.

 

C. Gerber 2005, 99-124 legt dar, dass für die Menschen des Altertums Briefe das einzige Mittel gewesen seien, über Entfernungen hinweg in direktem Austausch und in einer beständigen Beziehung zu bleiben. Auch die Briefe des Paulus an die von ihm gegründeten Gemeinden ließen die Intention erkennen, den Autor über die räumliche und durch den Postweg auch zeitliche Distanz hinweg in der Gemeinde präsent werden zu lassen. In 2 Kor 10,1-6 und 11,1-4 entwerfe Paulus zwei lebendige und vielsagende Metaphern für seine Rolle des als Gemeindegründer weiterhin "Zuständigen“: Paulus belagert Korinth und Paulus wirbt um die Braut Christi. Zur Rolle des Paulus in der Hochzeitsmetapher: Wir sähen den Brautvermittler, der für die Gemeinde eifert, ihre Christusbindung begründet hat und weiterhin dafür verantwortlich ist, dass diese "monogame“ Beziehung hält bis zum Eschaton.

Mit der Metapher der Gemeinde als Verlobte und zukünftige Ehefrau Christi befasst sich G. Barbaglio 1986, 135-152, der zunächst die V. 1-4 analysiert, dann auf die atl. Wurzeln des Bildes und auf die paulinischen Eigenheiten eingeht und abschließend einen Blick auf die Entwicklung des Bildes im NT wirft.

Zu dieser Metapher siehe auch R. Infante 1985, 45-61, der neben 2 Kor 11,2 auch auf Eph 5,25-27 eingeht. Gemäß 2 Kor 11,2 befinde sich die korinthische Gemeinde in der Phase zwischen der Verlobung und der eigentlichen Heirat, bei der die Braut im Hause des Bräutigams vorgestellt und eingeführt wird. Der erste Schritt hin zur Ehe sei also getan, die Heirat jedoch noch nicht vollzogen.

 

M. P. John 1979, 447-448 legt dar, dass die atl. Vorstellung, dass Gott (d. h. der Gott JHWH) keine weiteren Götter neben sich dulde (vgl. Ex 20,5; 34,14; Dtn 4,24; 5,9; 6,15; Jos 24,19; Nah 1,2), Hintergrund der Rede von der Eifersucht Gottes sei.

 

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V. 3

 

Beobachtungen: Paulus fürchtet, dass die korinthische Gemeinde von Jesus Christus abgewendet werden könnte. Diese Abwendung könnte auf einer Täuschung beruhen, der die Gemeinde auf den Leim geht. Getäuscht wird sie durch "gewisse Leute“ (vgl. 10,12-18), die Paulus mit der Schlange vergleicht, die gemäß 3,1-6.13 Eva verführt hat. Dabei stellt er ihre Hinterlist heraus, indem er anstelle des Verbs "apataô“ ("täuschen/betrügen“; vgl. Gen 3,13LXX) das verstärkende Kompositum "exapataô“ ("gänzlich täuschen/betrügen“) benutzt und ausdrücklich darauf hinweist, dass die Schlange Eva "durch ihre Hinterlist“ getäuscht habe.

Der Bezug zwischen der Paradieserzählung, die von der Täuschung Evas erzählt, und der Untreue und Unzucht dürfte durch die Vorstellung des apokalyptischen und rabbinischen Judentums vorbereitet worden sein, dass der Satan in Gestalt der Schlange Eva zur Unzucht verführt habe (vgl. u. a. äthHen 69,6; bJeb 103b).

 

Paulus konkretisiert die Abwendung der korinthischen Gemeinde von Jesus Christus dahin gehend, dass die Gedanken von der Aufrichtigkeit und Reinheit Christus gegenüber abgewendet wurden. Es sind also konkret die Gedanken abgewendet worden. Diese waren früher von Aufrichtigkeit und Reinheit Christus gegenüber geprägt. Diese Aufrichtigkeit und Reinheit der Gedanken stehen nun auf dem Spiel.

Das Substantiv "haplotês“ fand sich schon im Zusammenhang der Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem in 2 Kor 8,2; 9,11.13, und zwar im Sinne der "selbstlosen Freigebigkeit“ oder "schlichten Güte“. Es enthielt an diesen Stellen also sowohl den Aspekt der Einfachheit/Aufrichtigkeit als auch den Aspekt der Freigebigkeit. In 11,3 dagegen ist nur die Einfachheit/Aufrichtigkeit gemeint, die Freigebigkeit also nicht im Blick. Ausgesagt wird, dass die Gedanken der korinthischen Gemeindeglieder einfach nur auf Christus ausgerichtet waren und sich nichts anderem zugewandt haben. Aufgrund der unterschiedlichen Wortbedeutung in 2 Kor 8-9 und 2 Kor 10 ist die Schlussfolgerung, dass das Vorkommen des Wortes in allen drei Kapiteln ein Beleg dafür sei, dass die Kapitel eine literarische Einheit sind, zu weit gegriffen. Eher könnte man umgekehrt schließen, dass das Vorkommen dieses Wortes in allen drei Kapiteln mit zu dem nachträglichen Anschluss von 2 Kor 10 an 2 Kor 8-9 geführt hat. Der Tatsache, dass die Bedeutung des Begriffs "haplotês“ nicht deckungsgleich ist, wäre dabei keine weitere Beachtung geschenkt worden.

 

Fraglich ist, ob die Worte "kai tês hagnotêtos“ ("und von der Reinheit“) zum ursprünglichen Text gehören. Zwar sprechen Qualität und Quantität der Textzeugen eher für deren Ursprünglichkeit, doch können sie auch als nachträgliche Anpassung an V. 2, wo die Jungfrau als "hagnê“ ("rein“) bezeichnet wird, oder als Dittographie (Doppeltschreibung eines Wortes oder einer Wortgruppe) erklärt werden. Den Wohlklang der Doppelwendung kann man sowohl als Argument für die Ursprünglichkeit als auch als Argument gegen die Ursprünglichkeit anführen, denn er kann von Anfang an beabsichtigt oder erst nachträglich geschaffen worden sein.

 

Weiterführende Literatur: A. Bash 2001, 51-67 liest 2 Kor 10-13 unter psychologischen Gesichtspunkten. Er legt dar, dass Paulus fälschlicherweise die offensichtlich junge korinthische Gemeinde dafür verantwortlich mache, dass sie das von ihm gepredigte Evangelium nicht wirklich versteht und der Lehre von anderen Predigern folgt. Eigentlich müsse die Kritik die Prediger ins Visier nehmen, die in das von Paulus exklusiv für sich selbst beanspruchte Missionsgebiet eingedrungen sind.

 

H.-G. Sundermann 1996, 85-86 meint, dass der Apostel darauf hinweise, dass die Verführung, welche der Braut droht, genauso heimtückisch und hinterlistig vonstatten gehe wie die durch die Schlange im Paradies.

 

E. Baasland 1994, 67-94 vertritt die These, dass der Begriff "noêma“ ("Gedanke/Gesinnung“), der nur in Phil 4,7 und in 2 Kor 2,11; 3,14; 4,4; 10,5 und 11,3 auftauche, irgendwie auf die Tradition von Gen 3 hinweise. Die Geschichte des Sündenfalls sei das Bindeglied zwischen der Auslegung von Ex 34 in 2 Kor 3,7-18 und von Gen 1 in 2 Kor 4,4-6. Somit habe der Begriff im Abschnitt 2 Kor 3,7-4,6 − vielleicht aber auch sonst im Zweiten Korintherbrief − eine gewisse Schlüsselstellung inne.

 

C. Marucci 1994, 241-254 befasst sich mit der Herkunft und der Bedeutung der Verführung Evas in 2 Kor 11,3 und 1 Tim 2,14. Dabei geht er der Verführung Evas in der jüdischen und rabbinischen Literatur nach.

 

Laut D. Kurek-Chomycz 2007, 54-84 gehörten die Worte "kai tês hagnotêtos“ ("und von der Reinheit“) zum ursprünglichen Text. Das Fehlen in Textzeugen sei am ehester mit Haplographie (Einfachschreibung zweier ähnlicher Wörter, die unmittelbar aufeinander folgen) zu erklären. Die Worte passten zum unmittelbaren Kontext, zum Stil des Paulus und auch zu dessen Gedankengut. Sie fügten der Bildersprache eine sexuelle Konnotation hinzu, wodurch die Ehemetapher explizit zum Ausdruck komme, um letztendlich eine mögliche Ähnlichkeit zwischen irdischer Sexualität und der Beziehung zu Gott zurückzuweisen.

 

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V. 4

 

Beobachtungen: Aus V. 4 geht hervor, dass die Konkurrenten des Paulus in der korinthischen Gemeinde durchaus Gehör gefunden haben. Deren Torheit haben sie ertragen, folglich können sie laut V. 1 nun auch diejenige des Paulus ertragen.

 

Der in V. 4 genannte Fall dürfte eingetreten sein und kann weiterhin eintreten. Wer "einer“ ist, sagt Paulus zwar nicht, doch dürfte es einer von den "gewissen Leuten“ sein. Die Einzahl entspricht der einen Schlange, die täuscht. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass es sich nur um einen einzigen Konkurrenten, sondern der Hinweis auf die "gewissen Leute“ in 10,12 lässt eine Mehrzahl Konkurrenten annehmen. Diese "kommen“, sind also keine korinthischen Gemeindeglieder, sondern Wanderprediger oder, was unwahrscheinlicher ist, Gesandte anderer Gemeinden.

 

Paulus scheint eine tief gehende Abneigung gegenüber seinen Konkurrenten zu haben, denn er verbindet mit ihnen einen anderen Jesus, einen anderen Geist und ein anderes Evangelium. Er streitet nicht grundsätzlich ab, dass sie Jesus und ein Evangelium verkündigen, doch entspricht die Verkündigung nicht seiner eigenen. Genaueres zum Inhalt des von den Konkurrenten gepredigten Evangeliums ist V. 4 nicht zu entnehmen.

 

Weiterführende Literatur: J. Murphy-O’Connor 1990, 238-251 meint, dass der Name "Jesus“ in 2 Kor 11,4 nicht nur den Aspekt der irdischen Existenz Jesu Christi enthalte, sondern auch den Aspekt der Erniedrigung und des Leidens, wie er besonders den Kreuzestod bestimme. Paulus gebrauche den Namen, um der Propaganda derjenigen entgegenzuwirken, die den Aspekt der Erniedrigung und des Leidens herunterspielten und eher die Aspekte des ruhmreichen Jesus, der Wunder tat und aus den Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern siegreich hervorging, hervorhoben und betonten, dass das atl. Gesetz auch von Christen zu befolgen sei.

 

L. L. Belleville 1996, 281-304 meint, dass die Bedeutung des (heiligen) Geistes in der Theologie des Paulus oft nicht angemessen gewürdigt werde. Sie befasst sich daher mit der Theologie des Geistes und fragt, wie sie die polemische und argumentative Haltung des Apostels in dem Zweiten Korintherbrief kreuzt. Auf S. 294-297 kommt L. Belleville auf die Bedeutung der Formulierung "anderer Geist“ zu sprechen. Die Deutung seitens der Ausleger hänge davon ab, für wen sie die "falschen Apostel“ halten: a) judaistische Missionare − Geist der Gesetzlichkeit; b) geisterfüllte hellenistische Juden − Geist der Kraft und Ekstase; c) gnostisch geprägte Gegner − Geist der falschen Spiritualität oder Rühmen dem Fleische nach. Weitere Deutungen: Bei dem "anderen Geist“ handele es sich um eine dem Evangelium entgegengesetzte Lebensweise oder den Einfluss bösartiger Geister. L. L. Belleville meint, dass es um die Frage gehe, wie einen richtigen Erweis des Geistes bei dem Verkündigungsdienst darstelle. Der "andere Geist“ beziehe sich auf eine Überbetonung der Bedeutung der Visionen Offenbarungen und Wunder seitens der Gegner des Paulus.

 

Als einen Schlüsselvers hinsichtlich theologischer Aspekte des "Evangeliums“ in der korinthischen Korrespondenz sieht G. D. Fee 1994, 111-133 den Vers 11,4 an. G. D. Fee meint, dass die Gegner des Apostels nicht wirklich einen andersartigen Jesus verkündigt haben, sondern ihr Beharren auf der Befolgung der Gebote und Satzungen der Tora habe zu einem "anderen Jesus“ und zu einem "anderen Geist“ geführt.

 

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V. 5

 

Beobachtungen: Auch wenn sich die Konkurrenten übermäßig brüsten, so meint Paulus trotzdem, in nichts hinter den Konkurrenten zurückzustehen. Daher kann er auch erwarten, dass er genauso wie seine Konkurrenten bei den korinthischen Gemeindegliedern Gehör findet.

Der Begriff "hyperlian apostoloi“ ("Überapostel“) findet sich in der antiken griechischen Literatur sonst nirgends, dürfte also eine Wortschöpfung des Paulus sein, die ironisch den Versuch der Konkurrenten, sich sehr über den Apostel herauszuheben und ihre eigene Wichtigkeit zu unterstreichen, in Worte fasst.

 

Weiterführende Literatur: S. N. Olson 1984, 585-597 befasst sich mit dem Wesen und der Funktion der Ausdrücke, die Selbstbewusstsein zur Schau stellen, indem er ähnliche Ausdrücke anderer hellenistischer Literatur analysiert. Dabei geht er auch auf 2 Kor 11,5 ein. In diesem Vers befasse sich Paulus mit seiner Autorität als Redner/Lehrer. Als solcher versuche er sich zu empfehlen; der Vers sei also nicht einfach nur als Selbstruhm zu verstehen.

 

M. E. Thrall 1980, 42-57 vertritt die Ansicht, dass der Begriff "Überapostel“ Jerusalemer Apostel bezeichne. Paulus benutze ihn im Hinblick auf die nach Korinth kommenden Missionare, weil er davon ausgehe, dass sich unter diesen Missionaren auch Jerusalemer Apostel finden. Die nach Jerusalem kommenden Missionare seien sowohl "Diener Christi“ als auch "Diener des Satans“. Sie stellten sich selbst als Verbündete des Petrus dar, den sie als den Vorbild-Apostel betrachteten. Aus Paulus Sicht imitierten sie die zweifache Rolle des Petrus (in der synoptischen Tradition, vgl. Mk 8,33; Mt 16,23; ähnlich auch Lk 22,31-32) als Sprecher Gottes und Sprecher des Satans. S. E. McClelland 1982, 82-87 erwidert diesen Artikel. Seiner Meinung nach handele es sich bei dem Begriff "Überapostel“ um eine Selbstbezeichnung der Kontrahenten des Paulus. Dass es sich bei diesen um Judenchristen handelt, sei zu bezweifeln. Es sei eher anzunehmen, dass es sich Volkszugehörigkeit und Religion betreffend um Juden handelt (vgl. 2 Kor 11,22), die sich als Christen verstellen, um das Evangelium zu behindern, und zwar insbesondere das von Paulus gepredigte.

Anders D. Kee 1980, 65-76: Es handele sich bei den "Überaposteln“ um hellenistische Juden, die eine Art "spirituelle Gnosis“ predigen. Diese sei jedoch nicht mit der christlichen Gnosis der frühen Kirche zu verwechseln. Es sei unmöglich herauszufinden, welches Gedankengut diese hellenistischen Juden genau vertreten. Aus Paulus’ Aussagen lasse sich jedoch schließen, dass sie sich selbst predigen und nicht das Evangelium und den Jesus des Apostels.

 

H. S. Shoemaker 1989, 407-414 bezieht die in 11,1-21 geäußerte Polemik auf die Gegenwart. Eine Christologie des Über-Christus sei die falsche Christologie, eine Theologie der Herrlichkeit die falsche Theologie, ständiger eitel Sonnenschein die falsche Spiritualität, der Über-Pastor das falsche Bild des Pastors, die Über-Kirche die falsche Ekklesiologie

 

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V. 6

 

Beobachtungen: Die Formulierung "in nichts“ bedarf einer Einschränkung, denn Paulus gesteht ja durchaus zu, dass er hinsichtlich der Rede ein Laie ist. Paulus meint "in nichts von Bedeutung“, denn ihm kommt es auf die Erkenntnis an, gegenüber der die Form der Rede von untergeordneter Bedeutung ist.

Wenn Paulus sagt, dass er in der Rede ein Laie sei, so sagt er damit genau genommen aus, dass er in der Rede keine Ausbildung genossen hat. Er distanziert sich zwar von menschlicher Weisheitslehre und tritt stattdessen für göttliche Weisheit ein (vgl. 1 Kor 1,18-2,16), doch bedarf es für eine solche Distanzierung keiner Ausbildung in der Redekunst. Inwiefern er in seinen Briefen selbst rhetorische Formen und Stilmittel anwendet, ist umstritten. Möglich ist auch, dass Paulus zwar eine rhetorische Ausbildung genossen hat, er das Gelernte jedoch nicht überzeugend anwenden kann oder will. Die Anmerkung, dass er in der Rede ein Laie sei, wäre dann nicht auf die rhetorische Ausbildung an sich, sondern auf sein schwächliches persönliches Erscheinungsbild und auf seine klägliche Rede (vgl. 2 Kor 10,10) zu beziehen.

 

Paulus ist nicht die Form der Rede, sondern ihr Inhalt wichtig. Dieser wird von der Erkenntnis bestimmt. Hinsichtlich der Erkenntnis hält sich Paulus nicht für einen Laien. Daraus nun schließen zu wollen, dass er in ihr eine Ausbildung genossen habe, führt sicherlich zu weit. Die Erkenntnis kann Paulus einzig und alleine seiner Bekehrung durch die Erscheinung Jesu Christi bei Damaskus (vgl. Apg 9,1-18) zuschreiben. Der Kern der Erkenntnis sind Tod und Auferweckung Jesu Christi, also die Überwindung von Sünde und Tod durch das Heilsgeschehen.

 

Der Wechsel des Personalpronomens vom "ich“ zum "wir“ innerhalb des Verses dürfte wohl als literarisches Stilmittel zu deuten sein, denn aus dem Zusammenhang geht hervor, dass Paulus konkret von sich selbst spricht. Andernfalls bliebe unklar, wer sonst noch im Plural "wir“ eingeschlossen sein sollte. Andere Missonare? Das ist unwahrscheinlich, weil diese im Zweiten Korintherbrief keine nennenswerte Rolle spielen. In diesem Brief spricht Paulus in erster Linie von seiner eigenen Person und seinem eigenen Aposteldienst.

 

Paulus sagt, dass er kundgetan habe, verschweigt jedoch, was. Diese grammatische und inhaltliche Lücke versuchen verschiedene Textzeugen zu schließen, indem sie aus dem aktiven Partizip "phanerôsantes“ ("offenbart/kundgetan habend“) ein passives ("phanerôtheis“ bzw. "phanerôthentes“ = "offenbart/kundgetan worden seiend“) machen, wonach Paulus nicht selbst offenbart hat, sondern offenbart worden ist. Eine weitere Variant fügt "heautous“ ("uns selbst“) ein, wonach Paulus sich selbst bekannt gemacht hat. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass Paulus seine Erkenntnis kundgetan hat.

Das Kundtun der Erkenntnis ist vollständig erfolgt: Er hat sie den Korinthern in jeder Hinsicht und unter allen offenbart. Es ist also kein Aspekt ausgespart geblieben und jedem ist sie zu Gehör gekommen.

 

Weiterführende Literatur: H.-G. Sundermann 1996, 91-95 legt dar, dass für die Deutung von V. 6 drei verschiedene Lösungsmuster angeboten worden seien: a) Es gehe dem Apostel darum, dass ein etwaiger "Mangel“ auf rhetorischem Gebiet durch seine Begabung auf dem der "Erkenntnis“ ausgeglichen wird. b) Paulus wolle sich mit dem Hinweis auf die ihm eigene pneumatische Erkenntnis gegen den Vorwurf verwahren, es mangele ihm an der Gabe pneumatischer Rede. c) Paulus rücke mit seinem "Zugeständnis“ automatisch auf die Seite der "Philosophen“, während die, die dies als Mangel erklären, ebenso automatisch auf die Seite der "Sophisten“ zu stehen kommen. Interpretation von H.-G. Sundermann: Paulus weise die Adressaten darauf hin, dass er sehr wohl mit den Tatsachen vertraut sei, deren Darstellung aber nur als Amateur vornehme.

A. Lindemann 2009, 219-252 geht der Frage nach, ob die Aussagen 2 Kor 10,10; 11,6 über das wenig beeindruckende Auftreten und die fehlenden rhetorischen Fähigkeiten ein zutreffendes Bild von Paulus geben. Ergebnis: So, wie die Briefe rhetorische Qualität besitzen, dürfte Paulus auch im mündlichen Vortrag durchaus redegewandt gewesen sein. Wenn er der in 2 Kor 10,10 zitierten Aussage über das schwache leibliche Auftreten zunächst nicht widerspreche, so nehme er damit lediglich auf den jüngsten Konflikt Bezug, der zum Scheitern seines "Zwischenbesuchs“ in Korinth geführt habe. Die kritische Aussage über die klägliche Rede erkläre sich dann am ehesten von der Annahme her, dass hier der Inhalt der paulinischen Predigt, das Wort vom Kreuz, zurückgewiesen wird. In 11,6 räume er, vermutlich ironisch, ein, er sei ein Laie in der Rede, aber dies gelte keinesfalls hinsichtlich der von ihm gepredigten Erkenntnis, die er in vollkommener Weise den Korinthern vermittelt habe.

 

 

Literaturübersicht

 

Aejmelaeus, Lars; Schwachheit als Waffe. Die Argumentation des Paulus im Tränenbrief (2. Kor. 10-13) (SESJ 78), Helsinki - Göttingen 2000

Barbaglio, Giuseppe; L’ allegoria sponsale in 2 Cor 11,2, PSV 13 (1986), 135-152

Baasland, Ernst; Christus und das verlorene Paradies: noêma ein Schlüsselbegriff im 2. Korintherbrief?, in: A. Tångberg [Hrsg.], Text and Theology, FS M. Sæbø, Oslo 1994, 67-94

Bash, Anthony; A Psychodynamic Approach to the Interpretation of 2 Corinthians 10-13, JSNT 83 (2001), 51-67

Belleville, Linda L.; Paul’s Polemic and Theology of the Spirit in Second Corinthians, CBQ 58 (1996), 281-304

Böttrich, Christfried; 2 Kor 11,1 als Programmwort der "Narrenrede“, ZNW 88/1-2 (1997), 135-139

Fee, Gordon D.; "Another gospel which you didn’t embrace“: 2 Cor 11:4 and the Theology of 1 and 2 Corinthians, in: L. A. Jarvis et al. [eds.], Gospel in Paul (JSNT.S 108), FS R. N. Longenecker, Sheffield 1994, 111-133

Gerber, Christine; Krieg und Hochzeit in Korinth. Das metaphorische Werben des Paulus um die Gemeinde in 2 Kor 10,1-6 und 11,1-4, ZNW 96/1-2 (2005), 99-125

Holland, Glenn; Speaking Like a Fool: Irony in 2 Cor 10-13, in: S. E. Porter et al [eds.], Rhetoric and the New Testament (JSNTS 90), Sheffield 1993, 250-264

Infante, Renzo; Immagine nuziale e tensione escatologia nel Nuovo Testamento. Note a 2 Cor 11,2 e Eph 5,25-27, RivBib 33/1 (1985), 45-61

John, Mathew P.; The jealousy of God − 2 Cor 11,2, BiTr 30/4 (1979), 447-448

Kee, Doyle; Who Were the “Super-Apostles” of 2 Corinthians 10-13, RQ 23/2 (1980), 65-76

Kurek-Chomycz, Dominika A.; Sincerity and Chastity for Christ. A Textual Problem in 2 Cor. 11:3 Reconsidered, NT 49/1 (2007), 54-84

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